Auswirkungen von Code-Switching auf die Grammatik bei bilingualen Jugendlichen. Sprachverhalten beim Wechsel zwischen Türkisch und Deutsch


Bachelorarbeit, 2021

64 Seiten, Note: 2,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Code-Switching
2.1 Begriff, Typen, Funktionen
2.2 Grammatische Beschrankungen

3 Grammatikalischer Vergleich zwischen Deutsch und Turkisch
3.1 Agglutinierende vs. flektierende Sprache
3.2 Person und Numerus
3.3 Genus
3.4 Kasussystem
3.5 Syntaktische Grundstruktur

4 Bezug zur Umgangs-und Jugendsprache

5 Fragestellung und Hypothesen

6 Methode
6.1 Testpersonen
6.2 Durchfuhrung
6.3 Transkription
6.4 Qualitative Forschung

7 Ergebnisse

8 Diskussion

9 Literaturverzeichnis

10 Anhang

1 Einleitung

In der Politik ist es manchmal wie in der Grammatik:

Ein Fehler, den alle begehen, wird schlieBlich als Regel anerkannt.

-Andre Malroux.

Verschiedene Sprachen - verschiedene Grammatiken. Aber wie ist es eigentlich, wenn diese miteinander vermischt werden?

Durch die Einwanderung der turkischen Burger und Burgerinnen in den 1960er Jahren in die Bundesrepublik Deutschland standen die Sprachen erstmals in Kontakt. Der synchrone Gebrauch beider Sprachen fuhrte zu unterschiedlichen Neuschopfungen und verursachte eine gemischte Verwendung zwischen der turkischen und der deutschen Sprache. Die Generationen danach, welche jetzt bereits die vierte Generation darstellt, konstruierten durch das Springen von der einen in die andere Sprache einen Wechsel, dass auch das Sprachkontaktphanomen des Code-Switchings darstellt.

Innerhalb der CS-Forschung entwickelten sich unterschiedliche Forschungsausrichtungen, die das Sprachwechselphanomen entweder aus soziolinguistischer, pragmatischer, psycholinguistischer oder grammatischer Perspektive betrachten. Diese Arbeit widmet sich der grammatischen Perspektive.

Im Rahmen dieser Forschungsarbeit wird der Frage nachgegangen, wie die Grammatik durch CS (dt. Sprachwechsel) der turkisch-deutschen Sprache beeinflusst wird. Der Schwerpunkt bezieht sich hier auf die Frage:

Was sind die Auswirkungen auf die Grammatik durch Code-Switching zwischen
deutsch-turkischer Mischsprache von Jugendlichen?

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, konkurrierende Ansatze bestehender Forschung zu Code-Switching darzustellen und auf ihre Anwendbarkeit in Bezug auf die Grammatik zu untersuchen.

Dafur wurde das Sprachverhalten zwischen bilingualen Jugendlichen untersucht. Als Datenbasis nutzen spontane Sprachdaten sechs Jugendlicher, die Turkisch als Muttersprache und Deutsch als Zweitsprache beherrschen. Die vorliegende Untersuchung wird der Frage nachgehen, an welchen Stellen sich der Sprachwechsel vollzieht und inwiefern grammatische Strukturen verandert werden.

Der erste Teil der Arbeit befasst sich mit dem theoretischen Rahmen. Im zweiten Kapitel wird der Begriff des CS definiert. Daraufhin werden die Arten und Funktionen dieses Sprachkontaktphanomens dargestellt und zwei Modelle gegenubergestellt, nach dessen Regeln CS betrieben werden darf. Das dritte Kapitel umfasst die grammatischen Kategorien der Sprachen Deutsch und Turkisch. Es werden Genus, Kasus, Person sowie Syntax gegenubergestellt und verglichen. Daraufhin wird im dritten Kapitel ein Bezug zur Jugendsprache hergestellt und Merkmale erlautert. Denn in der Jugendsprache sind durchaus Fremdworter vorhanden, die sie mit in ihre Kommunikation aufnehmen. Daraus resultierende Fragestellungen und Hypothesen werden im vierten Kapitel aufgefasst.

Der zweite Teil postuliert den empirischen Rahmen. Im funften Kapitel wird die Forschungsmethode erlautert, indem die Durchfuhrung beschrieben und das gesprachs- analytische Transkriptionssystem skizziert werden. Das sechste Kapitel zeigt die Auswertung aus den Transkriptionen und stellt einen Bezug zum Theorieteil her. Als Letztes werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und ein Forschungsausblick gegeben.

2 Code-Switching

Dieses Kapitel beschaftigt sich dem Begriff Code-Switching (CS). Zunachst werden einige der zahlreichen Definitionen zum CS und dessen Herkunft dargelegt, die einen Uberblick verschaffen sollen. Eine Visualisierung der Arten geschieht im nachsten Schritt. Als nachstes erfolgt eine Vorstellung der verschiedenen Forschungsausrichtungen, insbesondere die der grammatischen, in der wichtige Modelle behandelt werden. Da dieses Thema ein breites Feld umfasst, werden fur diese Abschlussarbeit relevanten Aspekte, besonders der des CS zwischen Turkisch und Deutsch beschrieben.

2.1 Begriff, Typen, Funktionen

Zunachst ist es wichtig den Begriff des Sprachkontakts anzufuhren die besagt, dass zwei oder mehrere Sprachen miteinander in Kontakt stehen, wenn diese von demselben Individuum abwechselnd genutzt werden (vgl. Riehl 2004: 11). Das heiBt, dass innerhalb eines Gesprachs von der einen Sprache in die andere Sprache gesprungen wird. Linguistisch betrachtet wird dieses Phanomen laut Backus (1996), Milroy und Muysken (1995) als Code-Switching, Code-Wechsel, Sprachwechsel etc. bezeichnet (vgl. Gumu§oglu 2010: 59f.).

Ein weiterer Ansatz ist die von Eichler (2011: 30). Er ist der Aufassung, dass Code­Switching erst dann auftreten kann, wenn sowohl die Sprachgemeinschaft als auch der Sprechende mehrsprachig sind. Dafur geht die Autorin auf die folgenden drei Kriterien nach Gonzalez-Vilbazo (2005: 17) ein: Der Sprechende muss bilingual sein. Zum Begriff der Bilingualitat wird definiert „bilinguals are those who use two or more languages (or dialects) in their everyday“ (Grosjean 2010: 22). Bilingual sind in diesem Zusammenhang diejenigen, die zwei oder mehr Sprachen in ihrem Alltag verwenden. Das zweite Kriterium ist, dass im Diskurs die Sprache gewechselt werden muss. Zudem sollen mindestens zwei grammatische Systeme vorhanden sein (ebd.). So lasst sich festhalten, dass es keine klare Definition in der CS-Forschung gibt. Im Allgemeinen bezeichnet es einen Wechsel zwischen den Sprachen innerhalb einer Interaktion. Dieser Wechsel kann nur verubt werden, wenn die Sprechenden mehrere Sprachen beherrschen. Fur die vorliegende Arbeit werden die Begriffe CS und Sprachwechsel verwendet.

Das Phanomen des Sprachwechsels unterteilt sich in drei Arten: Intrasentential CS, Intersentential CS und Emblematic CS. Intrasentential CS kommt vor, wenn wahrend eines Gesprachs die Zweitsprache mit der Erstsprache innerhalb eines Satzes vermischt wird und diese Zweitsprache die grammatikalischen Formen der Erstsprache ubernimmt

oder umgekehrt (vgl. Gumu§oglu 2010: 62 zit. n. Appel/ Muysken 1987). Als Beispiel kann dafur folgendes aus dem Korpus (siehe Anhang 2.2, Zeile 71) genannt werden:

(B1) „^ ama ikinci Ubung da

(ubers. aber in der zweiten Ubung)

Dies stellt die komplexeste Form von CS dar, weil die grammatischen Systeme der beteiligten Sprachen miteinander verknupft werden mussen (vgl. Poplack 1980: 589).

Intersentential CS hingegen findet statt, wenn Code-Switching wahrend eines Gespraches nicht innerhalb eines Satzes, sondern zwischen den Satzen betrieben wird. Dazu ein weiteres Beispiel aus dem Korpus (siehe Anhang 2.2, Zeile 289):

(B2) „...zwei, drei Monate. Ondan sonra i§ aramam lazim.“

(ubers. Zwei, drei Monate. Danach muss ich Arbeit suchen.)

In diesem Kontext mussen zwei grammatische Systeme beherrscht werden.

Als letzte Art wird emblamatic CS aufgefasst, die die Betonung wahrend eines Gespraches, ein spontaner Ausruf oder ein emotionaler Ausdruck meint. „Des Weiteren findet man in der Literatur den Begriff Tag-Switching, der sich auf Interjektionen bezieht, die gemischt werden.“ (Eichler 2010: 34). Ein Beispiel (siehe Anhang 2.2, Zeile 378):

(B3) „ Oglum , ich muss November und so Heiratsantrag noch machen!“ (ubers. Junge)

Die jeweiligen Elemente lassen sich unbeschwert in eine AuBerung eingliedern, da sie meist aus Einzelwortern bestehen. So erfordert diese Art nur eine geringe Bilingualitat.

Die Grunde des CS konnen durch die ausgepragten, am meisten vorkommenden Funktionen beim Sprachwechsel innerhalb einer Konversation verdeutlicht werden. In Anlehnung an Jakobson (1960) formulieren Gumperz (1982), Appel und Muysken (1987) insgesamt sechs Funktionen: referential function, directive function, expressive function, phatic function, metalinguistic function und poetic function (vgl. Gumu§oglu 2010: 77f.) Referential function ist die am meisten genutzte Funktion beim CS. Die Sprechenden verwenden wahrend des zweisprachigen Gesprachs, Begriffe aus der Sprache des Landes, in dem sie sich befinden, welche sie im Alltag oft benotigen. Die gangigen Begriffe, wie z. B. Krankenschein werden ohne Veranderung mit in das Gesprache aufgenommen und nicht ubersetzt (vgl. ebd.). Die Aussage kann dabei den Zusammenhang verlieren. AuBerdem ist es bei schnell wechselnden Gesprachsthemen gangig, dass den Sprechenden das erforderliche Wort nicht einfallt und sie die Deutung verwenden, die ihnen auf Anhieb einfallt. Bei einem gemischtsprachigen Gesprach zwischen Turkisch und Deutsch mussten Sprechenden fur eine Ubersetzung des Begriffs Krankenschein ins Turkische langer nachdenken und wurden so spater zu Wort kommen. Directive function meint, dass neue Gesprachsteilnehmende und der Wechsel des Gesprachsstoffs zum Wechsel beitragen. Unter expressive function wird die Kommunikation homogener Gruppen, also einer Gruppe mit gemeinsamen Merkmalen verstanden, die vereinheitlichend wirkt ((vgl. Gumu§oglu 2010: 79): ..Speakers emphasize a mixed identity through the use oft wo languages in the same discourse.“ (Appel & Muysken 1987)). Eine weitere Funktion ist die phatic function. Hier kommt es zu einem Sprachwechsel, wenn die Gesprachsteilnehmenden etwas betonen wollen, einen Witz oder kulturelle Eigenschaften erzahlen wollen. In diesem Fall dient CS dem emotionalen Zweck, da der Sprechende beeindrucken und Gefuhle ansprechen mochte. Die funfte Funktion metalinguistic function kann dann einsetzen, wenn Personen im Gesprach ihre Zuhorenden beeindrucken wollen (vgl. ebd.), wie zum Beispiel Literaturschaffende. AbschlieBend wird die poetic function genutzt, um einen Witz oder Wortspiele in einer anderen Sprache einzubinden und somit das Gesagte hervorzuheben (vgl. ebd.).

2.2 Grammatische Beschrankungen

Mit der Zeit entwickelten sich unterschiedliche Forschungsausrichtungen innerhalb der CS-Forschung, die den Sprachenwechsel entweder aus soziolinguistischer, pragmatischer, psycholinguistischer oder grammatischer Perspektive betrachten (vgl. Eichler 2010: 30). In der soziolinguistischen und pragmatischen Forschung wird untersucht, in welchen Situationen Code-Switching moglich wird und hierbei bemuhen sich die Forschenden, den sozialen und linguistischen Kontext der jeweiligen Sprechenden zu berucksichtigen (vgl. Eichler 2010: 34f.). Die psycholinguistische Perspektive pruft den Aktivierungsgrad der Sprachen innerhalb eines zwei- oder mehrsprachigen Gesprachs (vgl. Eichler 2010: 30). In diesem Kontext wird die Frage beantwortet, wie stark die involvierten Sprachen innerhalb eines Gesprachs aktiviert wird.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit bezieht sich auf die grammatische Perspektive und deren Beschrankungen, die im Folgenden skizziert werden. Am Rande sei auch erwahnt, das CS nicht eine zufallige und ungrammatische Vermischung von zwei Sprachen ist, sondern Regeln von bilingualen Sprechenden befolgt werden, die beide Sprachen beherrschen (vgl. Grosjean 2010: 57). Hier geht es darum, grammatische Prinzipien zu finden, denen der Sprachstil unterliegen kann. Im Wesentlichen soll herausgefunden werden, an welchen Stellen einer AuBerung die Sprache gewechselt werden darf. Das Folgende zeigt wichtige grammatische Beschrankungen, die in der Literatur formuliert wurden.

Zunachst ist es wichtig zu wissen, dass die grammatische Ausrichtung der CS- Forschung 1980 mit Shana Poplacks Pionieraufsatz Sometimes I'll start a sentece in English Y TERMINO EN ESPANOL begrundet wurde (vgl. Gumu§oglu 2010: 71). An dieser Stelle ist zu betonen, dass CS laut der Autorin nur intrasentential gebildet werden kann (vgl. ebd.). Sie vertretet die Meinung, dass beim CS keine gegenseitige Beeinflussung der beteiligten sprachlichen Systeme stattfindet, sondern abwechselnd aktiviert wird (vgl. Ozdil 2010: 49). Des Weiteren formuliert sie zwei

Beschrankungsprinzipien, die fur ein Sprachwechsel verantwortlich sind, denn nach ihr gilt nicht jeder Sprachwechsel als CS. Zur Bestimmung desselben sollten die Regeln ihres Modells befolgt werden. Das ist zum einen die Beschrankung der Aquivalenz „equivalence of structure constraint“, und zum anderen die Beschrankung des freien Morphems „the free morpheme constraint“. Nach der Beschrankung des „Equivalence of Structure Constraint“ soll in gemischtsprachigen Diskursen keine syntaktische Regel verletzt werden (vgl. Poplack 1980:586). So darf die syntaktische und die grammatikalische Struktur beider Sprachen nicht zerstort werden (vgl. Eichler 2010: 73). So die Autorin:

Code-switches will tend to occur at points in discourse where juxtaposition of L1 and L21 elements does not violate a syntatic rule of either language, that is, at points around which the surface structure of the two languages map onto each other. (Poplack 1980: 586)

Dabei beschrankt Poplack (1980) die Aussage auf die Falle, in denen die syntaktischen Eigenschaften der beteiligten Sprachen in einer gemischtsprachigen AuBerung eindeutig zu identifizieren sind (vgl. Ozdil 2010: 53). Um diese Aquivalenzbeschrankung zu veranschaulichen, soll ein Beispiel aus dem Corpus (siehe Anhang 1.2, Zeile 93) herangezogen werden.

(B4) ((S1 und S2 sprechen uber die Aufgaben eines Seminars))

„Ich glaube, die waren mit dabei, onlari yaptim .“

(ubers. die habe ich gemacht)

Im Beispiel (4) ist ersichtlich, dass der turkisch verbalisierte Nebensatz an den deutschen Hauptsatz anschlieBt, ohne die syntaktische n Regeln beider Sprachen zu verletzen. Hier sollen beide Sprachsysteme vor und nach dem Wechselpunkt dieselben grammatischen Strukturen aufweisen (vgl. Schjerve 1998: 77). Bei einer Zerstorung der grammatikalischen Struktur kann kein CS identifiziert werden.

Gegensatzlich werden Satzkonstruktionen, in denen eine der beiden beteiligten Sprachen syntaktisch zuwiderlaufen, mit einer Umformulierung repariert. Solche Reparaturen zahlen nur als CS, wenn die Syntax ubereinstimmt (vgl. Ozdil 2010: 55).

Die zweite Theorie „the free morpheme constraint“ zeigt, dass Code-Switching nur zwischen zwei freien Morphemen stehen und kein gebundenes Morphem, also kein Affix annehmen kann (vgl. Gumu§oglu 2010: 71): „Codes may be switched after any constituent in discourse provided that constituent is not a bound morpheme“ (Poplack 1980: 586). Der Begriff Morphem wird als „jede Einheit, die sich nicht weiter zerlegen lasst und eine Bedeutung hat“ (Donalies 2014: 158) verstanden. Freie Morpheme konnen dabei allein im Text stehen, aber gebundene Morpheme mussen mit anderen zusammengesetzt sein. Sie kommen nicht selbststandig vor (vgl. Donalies 2014: 158). Agglutinierende2 Sprachen wie das Turkische durfte keine Anwendung in diesem Modell finden (vgl. Ozdil 2010: 52). Zur Veranschaulichung folgt wieder ein Beispiel aus dem Korpus (siehe Anhang 1.4, Zeile 216):

(B5) „. o bir tane Frage lar varya “ (ubers. Es gibt ja diese Fragen.)

Ausgehend von Poplacks Modell wird das obige Beispiel nicht als CS anerkannt, da dem deutschen Wort Frage eine Ableitungssilbe -lar fur die Pluralisierung angehangt und der Satz auf Turkisch beendet wird. Die Verbindung eines gebundenen Morphems mit einem Wort aus der Erst- oder Zweitsprache verhindert dies. In diesem Zusammenhang wird unter der Erstsprache die Sprache verstanden, die als erstes bis zum Alter von drei Jahren gelernt wird. Eine erlernte Sprache nach diesem Zeitpunkt, wird als Zweitsprache bezeichnet (vgl. Ahrenholz/Oomen-Welke 2017: 3f.). Andere Autoren, wie Myers-Scotton (1993) konnten belegen, dass die Beschrankungen von Poplack kaum zutrafen. Er entwickelte ein anderes Modell, welche nun vorgestellt wird.

Das „Matrix Language Frame Model“ (MLF) ist ein Beschreibungsmodell fur die strukturellen Eigenschaften von Sprachwechsel-AuBerungen (vgl. Ozdil 2010: 57). Zur Erlauterung:

Die GesprachsteilnehmerInnen wechseln die Sprachen nach einem bestimmten System, einer bestimmten Ordnung, die sie benotigen, da sie nicht zwei oder drei Sprachen gleichzeitig verwenden konnen. Myers-Scotton bezeichnet die Sprache, die den Hauptrahmen des Satzes und seine morpho-syntaktische Struktur bildet, als die „Matrixsprache“. (Gumu§oglu 2010: 74)

Dabei beschreibt das MLF ausschlieBlich den unmarkierten, permanenten Sprachwechsel. In diesem Zusammenhang bedeutet unmarkiert, dass die Sprechenden in einem bilingualen Diskurs freiwillig die Sprachen wechseln: „The ML is the language more unmarked for the specific type of interaction in which the CS utterances occur. [...] ,Unmarked‘ is synonymous with ,expected‘ given the situational factors.“ (Ozdil 2010: 58 zit. n. Myers-Scotton 1993: 67). Die dominante Sprache, also die Sprache, in der die Gesprachsteilnehmenden in ihren CS-AuBerungen am kompetentesten sprechen ist somit die Matrixsprache (MS). Dementsprechend stellt sie den grammatischen Rahmen fur das bilinguale Gesprach bereit (vgl. Schjerve 1998: 79). Ein weiterer Ausdruck ist embedded language, die eingebettete Sprache (ES), welche sich auf die zweite, nicht dominante Sprache in bilingualen Diskursen bezieht. Der Rahmen, der in der eingebetteten Sprache gesetzt wird, bestimmt die allgemeine morphosyntaktische Struktur der CS-AuBerung und liefert die syntaktisch relevanten Morpheme in Konstituenten, die wiederum aus Morphemen der beteiligten Sprachen bestehen konnen. So wird auch bestimmt, wann sprachliche Einheiten in einem CS-Satz unwiderruflich in der EL auftreten (vgl. Ozdil 2010: 59).

Zusammenfassend lasst sich sagen, dass viele Forschungsansatze innerhalb der bilingualen Diskurse existieren. Im grammatischen Sinne betrachtet, gibt es Beschrankungen die regeln, an welchen Stellen einer AuBerung die Sprache gewechselt werden darf. DemgemaB wurden zwei Modelle vorgestellt, die sich gegenseitig widersprechen. Poplack (1980) stellt zwei Beschrankungen vor, die bestimmen, ob es sich in gemischtsprachigen AuBerungen um CS handelt. Einerseits kann nach der Aquivalenzbeschrankung die Sprache im Sinne von CS gewechselt werden, wenn die syntaktische und grammatikalische Struktur beider Sprachen ubereinstimmen. Andererseits sagt sie, dass CS nur zwischen zwei freien Morphemen stehen kann, die in agglutinierenden Sprachen kaum vorkommen. Dabei beschrankt sie ihr Modell auf AuBerungen, die intrasentential gebildet werden. Im Vergleich dazu beschreibt Myers- Scotton (1993) das MLF, die sich auf die strukturellen Eigenschaften von gemischtsprachigen AuBerungen bezieht und bezeichnet dabei die Matrixsprache, als dominante Sprache und die eingebettete Sprache als nebengeordnete.

3 Grammatikalischer Vergleich zwischen Deutsch und Turkisch

Dieses Kapitel behandelt die grammatischen Unterschiede beider Sprachen. Zunachst ist zu vermitteln, welche Sprachtypen gemeint sind, da diese nicht derselben angehoren. Danach werden folgende Bereiche herangezogen, die als Grundlage fur die Auswertung dienen: Genus, Personalpronomen, Numerus und Grundstellung der Satzglieder. Um den Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht zu sprengen, werden die Ausfuhrungen kurzgehalten.

3.1 Agglutinierende vs. flektierende Sprache

Turkisch gehort zu den agglutinierenden Sprachen. Damit ist gemeint, dass neue Worter und viele grammatische Wortformen durch „Endungen/Nachsilben“ gebildet werden, ohne dass der Wortstamm sich verandert. Diese „Endungen“ werden Suffixe und das Anhangen dieser wird suffigieren bezeichnet (vgl. Ersen-Rasch 2012: XIV). Suffixe sind klar zu erkennen und die Anreihung der Suffixe geschieht nach festen Regeln, wie im Folgenden erkennbar:

karde§
karde§-im
karde§-im-de
karde§-ler

Bruder/Schwester‘

mein Bruder/ meine Schwester‘
bei meinem Bruder/ bei meiner Schwester‘
Bruder/Schwestern‘

Im Gegensatz dazu gehort Deutsch zu den flektierenden Sprachen. Flektierende Sprachen bezeichnet Sprachen, die in hohem MaB bei Wortern verschiedene Flexionsformen ausbilden. Sie ist allerdings zusatzlich dadurch charakterisiert, dass diese in fusionierter Form ausgedruckt werden, also dass auch mehrere Merkmale durch ein einziges Affix und eventuell Veranderung des Stammes ausgedruckt werden, nicht durch eine langere Kette von Affixen (vgl. Lopez, o.J.). Wie alle flektierenden Sprachen besitzt auch Deutsch Worter, die sich beugen lassen.

3.2 Person und Numerus

Personalpronomen werden im Turkischen nur dann verwendet, wenn die Person hervorgehoben werden soll (vgl. Dirim & Auer 2004: 80). In einem Folgesatz werden diese nicht wiederholt, sondern durch die entsprechende Personalendung wiedergegeben. Allerdings mussen Sprechende das passende Pronomen aufnehmen, wenn sie wahrend des Gesprachs die Person wechseln (vgl. Ersen-Rasch 2012: 73). Ein Beispiel:

(B6) ((S1 und S2 reden uber den Mitarbeiter, der in die Getrankeabteilung gewechselt ist))

„Ich glaube, anbieten yapti lar .“ (ubers. Ich glaube, sie haben das angeboten (siehe Anhang 1.2, Zeile 207f.))

Aus den vorherigen Informationen des Gesprachs, ist zu entnehmen, dass die Vorgesetzten auf der Arbeit gemeint sind. Die Pluralform wird im Turkischen oft durch das schwach betonte -lar angezeigt (vgl. Ersen-Rasch 2012: 73), wie im Beispiel belegt. Die Kategorien der Person und Numerus lassen sich im Deutschen an der Personalendung des Verbs erkennen. Durch die Kombination aus Subjekt und Verbendung werden die Kategorien eindeutig bestimmt. Aufgrund des Zusammenspiels aus Subjektpronomen und Personalendung muss im Deutschen das Personalpronomen im Gegensatz in der Regel auftreten (vgl. Fandrych & Thurmair 2018: 25f.).

Zwischen dem Turkischen und dem Deutschen konnen somit keine Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Kategorien Person und Numerus feststellen. Die Personalpronomen sowie -endungen werden im Anhang 1 veranschaulicht.

3.3 Genus

Die Differenzierung des grammatikalischen Geschlechts nach maskulin, feminin und neutral findet sich in der turkischen Sprache nicht. Somit kennt das Turkische kein grammatisches Geschlecht bzw. kein Genus (vgl. Ersen-Rasch 2012: 39). Fur das naturliche Geschlecht gibt es getrennte Begriffe, aus denen ersichtlich wird, um welchen Genus es sich handelt. Geschlechtsspezifisch wird unterschieden: kadin (ubers. Frau), erkek (ubers. Mann), kiz (uber. Madchen) und erkek (ubers. Junge).

So kann ein geschlechtsloses Substantiv folgendermaBen prazisiert werden (vgl. ebd.): kiz karde§,Schwester‘ erkek karde§,Bruder‘

Der Begriff karde§ kann sowohl Bruder als auch Schwester bedeuten. Jedoch wird durch eine Hinzufugung der geschlechtsspezifischen Begriffe ersichtlich, wer gemeint ist.

Im Deutschen hingegen haben Substantive entweder ein maskulines, neutrales oder feminines Genus. Es ist nicht direkt am Substantiv erkennbar, sondern wird zum einen am Artikel und an vorangestellten Adjektiven deutlich, zum anderen auch bei der Bezugnahme auf bereits erwahnte Substantive im Verlaufe des Textes (vgl. Fandrych &

Thurmair 2018: 73), wie im folgenden Beispiel: Die Frau kocht ihr Lieblingsgericht. Sie hat es schon lange nicht mehr gegessen.3

3.4 Kasussystem

Als fundierte Gegenuberstellung der beiden Sprachen erscheint der Kasus. Denn im Vergleich zum deutschen Kasussystem, der aus vier Fallen besteht (Nominativ, Akkusativ, Dativ, Genitiv), gibt es im Turkischen unter anderem zwei weitere Falle, die Lokativ und Ablativ bezeichnet werden. Der Lokativ antwortet auf die Frage Wo?, Bei wem? oder zum Teil auch auf Wann?. Ein Ausdruck dieser steht fur die deutschen Prapositionen „in, im, an, auf, bei; um“ und markiert hauptsachlich einen Ort oder eine Zeitangabe (Ersen-Rasch 2012: 57). Der Ablativ beantwortet die Frage Woher? und Von (vor) wem?. Dieser Fall bezeichnet die Richtung im Sinne von „aus/von.her“ sowie „durch...hindurch“ und dient als einen ortlichen, ubertragenden oder zeitlichen Ausgangspunkt (vgl. Ersen-Rasch 2012: 58). Im Turkischen kommt es vor, dass deutsche Substantive nach turkischen Kasusformen dekliniert werden. So ist aus dem Beispiel (B1) ama ikinci Ubungda (ubers. aber in der zweiten Ubung) zu entnehmen, dass dieser Teilsatz nach dem Lokativ dekliniert wurde.

3.5 Syntaktische Grundstruktur

Die Satzgliederreihenfolge in turkischen Satzen lautet Subjekt-Objekt-Pradikat (SOP) (vgl. Gursoy 2010: 19). In der Grundstellung steht das Subjekt an erster, das Objekt an zweiter und das Pradikat an letzter Stelle. Auch beim Wechsel in andere Satztypen wie Aussagesatz, Fragesatz und Aufforderungssatz andert sich diese Satzgliederreihenfolge nicht. Hier ein Beispiel (B7):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Grundstellung der Satzglieder zwischen Turkisch und Deutsch

Das Beispiel (B8) zeigt anhand eines einfachen Satzes, dass die Positionen der Satzglieder im Turkischen in der Grundstellung bleiben (SOP). Im Gegensatz dazu lautet die Grundstellung der Satzglieder im Deutschen Subjekt - Pradikat - Objekt (SPO), dessen Positionen sich beim Wechsel der Satztypen andern (siehe B8). Somit bleibt die Linksausrichtung im Turkischen erhalten (vgl. Ersen-Rasch 2012: 19), d. h. das Pradikat steht am Ende und alle anderen Satzglieder werden davor platziert (vgl. Gursoy 2010: 20).

Weiterhin ist anzumerken, dass beide Sprachen freie Wortstellung haben (vgl. Dudenratgeber 2014: 70), jedoch ist die Grundstellung SOP im Turkischen weniger bindend als im Deutschen. So ist es moglich die Satzglieder je nach Kontext frei umzustellen. Der Satz „Ali di§arida uyudu.“ in (B8) kann somit auch „Di§arida Ali uyudu.“ (OSP) oder „Ali uyudu di§arida.“ (SPO) sowie „Uyudu Ali di§arida.“ (PSO) geauBert werden. Im Deutschen kann der Satz nur auf eine Weise umgestellt werden: Ali schlaft drauBen. (SPO) Drau&en schlaft Ali. (OPS). Eine Umstellung wurde zu einem Fragesatz fuhren oder die Aussage unverstandlich machen.

Wiederholend lasst sich festhalten, dass Turkisch und Deutsch sich in vielen Gesichtspunkten unterscheiden. Zunachst kennzeichnen sie verschiedene Sprachtypen. Turkisch gehort dem agglutinierenden Sprachtyp, in der Wortformen durch Nachsilben gebildet werden wahrend Deutsch dem flektierenden Sprachtyp angehort. AuBerdem kann festgehalten werden, dass keine Gemeinsamkeiten zwischen Person und Numerus bestehen. Bezuglich der Genuskategorie sind im deutschen System Abgrenzungen zu finden im Gegensatz zum Turkischen, in der die Geschlechterzugehorigkeit durch zusatzliche Begriffe definiert wird. Zudem bestehen im turkischen Kasussystem zwei weitere Falle, der Lokativ und Ablativ. Im Bereich der syntaktischen Grundstruktur ahneln sich die Sprachen in der freien Wortstellung, wobei das Turkische mehr Moglichkeiten besitzt.

Im nachfolgenden Kapitel werden einige Merkmale der Jugendsprache vorgestellt, die in Gesprachen vorkommen konnen.

1 Mit L1 ist die Erstsprache und mit L2 die Zweitsprache gemeint

2 wird in Kapitel 3.1 erlautert

3 Fragepartikel im Turkischen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden konnen (vgl. Dirim & Auer 2004:84)

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen von Code-Switching auf die Grammatik bei bilingualen Jugendlichen. Sprachverhalten beim Wechsel zwischen Türkisch und Deutsch
Hochschule
Universität Siegen
Note
2,6
Autor
Jahr
2021
Seiten
64
Katalognummer
V1235849
ISBN (Buch)
9783346659101
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Code-switching, Sprachmischung, türkisch-deutsches Code-Switching
Arbeit zitieren
Elif Örcün (Autor:in), 2021, Auswirkungen von Code-Switching auf die Grammatik bei bilingualen Jugendlichen. Sprachverhalten beim Wechsel zwischen Türkisch und Deutsch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1235849

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