Perspektiven für psychisch erkrankte junge Erwachsene

Aus Sicht der Sozialen Arbeit im Wohnheim


Diplomarbeit, 2009

85 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1 Die Entwicklung zum jungen Erwachsenen
1.1 Die Kindheit
1.2 Die Jugend
1.3 Der Eintritt ins Erwachsenenalter

2 Die psychischen Erkrankungen
2.1 Begriffsdefinition psychischer Störungen
2.2 Die unterschiedlichen Krankheitsbilder der Bewohner sozial-therapeutischer Wohnheime - Vorstellung der psychischen Störungen
2.2.1 Störungen durch psychotrope Substanzen
2.2.2 Schizophrenie
2.2.3 Affektive Störungen
2.2.4 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
2.2.5 Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung mit körperlichen Störungen
2.2.6 Persönlichkeitsstörungen
2.2.7 Intelligenzminderung
2.2.8 Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn der Kindheit und Jugend

3 Wohnform und Milieu
3.1 Sozialtherapeutische Wohnheime für psychisch Erkrankte
3.2 Sozialtherapeutisches Wohnheim mit psychisch erkrankten jungen Erwachsenen
3.3 Exkurs: Konzept der Milieugestaltung für Schizophrene nach Luc Ciompi

4 Rahmenbedingungen für ein Wohnheim mit psychisch erkrankten jungen Erwachsenen
4.1 Milieu
4.2 Strukturen
4.2.1 Haltung
4.2.2 Umgang mit den Bewohnern
4.2.3 Auftrag

5 Perspektiven und Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Vorwort

Die Entscheidung die Perspektiven psychisch erkrankter junger Erwachsener[1] in dieser Arbeit aufzuzeigen war schnell aufgrund meines beruflichen Hintergrundes getroffen. Seit Beginn meines Prax­­is­­­­semesters arbeite ich in einem sozial­thera­peutischen Wohnheim für psych­isch erkrankte Menschen. Da der Träger zu­nehm­end von Anfragen junger Erwachsenen konfrontiert wurde, entstand in dem Wohnheim, in dem ich arbeite, eine Spezialisierung auf diese Zielgruppe. Das „Projekt Junge-Erwachsene“ starte vor ungefähr zwei Jahren ohne eine ein­deutige Konzeption. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die alltägliche Arbeit für mich und meine Kollegen. Mit dieser Diplomarbeit versuche ich, mich mit den grundsätzlichen Fragen meiner praktischen Tätigkeit auseinander zu setzen. Ich erhoffe mir, ausgehend von der Klientel, Zielformulierungen für diesen Bereich entwickeln zu können und so mein eigenes Handeln zu verbessern und zu reflektieren.

Einleitung

Da psychische Erkrankungen in Deutschland in der Tendenz häufiger auftreten und auch Kinder und Jugendliche vermehrt von ihnen betroffen sind, steigt der Bedarf für Hilfen, insbesondere im Bereich der Wohnformen. Laut der Bundes­thera­peu­t­en­­­kammer besagen die Daten des BKK Gesundheitsreports 2005, dass psych­ische Erkrankungen seit den 90er Jahren in Deutschland um 28 Prozent ge­stie­gen sind[2], ebenso existiert eine deutliche Zunahme der Störungen im Kin­des- und Jugendalter.[3] Bei jungen Erwachsenen ist der Anstieg über­pro­portion­al, be­son­ders betroffen sind Frauen in der Altersgruppe der 15- bis 29-jährigen und Män­ner im Alter von 15 bis 34 Jahren.[4] Neben dem aktuellen Anstieg des Be­darfs, führ­­te schon die Herabsetzung der Voll­­­jährigkeit 1975 vermehrt zu der Su­che nach geeigneten Wohnformen, da mit 18 Jahren entlassene, junge Er­wachs­ene, aus Heimen und Wohngemeinschaften ihren Platz weder in der Ju­gend­hilfe, noch in Einrichtungen mit psychisch erkrankten jeden Alters fanden.[5] Das Seppl-Kuschka-Haus, ein Wohnheim, das sich auf junge Volljährige spezialisiert hat, bestätigt nicht nur die Tendenz, dass immer häufiger junge Erwachsene im Be­reich Wohnen Hilfen benötigen, in der Konzeption wird ebenfalls auf die be­son­ders schweren Erkrankungen eingegangen, die diese Klientengruppe aus­zeich­net. Häufig seien die jungen Erwachsenen an schizophrenen und schizo­affek­tiv­en Psychosen, die mit Persönlichkeitsstörungen einhergehen, erkrankt. Zum Teil bestehe zusätzlich noch eine Suchtproblematik.[6]

Psychische Erkrankungen können das Leben der Betroffenen in sämtlichen Lebensbereichen stark bein­träch­tigen. So geht beispielsweise häufig ein Verlust des sozialen Umfeldes, der Familie und des Arbeitsplatzes mit der Erkrankung einher.[7] Sozialtherapeutische Wohnheime versuchen rehabilitativ eine (Wieder-) Eingliederung in die Gesellschaft zu erzielen. Spezielle Konzepte für die Klienten­gruppe, psychisch erkrankte junge Erwachsene, gibt es kaum. Der Bedarf aber, sich mit ihnen auseinander zu setzen, steigt.

In dieser Diplomarbeit sollen die Rahmenbedingungen für ein Wohnheim, mit der speziellen Klientengruppe, her­aus­gearbeitet werden, so dass diesen Perspektiv­en für ihr weiteres Leben ge­bot­en werden können.

In den ersten beiden Kapiteln dieser Arbeit soll die Klientengruppe möglichst differ­enziert dargestellt werden, da auf der Grundlage der Erkenntnisse, der nö­tige Bedarf nach spezifizierten Wohnheimen abzuleiten ist. Hier soll auch die (psych­ische) Ent­­wick­lung zum jungen Erwachsenen dargestellt werden. Unter Ein­bezug der möglichen Risikofaktoren für psychische Erkrankungen soll eine Basis für das Verständnis der Zielgruppe geschaffen werden. Das zweite Kapitel wird sich mit den psychischen Störungen befassen. Einleitend müssen Be­griff­lichkeiten definiert und sich der Thematik genähert werden. Im Folgenden sollen die einzelnen Krankheitsbilder vorgestellt werden. Da sich diese sehr vielfältig gestalten, liegt der Fokus auf den insbesondere in Wohn­heimen häufig Be­handelt­en. Außerdem sollen zum Teil schon re­­ha­bi­litative Ansatzpunkte benannt werden. Die Vorstellung der psychischen Störungen orientiert sich dabei an der ICD-10[8], da diese das gängige Klassifikations­system in der Praxis darstellt.

Das dritte Kapitel wird sich mit den Gegebenheiten der praktischen Arbeit im Wohn­­­­heim auseinander setzen. Es soll zum einen Aufschluss geben über sozial­therapeutische Wohnheime im gesamten und zum anderen ein Konzept für die Arbeit mit der speziellen Klientengruppe vorstellen. Zusätzlich werden in einem Exkurs die konzeptionellen Überlegungen zur Milieugestaltung für Schizo­phrene von Luc Ci­ompi dargestellt, da diese durch den sehr hu­man­is­tisch­en An­satz, einen anderen Blickwinkel auf die Arbeit mit psychisch Erkrankten ermöglicht.

Im fünften Kapitel sollen die Zielformulierungen für den sozialtherapeutischen Rahmen im Wohnheim vorgestellt werden. Hierzu werden die Erkenntnisse der bisherigen Arbeit die Grundlage schaffen. In diesem Zuge soll auch auf die sozial­­­­arbeiterische Tätigkeit im Wohnheim genauer eingegangen werden.

Im Ausblick möchte ich auf die Perspektiven der jungen erwachsenen psychisch Erkrankten eingehen. Diese sollen im Hinblick auf die gegebene Situa­tion in sozialtherapeutischen Wohnheimen und auf ein möglichst förderliches Mil­ieu in eben diesen thematisiert werden.

1 Die Entwicklung zum jungen Erwachsenen

Das Leben wird seit jeher in Phasen, Abschnitte, Stadien oder Etappen, von der Geburt bis zum Tod, eingeteilt. Die Entwicklung soll Anhand dieser Phasen, ein­em deutlich eingegrenzten Rahmen, bestimmten Merkmalen zugeordnet werd­en.[9] Von Cicero[10], über Freud, Erikson und Piaget versuchten Gelehrte den Gesetz­­­mäßigkeiten der Lebensphasen auf die Spur zu kommen. Freud ana­lysierte das Modell der psychischen Entwicklung aus psychoanalytischer Sicht, ebenso wie Erikson[11], der diese jedoch noch sozialpsychologisch inter­pretierte[12], und Piaget bezog sich auf den interaktionellen Aspekt.[13]

Die meisten Menschen erleben die einzelnen Lebensabschnitte in der gleichen Weise, jedoch zu ihrer eigenen Zeit und auf ihre eigene Art. Jeder Abschnitt hat ein Potential für bestimmte Belastungen, die sich durch unterschiedliche Faktor­en - biologische, psychologische oder umwelt­­bedingte - zu psychischen Störung­en entwickeln können.[14] Gilt es, den Lebensabschnitt und die mit ihm ver­bunden­en Störungen der jungen Erwachsenen zu betrachten, so sollte ebenfalls die Ent­wicklung des Menschen und die Risiko­faktoren für psychische Störungen von Geburt an mit einbezogen werden. Die Kindheit und die Jugend bilden die Basis für die Persönlichkeit der jungen Erwachsenen und aus ihr resultieren meist die Störungen die später eine Behandlungsbedürftigkeit mit sich bringen.

1.1 Die Kindheit

Während im Mittelalter die Kindheit bis zum 25. Lebensjahr dauerte, ist heute eine differenziertere Einteilung bis zum 14. Lebensjahr gängig. Unter­schieden werd­en Neugeborene, von der Geburt bis zum 10. Lebenstag, von Säuglingen, vom 11. Lebenstag bis zum 12. Monat, von Kleinkindern, im Alter von 2 bis 5 Jahren, und Schulkindern, im Alter von 6 bis 14 Jahren.[15]

Die Kindheit gilt häufig als eine sorglose und glückliche Zeit, ohne Verantwortung und Leistungsdruck, oft rückblickend verklärt von älteren Menschen. Dabei gibt es in dieser Zeit viel Neues zu entdecken. Kinder werden mit immer neuen fremden Situationen, Menschen und Hindernissen konfrontiert, was selbst­ver­ständ­­lich auch beängstigend und beunruhigend auf die sie wirken kann. Rund die Hälfte aller Kinder leidet an multiplen Ängsten, vor der Schule, im Bezug auf die Gesundheit, und die persönliche Sicherheit. Verbreitete Probleme von Kindern wie Bettnässen, Alpträume, Wutanfälle und Unruhe sind von diesen Ängsten bedingt.[16] Diese Probleme können sich zu Störungen entwickeln, dies muss jedoch nicht der Fall sein.

Jordan W. Schmoller beschreibt in seinem Aufsatz „Die Entstehung und Behand­lung von Kindheit“[17] die Kindheit als ernst zu nehmende grassierende Krankheit, deren Symptome, beginnend mit der Geburt, Zwergenwuchs, emotionale Unaus­geglichen­heit und Unreife, Wissensdefizite und Spinatphobie, sind.[18] Auf eine humo­r­volle Art und Weise präsentiert er die Kindheit wie eine klassifizierte Störung des DSM[19] oder auch der ICD. Aus diesem Aufsatz wird trotz der vielen Witze eines deutlich: Die Kindheit ist die Phase des Heranwachsens, Kind­er lernen und bilden erst nach und nach eine Persönlich­keit, sind nicht von Geburt an eigenständige Menschen. Sie benötigen Unter­stützung zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihrer individuellen Ressourcen und vor allem ein fördern­des Umfeld.

Ähnliche Schlüsse lässt auch der Verlauf der psychischen Entwicklung laut Nissen und Trott zu. Auch hier ist die Kindheit in Stadien unterteilt. Diese, einer­seits abhängig von biologischen Gesetzmäßigkeiten, sind andererseits durch peristatische Einflüsse, wie Eltern, Kindergarten, Schule oder allgemein die Ge­sell­schaft, gestaltet und festgelegt. In der groben Ein­ordnung gehen Nissen und Trott davon aus, dass mit dem ersten Lebensjahr das Stadium der Kontakt­aufnahme beginnt. Hier löst sich der Säugling erstmals aus der Dualunion mit der Mutter und setzt erste Meilensteine im Bezug auf seine Vulnerabilität gegen­über verschiedenen Arten von späteren Beziehungen. Im dritten Lebens­jahr beginnt laut Nissen und Trott das Stadium der motorischen Integration. Das Kind kann sich mittlerweile sprachlich verständigen und erfährt, dass es durch eigene Handlungen, Ansprüche und Forderungen die Welt verändern kann. Ein Ein­her­gehen mit Macht- und Besitzstreben kann für das Kind zu heftigen Aus­einander­­setzungen mit der Umwelt führen, die dann in die Trotzphase münden. In diesem Stadium der motorischen Integration wird das Kind von den Eltern in seinem aktiv-aggressiven oder passiv-resignierendem Verhalten be­stärkt oder behindert. Das nächste Stadium beginnt im fünften Lebensjahr und ist das der kritischen Realitätsprüfung. Es beginnt, sich mit seiner Umwelt aus­einander zu setzten und stellt sich Fragen nach dem ‚woher’, dem ‚wohin’ und vor allem nach dem ‚warum’. Neben das konkrete ist das abstrakte Denken getreten und das Kind nimmt sich erstmals selbst als ‚ich’ wahr. Im zehnten Lebensjahr beginnt das Stadium der sozialen Integration. Markanteste Merkmale sind, dass das Kind nun die Voraussetzungen zur objektiven Wissens­aneignung erreicht hat, wie in der Schule, und dass die Gewissens­bildung so weit fortgeschritten ist, dass es Schuldgefühle bekommt, wenn sich das Lust­prinzip gegenüber dem der Verant­wort­ung durchgesetzt hat. Unter dem Stadium der Neuorientierung, im 14. Lebens­jahr, versteht man den Beginn der Adoles­zenz. Dieses Stadium bringt das Ende der Kindheit und den Beginn der Jugend­zeit mit sich.[20]

1.2 Die Jugend

Die voranginge Entwicklungsaufgabe der Jugend ist die Bildung einer Identität. Sie äußert sich im Einssein mit sich selbst und dem Verbunden­sein mit der sich um­gebenden Gemeinschaft.[21] Die prägnanteste Ver­änder­ung in der Jugend geht mit der Adoleszenz einher. Diese kann zwischen dem 11. und 21. Lebensjahr auftreten[22] und bringt sowohl eine seelische, als auch eine körperliche Neu­orien­tier­ung mit sich.[23] Die biologischen Reifungs­schritte bewirken den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein und gehen mit tief greifenden Veränder­ungen einher. So verändern sich nicht nur der Körper, sondern auch der Denkstil, Meinung­en, Haltungen, der Selbst­bezug, die sozialen Rollen und Verantwortlich­keiten für den Jugendlichen in der Pubertät. Die körper­lichen Veränderungen, wie das Einsetzten der Schambehaarung, bei Mädchen die Brustentwicklung, die erste Periode, oder bei Jungen der Peniswuchs, unterliegen der Steuerung von verschiedenen Hormonen. Ebenso kommt es neben den Veränderungen der Geschlechtsmerkmale und des Wachstums­schubes[24] zu Ver­änder­ungen der Hirn­reifung und zu einer Spezifikation der neuronalen Netzwerke. Hieraus verändern sich ebenfalls eine Reihe psychischer Steuerungs­phänomene, die kognitiven und die affektiven Prozesse des Jugendlichen. In diesem Zusammen­hang ist auch auf das Problem der Akzeleration einzugehen. Unter Akzeleration wird die Diskrepanz zwischen der be­schleunigten körperlichen und der ver­langsamten sozio­-emotionalen Ent­wicklung verstanden. So kommt es vor, dass Jugendliche nahezu kindliche emotionale Bedürfnisse und Erwartungen pflegen, aber auf Grund ihres Aus­sehens wie Erwachsene behandelt werden. Dies kann die Entwicklung der psychischen Strukturen stark beeinflussen.[25]

Ferner zählen zu den psychischen Veränderungen Anpassungs­turbu­lenzen[26], wie die Überprüfung und die Korrektur des Elternbildes, Ambivalenz­krisen und Konfrontationen. An die Stelle der Eltern treten in der Regel neue Vor- und Leitbilder, mit dem Jugendliche ein neues und starkes Lebensgefühl verbinden. Ambivalenzkrisen herrschen zwischen den Wünsch­en und der Wirklichkeit des Jugendlichen, mit dieser Differenz hat er sich auseinanderzusetzen. Zu Kon­frontationen kommt es in dieser Lebensphase in fast allen Bereichen. So können die abgelösten Autoritäten, wie Eltern oder Lehrer, die sich weiter für den Ju­gend­­lichen verantwortlich fühlen, ebenso wie der Jugendliche selbst, zur Zielscheibe der Konfrontation werden. Der Jugendl­iche muss sich selbst klar werden, wer er ist und sein Ideal-Ich mit seiner Ich-Identität vereinen. Dieser Rollen- und Identitäts­konflikt kann über Jahre andauern und sich durch die be­stehen­de Gesellschaftsstruktur jeweils verändern und bedingen.[27] So ver­gleicht beispielsweise Michael Winterhoff in seinem Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“[28] die heutige Gesellschaftsstruktur mit der vor 30 Jahren, in der der technische Wandel, so Winterhoff, eher „gemütlich unterwegs“[29] war. Er bezieht sich auf die Erziehungsstrukturen, die früher als solche gar nicht empfunden wurden, und kritisiert die Aufhebung der Grenze, die zwischen Erwachsenenthemen und der Kinderwelt lag. Kinder sollten, gemäß Winterhoff, in der Adoleszenz langsam an das Erwachsensein herangeführt werden und Eltern, die ihre Rolle in einer klaren Abgrenzung zu dem Kind verstehen, sollten das Kind führen, spiegeln und schützen.[30]

Die veränderten Rahmenbedingungen haben allerdings noch einen wesentlich weiter reichenden Einfluss auf das Aufwachsen. Nicht nur die Erziehung ist von dem gesellschaftlichen Wandel im Bezug auf die Jugend von Bedeutung. So birgt etwa die Entstandardisierung von Lebensläufen Unsicherheit für Jugend­liche. Durch die gesellschaftliche Veränderung existiert kein gegen­wärtiger Kon­sens über anzustrebende Ziele. Der Wandel von geschlossenen und verbind­lichen Systemen, wie das Aufwachsen in kleinen, lokal überschaubaren Kontroll­netzen, mit klaren Weltanschauungen, Autoritäten und Pflichtkatalogen, zu offen­en und flexiblen Systemen, bringt neue Beziehungsstrukturen ohne Tradition­en und mit nahezu zufälligen Mustern mit sich. Kompetenzen zur Ent­scheidungs­­fin­d­ung und zur Be­zieh­ungs­gestaltung gewinnen daher an Be­deutung, es entsteht ein Höchst­maß an Selbstverantwortung für Jugendliche. Diese entwickeln klare Vorstellungen von Gelingen und Versagen, wobei die Möglichkeit zu Versagen wahrscheinlicher scheint und auch ist. Dies liegt zum einen an dem Niveau eventuell erreichbarer oder als erreich­bar suggerierter Ziele und zum anderen an den eingeschränkten Möglich­keiten, wie sie aus dem in die Krise geratenen Arbeitsmarkt resultieren.[31]

Umso gravierender ist die Veränderung der emotionalen Befindlichkeit bei Jugendlichen. Besonders sensibel sind sie gegenüber Werten. Ihr meist hohes Werteideal lässt sie besonders auf Verlogenheiten oder Kompromisse Er­wachsener zwischen Moral und Bedürfnisbefriedigung achten. Eine Diffusion der Wertehaltung kann zu einer so genannten „no future-Perspektive“[32] führen, die sämtliche Moralvorstellungen nihilistisch abwertet und durch Macht- und Gewalt­demonstrationen ihre Frustration verdeutlicht.[33]

Im Gegensatz zu der Akzeleration kann es Jugendlichen auch passieren, dass sie trotz abgeschlossener körperlicher Reifung und des Erhalts aus­reichender Kompetenzen als Erwachsene nicht anerkannt werden. Entgegen der oft als lästig empfundene Fürsorge der Eltern kann in diesem Zeitalter der Aus- und Weiterbildung zumindest eine materielle Abhängigkeit noch über Jahre bestehen bleiben.[34] Aus den Veränderungen resultieren meist leichte Formen von Angst, Verwirrung und Depression. Über die üblichen Schwierigkeiten hinaus haben ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen diagnostizierbare psychische Störungen. Interessant ist es, dass während der Jugend mehr Jungen als Mädchen psy­chische Störungen aufweisen, im Erwachsenenalter allerdings eindeutig mehr Frauen als Männer erkranken. Zum Teil bestehen die Störungen, die ihren Ur­sprung in der Jugend haben, weiter bis ins Erwachsenenalter und verändern sich kaum, wie die Störung des Sozialverhaltens, Depressionen oder Angst­störungen, andere hingegen verändern sich radikal oder enden mit der Jugend, wie Ausscheidungs­störungen.[35]

In der stationären Erziehungshilfe liegt der Hauptschwerpunkt der Neu­auf­nahm­en mit steigender Tendenz in der Altersgruppe der Zwölf- bis Achtzehn­jährigen. Laut Richard Günder werden immer mehr ältere Kinder und Jugend­liche mit größeren Schwierigkeiten und persönlichen Problemen auf­genommen werden[36]. Eine Studie des Forschungsprojektes JULE[37] bestätigt dies. Bei der Analyse von 197 Jugendhilfeakten wurden als inhaltliche Gründe für die Aufnahme in die stationäre Erziehungshilfe neben der Störung der Eltern-Kind-Beziehung haupt­säch­lich Gründe wie das Kind als Opfer familiärer Kämpfe, Vernachlässigung, Gewalt- und Missbrauchserfahrungen, Lern- und Leistungs­rückstände, Konzen­trations- und Motivationsprobleme, aggressives Verhalten und psychische Auf­fällig­keiten festgestellt.[38] Die Erfahrungen der stationären Erziehungshilfe ver­deut­­lichen zum einen die drastischen Schwierigkeiten die mit dem Lebens­abschnitt der Jugend ver­bunden sein können und lassen ferner Rückschlüsse auf die Wohnheim­situation der psychisch kranken jungen Er­wachsen­en zu. Einige der ge­nannten Gründe für die Aufnahme in Heimen der Jugendhilfe sind sowohl Risikofaktoren für psychische Störungen als auch Gründe für die Aufnahme in von jungen Erwachsenen in sozialtherapeutischen Wohnheimen.

1.3 Der Eintritt ins Erwachsenenalter

Die ‚Phase’ in der sich junge Erwachsene befinden, ist nicht weniger schwierig als die der Jugend. In der Jugend ist die Suche nach der eigenen Identität legitim und von Bedeutung. Als Erwachsener sollte sie allerdings weitestgehend ab­ge­schloss­en sein. Da nun jeder Mensch zu seiner eigenen Zeit seine Ich-Identität entwickelt ist eine abgeschlossene Entwicklung beim Eintritt ins Erwachsenen­alter nicht zwangsläufig gewährleistet. Deshalb werden junge Erwachsene grob dem chronologischen Alter von 18 – 35 Jahren zugeordnet.

Die Selbstdefinition als Jugendlicher oder Erwachsener ist von dem Vollzug so­zialer Übergänge abhängig. Die Übernahme der Erwachsenenrolle geht mit individuellen Schlüsselereignissen einher, wie der Auszug aus dem Elternhaus, dem Erreichen eines Schulabschlusses oder dem Beginn der Berufstätigkeit, einer Heirat oder der Geburt des ersten Kindes. In welchem Alter Menschen dies­en sozialen Übergang vollziehen, ist ebenso individuell wie die Entwicklung der Ich-Identität, allerdings abhängig von verschiedenen Faktoren. Zum einen be­stimm­en das jeweilige Alter Faktoren, die in der Person liegen, wie der Zeitpunkt in dem die Pubertät eingesetzt hat oder der eingeschlagene Bildungsweg. So beginnt beispielsweise die Berufstätigkeit bei Abiturienten, die ein Studium abge­schlossen haben ca. ab dem 26. Lebensjahr, bei Hauptschülern allerdings schon mit ca. 16 Jahren. Zum anderen spielt die Herkunftsfamilie eine entscheidende Rolle, beispielsweise geht ein hoher sozioökonomischer Status mit Kindern ein­her, die länger im Bildungssystem verbleibenden. Außerdem ist der makrosoziale Kontext bedingend – es existieren nationale Unterschiede.[39]

Auch weil die Entwicklungs­über­gänge gravierenden sozialen Wandlungs­pro­zessen ausgesetzt sind, vor allem im Bezug auf die Entstandardisierung von Lebens­läufen, werden Lebensereignisse zeitlich verschoben erlebt.[40] Wie in der Jugend können der gesellschaftliche Wandel und die mit ihm einhergehenden Veränder­ungen den jungen Erwachsenen verunsichern. Die Entwicklung zum Er­wachsen­en wird demnach stark durch die Umwelt beeinflusst und ist immer in ihrem Kontext zu betrachten.[41]

Der Übergang ins Erwachsenenalter birgt Gefahren im Sinne psychischer Er­krank­ung­en. So kann beispielsweise, der mit der Übernahme der Erwachsenen­rolle einhergehende Auszug aus dem Elternhaus und dem damit verbundenem Verlust des Bezugsrahmens, wie zum Beispiel der Herkunftsfamilie, Trauer auslösend sein. Stellt die neue Umgebung für den jungen Erwachsenen eine Brücken­funktion dar, indem sie den alten Bezugsrahmen anerkennt, hat der sich entwickelnde Mensch die Möglich­keit an der Erfahrung zu wachsen. Ist diese positive Bedingung nicht gegeben, kann die Trennung jedoch Auslöser für psychiatrische Symptome sein. Das Verlassen des alten Bezugssystems kann ferner an eigenen Inter­essen begründet sein und so bei dem sich Entwickelnden Schuldgefühle auslösen. Grade wenn er im Vorfeld das Gefühl hatte, sich le­dig­lich den Erwartungen und Vor­stellungen Anderer untergeordnet zu haben, läuft er Gefahr sein eigenes Selbst aufgrund der Trennung zu verlieren. Isolation und Einsamkeit können die Folge sein. In dem Beitrag von Mathias Heißler et al. wird diese Entwicklung wie folgt be­schrieb­en:

„Im Übergang kommt es […] zu dem Gefühl, dass die persönliche Organisation bedroht ist, zur Angst, die eigene Kontrolle und das Gefühl der eigenen Getrenntheit zu verlieren. Vorübergehend wird unklar, was das Selbst ist, und was die anderen sind, es kommt zur Furcht, sich in der neu erworbenen Nähe zu verlieren, aufgesogen zu werden.“[42]

Wird der junge Erwachsene in dieser Phase von seinem neuen Umfeld nicht unterstützt, können Depression oder stellvertretende Symptome wie Arbeitssucht die Folge sein.[43]

Was die Generation der jungen Erwachsenen vereint, ist schwer zu definieren aufgrund ihrer Individualität. Aufschluss über gemeinsam wahrgenommenen Problematiken geben beispielsweise junge Erwachsen-Grupp­en, wie die des Universitätsklinikums in Mannheim[44] oder kirchlicher Ver­einigungen[45]. Die Junge-Erwachsenen-Gruppe in Mannheim hat den Rahmen einer Selbsthilfegruppe und beschäftigt sich mit Themen wie Zukunftsangst, Einsamkeit, Ausbildungs- und Studienabbruch, Prüfungsangst, depressiven Ver­stimmungen, Problemen bei der Partnerwahl und der Ablösung vom Eltern­haus.[46] Hier finden sich die gerade genannten Erkenntnisse aus Sicht der jungen Erwachsenen selbst wieder.

Indizien für das Lebensgefühl der jungen Erwachsenen sind auch in Zeitungen und Magazin­en zu finden, die in dieser Generation ihre Zielgruppe sehen. So ist bei­spiels­­weise die NEON[47] bis 2006 mit dem Untertitel ‚Eigentlich sollten wir erwachsen werden’ erschienen, sie sieht ihre Zielgruppe bei Männern und Frauen zwischen 20 und 30 Jahren.[48] Neben den Bereichen Politik, Gesellschaft, Mode, Sexualität, Karriere und Popkultur ist das Thema ‚Erwachsen werden’ ein fester Bestandteil des Maga­zins. Die Popularität dieses Themas lässt den Rück­schluss zu, dass die Generation der jungen Erwachsenen, den Bedarf nach Aufklärung verspürt. Außerdem wird durch die Unbefangenheit deutlich, dass sich, durch den sozialen Wandel bedingt, die Notwendigkeit, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, chronologisch nach hinten verschoben hat.

In dem NEON-Artikel „Keine Frage des Alters“[49] geht der Autor Tobias Zick auf die oben genannte Entstandardisierung von Lebensläufen ein und bezieht sich darauf, dass das chronologische Alter an Gewicht verliert. Früher habe die Jugend mit der Volljährigkeit geendet, heute würden sich die Grenzen immer mehr nach hinten verschieben. Laut Zick lege sich kaum noch ein Wissen­schaft­ler auf bestimmte Altersgrenzen fest. In der Lebensspanne der jungen Er­wachs­enen, bestehe die entwicklungspsychologische Aufgabe Intimität zu entwickeln. Ferner zitiert er die Entwicklungspsychologin Prof. Ursula Stau­ding­er der Jacobs University in Bremen, die sich im Gegensatz zu dem chrono­logisch­en Alter ebenso auf die Schwellen bezieht, die mit dem Übergang zum Erwachsenenalter verbunden sind. Bis Mitte 20, so Staudinger, entwickele sich natürlich das komplexe Geflecht aus Eigenschaften wie sozialem Einfühlungs­vermögen, Offenheit und Lebenserfahrung, später würde es Ein­flüssen von außen bedürfen, damit diese sich weiterentwickeln.

Ebenso plädiert Staudinger „[für eine] Transformation der Lebensläufe“[50], sie ist überzeugt, „dass es immer normaler werden wird, zwei oder mehr Berufs­karrieren zu durchleben.“[51] Da es für sie unverantwortlich wäre, die gewonnen drei Jahrzehnte Lebensspanne un­genutzt verstreichen zu lassen. Sie bezieht sich hier auf die Lebenserwartung, die im letzten Jahrhundert in den Industrie­nationen um drei Jahrzehnte ge­stiegen ist. Die Veränderungen durch den so­zialen Wandel bedeuten aber auch, dass der Mensch immer mehr Entscheidung­en treffen muss, die wiederum immer komplexer werden. Zick verweist in diesem Zusammenhang auf den Alters­forscher Paul Baltes, der von dem Gefühl spricht, alles richtig machen zu wollen, ohne zu wissen, was das Richtige ist.[52]

Dies entspricht der Aussage von Klatetzki et al.[53], dass zurzeit durch den gesellschaftlichen Wandel kein gegenwärtiger Konsens über die anzustrebenden Ziele besteht. Auf das von Paul Baltes genannte Gefühl reagiere die Psyche mit Sinnkrisen, wie dem bis dato un­bekannt­en Phänomen der ‚Quaterlife Crises’. Es beschreibt den quälenden Zweifel der Ende Zwanzigjährigen in westlichen Gesellschaften, ob sie das richtige tun.[54] Die Erkenntnisse Zicks stehen in einem klaren Zusammenhang zu den schon genannten Problematiken, die mit dem sozialen Wandel einhergehen.

Im Bezug auf die Entwicklung psychischer Störungen bei jungen Erwachsenen ist festzuhalten, dass die Umwelt entscheidende Einflüsse hat. Ob in der Kindheit durch peristatische Einflüsse, die Beziehung zu den Eltern, Bestärkung und Hemmung oder in der Jugend durch die komplexen Erfahrungen der Adoleszenz, der Neuorientierung oder des sozialen Wandels. Der Übergang in das Erwachsenenalter birgt vermehrt die Gefahr psychische Störungen zu erleid­en. Laut Heißler et al. herrscht innerhalb des psychiatrischen Diskurses jeher der Streit, ob eine Hilfe eher an Symptomen, Eigenschaften, dem Verhalten und Klassifikationen oder an der individuellen Entwicklung orientiert sein sollte.[55] Um zu verstehen, wer die Bewohner sozialtherapeutischer Wohnheime für psychisch erkrankte junge Erwachsene sind, ist es daher unumgänglich neben der Ent­wicklung auch allgemein den Begriff der psychischen Störung zu klären und die verschiedenen Formen vorzustellen.

2 Die psychischen Erkrankungen

2.1 Begriffsdefinition psychischer Störungen

Im Gegensatz zu körperlichen Befunden sind psychische Erkrankungen weit weniger eindeutig zu definieren, da sie sich auf das Fühlen und Denken eines Menschen beziehen.[56] Wer ist also dieser psychisch Kranke und wo ist die Grenze des sozialen Verständnisses zwischen normal und verrückt?

Für eine Definition des Begriffes Krankheit gibt es verschiedene Ansätze, außerdem sollte der Begriff Gesundheit berücksichtigt und erhellt werden. Medizinisch betrachtet geht eine Krankheit mit gewissen Symptomen und Ur­sachen einher. In diesem Zusammenhang beschreibt die gesetzliche Kranken­versicherung Krankheit als einen Zustand geistiger oder körperlicher Regel­widrigkeit mit der Folge einer Behandlungsbedürftig- oder Arbeitslosigkeit. Eine geistige oder körperliche Regelwidrigkeit ist dann vorhanden, wenn sie eine Abweichung von der durch das Leitbild des gesunden Menschen geprägten Norm darstellt. Laut Sunder[57] formuliert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der Präambel zu ihrer Satzung, Gesundheit als Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Das Frei-Sein von Gebrechen oder Krankheit ist hier nicht verankert.[58]

Die von der WHO herausgegebene ICD ist ein Diagnoseschlüssel, der Krankheiten international klassifiziert. Die aktuelle Revision ist die ICD-10, also die zehnte Fassung. Das amerikanische Vergleichswerk im Bezug auf psych­ische Störungen ist der DSM[59], herausgegeben von der Amerikanischen Psych­iat­rischen Vereinigung. Im Gegensatz zu der ICD-10 ist dieses ein nationales Klassifikationssystem. In Deutschland wurde am 1. Januar 2000 die ICD-10 für die gesamte medizinische Versorgung eingeführt und ist seitdem die Abrech­nungs­­grundlage von Gesundheitsleistungen im ambulanten wie im stationären Bereich. Das Kapitel V der ICD-10 stellt unter den Notationen F0-F9 psychische sowie Verhaltensstörungen vor. Der Begriff „Störung“ ersetzt den der Krankheit. Im Vergleich zu dem Gesamtverzeichnis stellt sich für die Psychiatrie eine Besonderheit heraus, die für keinen anderen Bereich der ICD-10 gilt: Allen Diagnosen ist eine Definition, ein erklärender Text, zugeordnet. Dies verdeutlicht den hoch einzuschätzenden Schwierigkeits­grad der psychiatrischen Diagnostik.

Ausgangspunkt für eine Bestimmung des Pathologischen ist die Annahme, dass es Normen des Psychischen gibt und eine Normalität des Verhaltens sowie des Erlebens. Normen sind definiert als allgemein akzeptierte Regeln. Abweichungen von Normen sind Delinquenz oder Verstöße gegen Ge­bräuche und Sitten. Abweichungen von der Normalität werden als Störungen der Funktion, des Er­leb­ens, der Intelligenz, des Bewusstseins oder des Verhaltens verstanden. Die Er­fassung einer Normalität des Erlebens begründet sich auf objektive Kriterien, die statistische Norm und die Idealnorm, die durch subjektive Anteile gelöst wird.[60] Ebenso unterliegt die Normalität dem sozialen Wandel,[61] was bedeutet, dass sie mit Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen variiert. Die In­dividualität liegt immer in der Reichweite der Normalität. Werden Erkenntnisse über die Realität, über die ein gesellschaftlicher Konsens besteht, oder realitätsbezogenes Handeln, beein­trächtigt oder aufgehoben, gilt dies als Störung, Abweichung oder nicht normal. Im Bezug auf psychische Störungen gilt die Normalitätsannahme, dass die Sinnesreize den Menschen über die Außenwelt informieren. Im Falle von Halluzinationen etwa ist dies nicht gegeben. Werden psychische Störungen beurteilt, ist zu bedenken, dass die Basis der Erkenntnis, also die Norm, an der sie gemessen werden, sich nicht aus bestimmt­en Phänomenen ergibt, sondern eine subjektive Wertung darstellt. Verhalten, das als nicht normal gilt, darf als dieses nicht zugeschrieben werden „durch die Gesellschaft oder den Psychiater als ‚Agent[en]’ der Gesellschaft“[62]. Es sollte von dem Betroffenen selbst als Abweichung erlebt und formuliert werden.[63] Schwierig sind in diesem Zusammenhang die so genannten Zwangseinweisungen durch das PsychKG[64]. Die Psychiatrischen Krankengesetze der jeweiligen Bundes­länder waren ursprünglich gedacht als Ausführungsgesetzte zu Artikel 2 Absatz 2 und Artikel 104 Absatz 2 des Grundgesetzes:

Art. 2 Abs. 2 GG „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Personen ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.“[65]

Art. 104 Abs. 2 GG: „Über die Zulässigkeit und Fortdauer einer Freiheits-entziehung hat nur der Richter zu entscheiden. Bei jeder nicht auf richterlicher Anordnung beruhenden Freiheitsentziehung ist unverzüglich eine richterliche Entscheidung herbeizuführen. Die Polizei darf aus eigener Machtvollkommenheit niemanden länger als bis zum Ende des Tages nach dem Ergreifen in einem Gewahrsam halten. Das Nähere ist gesetzlich zu regeln.“[66]

Heute regeln die PsychKGs allerdings nicht nur die Unterbringung psychisch kranker Menschen, sondern auch mögliche Hilfen, Krisenintervention und Schutz­maßnahmen. Die richterliche Anordnung, wie sie in Artikel 104 des Grund­gesetzes beschrie­ben wird, ist unbedingt nötig, da in psychiatrischen Kranken­häusern die zwangsweise Unterbringung eine Freiheits­entziehung darstellt. Als Voraussetzung einer Unter­bringung muss eine erhebliche behandlungsbedürftige psychische Störung oder Behinderung vorliegen, die mit selbst- oder fremd­gefährdendem Verhalten einhergeht. Die Unterbringung als Freiheits­ent­ziehung muss in einem angemessenen Verhältnis zu der Art und dem Grad der Gefährdung stehen, die von dem Kranken ausgeht.[67] Die Beurteilung des ange­messen­en Verhältnisses liegt bei dem zuständigen Richter, sie ist also subjektiv und meist geprägt durch die Meinung des psychiatrischen Arztes.

Der in der Psychiatrie gängige Krankheitsbegriff bezieht sich auf Störung­en im Ablauf der Lebensvorgänge, gekoppelt an eine verminderte Leist­ungs­fähigkeit und häufig auch Veränderungen des Körpers.[68] Deshalb lösen psychisch Erkrankte bei ihrem Gegenüber oft Betroffenheit, Angst, Abwehr und Befremden aus.[69]

Es sind verschiedene Blickwinkel auf eine psychische Erkrankung denk­bar. Der grundsätzliche Unterschied liegt darin, ob der Fokus auf den Menschen als soziales Wesen mit abweichendem Verhalten[70] oder auf die individuelle Ge­schich­te und die damit verbundenen ätiologischen Bedingungen[71] der Krankheit gerichtet ist. Der soziale und der inter­aktionelle Aspekt bei dem Menschen als soziales Wesen bedeutet, dass der Erkrankte sein Verhalten gegenüber seiner Umwelt verändert und die Umwelt auf den Erkrankten verändert reagiert. Der Erkrankte und die Umwelt modulieren sich gegenseitig. Dieser Kontext ist für die Klassifikation von Störungen und deren Ausprägung dementsprechend von entscheidender Bedeutung.[72]

[...]


[1] Zur Verbesserung der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit ausschließlich die männliche Form verwendet. Diese impliziert aber immer auch die weibliche Form.

[2] Vgl. http://www.bptk.de/aktuelles/news/98148.html; Stand: 13.01.2009.

[3] Vgl. Winterhoff, Michael, Warum unsere Kinder Tyrannen werden – Oder: Die Abschaffung der Kindheit, München 2008, S. 12, ebenso http://www.welt.de/ welt_print/article2890437/Die-neuen-Kinderkrankheiten.html und auch: http://www.welt.de /wissenschaft/article743320/Seelische_Krankheiten_bei_Kindern_nehmen_massiv_zu. html, Stand: 13.01.2009.

[4] Vgl. http://www.gesundheit.de/krankheiten/gehirn-nerven/psychische-erkrankungen-nehmen-zu/index.html; Stand: 13.01.2009.

[5] Brill, Karl-Ernst, Grundrecht Wohnen – „Ein Bett ist keine Wohnung“, in: Bock, Thomas / Weigand, Hildegand (Hrsg.), Hand-werks-buch Psychiatrie, Bonn 1992, S. 126.

[6] Vgl. http://www.awo-mh.de/html/spe/Microsoft_Word__Konzeption_Jugendhilfe.pdf; Stand: 02.01.2009, Konzept zur Arbeit mit jungen, psychisch erkrankten Volljährigen im Seppl-Kuschka-Haus, S. 3.

[7] Bock, Thomas / Weigand, Hildegard (Hrsg.), Hand-werks-buch Psychiatrie, Bonn 1992.

[8] I nternational Statistical C lassification of D iseases and Related Health Problems

[9] Vgl. Nissen, Gerhardt / Trott, Götz Erik, Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter, Berlin Heidelberg 1995, S. 5f.

[10] Vgl. Zapotoczky, Hans Georg / Fischhof, Peter Kurt, Psychiatrie der Lebensabschnitte – ein Kompendium, Wien 2002, S. 1.

[11] Vgl. Nissen / Trott, Störungen, 1995, S. 6.

[12] Vgl. Zapotoczky / Fischhof, Lebensabschnitte, 2002, S. 1.

[13] Vgl. ebenda, S. 27f.

[14] Vgl. Comer, Ronald J., Klinische Psychologie, Heidelberg 2008, S. 448.

[15] Vgl. Lange, Andreas, Kindesalter, in: Deutscher Verein für öffentliche und private Für­sorge e.V. (Hrsg.), Fachlexikon der Sozialen Arbeit, Baden-Baden 2007, S. 555f.

[16] Vgl. Comer, Psychologie, 2008, S. 448.

[17] Schmoller, Jordan W., Die Entstehung und Behandlung von Kindheit, in: Comer, Klinische Psychologie, Heidelberg 2008, S. 450.

[18] Vgl. ebenda, S. 450f.

[19] D iagnostic and S tatistical Manual of M ental Disorders, deutsch: Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen

[20] Vgl. Nissen / Trott, Störungen, 1995, S. 5-9.

[21] Vgl. Klatetzki, Thomas / Rößler, Jochen / Winter, Hagen, Lebensphase Jugend, in: Bock, Thomas / Weigand, Hildegard (Hrsg.), Hand-werks-buch Psychiatrie, Bonn 1992, S. 441.

[22] Vgl. Zapotoczky / Fischhof, Lebensabschnitte, 2002, S. 59.

[23] Vgl. Nissen / Trott, Störungen, 1995, S. 9.

[24] Vgl. Zapotoczky / Fischhof, Lebensabschnitte, 2002, S. 55f.

[25] Vgl. ebenda, S. 57.

[26] Vgl. ebenda, S. 58.

[27] Vgl. Nissen / Trott, Störungen, 1995, S. 9.

[28] Winterhoff, Tyrannen, 2008.

[29] Ebenda, S. 89.

[30] Vgl. Winterhoff, Tyrannen, 2008, S. 88f.

[31] Vgl. Klatetzki et al., Jugend, in: Bock, Thomas / Weigand, Hildegard (Hrsg.), Hand-werks-buch Psychiatrie, Bonn 1992, S. 446f.

[32] Zapotoczky / Fischhof, Lebensabschnitte, 2002, S. 58.

[33] Vgl. ebenda, S. 58.

[34] Vgl. Nissen / Trott, Störungen, 1995, S. 9.

[35] Vgl. Comer, Psychologie, 2008, S. 449.

[36] Günder, Richard, Praxis und Methoden der Heimerziehung, Freiburg im Breisgau 2007, S. 37.

[37] Das Forschungsprojekt Jugendhilfeleistungen ist ein vom Institut für Erziehungs­wissen­schaften der Universität Tübingen durchgeführte Evaluationsstudie zur retro­spek­tiven Längsschnittuntersuchung über den Erfolg von stationären und teilstationären Hilfen zur Erziehung.

[38] Günder, Heimerziehung, 2007, S. 34-37.

[39] Vgl. http://www.students.uni-marburg.de/~Nauj/downloads/03.%20Semester/ewp2/

zusammen­­fassungen/03-Enzyklop%C3%A4die%20der%20Psychologie.pdf;

Stand: 03.01.2009.

[40] Vgl. http://www.soziologie.uni-rostock.de/Sozialstruktur/tagungen/sektion/generation/ Konietzka_Huinink_Abstract_Erfurt.pdf; Stand: 03.01.2009.

[41] Heißler, Mathias / Heißler, Renate / Bock, Thomas, Übergänge: Entwicklung und Krisen Erwachsener – Hilfen jenseits der Medizin, in: Bock / Weigand (Hrsg.), Hand-werks-buch Psychiatrie, Bonn 1992, S. 469.

[42] Heißler et al., Übergänge, in: Bock / Weigand (Hrsg.), Hand-werks-buch Psychiatrie, Bonn 1992, S 479.

[43] Vgl. ebenda, S. 478f.

[44] http://junge-erwachsene.npage.de/treffen_75082630.html; Stand: 19.12.2008.

[45] Z.B. http://www.kja-freiburg.de/efj/dcms/sites/kja/fachstellen/jungeerwachsene/

ueberuns/index.html; Stand: 19.12.2008.

[46] Vgl. http://junge-erwachsene.npage.de/treffen_75082630.html; Stand: 19.12.2008.

[47] Vom Hamburger Verlagshaus Gruner und Jahr herausgegeben, nach eigener Aussage

das junge Magazin vom ‚stern’.

[48] Vgl. http://www.stern.de/presse/stern/:23.06.2003-Eigentlich/509564.html; Stand: 04.01.2009.

[49] Zick, Tobias, Keine Frage des Alters, in: NEON, 11/2008, S. 54-62.

[50] Zick, Alter, in: NEON, 11/2008, S. 62.

[51] Ebenda, S. 62.

[52] Vgl. Zick, Alter, in: NEON, 11/2008, S. 54-62.

[53] Vgl. S. 6 dieser Arbeit.

[54] Vgl. Zick, Alter, in: NEON, 11/2008, S. 54-62

[55] Vgl. Heißler et al., Übergange, in: Bock / Weigand (Hrsg.), Hand-werks-buch

Psychiatrie, Bonn 1992, S. 447

[56] Vgl. Haring, Claus, Psychiatrie, Stuttgart 1995, S. 7.

[57] Sunder, Ellen, Krankheit, in: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.), Fachlexikon der Sozialen Arbeit, Baden-Baden 2007, S. 589f.

[58] Vgl. ebenda.

[59] in der vierten Auflage

[60] Vgl. Haring, Psychiatrie, 1995, S. 13f.

[61] Vgl. Habich, Roland, „Sozialer Wandel“, in: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.), Fachlexikon der Sozialen Arbeit, Baden-Baden 2007, S. 865f.

[62] Haring, Psychiatrie, 1995, S. 15.

[63] Vgl. ebenda, S. 14f.

[64] Psychiatrisches Krankengesetz

[65] Art. 2 Persönliche Freiheitsrechte Abs. 2 GG, in: Stascheit, Ulrich, Gesetze für Sozialberufe, Stand: 1. September 2007, Baden-Baden 2007, S. 18.

[66] Art. 104 Freiheitsentzug Abs. 2 GG, in: Stascheit, Ulrich, Gesetze für Sozialberufe, Stand: 1. September 2007, Baden-Baden 2007, S. 43.

[67] Vgl. Marschner, Rolf, Psychisch-Kranken Gesetz (PsychKG), in: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.), Fachlexikon der Sozialen Arbeit, Baden-Baden 2007, S. 734f.

[68] Vgl. Dörner, Klaus / Plog, Ursula, Irren ist menschlich, Bonn 1996, S. 34.

[69] Vgl. Schröder-Rosenstock, Karl, Psychisch kranke Mensch, in: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.), Fachlexikon der Sozialen Arbeit, Baden-Baden 2007, S. 733f.

[70] Vgl. Dörner, Klaus, Mosaiksteine für ein Menschen- und Gesellschaftsbild – zur Orientierung psychiatrischen Handelns, in: Bock / Weigand (Hrsg.), Hand-werks-buch Psychiatrie, Bonn 1992, S. 38.

[71] Vgl. Buck, Dorothea / Bock, Thomas, Selbst-Verständlichkeit von Psychosen, in Bock, Thomas / Weigand, Hildegand (Hrsg.), Hand-werks-buch Psychiatrie, Bonn 1992, S. 15.

[72] Vgl. Rahn, Ewald, Umgang mit Borderline Patienten, Bonn 2003, S. 12.

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Perspektiven für psychisch erkrankte junge Erwachsene
Untertitel
Aus Sicht der Sozialen Arbeit im Wohnheim
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
85
Katalognummer
V123827
ISBN (eBook)
9783640285600
ISBN (Buch)
9783640286119
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Perspektiven, Erwachsene
Arbeit zitieren
Dipl. Sozialarbeiterin / -pädagogin Anna Luisa Piva (Autor), 2009, Perspektiven für psychisch erkrankte junge Erwachsene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123827

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