Essen und Trinken sind natürliche Bedürfnisse, die in den industriellen Überflussgesellschaften jedoch nicht mehr als Solche erfahren werden. Die kulturellen Überformungen bezüglich der Essenszeiten, der kulturell abhängigen Lebensmittel und der normierten Essensmengen, die gegessen werden, überdecken die Tatsache, dass Essen und Trinken physiologische Notwendigkeiten sind. Das Natürliche des Essens geht verloren. Es kommt häufiger zu Essstörungen als früher, als der Einzelne noch den Weg seiner Mahlzeiten von der Wahl der Lebensmittel über den Vorgang des Kochens hin zum Essen selbst bestimmt hat.
Diese Essstörungen, welche in verschiedenen Formen auftreten können, sind heute ein zunehmend gerade Schüler in der Pubertätszeit betreffendes Problem. Daher ist eine behutsame Behandlung dieses Themenkomplexes in der Schule notwendig. Es gibt verschiedene Herangehensweisen an diese Problematik. Eine mögliche Variante soll an dieser Stelle expliziert werden.
Die Kernfrage bezieht sich dabei auf das eigene Selbst, sowie den eigenen Leib und die eigene Seele. Der Ausgangspunkt muss dabei die Erfahrungswelt des Schülers sein. Einige Fragen, die bei einem ersten Brainstorming aufkommen können, sind die nach dem Gefühl des Hungers, des eigenen Geschmacks oder auch nach den eigenen Essgewohnheiten. Diesen Fragen der personalen Perspektive entsprechend, wird die vorliegende Arbeit zunächst auf die Entwicklung der (westlichen) Esskultur, bis hin zu den heutigen Essgewohnheiten, eingehen. Hier wird auch die gesellschaftliche Perspektive integriert – die Industrialisierung der Lebensmittel, die Internationalisierung des Lebensmittelhandels, die Rationalisierung der Essenseinnahme etc. Die personalen und gesellschaftlichen Bedingungen des eigenen Essverhaltens werden auf diese Weise näher beleuchtet.
In einem zweiten Schritt wird auf den Einfluss der Ernährung auf den Leib eingegangen. Welche Gefühle weckt das Essen und welchen Einfluss hat es auf den Körper? Von diesen Fragen aus geht es weiter zur wissenschaftlichen Betrachtung des gestörten Essverhaltens. Zu nennen wären hier die Anorexie, die Bulimie, die Adipositas und das Binge- eating. Konkret dargestellt werden an dieser Stelle jedoch nur die beiden ersten Formen. Eine angemessene Behandlung aller vier Formen der Essstörungen kann aufgrund des Umfanges dieser Arbeit nicht erfolgen. In einer Unterrichtsreihe wären sie jedoch auf jeden Fall zu behandeln.
Der letzte Schritt dieser Arbeit geht auf die ideengeschichtliche Perspektive ein. Eine Sensibilisierung bezüglich der Themen Essen und Essstörungen erfolgt hier über die Betrachtung zweier leibphilosophischer Positionen, welche alternative Blickwinkel bieten können. Das Ziel der Unterrichtsreihe muss es dabei sein, den Schülern ein Gefühl von Verantwortung für den eigenen Körper zu vermitteln und alternative Lebenswege aufzuweisen. Am Ende der Reihe liegt es dann am Schüler - bzw. im Fall dieser Arbeit - am Leser selbst zu entscheiden, ob eine dieser Alternativen für ihn praktikabel ist oder nicht. Die Entscheidung für sich selbst zu sorgen oder nicht, liegt allein beim Individuum und kann – und darf – von Außen lediglich angeregt, jedoch keinesfalls erzwungen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Die Entwicklung der Esskultur
2.2. Die Essstörungen
2.2.1. Anorexia nervosa
2.2.2. Bulimia nervosa
2.3. Die leibphilosophische Betrachtung
2.3.1. Robert Gernhardt: Mein Körper
2.3.2. Der Dualismus
2.3.1. Der Monismus
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit entwickelt ein Unterrichtskonzept für den Bereich der Praktischen Philosophie, um Schülern die Problematik von Essstörungen im Kontext gesellschaftlicher Einflüsse und leibphilosophischer Fragen näherzubringen. Ziel ist es, ein Bewusstsein für das eigene Selbst und den Leib zu schaffen sowie durch den Vergleich von Dualismus und Monismus alternative Sichtweisen auf das Verhältnis von Körper und Geist aufzuzeigen, um somit ein reflektiertes, eigenverantwortliches Essverhalten anzuregen.
- Historische Entwicklung der (westlichen) Esskultur
- Psychosomatische Grundlagen von Anorexia und Bulimia nervosa
- Leib-Seele-Verhältnis im Spiegel der Philosophie
- Analyse des Gedichts "Mein Körper" von Robert Gernhardt
- Kritische Gegenüberstellung von Dualismus (Descartes) und Monismus (Nietzsche)
Auszug aus dem Buch
2.3.1. Robert Gernhardt: Mein Körper
Das Dialoggedicht behandelt das Verhältnis zwischen dem eigenen Körper und dem Ich, d.h. dem Geist. Dabei spiegelt es zwei verschiedene Vorstellungen wieder: zum einen den Dualismus, der seit René Descartes im neuzeitlichen Denken vorherrschend ist, und zum anderen den Monismus, welcher in der Neuzeit u.a. durch Friedrich Nietzsche vertreten wurden. Beide modernen Denker hatten Vorgänger, die an dieser Stelle jedoch nicht behandelt werden sollen, handelt es sich doch um eine Unterrichtsreihe der Praktischen Philosophie und nicht um eine der Fachphilosophie, wo die Herleitung bestimmter Gedanken aus der Geschichte eine größere Bedeutung hat, als es in diesem Zusammenhang der Fall ist.
Worum geht es in dem Gedicht? Der Text behandelt, wie oben bereits erwähnt, das Verhältnis von Körper und Geist - letzterer symbolisiert durch das lyrische Ich - und die Frage, welcher Teil die vorherrschende Rolle spielt. In der ersten der zwei Strophen mit je drei Versen erscheint die Antwort zunächst eindeutig zu sein: Der Geist, das lyrische Ich, ist in der superioren Position. Der Körper gibt ihm den Rat sich auszuruhen. Doch der Rat wird ausgeschlagen, das Ich setz sich darüber hinweg, in dem Glauben, dass dieser gar nicht erfahren werde, was sich abspielt. Bereits in der letzten Zeile dieser ersten Strophe zeigt sich jedoch, dass diese Einschätzung fehlerhaft ist, dass der Körper durchaus mitbekommt, was das Ich tut.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert die Notwendigkeit, das Thema Essstörungen behutsam im schulischen Kontext zu behandeln, und skizziert den Weg von der historischen Esskultur über die Leibphilosophie bis hin zu einer möglichen unterrichtlichen Umsetzung.
2. Hauptteil: Dieser Abschnitt analysiert die historisch-gesellschaftliche Entwicklung der Esskultur, erläutert die psychosomatischen Hintergründe von Magersucht und Bulimie und untersucht das Leib-Seele-Problem anhand philosophischer Modelle.
2.1. Die Entwicklung der Esskultur: Das Kapitel zeichnet den historischen Wandel der Ernährung nach, von der Bedeutung des Körpers als Arbeitsinstrument hin zur zunehmenden Normierung und Verwissenschaftlichung des Essverhaltens.
2.2. Die Essstörungen: Hier wird der Fokus auf das gestörte Leibgefühl gelegt, welches sich meist im Jugendalter manifestiert und durch das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Idealen und individuellem Druck ausgelöst wird.
2.2.1. Anorexia nervosa: Die Magersucht wird als Form der Essstörung beschrieben, bei der Betroffene durch Nahrungsverweigerung oder andere Techniken eine totale Kontrolle über den eigenen Körper zu erlangen versuchen.
2.2.2. Bulimia nervosa: Dieses Kapitel thematisiert die durch Heißhungerattacken und anschließende Kompensationsmechanismen gekennzeichnete Bulimie sowie die damit verbundene Doppelleben-Problematik der Betroffenen.
2.3. Die leibphilosophische Betrachtung: Dieser Teil führt ideengeschichtliche Perspektiven ein, um die Frage nach dem Verhältnis von Geist und Körper als alternative Sichtweisen für die Unterrichtsgestaltung zu nutzen.
2.3.1. Robert Gernhardt: Mein Körper: Anhand dieses Gedichts wird das Verhältnis von Ich und Körper in einem Dialog analysiert, welches die Autonomie des Geistes hinterfragt.
2.3.2. Der Dualismus: Dieses Kapitel stellt Descartes' Position dar, die Körper und Seele trennt und den Geist als übergeordnete, rationale Instanz postuliert.
2.3.1. Der Monismus: Nietzsche wird als Vertreter des Monismus eingeführt, welcher Körper und Geist als Einheit begreift, wobei der Leib als "große Vernunft" eine zentrale Rolle spielt.
3. Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass Essstörungen als gestörtes Leibgefühl zu verstehen sind und plädiert für eine Harmonisierung von Körper und Geist, ohne dabei einen starren Lebensweg vorzugeben.
Schlüsselwörter
Essstörungen, Leibphilosophie, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Dualismus, Monismus, René Descartes, Friedrich Nietzsche, Robert Gernhardt, Unterrichtskonzept, Leib-Seele-Verhältnis, Körperbewusstsein, Esskultur, Selbstkontrolle, psychosomatische Erkrankungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Problematik von Essstörungen und erarbeitet ein Konzept für den Philosophieunterricht, um Schülern ein tieferes Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Essverhalten, Körperbild und philosophischen Leibkonzepten zu vermitteln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Esskultur, die psychologischen Hintergründe von Magersucht und Bulimie sowie die philosophische Reflexion über das Verhältnis von Leib und Seele im Dualismus und Monismus.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, Schülern ein Gefühl der Verantwortung für den eigenen Körper zu vermitteln und durch philosophische Modelle (Descartes vs. Nietzsche) alternative Perspektiven aufzuzeigen, die bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Essstörungen helfen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit verwendet eine Kombination aus soziokultureller Analyse der Essgeschichte, psychologischer Einordnung der genannten Essstörungen sowie einer ideengeschichtlichen Untersuchung leibphilosophischer Positionen, ergänzt durch eine literarische Analyse eines Gedichts von Robert Gernhardt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse der Esskultur betrachtet, darauf folgen medizinisch-psychologische Erläuterungen zu Anorexia und Bulimia nervosa, und schließlich eine philosophische Analyse des Körper-Geist-Verhältnisses anhand von Dualismus und Monismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Essstörungen, Leibphilosophie, Anorexia nervosa, Dualismus, Monismus und Körperbewusstsein charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise von Descartes von der Nietzsches in Bezug auf den Körper?
Descartes vertritt den Dualismus, in dem der Körper als Maschine betrachtet wird, die dem Geist (der Seele) untergeordnet ist. Nietzsche hingegen vertritt den Monismus, in dem Körper und Geist eine Einheit bilden, wobei er den Leib als "große Vernunft" sogar betont.
Warum ist das Gedicht von Robert Gernhardt zentral für die Argumentation?
Das Gedicht verdeutlicht in einem Dialog zwischen Ich und Körper die Unsicherheit über deren Verhältnis und dient als praktischer Ausgangspunkt für Schüler, um die Frage nach der Trennbarkeit oder Einheit von Geist und Körper zu diskutieren.
- Quote paper
- Magistra Artium Astrid Lanvermann (Author), 2005, Das Thema Essstörungen im Unterricht der Praktischen Philosophie: Ein Unterrichtskonzept, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123753