Paradigmenwechsel und "Anything goes". Die Wissenschaftsauffassung Thomas S. Kuhns in der Kritik Paul K. Feyerabends


Seminararbeit, 1999
15 Seiten

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Skizze der Wissenschaftsauffassung Kuhns

3. Kritik der Kuhnschen Wissenschaftsauffassung
3.1 Feyerabends Standpunkt in der Wissenschaftstheorie
3.2 Feyerabends Einwände gegen Kuhn

4. Schluß

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

>>Es ist gut, wenn man so oft wie nur möglich daran denkt, daß die Wissenschaft, so wie wir sie heute kennen, nicht unvermeidlich ist, und daß wir eine Welt aufbauen können, in der sie und ihre Maßstäbe nicht die geringste Rolle spielen (eine solche Welt wäre meiner Ansicht nach ver-gnüglicher als die Welt, in der wir jetzt leben)<< (Feyerabend 1978, S. 201).

Lange Zeit galt Paul K. Feyerabend (1924-1994) als enfant terrible der Wissen-schaftstheorie. Ihn zu zitieren, wurde als Nestbeschmutzung empfunden, seine voraussetzungskritischen, antirationalistischen Bedenken gegenüber den Bedin-gungen wissenschaftlicher Theorien von >>Sontagslesern und Analphabeten<< als Anarchismus verschrien und die tiefe Ironie seiner bissigen Formulierungen oftmals für bahre Münze genommen[1] ; dennoch haben sowohl er als auch Thomas S. Kuhn (*1922) dem Wissenschaftsbetrieb, wenngleich aus verschiedenen Perspektiven und Motivationen heraus, entscheidenden Impulse gegeben.

Diese verschiedenen Perspektiven herauszustellen, Ähnlichkeiten und Abwei-chungen in der Wissenschaftskonzeption beider Klassiker der Wissenschafts-theorie deutlich zu machen, ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Am Schluß wird ersichtlich, wie neben Kuhn auch Feyerabend zu zeigen versucht hat, daß sich die Verfahren der Wissenschaften in kein gemeinsames Schema fügen lassen.

Dem Umfang der Arbeit Rechnung tragen, heißt hier sich Selbstbeschränkung auferlegen, skizzenhafte Darstellungen zu akzeptieren (Kürze kann, wie man bei vielen Autoren erkennen mag, eine Wohltat für den Leser sein), die Fülle des Materials auf wenige Texte (darunter die Hauptwerke: bei Kuhn Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, bei Feyerabend Wider den Methodenzwang und Erkenntnis für freie Menschen) zu reduzieren, welche jene Gedanken widerspiegeln, die für die anstehende Untersuchung von Interesse sind.

Aus Titel und inhaltlicher Gliederung ist zu ersehen, daß die Untersuchung, die im nachfolgenden unsere, d. h. die des Lesers und des Autors sein wird, bipolar verläuft. Diesen Umstand als Kennzeichen von Vergleich und Bewertung zweier Positionen berücksichtigen wir aus Gründen der Übersichtlichkeit, indem wir uns den Positionen entsprechend unterschiedlicher Anführungsweisen bedienen; Worte Kuhns werden durch „“ angeführt, ein Zitat Feyerabends durch >><<.

2. Skizze der Wissenschaftsauffassung Kuhns

Der Physiker Thomas S. Kuhn[2] hat maßgeblich zur holistischen Wende der Wissenschaftstheorie beigetragen. Den bisherigen normativen Entwürfen von Struktur und Entwicklung wissenschaftlicher Theorien stellt er eine erste ausgearbeitete holistische und wissenschaftshistorisch orientierte Wissenschafts-theorie gegenüber, welche die faktische oder historische Grundlage der Wissenschaften deskriptiv zu ergründen versucht. Dabei eröffnet sich ein neues Wissenschaftsverständnis, das mit der Vorstellung von der Geschichte der Naturwissenschaft als kontinuierliche Anhäufung von Erkenntnissen bricht und nachfolgend das Paradigma-Modell der Wissenschaft genannt wird (Vgl. Detel 1991, S. 200; siehe dazu auch Kunzmann/Burkard/Wiedmann 1991, S. 187).

Wir wollen den Weg der Wissenschaft nach Kuhn auf den folgenden Seiten kurz und knapp nachzeichnen, so daß wir zu einem Punkte gelangen, von dem aus die Einwände Feyerabends gegen das Paradigma-Modell hervorgebracht werden können.

Für Kuhn durchläuft die wissenschaftliche Entwicklung verschiedene Phasen: die erste Phase wird als vorparadigmatische Periode gekennzeichnet. In diesem Frühstadium der Wissenschaft und wissenschaftlichen Disziplinen gibt es eine große Anzahl verschiedenartiger Gruppen und Schulen, die sich miteinander im Streit befinden. Es besteht kein Konsens über Grundlagen und Methoden der Forschung unter den Fachvertretern, die Forschung ist daher wenig effektiv und zielgerichtet. Alle von den Wissenschaftlern zusammengetragenen Fakten sind gleichermaßen relevant, ihr Auffinden gehorcht vielmehr den Gesetzen des Zufalls als denen einer wissenschaftlichen Systematik. Aus der Vielzahl theoretischer und methodologischer Überzeugungen der verschiedenen Schulen, die verantwortlich für die unterschiedlichen Bewertung von Phänomenen zu sein scheinen, setzt sich schließlich eine durch. Sie berücksichtigt zwar nur einen kleinen Teil der gesammelten Fakten und Informationen, aber erscheint als die beste der mit ihr im Wettstreit liegenden Überzeugungen und Theorien. Kuhn bezeichnet eine solche Theorie als eine vorbildliche Leistung, und führt dafür den Begriff Paradigma [3] ein. Vorbildliche Leistungen oder Paradigmata bilden, so Kuhn, die Grundlage der wissenschaftlichen Arbeit und werden heute in Lehrbüchern geschildert, wurden früher hingegen in den Büchern der Klassiker der Wissenschaft wie Die Physik des Aristoteles oder Newtons Principia festgehalten. Fachbücher wie diese bestimmen die anerkannten Probleme und Methoden eines Forschungsgebietes aufgrund besonderer Qualitäten: Sie enthal-ten Neuartiges und sind offen für Fachleute (Vgl. dazu Kuhn 1973, S. 25-36).

Mit dem Auftauchen eines Paradigmas reduziert sich die Anzahl der Schulen stark, eine wirksamere wissenschaftliche Praxis gelangt zur Entfaltung. Eine zweite Phase, die Reifephase der Wissenschaft bricht an. „Letztere ist gewöhnlich esoterisch und auf Rätsellösen hin orientiert, und das kann die Arbeit einer Gruppe nur dann sein, wenn ihre Mitglieder die Grundlagen ihres Gebietes als selbstverständlich gegeben annehmen“ (ebenda, S. 190). Bei Kuhn hat sie den Namen normale Wissenschaft erhalten.

Wir sollten nun das Wesen normaler Wissenschaften betrachten, um zu verstehen, wie sich Wissenschaft entwickelt, wenn sie paradigmageleitet ist. Die normale Wissenschaft verlangt eher nach Aufräumarbeit als nach Entdeckung neuer Phänomene. Die bekannten Phänomene werden dem Paradigma angepaßt; alles Faktensammeln dient der Artikulation des Paradigmas. Mit anderen Worten:

„Ein normales Forschungsproblem zu einem Abschluß bringen heißt, das Erwartete auf einen neuen Weg erreichen, und es erfordert die Lösung einer Vielzahl umfangreicher instrumenteller, begrifflicher und mathematischer Rätsel. Derjenige, der sich erfolgreich zeigt, erweist sich als Experte im Rätsellösen, und die Herausforderung durch das Rätsel ist ein wichtiger Teil dessen, was ihn vorwärts zu treiben pflegt“ (ebenda, S. 50; Hervorhebung vor mir, CS).

Der Philosoph Wolfgang Detel grenzt die Wissenschaftsauffassung Thomas S. Kuhns deutlich von der kritisch-rationalistischen ab. Normale Wissenschaft diskutiere Theorien nicht hart oder starte den Versuch, sie zu falsifizieren, sondern betrachte das Paradigma als eine unantastbare Grundlage. Deshalb sei es letztlich die normale Wissenschaft und ihre Bindung an ein eng begrenztes Paradigma, die uns erst neue Tatsachen und Anomalien erkennen lasse (Vgl. Detel 1991, S. 202). Freilich ist die normale Wissenschaft nicht vor Krisen gefeit. Neue und unver-mutete Phänomene, Fakten und Theorien können einen Paradigmawechsel herbeiführen, weil ihre unbeabsichtigte Erzeugung neue Rätsel aufgibt, denen das bisherige Regel- bzw. Lösungssystem nicht gewachsen ist. Ein neues Paradigma hat gegen Wahrnehmungstendenzen des Wissenschaftlers, seine Erfahrung im Rätsellösen und seine Methoden und Begriffe zu kämpfen, es stützt sich andererseits allein auf einige mit dem alten Paradigma unvereinbare Anomalien. Treten die Anomalien verstärkt auf, kommt es zur Krisenerscheinung des Paradigmas. In der Folge zeigen sich die Forscher um die Anpassung des Paradigmas an die Anomalien bemüht, so daß die Entwicklung verschiedener Versionen des Paradigmas, die Wucherung konkurrierender Theorien einhergeht mit einem neuen Schulstreit der verschiedenen Paradigma-Verfechter. Ein Streit, der uns an die vorparadigmatische Periode erinnert. Trotzdem verwerfen viele Wissenschaftler das Paradigma in der Krise nicht, weil sie wissen, daß Forschung und normale Wissenschaft ohne Paradigma nicht möglich sind. Erst dann, wenn die Anomalie besonders wichtige Auswirkungen für Theorie und Praxis zeigt, ihre Behandlung zur Hauptaufgabe der gesamten Fachwelt einer Disziplin wird, philo-sophische Diskussionen entfachen und neue Paradigma-Anwärter auftauchen, hat der Übergang zur Krise und zur außerordentlichen Wissenschaft begonnen.

[...]


[1] So jedenfalls beschreibt Eberhard Döring im Vorwort seines Einführungsbandes zum Denken Paul K. Feyerabends die gehemmten Umgangsformen und allergischen Reaktionen weiter Kreise der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie bei dem Namen Feyerabend (Vgl. Döring 1998, S. 7ff).

[2] Im Vorwort seines bahnbrechenden Buches Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen berichtet Kuhn von dem drastischen Wechsel in seinen Berufsplänen, einem „Wechsel von der Physik zur Geschichte der Wissenschaft und dann allmählich von relativ geradlinigen historischen Problemen zurück zu den mehr philosophischen Fragen“ (Kuhn 1973, S. 7).

[3] Kuhn räumt ein, daß der Begriff weitläufig gefaßt sei und durchaus nicht unproblematisch. Hauptsächlich habe er zwei Bedeutungen: „Einerseits steht er für die ganze Konstellation von Meinungen, Werten, Methoden [...] einer gegebenen Gemeinschaft [...]. Andererseits bezeichnet er ein Element in dieser Konstellation, die konkreten Problemlösungen, die als Vorbilder oder Beispiele gebraucht, explizite Regeln als Basis für die Lösung der übrigen Probleme der >normalen Wissenschaft< ersetzen können“ (Vgl. Kuhn 1973, S. 186; ebenfalls Kuhn 1978, S. 389f).

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Paradigmenwechsel und "Anything goes". Die Wissenschaftsauffassung Thomas S. Kuhns in der Kritik Paul K. Feyerabends
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Proseminar: Zur Wissenschafts- und Erkenntnistheorie im 20. Jahrhundert
Autor
Jahr
1999
Seiten
15
Katalognummer
V12360
ISBN (eBook)
9783638182669
ISBN (Buch)
9783638757751
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaftstheorie/Paul Feyerabend/Thomas Kuhn
Arbeit zitieren
Christian Schwießelmann (Autor), 1999, Paradigmenwechsel und "Anything goes". Die Wissenschaftsauffassung Thomas S. Kuhns in der Kritik Paul K. Feyerabends, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12360

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