Das Thema Essstörungen im Unterricht der Praktischen Philosophie: Ein Unterrichtskonzept


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Die Entwicklung der Esskultur
2.2. Die Essstörungen
2.2.1. Anorexia nervosa
2.2.2. Bulimia nervosa
2.3. Die leibphilosophische Betrachtung
2.3.1. Robert Gernhardt: Mein Körper
2.3.2. Der Dualismus
2.3.1. Der Monismus

3. Fazit

4. Bibliographie

1. Einleitung

Essen und Trinken sind natürliche Bedürfnisse, die in den industriellen Überflussgesellschaften jedoch nicht mehr als Solche erfahren werden. Die kulturellen Überformungen bezüglich der Essenszeiten, der kulturell abhängigen Lebensmittel und der normierten Essensmengen, die gegessen werden, überdecken die Tatsache, dass Essen und Trinken physiologische Notwendigkeiten sind.1 Das Natürliche des Essens geht verloren. Es kommt häufiger zu Essstörungen als früher, als der Einzelne noch den Weg seiner Mahlzeiten von der Wahl der Lebensmittel über den Vorgang des Kochens hin zum Essen selbst bestimmt hat.

Diese Essstörungen, welche in verschiedenen Formen auftreten können, sind heute ein zunehmend gerade Schüler in der Pubertätszeit betreffendes Problem. Daher ist eine behutsame Behandlung dieses Themenkomplexes in der Schule notwendig. Es gibt verschiedene Herangehensweisen an diese Problematik. Eine mögliche Variante soll an dieser Stelle expliziert werden.

Die Kernfrage bezieht sich dabei auf das eigene Selbst, sowie den eigenen Leib und die eigene Seele. Der Ausgangspunkt muss dabei die Erfahrungswelt des Schülers sein. Einige Fragen, die bei einem ersten Brainstorming aufkommen können, sind die nach dem Gefühl des Hungers, des eigenen Geschmacks oder auch nach den eigenen Essgewohnheiten. Diesen Fragen der personalen Perspektive entsprechend, wird die vorliegende Arbeit zunächst auf die Entwicklung der (westlichen) Esskultur, bis hin zu den heutigen Essgewohnheiten, eingehen. Hier wird auch die gesellschaftliche Perspektive integriert – die Industrialisierung der Lebensmittel, die Internationalisierung des Lebensmittelhandels, die Rationalisierung der Essenseinnahme etc. Die personalen und gesellschaftlichen Bedingungen des eigenen Essverhaltens werden auf diese Weise näher beleuchtet.

In einem zweiten Schritt wird auf den Einfluss der Ernährung auf den Leib eingegangen. Welche Gefühle weckt das Essen und welchen Einfluss hat es auf den Körper? Von diesen Fragen aus geht es weiter zur wissenschaftlichen Betrachtung des gestörten Essverhaltens. Zu nennen wären hier die Anorexie, die Bulimie, die Adipositas und das Binge- eating. Konkret dargestellt werden an dieser Stelle jedoch nur die beiden ersten Formen. Eine angemessene Behandlung aller vier Formen der Essstörungen kann aufgrund des Umfanges dieser Arbeit nicht erfolgen. In einer Unterrichtsreihe wären sie jedoch auf jeden Fall zu behandeln.2

Der letzte Schritt dieser Arbeit geht auf die ideengeschichtliche Perspektive ein. Eine Sensibilisierung bezüglich der Themen Essen und Essstörungen erfolgt hier über die Betrachtung zweier leibphilosophischer Positionen, welche alternative Blickwinkel bieten können. Das Ziel der Unterrichtsreihe muss es dabei sein, den Schülern ein Gefühl von Verantwortung für den eigenen Körper zu vermitteln und alternative Lebenswege aufzuweisen. Am Ende der Reihe liegt es dann am Schüler - bzw. im Fall dieser Arbeit - am Leser selbst zu entscheiden, ob eine dieser Alternativen für ihn praktikabel ist oder nicht. Die Entscheidung für sich selbst zu sorgen oder nicht, liegt allein beim Individuum und kann – und darf – von Außen lediglich angeregt, jedoch keinesfalls erzwungen werden.

2. Hauptteil

2.1. Die Entwicklung der Esskultur

Ein Brainstorming in Bezug auf die Esskultur kann mit Schülern zu ganz unterschiedlichen Resultaten führen, doch ist damit zu rechnen, dass elementare Begriffe wie Geschmack, Essverhalten, bestimmte Speisen oder auch der Hunger allgemein genannt werden. Dem entsprechend wird in diesem Konzept der Annäherung an das Kernthema der Essstörungen der Nachvollzug der Entwicklung dessen, was gemeinhin Esskultur genannt wird, erfolgen. Der Fokus liegt hier jedoch auf den Veränderungen, die Essstörungen begünstigen. Dabei bezieht sich diese Arbeit auf das Werk Thomas Kleinspehns,3 welcher die Entwicklung der Oralität vom Mittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts verfolgt hat. Oralität versteht er als Theorie der Persönlichkeitsbildung.4 Er lehnt sich dabei an psychoanalytische Theorien an.

Mit dem Bedeutungswandel des Körpers und der Einstellung des Menschen zu seinem Körper, ver]ändert sich auch die Essgewohnheit. So waren auch die Schönheitsideale im Verlauf der Geschichte einem steten Wandel unterworfen.5

Der Körper wurde im Mittelalter als Arbeitsinstrument gebraucht. Daher standen die körperliche Gesundheit und der Vollbesitz aller körperlichen Kräfte im Vordergrund, zumal die Unversehrtheit des Körpers eine zentrale Kategorie für die rechtliche Handlungsfähigkeit war. Damit hatte auch die Bedarfsdeckung die höchste Priorität.6 Mit der Renaissance beginnt dagegen ein Prozess, in welchem der Mensch seinen Körper zusehends partiell wahrnimmt. Die Körperteile sind Funktionsträger. Der Mensch entfremdet sich von seinem Leib.7 Im 17. Jahrhundert schließlich wird der Körper ein Objekt von Normierungsprozessen in denen körperliche Standards wichtiger werden als dass Verhalten. Letzteres hat zuvor eine Vermittlungsinstanz zwischen der Gesellschaft und dem Individuum dargestellt und schwindet nun zusehends. Diese Kultivierung der Ernährung ist laut Kleinspehn in drei Phasen verlaufen: (1) der Phase der Mäßigung, (2) der Ritualisierung der Mahlzeiten und (3) der Verwissenschaftlichung des Essens, wobei die Phasen nicht deutlich voneinander getrennt sind.8

Die Mäßigung ist bereits seit der griechischen Antike ein Thema der Diätetik. Der griechische Begriff „diaita“ meint allgemein die Lebenskunst ein harmonisches Leben zu führen. Dabei lässt diese Theorie dem Einzelnen einen großen Spielraum: Die notwendige Mäßigung des eigenen Körpers soll nach dessen Maßstäben erfolgen und nicht nach allgemeinen, von außen festgelegten Regeln.9 Hunger soll mit Lust gesättigt werden, doch das Essen soll auch mit Lust beendet werden.10 Als Ideal wird hier der selbstreflexive Mensch gezeigt, der eigenverantwortlich entscheidet, was gemäß seiner körperlichen, seelischen und räumlich-zeitlichen Bedingungen gut für ihn ist und was nicht.11 Damit sind der Körper und auch die Gesundheit kein Zustand, den man erreicht, sondern ein steter Prozess um den man sich bemühen muss. Bereits hier finden sich auch Verhaltensweisen, die heute mit dem Begriff der Essstörungen belegt werden. So haben die Römer das Vomitorium praktiziert, in dem sie sich nach Gelagen übergeben haben.12

Die Einheit bzw. Identität von Mensch und Natur tritt hier ganz deutlich zu Tage und bleibt auch im Mittelalter als Gedanke präsent. Erst mit der Renaissance wird der Mensch als eigenständig von der Natur verstanden.13 Die Selbsterkenntnis des Menschen führt ihn zur Selbstverantwortung. Die Frage nach den richtigen und allgemeingültigen Diätregeln kommt auf. Das Wissen um die Nützlichkeit oder Schädlichkeit bestimmter Stoffe auf den Körper nimmt an Bedeutung zu, während die Erfahrung mit dem eigenen Körper und die Diät nach den eigenen Bedürfnissen in den Hintergrund treten.14

Im 17./18. Jahrhundert schließlich wird die Selbstkontrolle des Einzelnen weiter forciert. Die Affekte sollen möglichst vollständig kontrolliert werden. Appetitlosigkeit und Ekel vor Speisen waren in extremen Fällen die Folgen.15

Auch das Bild der „Fresser“ wird in dieser Zeit fassbar. Sie werden von den vornehmlich bürgerlichen Autoren als Gegenpol zum Bürgertum skizziert. Die „Fresser“ seien lediglich im Adel, welcher üppige Mahlzeiten einnehme oder aus Langeweile oder innerer Leere esse, oder bei den Bauern, dem Inbegriff des Unzivilisierten, zu finden.16 Die Ängste vor und um den eigenen Körper sind hier nicht mehr sozial eingebunden und richten sich daher häufig gegen den eigenen Körper. Phobische Nahrungsverweigerung, Melancholie und Depressionen sind dabei jedoch nur Symptome, wie später noch zu zeigen sein wird. Der Hunger als Anzeichen physiologischer Notwendigkeit von Essen wird zurückgedrängt.17

Im 18./19. Jahrhundert wird die funktionale Seite des Essens betont und die Wirkung von Lebensmitteln auf den Körper im Allgemeinen betrachtet. Die Wichtigkeit der Einhaltung der Diät wird nicht mehr hinterfragt, die Frage nach der genauen Einhaltung, d.h. der Quantität und der Qualität der Lebensmittel, dagegen umso genauer.18 Das Ziel ist die weitgehende Verdrängung der Affekte, Abweichungen von der Norm sollen verhindert werden. Die eigenen Leidenschaften sind angsteinflößend, so auch der Heißhunger, der zu Sucht werden könnte. Die Begierden sollen von Geburt an kanalisiert werden und die Beherrschung der eigenen Leidenschaften möglichst früh erlernt werden um so die Esslust von Kindern zu begrenzen.19 Die Ernährung wird begrenzt auf die bloße Mangelbeseitigung, die affektlos und maschinell ablaufen soll.

Der Geschmack wird nun immer wichtiger, man isst weniger, doch dieses soll etwas besonderes sein.20

Der zweite Punkt nach Kleinspehn behandelt die Ritualisierung des Essens und soll an dieser Stelle nur kurz erwähnt werden. Die Mahlzeiten sind bis in das 20. Jahrhundert hinein kollektive Handlungen größerer Verbände gewesen. Mit der Renaissance, welche sozial durch den Anstieg der Bevölkerungszahl, die Umschichtung der traditionellen Stände und die Formung neuer Strukturen gekennzeichnet ist, verändern sich die Abhängigkeitsverhältnisse. Das richtige Benehmen wird immer wichtiger. Die Menschen beobachten einander und reagieren sensibler auf das Verhalten der Anderen als zuvor. So werden auch die Sitten bei Tisch verändert. Zunächst mit Hilfe von äußerer Kontrolle durchgesetzt, werden die Regeln später interiorisiert. Der Zwang zur Selbstkontrolle wächst.21 Insgesamt soll das natürlich-animalische am Essen verdrängt werden. Der Essende soll sich in seiner Leiblichkeit zurücknehmen, d.h. Essgeräusche und die Offenbarung seiner leiblichen Bedürfnisse sowie die Vermischung des eigenen Geschirrs, Bestecks oder auch der Speisen mit anderen vermeiden.22

Die dritte Phase der Kultivierung des Essens umfasst dessen Verwissenschaftlichung. Auch sie begünstigt die Herausbildung von Essstörungen. So wird mit der Ausweitung der Städte in der Frühen Neuzeit die Subsistenzwirtschaft der einzelnen Höfe unmöglich. Doch auch der Überschuss aus den stadtnahen Gebieten genügt nicht um die Städter zu ernähren, so dass Lebensmittel auf dem Markt zugekauft werden müssen. Der erhöhte Lebensmittelbedarf bedeutet einen Aufschwung für die Gewerbe, welche diese außerhäuslich verarbeiten, so z. B. die Metzger oder Bäcker. Diese partielle Entfremdung von den Nahrungsmitteln fördert in einem ersten Schritt die Angst der Menschen vor diesen ihnen unbekannten Produkten.23 Doch auch die Angst vor dem eigenen Körper, den man nun als gefährdet wahrnimmt, nimmt weiter zu, bedroht nicht nur von den entfremdeten Nahrungsmitteln, sondern auch von Fehlern gegenüber dem Körper, so der eigenen Unmäßigkeit. Das Essen wird nun quantifiziert . Der Maßstab für die Regeln ist die Gemeinschaft, nicht mehr das Individuum. Die Erfassung des körperlichen Bedarfs durch die Wissenschaft beginnt.24

[...]


1 Vgl. , Gernot Böhme, Leibsein als Aufgabe, Leibphilosophie in pragmatischer Hinsicht, Kusterdingen 2003, S. 261/262.

2 Zur Adipositas und zum Binge- eating vgl. Doris Schäfer, Essstörungen, Personelle und soziale Struktu-ren und Möglichkeiten der Umstrukturierung, Diplomarbeit, ungedruckt, vorgelegt 19.12.1997, S. 2-13, Ohne Name, Binge Eating Disorder, auf: http://www.athealth.com/Consumer/disorders/Bingeeating.html, Stand 15.02.2005 und Ohne Name, Essattacken, Binge-Eating-Disorder, BES, auf: http://www.m-ww.de/krankheiten/psychische_krankheiten/binge_eating_stoerung.html?page=1, Stand 15.02.2005.

3 Vgl. Thomas Kleinspehn, Warum sind wir so unersättlich? Frankfurt am Main 1987.

4 Siehe Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 15/16.

5 Vgl. Doris Schäfer, a.a.O., S. 3/4; S. 19-21; S. 35f.

6 Vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 25.

7 Vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 27/28.

8 Siehe Gernot Böhme, a.a.O., S. 265.

9 Vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 39/40.

10 Dazu vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 42.

11 Vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 43.

12 Siehe auch Doris Schäfer, a.a.O., S. 19.

13 Siehe auch Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 43.

14 Vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 43/44.

15 Vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 215.

16 Dazu vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 234.

17 Vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 235/236.

18 Siehe Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 254 und S. 259.

19 Vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 280/281.

20 Vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 307.

21 Siehe Gernot Böhme, a.a.O., S. 54 Fußnote 7.

22 Böhme bezieht sich an dieser Stelle auf Norbert Elias. Vgl. Gernot Böhme, a.a.O., S. 265.

23 Vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 80.

24 Vgl. Thomas Kleinspehn, a.a.O., S. 111/112.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Thema Essstörungen im Unterricht der Praktischen Philosophie: Ein Unterrichtskonzept
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Praktische Philosophie: Zur Philosophie des Leibes
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V123753
ISBN (eBook)
9783640281763
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thema, Essstörungen, Unterricht, Praktischen, Philosophie, Unterrichtskonzept, Praktische, Leibes
Arbeit zitieren
Magistra Artium Astrid Lanvermann (Autor), 2005, Das Thema Essstörungen im Unterricht der Praktischen Philosophie: Ein Unterrichtskonzept, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123753

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