Historische Fiktion und fiktive Historie

Gottfried Kellers Geschichtsbegriff anhand der Züricher Novellen


Magisterarbeit, 2006

91 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Hochphase der historischen Literatur im 19. Jahrhundert – eine Einleitung

2. Die „Wirklichkeit“ des „literarischen Realisten“ Keller – Eine Darstellung der historischen Situation im 19. Jahrhundert
2.1. Strukturwandel auf ganzer Linie – zur politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklung in der Schweiz des 19. Jahrhunderts
2.2. Das Feuerbacherlebnis – Philosophisch-weltanschauliche Tendenzen und ihre Wirkung auf Keller
2.3. Die Bedeutung von Kellers Sozialisation und Weltanschauung für eine Rekonstruktion seines Geschichtsbegriffes – einige Arbeitshypothesen

3. Historische Fiktion und fiktive Historie – Analogien und Differenzen der Züricher Novellen hinsichtlich der Geschichtskonzeption
3.1. Die problematische Entstehung der Züricher Novellen
3.2. Die strukturellen Besonderheiten der Novellensammlung
3.2.1. Herr Jacques oder der multifunktionale Rahmen
3.2.2. Hadlaub und der Beginn der bürgerlichen Gesellschaft
3.2.3 Die erste bürgerliche Blütezeit – Der Narr auf Manegg
3.2.4. Individuelle Bewältigung geschichtlicher Veränderung – Der Landvogt von Greifensee
3.2.5. Versöhnung von Generationen durch nationale Festtradition: Das Fähnlein der sieben Aufrechten
3.2.6. Ursula – der neuralgische Punkt
3.3. Grundlagen und Bestandteile des Geschichtsbegriffes
3.3.1. Die Akzentuierung des Privaten gegenüber der Öffentlichkeit
3.3.2. Die zerstörerische Grundlage der Geschichte
3.3.3. Die Inszenierung von Dauerhaftigkeit
3.3.4. Wiederkehrende Generationskonflikte und deren Versöhnung als Zeichen des Reformationsprinzips
3.3.5. Gesegnetes Fleckchen Erde oder der Glaube an eine natürliche Ordnung der Geschichte

4. Rekonstruktion und Diskussion des Kellerschen Geschichtsbegriffes 79

Literaturverzeichnis

1. Die Hochphase der historischen Literatur im 19. Jahrhundert – eine Einleitung

In Bezug auf die Verarbeitung geschichtlicher Themen und Stoffe in der Literatur gilt das 19. Jahrhundert als Blütezeit. Seit Walter Scotts Roman Waverley (1814) kam es zu einer ganzen Flut von historischen Erzählungen und Romanen, so dass Geschichte als Leitmotiv in der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts anzusehen ist. Es verbindet Romantik und Restaurationszeit, durchzieht den Realismus und kulminiert im Historismus der Gründerzeit, bis sich in der Philosophie, etwa bei Nietzsche, und in der Kunst der Jahrhundertwende Protest regt.1 Dieser Dynamik konnte sich auch Gottfried Keller, eine der Leitfiguren des literarischen Realismus, nicht entziehen. Auf dem Höhepunkt des gründerzeitlichen Historismus erscheint Ende 1877 sein einziger expliziter Beitrag zur historischen Dichtung in Form der Züricher Novellen2. Mit diesem Titel begrenzt er den geographischen bzw. kulturellen Bereich, um dessen Historie es ihm geht, präzise auf die Stadt und den Kanton Zürich. Diese Spezifizierung lässt sich damit erklären, dass Keller als gebürtiger Züricher nicht nur eine besondere Verbindung zu dieser Region hatte, sondern auch durch seine Staatsschreibertätigkeit von 1861 bis 1876, die ihm des Öfteren Einblicke in die Geschichte seiner Heimat ermöglichte. Jedoch dürften sich anhand Kellers historischer Spezialdarstellungen in den Züricher Novellen durchaus Rückschlüsse auf sein Geschichtsverständnis im Allgemeinen ziehen lassen, da Literatur in der Regel das Allgemeine und Typische aufzuzeigen sucht3. Ferner kommt durch die Konzentration auf historische Stoffe die besondere Stellung zum Ausdruck, die die Vertreter der literarischen Strömung des Realismus – und damit auch Keller – der Geschichte als Grundlage ihrer Dichtungen beimaßen. Zieht man hinzu, dass Geschichtsforschung und das damit in Verbindung stehende Fortschreiben der Geschichte hauptsächlich deshalb betrieben werden, damit der Mensch seine eigene Gegenwart besser verstehen und erklären lernt, so lässt sich die immense Bedeutung der Geschichte für die Menschen im Allgemeinen, wie für die Dichter im Speziellen bereits erahnen. Dadurch wird nicht nur eine bestimmte Funktion, die Geschichte in Dichtung erfüllt bzw. erfüllen kann, impliziert, sondern auch ein damit einhergehendes Verständnis von und Verhältnis zu Geschichte, was sich unter einem dem entsprechenden Geschichtsbegriff subsumieren lässt.

Mit diesen Gedanken ist der Ausgangspunkt der folgenden Untersuchung umrissen. Da es mir in dieser Arbeit um die Rekonstruktion von Kellers Geschichtsbegriff geht, er selbst eine historische Person ist und auch der Untersuchungsgegenstand, die Züricher Novellen, Produkte einer längst vergangenen Zeit sind, kann dies nicht unter Ausblendung des historischen Kontextes des Autors sowie der Entstehungszeit der Erzählungen bzw. der dafür maßgeblichen historischen Bedingungen geschehen. Im Anschluss daran soll eine Analyse des Novellenzyklus’ zeigen, worauf sich Kellers Geschichtsinteresse konzentriert, wie die entsprechenden Bilder aus der Geschichte vermittelt werden und welche Anliegen sich damit bei ihm verbinden. Kurz, es geht um Intention, Erscheinungsbild und Poetik4 seines historischen Erzählens. Zum Abschluss der Arbeit werden die Analyseergebnisse dann auf ihre Konsequenzen hinsichtlich des Kellerschen Geschichtsbegriffes befragt und dieser rekonstruiert und diskutiert.

2. Die „Wirklichkeit“ des „literarischen Realisten“ Keller – Eine Darstellung der historischen Situation im 19. Jahrhundert

Jede Dichtung, wann immer sie auch entstanden ist und in welchem Gewand immer sie auch erscheint, hat es mit ’Wirklichkeit’ zu tun5 . Diese fundamentale, auf der aristotelischen Bestimmung der Dichtung als Mimesis6 beruhende Einsicht dürfte auch für die Autoren der literarische Strömung des Realismus grundlegend sein, insbesondere, weil diese durch die Aufnahme des Wortes „real“ in die Bezeichnung ihrer Schaffensperiode die Wirklichkeit bzw. das Wirkliche als einen der programmatischen Punkte ihres Schreibens formuliert haben. Und in der Tat kann in der wissenschaftlichen Literatur der Konsens gelten: Die deutsche Literatur nach der Mitte des 19. Jahrhunderts ist nicht darstellbar, ohne die sozialpolitischen und ökonomischen Vorgänge jener Zeit zu berücksichtigen.7 Aber auch der geistesgeschichtliche Hintergrund wird nicht gänzlich ausgeblendet werden dürfen. Dass mit dem programmatischen Realitätsbezug der Literatur in diesem Zeitabschnitt jedoch kein simples mimetisches Abbilden des gesellschaftlichen Alltages oder eine schlichte

Thematisierung der einschneidenden historischen Ereignisse gemeint sein kann, ist angesichts der Begriffe „poetischer“, „bürgerlicher“ oder „psychologischer“ Realismus8, aber auch durch den künstlerischen Rang von Autoren wie Raabe, Meyer, Hebbel, Stifter oder eben Keller selbstverständlich. Vielmehr handelt es sich um eine gewisse Art von Darstellung der Wirklichkeit in Dichtung, in der sich wiederum ein bestimmtes Verhältnis von Wirklichkeit und Dichtung zueinander ausdrückt9. Der Begriff des Realismus’ als historischer Zeitstil sagt in diesem Kontext zunächst einmal nur aus, daß die Dichtung in dieser Zeit sich stofflich, thematisch, in ihren Problemstellungen und in ihren Formprägungen, also in der von ihr gedichteten, fiktiven Welt, an die Grenzen hält, die durch die ‚natürliche’ oder endliche Erfahrung in Zeit, Raum, Kausalität und durch die seelisch-psychologische Erfahrung des Menschen als ein Existieren in den Beschränkungen dieser Erfahrungswelt bestimmt werden10. Es geht also vielmehr darum, wie wahrscheinlich ein dargestellter Sachverhalt ist, ob es so gewesen sein könnte und nicht darum, ob es tatsächlich so war. Und genau deswegen ist es durchaus berechtigt, davon auszugehen, dass es die literarischen Texte des Realismus vermögen kollektive Erfahrungswirklichkeit zu artikulieren, beispielhaft zu restrukturieren und nicht zuletzt einen bedeutenden Einfluß auf die symbolischen Sinnwelten einer Kultur auszuüben11. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Leben und Werk [der Dichter] sind in einem Maße zeitbezogen, antworten in einer Weise auf Fragen der Zeit, daß diese vorgeführt werden muß12 . Da es in dieser Arbeit um die „historische Wirklichkeit“ Gottfried Kellers gehen soll und er Schweizer war13, werden sich die folgenden Ausführungen auf die geschichtliche Entwicklung in der Schweizerischen Eidgenossenschaft beschränken14.

2.1. Strukturwandel auf ganzer Linie – zur politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklung in der Schweiz des 19. Jahrhunderts

Die politische Entwicklung der Schweiz im 19. Jahrhundert lässt sich nicht losgelöst von der ökonomischen betrachten, da sich beides wechselseitig beeinflusst hat. Aufgrund dieser Veränderungen wandelte sich letztlich auch die soziale Struktur des Landes. Um insbesondere die Veränderungen nach 1848 verständlich zu erläutern, scheint es mir angebracht, die Darstellung bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts beginnen zu lassen.

Mit der Gründung der Helvetischen Republik durch französische Revolutionsarmeen 1798 verloren die alten Aristokraten- und Patrizierfamilien ihre auf Abstammung, Bildung und Besitz fußende Hegemonie. Durch die Demokratisierung gelangte das aufstrebende Wirtschafts- und Bildungsbürgertum der vornehmlich ländlichen Gebiete, das bis dato politisch kaum Einfluss besaß, in Staatsämter. Ein politisches Mitspracherecht des Volkes wurde jedoch abgelehnt. Mit der künstlichen Errichtung dieses Zentralstaates von außen konnten zwar neue kulturelle und politische Impulse gegeben werden, aber die mangelnde Integration gewachsener Traditionen führte mehrfach zu Staatsstreichen und verfassungsrechtlichen Auseinandersetzungen. Allerdings löste die in der helvetischen Verfassung verankerte Handels-, Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit das Zunftsystem ab und öffnete so Tür und Tor für einen weiteren raschen ökonomischen Aufstieg – die Schweiz zählte in der ersten Jahrhunderthälfte zu den führenden Wirtschaftsmächten in Europa. Dies gilt insbesondere für die Textilindustrie, in der seit der Jahrhundertwende eine zunehmend maschinelle und mechanisierte Produktion Einzug hielt. Der Versuch eine moderne Wirtschafts-, Sozial- und Staatsordnung zu etablieren, scheiterte letztlich jedoch an deren innenpolitischer Instabilität und an fehlenden Staatsfinanzen.

Erst durch Napoleons „Mediationsakte“ (1803) kam die Schweiz wieder zur Ruhe, wenn auch nur vorübergehend und freilich um den Preis der Rückkehr zu politischen Traditionen des Ancien Régime. Das Land war nunmehr erneut ein Verbund souveräner Kantone mit einer schwachen Zentralgewalt und der Großteil des Bürgertums15 besaß kein politisches Mitspracherecht. Einige der durch die helvetische Revolution errungenen Freiheitsrechte blieben jedoch erhalten.

Erst die folgende Restauration (1815-1830) führte wieder gänzlich in vorrevolutionäre Zustände zurück und das damit einhergehende Wiedererstarken der konservativen Kräfte ließ die staatspolitische Entwicklung endgültig stagnieren. Abgesehen von wenigen Reichen aus der Schicht der aufstrebenden Bourgeoisie, den Aristokraten und Patriziern, erfüllte niemand die Bestimmungen des Zensuswahlrechts. Somit wurde die Politik zu einem Monopol der Reichen und Besitzenden. Vor allem durch uneinheitliche Bestimmungen im Postwesen, in der Währungsfrage, im Zoll- und Messwesen, bei der Armee sowie im Heimat- und Niederlassungsrecht schufen die Konservativen den Nährboden für die wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung und damit auch die Voraussetzungen für die zahlreichen Konflikte und Krisen der kommenden Jahrzehnte.

Durch die Aufhebung der Kontinentalsperre gegen England, von der die einheimischen Unternehmen zunächst noch profitiert hatten, und die Mechanisierung der Baumwollindustrie in den 1820er Jahren brach die Handspinnerei in der Schweiz vollends zusammen. Daraufhin kam es zwar zu einer Vielzahl von Firmenneugründungen, aber auch zu einer zunehmenden Polarisierung zwischen Klein- und Großunternehmen und einem hohen Wettbewerbsdruck, was letztlich wiederum viele Konkurse zur Folge hatte. Ausgelöst durch die Julirevolution in Paris (1830) übte die immer stärker werdende liberale Oppositionsbewegung, die ihre Zentren hauptsächlich in den frühindustrialisierten, ländlichen Gebieten hatte16, Druck auf die konservativen Obrigkeiten aus. Der sich so organisierende bürgerliche Mittelstand – bestehend aus Händlern, Großbauern, Verlegern, Fabrikanten, aber auch aus Intellektuellen und Beamten – forderte eine repräsentativ-demokratische und wirtschaftlich-einheitliche Ordnung auf Bundesebene. Binnen eines Jahres setzte man in elf der zweiundzwanzig Kantone neue Verfassungen durch, die sich durch eine repräsentative Demokratie mit Gewaltenteilung und Volkssouveränität auszeichneten. Die Durchsetzung der liberal-fortschrittlichen Ideen auf Bundesebene in der Phase der „Regeneration“ (1830- 1840) scheiterte jedoch am Widerstand der konservativen Föderalisten in den zumeist katholischen Kantonen, da diese den Verlust ihrer Souveränität und ihres Einflusses befürchteten. In Folge dessen verhärteten sich die Konflikte weiter und vom Lager der Liberalen spalteten sich die Radikalen ab, die sich zumeist aus Freiberuflern und Intellektuellen bäuerlicher Herkunft rekrutierten. Die breite liberale Allianz aus auf dem Land lebenden Handwerkern, Bauern sowie Arbeitern und städtischem Wirtschafts- und Bildungsbürgertum zerfiel gänzlich, da sich nun auch die aufsteigende Bourgeoisie von den niederen Volksschichten abgrenzte. Das Demokratieverständnis des schweizerischen Liberalismus gab der Freiheit den Vorrang vor der Gleichheit. Hier lag das Problem, das die Radikalen von den Liberalen trennte […], für die städtischen Eliten [hatten] die individuellen Freiheiten Priorität, für die breite Masse der Land- und Stadtbevölkerung aber zählte vor allem die Gleichheit.17 Bedingt durch den raschen technischen Fortschritt brachten die Jahre 1828 bis 1837 jedoch einen wirtschaftlichen Aufschwung. Durch den erhöhten Kapitalbedarf für neue Technik verschwanden aber weiterhin einige kleine Unternehmen vom Markt, die sich den Fortschritt schlichtweg nicht leisten konnten. Die Produktion konzentrierte sich zunehmend auf Großfabriken, wodurch allerdings die Schere zwischen arm und reich immer größer wurde.

Die anhaltende Radikalisierung der Interessen und Standpunkte Anfang der 1840er Jahre führte zunächst zu den Freischarenzügen 1844/45 gegen Luzern, wo es über die Jesuitenfrage zum Streit zwischen konservativer Regierung und liberal-radikaler Opposition gekommen war18. Auf der Seite der Radikalen nahm auch Gottfried Keller an den Freischarenzügen teil, erreichte jedoch nie die eigentlichen Kampfschauplätze19. Durch die folgende Wirtschafts- und Agrarkrise 1845-47 verschärfte sich die angespannte Lage weiter, weshalb die Eidgenossenschaft in jeglicher Hinsicht stagnierte. Ganze Landstriche verarmten und ließen die Kluft zwischen der ländlichen Anhängerschaft der mittlerweile tonangebenden Radikalen, den geschwächten städtischen Liberalen und den Konservativen unüberwindbar werden. Als 1846 schließlich bekannt wurde, dass sieben katholisch- konservative Kantone ein Schutzbündnis gegründet hatten und Radikale und Liberale sich daraufhin zusammenschlossen, ihre Vermittlungsversuche zur friedlichen Auflösung des Sonderbundes aber scheiterten, entschied das höchste Bundesgremium, die Tagessatzung, am 24. Oktober 1847 in Bern das Bündnis militärisch aufzulösen. Der folgende Bürgerkrieg zwischen den „Sonderbundskantonen“ und den eidgenössischen Truppen endete nach nur 26 Tagen mit einem Sieg letzterer. Das schnelle Ende des Krieges, wenige Kriegsopfer sowie das Ausbleiben schwerer Demütigungen seitens der Bundestruppen erleichterten allerdings eine schnelle Reintegration der besiegten Kantone. Insgesamt hatte der Sonderbundskrieg eine reinigende Wirkung: Die Kooperations- und Kompromissbereitschaft stieg in allen Lagern und bewirkte ein nationales Zusammenrücken. Am 12. September 1848 kam es schließlich zur Annahme der neuen Bundesverfassung. Der dadurch gewonnene neue Nationalstaat verband bisherige Erfahrungen und gewachsene Traditionen mit Neuem und schuf so eine nationale Identität – die Souveränität der Kantone wurde zum Großteil beibehalten, die Repräsentation der Bevölkerung gestärkt und es wurden zentralistische Institutionen als Verbindungselemente gegründet.

Mit der Annahme der Bundesverfassung war auch eines der Hauptziele der Liberalen umgesetzt worden: die Schaffung eines nahezu einheitlichen Wirtschaftsraumes ohne Binnenzölle. Damit waren alle Voraussetzungen für ein ungehemmtes Wirtschaftswachstum auf der Grundlage der bereits weit fortgeschrittenen Industrialisierung und dem kapitalistischen Wirtschaftssystem gegeben – aber eben auch für deren Schattenseiten. 1852 setzte sich der Liberale Alfred Escher20 mit seinem Entwurf eines Eisenbahngesetzes, das private Gesellschaften unter kantonaler Hoheit vorsah, durch. Die Konsequenz war zwar ein weit verzweigtes Netz kleiner und mittlerer, miteinander heftig konkurrierender Bahnen, aber auch ein undurchschaubares Geflecht von ökonomischen Interessen und politischer Macht – kurz, eine echte Vetternwirtschaft. Escher – eine der führenden Figuren dieser Entwicklung – bekleidete nicht nur zahlreiche staatliche Ämter, sondern besaß auch die Nordostbahn und die 1856 gegründete Kreditanstalt. Neben dem Eisenbahnbau zeichnete sich der rege Wirtschaftsaufschwung auch durch Gründungen von Handelsbanken aus, die ihr üppiges Kapital zum Großteil von patrizischen Familien bezogen. Zwischen 1850 und 1860 wurden allein sechs solcher Großbanken gegründet. Ihr Kapital stellten die Bankgesellschaften jedoch vorzugsweise großen kommerziellen Projekten wie etwa dem Eisenbahnbau zur Verfügung, so dass es Handwerker und Bauern zunehmend schwerer hatten Hypotheken auf ihren Grundbesitz aufzunehmen. Neben den Bauern und konservativen Vertretern ehemals mächtiger Familien, die beide ihre bisherige Lebensweise bedroht sahen, übten vor allem demokratisch gesinnte Intellektuelle und Handwerker, die die

„soziale Frage“ ins Zentrum rückten, Kritik am liberalen System mit seiner Vetternwirtschaft, das auch als System Escher21 bzw. Herrschaft der Reichen22 bezeichnet wurde. Zu diesen Kritikern zählte auch Gottfried Keller. Obgleich selbst Anhänger liberaler Ideen verfasste er am 07. Oktober 1860 einen Aufruf zur Wahlversammlung gegen seine früheren Förderer Escher und Jakob Dubs23. Zusammenhalt empfingen die unterschiedlichen Gruppen von Systemkritikern vor allem aufgrund der gemeinsamen Forderung nach mehr direkter politischer Mitsprache des gesamten Volkes – das Repräsentativsystem der Liberalen sollte abgeschafft werden. Wie schon in der ersten Jahrhunderthälfte begannen die Auseinandersetzungen auch jetzt in den Kantonen. 1866 kam es zunächst infolge eines Handelspaktes mit Frankreich zu einer Teilrevision der Bundesverfassung, durch welche zunächst Gesetze aufgehoben wurden, die Juden diskriminierten. Drei Jahre später gewannen schließlich die Demokraten den innenpolitischen Kampf und fortan wurde die Regierung direkt vom Volk gewählt und auch das Parlament sah sich der Kontrolle durch die Bevölkerung ausgesetzt, weil ihm zahlreiche Gesetzesbeschlüsse zur Abstimmung vorgelegt werden mussten. Der Erfolg der Demokraten in der „trockenen Revolution“ auf kantonaler Ebene machte schließlich eine Gesamtrevision der Bundesverfassung erforderlich, die zwar 1872 noch am gemeinsamen Widerstand der katholischen Kantone der Innerschweiz und reformierter Kantone der Westschweiz scheiterte, aber schließlich 1874 vor dem Hintergrund des Kulturkampfes zwischen dem liberalen Rechtsstaat und der römischen Kirche24 verabschiedet wurde. Die neue Verfassung stellte zwar im ökonomischen Sektor durch die endgültige Vereinheitlichung des Wirtschaftsraumes die Vollendung des liberalen Systems dar, beendete innenpolitisch aber die liberale Periode durch die Einführung der modernen Referendumsdemokratie, in der jedes Gesetz dem Volk durch Unterschriftensammlung zur Abstimmung vorgelegt werden konnte. Zudem sicherte sich der Staat die Hoheit bezüglich der Sozialgesetzgebung. Gottfried Keller stand der Entwicklung zur direkten Demokratie allerdings skeptisch gegenüber, weil er befürchtete, dass so Demagogen und politische Dilettanten großen Einfluss auf die Volksmeinung haben würden und deshalb zur eigentlichen Macht im Staat werden könnten25.

Wirtschaftlich gesehen, kann in der Schweiz nach 1848 von einer Gründerzeit gesprochen werden. Die zahlreichen Unternehmensgründungen vornehmlich in den ersten beiden Jahrzehnten des Nationalstaates im Bereich des Eisenbahn- und des Maschinenbaus, der chemischen Industrie sowie der weitere Aufstieg der Uhrenmacherei und die massive Zunahme von Handelsbanken bestätigen dies. Aber kein Licht ohne Schatten: Für andere Wirtschaftszweige wie die Textilindustrie oder auch die Landwirtschaft standen die Zeichen spätestens seit 1874 auf Depression. Während die Textilwirtschaft zunächst noch florierte26, langsam aber sicher vom Maschinenbau und der chemischen Industrie verdrängt wurde, und daher viele Arbeitslose hinterließ, machte der Landwirtschaft vor allem der internationale Getreidehandel mit Billigimporten aus Osteuropa und den Überseegebieten zu schaffen, die nun durch Hochseeschifffahrt und Eisenbahntransporte auf den heimischen Markt gelangten und die Preise drückten. Zwar fanden einige Bauern später im Export von Milchprodukten einen Ausgleich, was jedoch den Schwund der Landbevölkerung27 und ihre zunehmende

Pauperisierung28 nicht aufzuhalten vermochte. Aber auch in florierenden Wirtschaftszweigen kam es durch den immensen technischen Fortschritt und den kapitalistischen Konkurrenzkampf zu Problemen. Es herrschten zum Teil menschenunwürdige Arbeits- und Lebensverhältnissen, was vor allem die wachsende Zahl der Proletarier zunehmend unsicherer in die Zukunft blicken ließ. Unhygienische Zustände in den Fabriken, 14-stündige Arbeitstage und Kinderarbeit verlangten Antworten auf die „soziale Frage“29. Der Grütliverein30, in dem sich die Arbeiterbewegung der Schweiz schon seit 1838 organisierte, setzte sich seit jeher für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse als auch für mehr politisches Mitbestimmungsrecht der Arbeiter ein und wurde deshalb zu einem wichtigen Verbindungsglied zwischen der Arbeiterklasse und der demokratischen Bewegung. Zu bundesweiten Verbesserungen kam es aber erst 187731. Weit weniger Einfluss hatten zu dieser Zeit der 1873 gegründete Arbeiterbund und dessen spätere Folgeorganisation, der Schweizer Gewerkschaftsbund. Letztlich gingen die 70er und 80er Jahre wegen ihrer insgesamt gedämpften wirtschaftlichen Lage als die Zeit der „Großen Depression“ in die Geschichte32 ein. Doch nicht nur auf dem ökonomischen Sektor hatte die neue Bundesverfassung durchaus Krisenpotential. Auch in politischer Hinsicht kam es immer wieder zu Konflikten. Die Möglichkeit über Gesetze in Volksreferenden entscheiden zu lassen, bot den katholischen Kantonen ein probates Mittel, um Blockadepolitik zu betreiben. Bei jedem Gesetz, das auch nur befürchten ließ, gegen föderalistische Rechte zu verstoßen, sammelte man die nötigen 30 000 Unterschriften und legte es dem Volk zur Abstimmung vor. Bei 19 Volksreferenden zwischen 1874 und 1891 gelang es den Katholiken 13 Mal die Gesetze der freisinnigen Parlamentsmehrheit aus Radikalen, Liberalen und Demokraten zu kippen. Das sorgte neben der ökonomisch instabilen Lage für weitere Verunsicherung in der Bevölkerung.

Insgesamt gesehen, führten die politischen und ökonomischen Entwicklungen in der Schweiz des 19. Jahrhunderts – und nicht nur dort – zu einer Veränderung der Gesellschaft, zu einer Ausdifferenzierung der sozialen Struktur. Während Aristokratie und Patriziat an gesellschaftlicher Macht verloren, gewann vor allem die durch den wirtschaftlichen Aufschwung entstehende und stetig zunehmende Bourgeoisie an Einfluss. Eine Differenzierung der Klassenverhältnisse, eine Häufung der Klassengegensätze, eine Vermannigfaltigung der Klassenbestrebungen wurde deutlich, die sich nicht mehr von den vorkapitalistischen, mehr patriarchalischen und gesellschaftsmoralischen Denkformen her ordnen ließen. Das Bürgertum, rasch reich und mächtig werdend, stimmte mit dieser Entwicklung um so mehr überein, da ihm keine geistigen und geschichtlichen Gegengewichte einlegten.33 Die Schattenseite dieser Entwicklung ist durch wachsende Armut der Bauern und Arbeiter, also der unteren Bevölkerungsschicht, gekennzeichnet, deren einziges Kapital in ihrer Arbeitskraft lag, und die deshalb zunächst kaum politisches Gewicht besaßen, um an den menschenverachtenden Zuständen, die aus Profitgier ihrer bourgeoisen Arbeitgeber entstanden waren, etwas zu ändern. Erst die allmähliche Entwicklung des Proletariats zum Massenphänomen in den 1870er Jahren begann dies langsam zu ändern. Zum Klassenkampf zwischen der Masse der Arbeiter und dem Bürgertum kam es aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts34. Trotz der in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht zum Teil vorbildlichen Entwicklung der Eidgenossenschaft im 19. Jahrhundert wurde sie – wie zu sehen war – nicht von Konflikten und Krisen verschont, weshalb auch für sie die Worte Droysens Geltung besitzen, dass es sich bei dieser Entwicklung um eine jener großen Krisen [handelt], welche von einer Weltepoche zu einer anderen hinüberleiten35 . In der Verunsicherung, die solche Krisenzeiten bzw. Zeiten der Veränderungen in der Bevölkerung zwangsläufig hervorrufen, ist ein Grund für die verstärkte Hinwendung zur und dem verstärkten Interesse an Geschichte zu sehen. Nicht nur das Schwelgen in der Vergangenheit kann als typisch für diese Zeit gelten, sondern vielmehr die Suche nach gesellschaftlicher Verankerung, denn das bürgerliche Bedürfnis nach Anlehnung hat vor allem der historischen Dichtung ein breites Feld zugewiesen36. Aber auch ein großer Besitz an Tradition nötigte zur Verarbeitung, zur Klärung und Verantwortung der eigenen Schaffensintentionen. Er bot ein umfangreiches geschichtliches Erbe an, das mit wechselnder Intensität aufgenommen, fortgeführt oder nachgeahmt wurde, in jedem Falle das Bewußtsein der Zeitlichkeit des dichterischen Sprechens zwischen Altem und Neuem, Überkommendem und Eigenem hervorrief37.

In Ansätzen wurde bei der historischen Betrachtung auch die Entwicklung Gottfried Kellers sichtbar. Nach mancher Irrung und Wirrung seiner Jünglingsjahre hat er das strenge, bürgerliche Arbeitsethos nicht nur anerkannt, sondern auch gelebt38 . Nach seinem Zu-spät- Kommen am ersten Arbeitstag als Staatsschreiber bescheinigten ihm selbst seine Gegner, ein Muster von Fleiß, Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit39 gewesen zu sein. Als scharfsinniger Zeitzeuge waren ihm weder das Glück der Gründerjahre, noch die Schrecken der Krisenzeiten fremd. Doch selbst aus persönlichen Rückschlägen wurde bei Keller nie Verbitterung oder Resignation. Dies wird sich im folgenden Kapitel auch anhand der philosophisch-weltanschaulichen Tendenzen zeigen, die auf ihn gewirkt haben bzw. bei ihm wirkungslos blieben.

2.2. Das Feuerbacherlebnis – Philosophisch-weltanschauliche Tendenzen und ihre Wirkung auf Keller

Maßgeblichen Einfluss auf das Denken in der Literaturepoche des Realismus und insbesondere auf das Kellers hatte die schon in der Zeit des Vormärz’ wirkungsmächtige Philosophie Ludwig Feuerbachs40. Seine Auflösung der Religion in Anthropologie, seine Wendung zu einer diesseitigen, sinnlich erfaßbaren Wirklichkeit schlossen damit alle falsche

‚Poesie’, die das Leben von außen her schmücken wollte, aus.41 Feuerbachs philosophisches Programm, dass er 1849 während seiner Vorlesung über das Wesen der Religion in Heidelberg, an der auch Keller teilnahm, auf die pointierte Formel brachte, dass die Menschen aus Theologen zu Anthropologen, aus Theophilen zu Philanthropen, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus religiösen und politischen Kammerdienern der himmlischen und irdischen Monarchie und Aristokratie zu freien, selbstbewußten Bürgern der Erde zu machen42 seien, war Resultat seiner zuweilen bissigen Religionskritik. Mehr noch als die Philosophen der französischen Aufklärung sah Feuerbach in dem religiösen Unterschied zwischen Gott und Mensch und den darauf basierenden Erkenntnissen der Theologie nicht nur einen Betrug, sondern vielmehr eine Illusion43. Deshalb sah er es als seine Aufgabe an, den Anthropomorphismus und die Projektionen der religiösen Vorstellungen analytisch aufzulösen44. Bereits in seinem Hauptwerk Das Wesen des Christentums (1841) hatte er bewiesen, daß zwischen den Prädikaten des göttlichen und menschlichen Wesens, folglich […] zwischen Prädikat und Subjekt kein Unterschied45 bestehe, so dass letztlich auch zwischen dem göttlichen und menschlichen Subjekt oder Wesen kein Unterschied ist46. Eine Erkenntnis, die jedoch nicht bedeuten sollte, dass Religion und ihre Wissenschaft, die Theologie, von nun an nichtig wäre, sondern lediglich dazu aufforderte, ihren Gegenstand zu präzisieren und ihre Stellung zu überdenken. Feuerbach erniedrigte die Theologie zur Anthropologie und erhob so die Anthropologie zur neuen Theologie: Ist das Wesen des Menschen das höchste Wesen des Menschen, so muß

auch praktisch das höchste und erste Gesetz die Liebe des Menschen zum Menschen sein.47 Als oberster Grundsatz, als Wendepunkt der Weltgeschichte48 fungiert bei Feuerbach folglich der Satz: homo homini deus est49 – der Mensch ist des Menschen Gott. Die Wirkung dieser Erkenntnisse schätzte Feuerbach schon damals treffend ein, wobei Kritik an typischen Erscheinungen der Zeit nicht ausbleibt:

Aber freilich für diese Zeit, welche das Bild der Sache, die Kopie dem Original, die Vorstellung der Wirklichkeit, den Schein dem Wesen vorzieht, ist diese Verwandlung, weil Enttäuschung, absolute Vernichtung oder doch ruchlose Profanation; denn heilig ist ihr nur die Illusion, profan aber die Wahrheit.50

In den Vorlesungen über das Wesen der Religion erweiterte Feuerbach dann die auf Erkenntnistheorie fußende Religionskritik um eine Naturbasis, was in der Formel Theologie ist Anthropologie […] und Physiologie51 zum Ausdruck kommt. Das heißt, das Wesen, dem der Mensch seine Entstehung und Existenz verdankt, welches die Ursache oder der Grund des Menschen ist, […] das ist und heißt bei mir nicht Gott […], sondern Natur52. Diese materialistische Erweiterung, gegen die er sich früher noch verwehrt hatte53, nimmt Feuerbach nicht zuletzt unter dem Eindruck und Einfluss zahlreicher Erkenntnisse im Bereich der Naturwissenschaften vor, wodurch seine Philosophie weitere Festigung erfuhr54. Die Wirkung dieser Philosophie auf Keller muss außerordentlich gewesen sein55. An seinen Freund Wilhelm Baumgartner schrieb er am 28. Januar 1849:

Ich werde tabula rasa machen (oder es ist vielmehr schon geschehen) mit allen meinen bisherigen religiösen Vorstellungen, bis ich auf dem Feuerbachschen Niveau bin. Die Welt ist eine Republik, sagt er, und erträgt weder einen absoluten, noch einen konstitutionellen Gott (Rationalisten). Ich kann einstweilen diesem Aufruf nicht widerstehen. Mein Gott war längst nur eine Art von Präsident oder erstem Konsul, welcher nicht viel ansehen genoß, ich mußte ihn absetzen. (GB, 1, S. 274)56

Hatte Keller Feuerbach zuvor noch in einer Rezension von Ruges Werken ein wenig angegriffen (GB, 1, S. 273), so rückte ihm dessen Philosophie nun ins Zentrum des eigenen Denkens57. Ergänzt und begünstigt wurde dieses Bildungserlebnis durch die Vorlesungen des Literaturhistorikers Hermann Hettner und die anthropologisch orientierten Vorträge des Anatomen und Pathologen Jakob Henle58. Mit der Aufgabe der metaphysischen Instanz Gott fallen aber auch alle damit verbundenen Glaubensreliquien, insbesondere der Jenseitsglaube und der Gedanke individueller Unsterblichkeit. Die Konsequenz dessen ist – wie schon bei Feuerbach – eine Hinwendung zum diesseitigen Leben, die vom Bewusstsein der Zeitlichkeit aller Dinge, allem voran der des menschlichen Lebens, begleitet wird. Anstatt zur Erklärung der Phänomene des menschlichen Lebens auf die metaphysische Instanz Gott zurückzugreifen, erfolgt der erklärende Rückgriff – dank Feuerbach und der ihm zuarbeitenden Naturwissenschaftler – nun auf die Natur, der jetzt wiederum alle Begründungsmöglichkeiten durch wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt immanent sind59. Es kann daher kein Zweifel bestehen, dass diese Ansichten einen gewissen Optimismus förderten. So schreibt Keller denn auch:

Für mich ist die Hauptfrage die: Wird die Welt, wird das Leben prosaischer und gemeiner nach Feuerbach? Bis jetzt muss ich des bestimmtesten antworten: Nein! im Gegenteil, es wird alles klarer, strenger, aber auch glühender und sinnlicher. – Das Weitere muß ich der Zukunft überlassen, denn ich werde nie ein Fanatiker sein und die geheimnisvolle schöne Welt zu allem Möglichen fähig halten, wenn es mir irgend plausibel wird. (GB, 1, S. 275)

Keller in der Folge des Wirkens der Feuerbachschen Philosophie auf ihn Fanatismus unterstellen zu wollen, wäre ein kaum zu entschuldigender Fauxpas – zumal schon die Philosophie seines Lehrers eine Verabsolutierung jeglichen Gedankengutes ablehnte60. Die am Ende des Zitates angedeutete Prüfungsinstanz – der eigene Intellekt und die daraus resultierende Plausibilität – werden, wie seine künftigen Werke zeigen, für ihn maßgeblich bleiben61. Und eben diese Instanz schließt eine bedingungslose Hörigkeit, wie sie der Fanatismus impliziert, aus. Damit ließe sich auch erklären, warum die von Skepsis und Pessimismus geprägte Philosophie Arthur Schopenhauers auf Keller wirkungslos bleibt62.

Die resignativen, zuweilen fatalistischen Schlussfolgerungen des anderen einflussreichen Philosophen der Zeit hinsichtlich der Geschichte und des Lebens überhaupt, weswegen er im Blick auf Feuerbach durchaus als dessen Antipode gelten kann63, halten der Plausibilitätsprüfung des Kellerschen Intellekts offenbar nicht stand oder erweisen sich wenigstens mit seinen Einstellungen als unvereinbar. In den unterschiedlichen Schlüssen, die Feuerbach und Schopenhauer auf der Grundlage der gleichen geschichtlichen Situation, ziehen64, dokumentiert sich jedoch einmal mehr der von Antithesen geprägte Charakter des

19. Jahrhunderts. Diesem Spannungsfeld, wie denn die neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über die Hegemonie der Materie mit dem alten Gedankengut eines moralisch- sittlichen geprägten Gesellschaftsideals vergangener Epochen vereinbar sind, sehen sich auch Gottfried Keller und andere Vertreter des literarischen Realismus ausgesetzt.

2.3. Die Bedeutung von Kellers Sozialisation und Weltanschauung für eine Rekonstruktion seines Geschichtsbegriffes – einige Arbeitshypothesen

Kellers Verbundenheit zu seiner Heimat, sein Interesse und seine rege Anteilnahme am kulturellen und politisch-öffentlichen Leben legen – wie auch der Titel Züricher Novellen – nahe, dass es ihm bei seinem Blick in die Geschichte vornehmlich um das Verständnis der politischen, sozialen und kulturellen Entwicklung der Menschen in Zürich bzw. der Schweiz geht. Da die ihn umgebende „Realität“ als ein problematischer epochaler Übergang zu charakterisieren ist, ist ferner zu vermuten, dass er mit der Thematisierung vergleichbarer Übergangszeiten Lösungsansätze für aktuelle Probleme intendierte.

Wenn die Religion und die metaphysische Instanz Gott sowie die damit verbundenen Glaubensreliquien einer „aufgeklärten“ naturwissenschaftlichen bzw. anthropologischen Sicht weichen müssen, so scheidet ein religiös begründetes Geschichtsverständnis, etwa in Form der Heilsgeschichte, von vornherein aus. Ein erklärender Rückzug der historischen Entwicklung auf einen vollends determinierten Verlauf ist demnach ebenso unwahrscheinlich. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Menschen für ihre Entwicklung zumindest mitverantwortlich zu machen wären, wodurch sich eine der wichtigsten Fragen der Geschichtswissenschaft und -philosophie stellt: Wer ist das geschichtsmächtige Subjekt?

Durch den prägenden Materialismus Feuerbachs und der ihm zuarbeitenden Naturwissenschaftler wird hinsichtlich Kellers Geschichtsbegriff der Glaube an den zyklischen Verlauf von Geschichte – im Sinne eines ewigen Werdens und Vergehens von Menschen, ihren Kulturen und damit die Wiederkehr von historischen Ereignissen und Situationen – wahrscheinlich. Die Wiederkehr wenn auch nicht gleicher, so aber doch ähnlicher Begebenheiten würde aufgrund von bestimmten Ähnlichkeitsrelationen zudem eine Komparation von vergangenem und gegenwärtigem Geschehen ermöglichen. Ferner wäre es möglich, dass das Bewusstsein der Zeitlichkeit aller Dinge bei Keller zu einem gemäßigten Fortschrittsglauben geführt hat. Darauf deutet zumindest der Schluss hin, der aus dem Wegfall des religiösen Jenseitsglaubens hinsichtlich der Erfüllung des Lebens nach dem Tod zu ziehen ist. Demnach liegt es in der Hand eines jeden Menschen als für sich selbst verantwortliches Subjekt sein irdisches Leben so angenehm wie möglich zu machen, da keine Chance auf eine Erfüllung der eigenen Vorstellungen im Himmel zu erhoffen ist. Ein naiver Glaube an einen ständigen Fortschritt im Verlauf der Geschichte wäre aufgrund von Kellers Intellekt und seiner Weltanschauung jedoch unplausibel. Schließlich dürften Kellers liberales Bewusstsein und das Erfahren eines pluralistischen Systems, in dem sich Dinge wechselseitig beeinflussen, dazu führen, dass die Gefahr von Rückschlägen, etwa durch Kriege oder andere anarchistische Zustände, immer präsent sind. Und genau deswegen ist auch ein teleologischer Geschichtsbegriff unwahrscheinlich, da zwar das Ende einzelner Individuen sowie ganzer Kulturen durchaus determiniert ist oder sein kann, doch es steht in der Macht der Einzelnen wie auch einer ganzen Gesellschaft drohendes Unheil durch entsprechendes Handeln abzuwenden. Die Folge wäre ein Glaube an prinzipiell offene Ausgänge historischer Prozesse. Doch dies sind alles vage Vermutungen, die sich zudem teilweise widersprechen. Sehen wir uns Kellers Umgang mit der Geschichte und die sich daraus für seinen Geschichtsbegriff ergebenden Rückschlüsse en detail an.

3. Historische Fiktion und fiktive Historie – Analogien und Differenzen der Züricher Novellen hinsichtlich der Geschichtskonzeption

Wie schon der Titel Züricher Novellen offenbart, verbindet alle Erzählungen der gemeinsame Schauplatz Zürich und Umgebung. Inwieweit darüber hinaus zwischen den Einzelerzählungen Parallelen bestehen, soll dieses Kapitel zeigen. Daher werden zunächst die problematische Entstehungsgeschichte und der nicht minder auffälligen Aufbau der Erzählsammlung beleuchtet sowie die daraus gewonnenen Erkenntnisse auf ihre Bedeutung für Kellers Geschichtsbegriff befragt. Im Anschluss daran sollen die für das Ziel dieser Arbeit relevanten strukturellen und inhaltlichen Analogien sowie Differenzen thematisch geordnet dargestellt werden.

3.1. Die problematische Entstehung der Züricher Novellen

Obgleich die Züricher Novellen 1876/77 in Zürich entstanden sind bzw. vollendet wurden und - vorausdatiert auf das Jahr 1878 – im Dezember 1877 in zwei Bänden beim Verlag bei

Göschen in Stuttgart erschienen65, ist ihre Entstehungsgeschichte keineswegs so einfach und eindeutig rekonstruierbar, wie es zunächst den Anschein hat.

Die älteste der Erzählungen, Das Fähnlein der sieben Aufrechten, entstand bereits von Ende Februar bis Ende Mai 1860 und wurde im Herbst desselben Jahres – etwas mehr als 17 Jahre vor dem Erscheinen des Zyklus’ – in Berthold Auerbachs Volkskalender selbständig veröffentlicht66. Kurz nach der Fertigstellung des Fähnleins erwähnte Keller in einem Brief vom 25. Juni Auerbach gegenüber erstmals eine Reihe Zürichernovellen [.] schreiben (GB, 3.2, S. 197) zu wollen. Bedingt durch sein Amt als Staatsschreiber des Kantons Zürich, in das Keller am 14. September 1861 gewählt wurde67, sollte dieser Plan ihn aber erst ein gutes Jahrzehnt später wieder beschäftigen. An seinen neuen Verleger Ferdinand Weibert68 schreibt Keller am 13. Dezember 1872:

Der Band, von dem ich Ihnen einmal sprach, würde aus einer vor 12 Jahren in Auerbachs

„Volkskalender“ erschienenen Erzählung „Das Fähnlein der sieben Aufrechten“ und einer noch zu schreibenden Erzählung bestehen, die bereits angefangen ist. Vielleicht kommt noch etwas hinzu.69 (GB, 3.2, S. 234)

Das Wichtige an dieser Äußerung ist der Hinweis auf eine schon begonnene Erzählung, die es noch fertig zu schreiben gilt70 und die zusammen mit dem Fähnlein die späteren Züricher Novellen bilden soll. Bis zum 23. Dezember 1874, als Keller dem Herausgeber der Deutschen Rundschau Julius Rodenberg, der ihn zuvor um publizistische Mitarbeit gebeten hatte, mitteilt, dass es sich bei dieser eigentlich um eine kleine ineinander verflochtene Erzählungsgruppe mit gemeinsamem Hinter- oder Untergrund (GB, 3.2, S. 335) handle, bleibt es bei der Rede von nur einer Erzählung71. Erst ein halbes Jahr nach der eingetretenen Änderung der Pläne und ihrer Mitteilung an Rodenberg erwähnt Keller seinem Verleger Weibert gegenüber in einem Brief vom 20. Mai 1875, dass aus der einen Erzählung mittlerweile ein Konvolut kleiner Geschichten, die an einer hängen (GB, 3.2, S. 252), geworden ist. Hier wird deutlich, dass es zwar mehrere Erzählungen sind, sie aber von einer abhängig und daher vermutlich aus dieser hervorgegangen sind. Am 06. Juni 1876 bemerkt Keller in einem Brief an Rodenberg, daß die sogenannte Rahmennovelle nicht groß, sondern mehr ein humoristisches Akkompagnement ist (GB, 3.2, S. 341). Den Bedeutungsverlust der ursprünglich als eine größere Novelle konzipierten und nun zur Rahmennovelle herab gestuften Erzählung komplettiert Kellers Mitteilung an Weibert vom 18. September 1877, dass Herr Jacques nicht im Inhaltsverzeichnis des ersten Bandes der Buchausgabe erwähnt werden solle, zumal es nur eine Randzeichnung ist (GB, 3.2, S. 280). All diese Briefstellen und Karl Reicherts damit zwanglos vereinbare Strukturanalyse72 sowie der sein Analyseergebnis – das eine vorhandene Ur-Version der Rahmenhandlung Grundlage selbiger war – unterstützende Fakt, dass Keller bereits 1863 Bodmers Sammlung über die Minnesänger erworben hat73, können die Vermutung, dass die letzten Endes drei gerahmten Erzählungen der Züricher Novellen ursprünglich aus einer – nämlich der später zur Rahmenerzählung verkleinerte Ur-Version – hervorgegangen sind, oder zumindest diese den Anstoß zu den anderen gegeben hat, als wahrscheinlichste gelten lassen. Wie schon das Fähnlein wurden auch die drei von der Rahmenhandlung umschlossenen Erzählungen vorab gedruckt und zwar in der Deutschen Rundschau von November 1876 bis April 1877. Die einzige der Züricher Novellen, die nicht vorab publiziert wurde, und die zudem zuletzt entstand, ist Ursula. Der erste sichere Hinweis auf sie im Zusammenhang mit den Züricher Novellen findet sich in einem Brief Kellers an seinen Verleger Ferdinand Weibert vom ersten Weihnachtsfeiertag 1875:

Die in der ’Rundschau’ erscheinenden Novellen bestehen in einer Geschichte, in welcher 3 andere eingeschachtelt sind. Dieselben, sowie das spätere Buch, erhalten den Titel ’Züricher Novellen’ und folgende speziellen Titel:

Herr Jacques (Rahmengeschichte) Hadloub (Zeit der Minnesänger)

Der Narr von Manegg (Ende des 14. Jahrhunderts) Der Landvogt von Greifensee (18. Jahrhundert) Fähnlein (Gegenwart)

Wenn der Satz und Druck sofort nach Erscheinen der ersten Partie beginnen könnte, so wird die Unternehmung für Sie als Frühjahrsgeschäft doch wohl zu spät werden und wäre vielleicht Zeit vorhanden, ein kleineres Stück, aus der Reformationszeit, auszuarbeiten, um 28-30 Bogen zu erreichen, die für 2 Bändchen ausreichen würden, falls das etwa in Ihrer Konvenienz läge. (GB, 3.2, S. 264f.)

Durch den Bezug auf die Deutsche Rundschau gegenüber Weibert manifestiert sich hier, was schon in den vergangenen Monaten und auch zu diesem Zeitpunkt Priorität für Kellers literarisches Schaffen hatte und bis Februar 1877 noch haben sollte: die Fertigstellung des Rahmenzyklus’ für Rodenberg74 und damit der formal erste Teil der Züricher Novellen. Die erstmalige Erwähnung der Novelle Ursula in diesem Kontext und die unspezifische Art ihrer Einführung deuten darauf hin, dass von ihr zu dieser Zeit nicht mehr als eine Idee existiert haben dürfte. Ihre Konzeption und Ausarbeitung fand erst von Juli bis November 1877 statt75. Das gilt auch trotz der zum Teil recht lange vorher existierenden Pläne Kellers76. Addiert man alle angeführten Indizien, kann bezüglich der Entstehungsgeschichte der Züricher Novellen von einer Dreiteilung gesprochen werden, in der das chronologisch zuerst entstandene Fähnlein als ein Teil, die danach folgende Rahmenerzählung und die von ihr umschlossenen Einzelnovellen als ein zweiter und Ursula als zuletzt entstandene Erzählung77 und somit dritter Teil zu kennzeichnen ist.

Der Befund, dass wir es bei den Züricher Novellen mit einer entstehungsgeschichtlichen Dreiteilung zu tun haben, bei der die älteste Erzählung knapp zwei Jahrzehnte vor der jüngsten entstanden ist, heißt zunächst einmal nur, dass der Zyklus weder als Einheit konzipiert, noch umgesetzt worden ist. Zieht man allerdings hinzu, dass sich in der Zwischenzeit die historischen Situation in der Schweiz von einer nationalstaatlichen Euphorie und einem Gründerboom Ende der 1850er Jahre über eine konfliktreiche Phase bis hin zu einer Depression Ende der 1870er Jahre gewandelt hat78, muss angenommen werden, dass sich diese Veränderungen der historischen Bedingungen auch auf die Gestaltung der anderen Erzählungen ausgewirkt haben. Daher erscheint es äußerst fraglich, ob allen Erzählungen des Zyklus ein geschlossener und homogener Geschichtsbegriff zugrunde liegt.

3.2. Die strukturellen Besonderheiten der Novellensammlung

Zur problematischen Entstehungsgeschichte der Züricher Novellen kommen noch Auffälligkeiten hinsichtlich ihres Aufbaus hinzu, denn auch strukturell bilden sie keine Einheit. Zwar besteht der Zyklus aus fünf Einzelerzählungen und einer Rahmenhandlung, doch nur die ersten drei Novellen – Hadlaub, Der Narr auf Manegg und Der Landvogt von Greifensee - werden vom Rahmen Herr Jacques relativ symmetrisch79 umschlossen, stehen dadurch mit ihm in direkter Verbindung und bilden so den formal ersten Teil der Novellensammlung. Die beiden anderen – Das Fähnlein der sieben Aufrechten und Ursula – stehen außerhalb des in sich geschlossenen Rahmenzyklus und konstituieren deshalb einen separaten zweiten Teil. Dieser formalen Zweiteilung des Gesamtzyklus’ entspricht auch die ursprüngliche Erscheinungsweise der Züricher Novellen in zwei Bänden.

Obgleich dieser Befund vermuten lässt, dass die gerahmten Erzählungen, thematisch und stofflich gesehen, enger mit der Rahmenhandlung verknüpft sind als die beiden außerhalb des Rahmens stehenden, dürften letztere hinsichtlich des Stoffes sowie der beherrschenden Themen dem gesamten ersten Teil nicht gänzlich bindungslos gegenüberstehen, da ansonsten für Keller kaum ein ersichtlicher Anlass bestanden haben dürfte, sie dennoch unter das einigende Band der Züricher Novellen zu stellen. Und in der Tat findet sich schon bei oberflächlicher Betrachtung neben dem gemeinsamen Handlungsort Zürich und Umgebung eine weitere wichtige Analogie aller Züricher Novellen. Es handelt sich dabei um die ausdrückliche Hinwendung zu Geschichte als Stoff. Leitmotivisch zieht sie sich durch alle Erzählungen.

Bei der Betrachtung des Gesamtzyklus’ fällt demnach auf, dass wir es formal mit einer Zweiteilung und entstehungsgeschichtlich mit einer Dreiteilung zu tun haben80. Bringt man nun beide Befunde miteinander in Verbindung, so wird ersichtlich, dass aus Kellers Sicht die älteste der Novellen, das Fähnlein, und die jüngste, die Ursula, außerhalb des gerahmten ersten Teiles stehen und zusammen den zweiten Teil des Gesamtzyklus’ bilden. Dies wiederum suggeriert, dass Keller die Intention, die er mit dem Gesamtwerk der Züricher

[...]


1 Ritzer, Monika: Konzept zum Seminar „Historische Romane und Erzählungen des 19. Jahrhunderts“. Leipzig. 2004. (künftig zitiert als: Ritzer, Seminarkonzept)

2 Da es nicht Aufgabe dieser Arbeit ist, noch sein soll, die Frage zu klären, ob die Züricher Novellen tatsächlich Novellen sind oder doch eher Erzählungen oder einer anderen Subkategorie der epischen Gattung zugeordnet werden müssen, werde ich im Folgenden sowohl den Begriff „Novelle“, als auch den der „Erzählung“ gebrauchen, wann immer von den Einzelerzählungen der Züricher Novellen die Rede ist. Zudem scheint mir auch der Begriff „Geschichte“ als Synonym angemessen, um die nötige Abwechslung beim Lesen zu schaffen. Mit der Verwendung dieser drei Begriffe folge ich dem Dichter Keller, der sie einerseits in den Novellenzyklus eingeordnet und daher wohl auch als solche verstanden wissen will, sie aber an anderer Stelle auch als Erzählungen bzw. Geschichten bezeichnet hat. Vgl. hierzu unter anderem: Gottfried Keller: Dichter über ihre Dichtungen. Hrsg. v. Klaus Jeziorkowski. München 1969. S. 407-454.

3 Vgl. Aristoteles: Poetik. Griechisch/Deutsch. Übers. und hrsg. v. Manfred Fuhrmann. Stuttgart 1994, S. 29: […] denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.

4 Ritzer, Seminarkonzept.

5 Andreotti, Mario: Die Struktur der modernen Literatur. 3 Aufl. Bern, Stuttgart, Wien 2000. S. 28.

6 In seiner Poetik hat Aristoteles das Wesen der Dichtung als Mimesis von Wirklichkeit bestimmt. Vgl. dazu insbesondere Kapitel eins und zwei der Aristotelischen Poetik. Jedoch führte die Übersetzung des Mimesis- Begriffes als Nachahmung der Wirklichkeit immer wieder zu Missverständnissen.

7 Dörrlamm, Brigitte, Kirsch, Hans-Christian, Konitzer, Ulrich: Klassiker heute. Realismus und Naturalismus. Erste Begegnungen mit Gustav Freytag, Adalbert Stifter, Christian Friedrich Hebbel, Gottfried Keller, Theodor Storm, Wilhelm Raabe, Theodor Fontane, Gerhart Hauptmann. Frankfurt/M. 1983. S. 7. (künftig zitiert als: Dörrlamm, Kirsch, Konitzer)

8 Mir liegt es fern, die Problematik des Begriffes „Realismus“ sowie der Attribute, die ihm vorangestellt werden zu erörtern. Die Aufnahme der nach wie vor unabgeschlossenen Realismus-Diskussion in meine Arbeit – abgesehen von dieser Bemerkung – muss aufgrund ihres Umfanges und ihrer Komplexität unterbleiben. Mit dem Verweis auf den Historiker Otto Ludwig als Wegbereiter des heute unter anderem von Wolfgang Preisendanz favorisierten Begriffes „poetischer Realismus“ sowie auf Fritz Martini, der für den Begriff „bürgerlicher Realismus“ argumentiert, möchte ich diesen Themenkomplex jedoch nicht gänzlich ignoriert haben. Vgl. Martini, Fritz: Deutsche Literatur im bürgerlichen Realismus 1848-1898. Stuttgart 1981. S. VIff. (künftig zitiert als: Martini, Realismus) und Preisendanz, Wolfgang: Wege des Realismus. Zur Poetik und Erzählkunst im 19. Jahrhundert. München 1977. S. 68ff. Vgl. zum Thema außerdem: Frenzel, Elisabeth und Herbert A.: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte. Bd. 2. Vom Realismus zur Gegenwart. München 1999. S. 409ff. Ferner: Becker, Sabina: Bürgerlicher Realismus. Tübingen, Basel 2003.

9 Zum Verständnis des aristotelischen Mimesis-Begriffes als bestimmter Art von Darstellung der Wirklichkeit und nicht als ihre schlichte Nachahmung vgl. unter anderem Hamburger, Käte: Die Logik der Dichtung. 4. Aufl. Stuttgart 1994. S. 15ff.

10 Martini, Realismus, S. 14.

11 Erll, Astrid, Roggendorf, Simone: Kulturgeschichtliche Narratologie: Die Historisierung und Kontextualisierung kultureller Narrative. In: Neue Ansätze in der Erzähltheorie. Hrsg. v. Ansgar Nünning und Vera Nünning. Trier 2002. S. 80.

12 Dörrlamm, Kirsch, Konitzer, S. 7.

13 Gottfried Keller wurde am 19. Juli 1819 in Zürich geboren und verbrachte – abgesehen von mehrjährigen Bildungsreisen nach München, Heidelberg und Berlin – sein ganzes Leben dort, bis er am 25. Juli 1890 starb. Vgl. z.B. Muschg, Adolf: Gottfried Keller. München 1977., Ermatinger, Emil: Gottfried Keller. Eine Biographie. Zürich 1990. und Breitenbruch, Bernd: Gottfried Keller in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 15. Aufl. Reinbek 2002.

14 Die Fakten und die Darstellung im folgenden Unterkapitel folgen nachstehenden Werken: Europa 1848. Revolution und Reformation. Hrsg. v. Dieter Dowe, Heinz-Gerhart Haupt und Dieter Langewiesche. Bonn 1998. S. 283-326. (künftig zitiert als: Dowe, Haupt, Langewiesche); Kästli, Tobias: Die Schweiz – eine Republik in Europa. Geschichte des Nationalstaates seit 1798. Zürich 1998.; Fahrni, Dieter: Schweizer Geschichte. Ein historischer Abriss von den Anfängen zur Gegenwart. Zürich 2000. S. 53-88.; Im Hof, Ulrich (et. al.): Geschichte der Schweiz und der Schweizer. Basel 2004. S. 514-700. (künftig zitiert als: Im Hof, Geschichte der Schweiz)

15 Im Anschluss an Albert Tanner benutze ich den Begriff „Bürgertum“ hier, wie auch im Folgenden lediglich als deskriptiven Oberbegriff für die mittleren und zum Teil auch für die oberen Schichten der Bevölkerung. Er umfasst damit eine Vielzahl von Berufs- und Sozialgruppen mit recht unterschiedlichen wirtschaftlichen und sozialen Lebenslagen, kulturellen Orientierungen und Bildungsniveaus, rechtlicher und politischer Privilegierung. Klar ist für den Untersuchungszeitraum weniger, wer dazu gehört als vielmehr, wer sicher nicht, nicht mehr oder noch nicht dazu zählt, nämlich der Adel, die Bauern, die Arbeiter und, bereits nicht mehr so eindeutig, die Angestellten. Übrig bleiben die wirtschaftlich Selbständigen in Handwerk und Gewerbe, Industrie und Handel, die Angehörigen freier Berufe, die Kapitalrentner sowie die wirtschaftlich unselbständigen höheren Beamten und Angestellten. Sie alle gehören, wenn nicht zum Kern, so doch mindestens ins Umfeld des Bürgertums. Tanner, Albert: Arbeitsame Patrioten – wohlanständige Damen. Bürgertum und Bürgerlichkeit in der Schweiz 1830-1914. Zürich 1995. S. 9.

16 Entgegen anderen europäischen Ländern konzentrierten sich die Proletarier in der Schweiz zunächst nicht in den Städten, sondern waren vornehmlich über die ländlichen Gegenden verstreut. Diese Besonderheit rührt daher, dass die industrielle Wirtschaft der Eidgenossenschaft zunächst eine Heimindustrie war, die ihre Arbeitskräfte zu großen Teilen aus Bauern rekrutierte, deren ursprüngliche Tätigkeit nicht ausreichte, um den Lebensunterhalt zu sichern. Vgl. Dowe, Haupt, Langewiesche, S. 305. und Fahrni, S. 70.

17 Im Hof, Geschichte der Schweiz, S. 617.

18 Die Katholiken hatten zur Abwehr der liberalen Bewegung Jesuiten nach Luzern berufen. Vgl. Kästli, S. 335.

19 Vgl. Breitenbruch, S. 32f. und Dowe, Haupt, Langewiesche, S. 292.

20 Fünf Jahre zuvor war Escher Staatsschreiber in Zürich und Keller arbeitete unter ihm als Volontär in der Staatskanzlei. Auch hatten sich Kellers politische Ansichten in den 50er Jahren – ähnlich denen in der Schweiz überhaupt – gemäßigt. Vgl. Breitenbruch, S. 43. Noch zu Beginn der 50er Jahre verschaffte Escher Keller zwei Stipendien, damit er seinen Aufenthalt in Berlin finanzieren konnte. Trotz dieser musste Keller Schulden machen, welche erneut durch eine Aktion von Escher und Jakob Dubs getilgt werden konnten. Vgl. Breitenbruch, S. 67f.

21 Kästli, S. 366.

22 Ebd.

23 Vgl. Breitenbruch, S. 98f.

24 Im Hof, Geschichte der Schweiz, S. 673. Dieser Konflikt beinhaltete neben der Kraftprobe zweier rivalisierender Gewalten auch die Auseinandersetzung zwischen Glauben und Wissenschaft.

25 Vgl. Breitenbruch, S. 105.

26 Seit 1844 verdoppelte sich das Personal in den Spinnereien bis 1872 bei gleich vielen Betrieben auf 21000. Die Anzahl der Spindeln stieg im selben Zeitraum von 660000 auf 2059000. Vgl. Im Hof, Geschichte der Schweiz, S. 658.

27 Arbeiteten 1850 noch 60 % der Schweizer in der Landwirtschaft, waren es 1888 nur noch 36 %. Vgl. Dowe/Haupt/Langewiesche, S. 305. und Fahrni, S. 77.

28 Vgl. Kästli, S. 455.

29 Auch zur „sozialen Frage“ hatte sich Keller schon in den 60er Jahren geäußert: Vgl. Keller, Gottfried: Sämtliche Werke. Bd. 21. Hrsg. v. Jonas Fränkel und Carl Helbling. Bern, Leipzig, München 1947. S. 147ff.

30 Der Grütliverein wurde in Genf von deutschschweizerischen Handwerkern gegründet. Mitglieder waren vor allem Handwerker und Arbeiter, zum Teil auch Lehrer und Hausboten. Diese niedrigere soziale Schicht war auch noch durch die liberale Bundesverfassung von der Aktivbürgerschaft ausgeschlossen. Im Laufe der Zeit eignete

man sich Teile des sozialistischen Gedankengutes an, blieb aber nichtsdestotrotz einem politischen Liberalismus verpflichtet. Vgl. Kästli, S. 512.

31 Gemeint ist damit die erste Errungenschaft der Arbeiterbewegung, die Annahme des Fabrikgesetzes durch die Eidgenössischen Räte. Dieses Gesetz limitierte die tägliche Arbeitszeit auf elf Stunden und sollte insgesamt

einen besseren Schutz der Arbeiterschaft gewährleisten. Die Anwendung des Fabrikgesetzes blieb jedoch umstritten und führte immer wieder zu heftigen öffentlichen Debatten. Vgl. Fahrni, S. 88ff.

32 Fahrni, S. 79.

33 Martini, Realismus, S. 12.

34 Vgl. Fahrni, S. 89ff. und Kästli, S. 453ff.

35 Droysen, Johann Gustav: Politische Schriften. Hrsg. v. Felix Gilbert. Berlin, München 1933. S. 328. Die komplette Äußerung Droyses zur europäischen Krise lautet: So ist die Gegenwart: Alles im Wanken, in

unermeßlicher Zerrüttung, Gärung, Verwilderung. Alles Alte verbraucht, gefälscht, wurmstichig, rettungslos. Und das Neue noch formlos, ziellos, chaotisch, nur zerstörend […]. Wir stehen in einer jener großen Krisen, welche von einer Weltepoche zu einer anderen hinüberleiten.

36 Martini, Realismus, S. 12.

37 Martini, Realismus, S. 2.

38 Hauser, Albert: Über das wirtschaftliche und soziale Denken Gottfried Kellers. In: JbGKG 31 (1962). S. 7.

39 Ebd.

40 Neben der Philosophie teilten beide in politischer Hinsicht eine liberal-republikanische Einstellung. Zu Feuerbach vgl: Feuerbach, Ludwig: Gesammelte Werke. Bd. 10. Kleinere Schriften III (1846-1850). Hrsg. v. Werner Schuffenhauer. 3. Aufl. Berlin 1990. S. 347-368.

41 Frenzel, Literaturgeschichte, S. 410.

42 Feuerbach, Ludwig: Gesammelte Werke. Bd. 6. Vorlesungen über das Wesen des Christentums. Hrsg. v. Werner Schuffenhauer. 3. Aufl. Berlin 1984. S. 31. (künftig zitiert als: Feuerbach, GW 6)

43 Vgl. hierzu Barth, Hans: Ludwig Feuerbach. In: JbGKG. 14 (1945). S. 7.

44 Metzlers Philosophen Lexikon. Von den Vorsokratikern bis zu den Neuen Philosophen. Hrsg. v. Bernd Lutz. Stuttgart. 1989. S. 234. (künftig zitiert als: Lutz)

45 Feuerbach, Ludwig: Gesammelte Werke. Bd. 5. Das Wesen des Christentums. Hrsg. v. Werner Schuffenhauer. Berlin 1974. S. 18. (künftig zitiert als: Feuerbach, GW 5)

47 Ebd., S. 444.

48 Ebd.

49 Ebd.

50 Ebd., S. 20.

51 Feuerbach, GW 6, S. 28.

52 Ebd., S. 29.

53 Vgl. Ritzer, Monika: Physiologische Anthropologien. Zur Relation von Philosophie und Naturwissenschaft um 1850. In: Materialismus und Spiritualismus. Hrsg. v. Andreas Arndt und Walter Jaeschke. Hamburg 2000. S. 133. (künftig zitiert als: Ritzer, Physiologische Anthropologien)

54 Zum Einfluss der Naturwissenschaften, insbesondere der physiologischen Erkenntnisse von Moleschott und Henle, auf die Philosophie Feuerbachs überhaupt vgl. Ritzer, Physiologische Anthropologien, S. 113-140.

55 Breitenbruch schränkt die Wichtigkeit der Feuerbachschen Philosophie für Keller ein, wenn er postuliert, dass Feuerbach Keller nur den Anstoß zur Neuformulierung dessen, was er schon vorher dunkel gewußt hat, geliefert habe. Als Beweis dient ihm ein Gedicht aus dem Jahr 1844, in dem er die Gottesvorstellung des Grünen Heinrich vorweggenommen sieht. Vgl. zur gesamten Thematik Breitenbruch, S. 47-54. Das Zitat und das Gedicht stehen bei ihm auf S. 51. Ähnlich wie Breitenbruch argumentiert auch Fehr, Karl: Gottfried Keller. Aufschlüsse und Deutungen. Bern, München 1972. S. 212f.

56 Die Briefe Kellers werden hier, wie auch im Folgen, zitiert nach: Gottfried Keller: Gesammelte Briefe in vier Bänden. Hrsg. v. Carl Helbling. Bern 1950ff. Die Zitate werden von mir mit dem Kürzel GB und unter Angabe der entsprechenden Band- und Seitenzahl nachgewiesen.

57 Vgl. Barth, S. 4.

58 Vgl. Richter, Herbert: Gottfried Kellers Verhältnis zur Geschichte. Diss. Innsbruck 1950, S. 32. und Breitenbruch. S. 47.

59 Vgl. Ritzer, Physiologische Anthropologien, S. 113f.

60 So heißt es in Feuerbachs Schrift Wider den Dualismus von Leib und Seele, Geist und Fleisch (1846) in Bezug auf die Frage, ob dem Materialismus oder dem Idealismus der Vorrang zu geben sei: Wahrheit ist weder der Materialismus noch der Idealismus, weder die Physiologie noch die Psychologie; Wahrheit ist nur die Anthropologie. Feuerbach, GW 10, S. 135. Es ist jedoch zu bemerken, dass Feuerbach in seiner Spätphase dem Materialismus mit dem Bekenntnis, dass der Mensch ist, was er isst, den Vorzug gibt. Feuerbach, GW 10, S. 367. Allerdings bereut er diese Akzentuierung später, da sie seine Philosophie insgesamt auf einen naiven Materialismus festlegt. Ritzer, Physiologische Anthropologien, S. 136.

61 Und genau deswegen erkennt Keller die Feuerbachsche Akzentuierung des Materialismus als problematisch. Vgl. Ritzer, Physiologische Anthropologien, S. 136. Zudem warf Keller seinem Lehrer später zu viel, nämlich störrischen Ernst und etwas aufgeblasenen Idealismus (GB, 2, S. 289) vor.

62 Fritz Martini glaubt indes Züge der Schopenhauerschen Ästhetik mittelbar in Kellers distanzierender und ironisch spielender Souveränität der erzählenden ‚impassibilité’ wieder zu finden. Vgl. Martini, Realismus, S. 39.

63 Vgl. Martini, Realismus, S. 33.

64 Vgl. Martini, Realismus, S. 33ff.

65 Vgl. Keller, Gottfried: Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe. Bd. 22. Hrsg. v. Walter Morgenthaler. Basel, Frankfurt/M., Zürich 1999. S. 14ff. (künftig zitiert als: SW, 22) und Metz, Klaus-Dieter: Gottfried Keller. Stuttgart 1995. S. 91ff.

66 Vgl. SW 22, S. 13. und Gottfried Keller: Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Erläuterungen und Dokumente. Hrsg. v. Josef Schmidt. Stuttgart 1973. S. 52-66.

67 Vgl. Breitenbruch, S. 168.

68 1872 band sich Keller vertraglich an Weibert. Vgl. SW, S. 24.

69 In diesem letzten Satz des Zitates sieht Hartmut Laufhütte bereits einen ersten Hinweis auf die Schlussnovelle Ursula, was als möglich gelten kann, aber sich nicht endgültig verifizieren lässt. Denn damit könnte genauso gut eine Novelle des erst später ausdifferenzierten Rahmenzyklus’ gemeint sein. Vgl. Laufhütte, Hartmut: Geschichte und poetische Erfindung. Das Strukturprinzip der Analogie in Gottfried Kellers Novelle „Ursula“. Bonn 1973. S. 128. und SW 22, S. 25f. Die vorangehende Äußerung Kellers, auf die er sich im Zitat bezieht, findet sich in einem Brief an Weibert vom 31.Mai 1872. Dort heißt es: Auch zu anderem kommt schon Zeit und Rat, wie denn ein erzählender Band, der noch keinerlei Herren hat, auch in der Entwicklung liegt. (GB, 3.2, S. 233) Zuvor, am 24. März 1872, hatte Keller gegenüber Weibert bereits mannigfache Projekte und Anfänge (GB, 3.2, S. 230) möglicher neuer Werke erwähnt.

70 Ob die Niederschrift wirklich schon angefangen war, sei dahingestellt. Zumindest arbeitet Keller offenbar schon länger gedanklich an ihr. Zur Charakteristik des Kellerschen Schaffens vgl. Reichert, Karl: Die Entstehung der „Züricher Novellen“ von Gottfried Keller. In: ZfdPh 82 (1963). S. 492f. (künftig zitiert Reichert, Entstehung)

71 Neben der bereits zitierten Briefstelle vom 13. Dezember 1872 drückt sich Keller gegenüber Weibert auch am 27. Februar 1874 ähnlich aus: Was ’Das Fähnlein der sieben Aufrechten’ betrifft, so werde ich diesen Frühling gleich die novellistische Arbeit machen, welche mit jenem zusammen einen Band bilden soll. (GB, 3.2, S. 247). Noch am 25.11. 1874 spricht Keller wieder gegenüber seinem Verleger von lediglich einer größeren Novelle […], welche mit dem ’Fähnlein’ zusammen einen Band bilden soll (GB, 3.2, S. 252). Auch im Briefwechsel mit Julius Rodenberg findet sich – bis zu besagtem Brief vom Vorweihnachtstag 1874 – nur der Hinweis auf eine publizistische Mitarbeit etwa in Gestalt einer Novelle (GB, 3.2, S. 334).

72 Vgl. Reichert, Entstehung, S. 489-497.

73 Vgl. SW 22, S. 13.

74 Vgl. hierzu auch SW 22, S. 14f. und S. 27ff.

75 Vgl. dazu SW 22, S. 15 und Kellers Briefe an Petersen (18. Juli 1877), in dem er von einem neue[n] Stück (GB, 3.1, S. 357) spricht, das zum Fähnlein und den Rundschau -Novellen hinzukommen solle, und an Weibert (24. Juli 1877), in dem er die Arbeit an einer neuen Novelle (GB, 3.2, S. 275) erwähnt. Am 05. November schreibt Keller dann an seinen Verleger, dass er mit der letzten Erzählung in wenigen Tagen zu Rande kommen (GB, 3.2, S. 281) werde und bedankt sich am 22. Dezember für die mir gefällig übersandten 12 Freiexemplare der „Züricher Novellen“ (GB, 3.2, S. 282). Zu bemerken ist außerdem, dass sich sowohl der Name der Novelle, als auch ihre Gestalt wenige Wochen vor Fertigstellung noch geändert haben. Die zunächst als Hansli Gyr (Vgl. Brief an Weibert vom 11. August 1877; GB, 3.2, S. 278) betitelte Novelle wurde in Ursula umbenannt und hatte zuvor noch eine Änderung in Form einer bedeutenden Streichung (GB, 3.2, S. 281) erfahren. Zur Problematik dieser Streichung vgl. Laufhütte, S. 119ff.

76 Auf einem Entwurfszettel aus dem Jahr 1857, der mit Seldwyla II überschrieben ist, findet sich unter anderem der Vermerk Wiedertäufer. Die Kindernarren, womit ein zentrales Motiv der Ursula vorweggenommen ist. Vgl. etwa Reichert, Entstehung, S. 474. Der Vollständigkeit halber sei hier noch angemerkt, dass die Datierung dieses Entwurfszettels in der Forschung lange Zeit umstritten war. So datierte ihn Emil Ermatinger ohne Begründung und in kritikloser Übernahme von seinem Gewährsmann, dem Keller-Biographen Jakob Baechtold, auf vor September 1855. Ermatinger, S. 433. In Folge der falschen Datierung von Baechtold und Ermatinger nahm Hedwig Meumann dann an, dass die Schlussnovelle Ursula in ihren Grundzügen bereits in den Jahren 1853-55 entstanden sei. Vgl. Meumann, Hedwig: Entstehung und Aufbau von Gottfried Kellers „Ursula“. Diss. Bonn 1916. S. 70. Sie ist aber nachweislich erst in der zweiten Jahreshälfte 1877 entstanden. Vgl. SW 22, S. 15f sowie Anm. 75. Inzwischen gilt die Datierung des Notizblattes auf 1857 von Jonas Fränkel als wissenschaftlicher Konsens. Vgl. Keller, Gottfried: Sämtliche Werke. Bd. 8. Hrsg. v. Jonas Fränkel und Carl Helbling. Bern, Leipzig, Erlenbach- Zürich, München 1926. S. 438. und SW 22, S. 16. Ein Abdruck des Notizblattes findet sich unter anderem in: Keller, Gottfried: Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe. Bd. 21. Hrsg. v. Walter Morgenthaler. Basel, Frankfurt/M., Zürich 2000. S. 419f.

77 Damit wäre auch die unbegründete Äußerung Wolfgang Wittkowskis widerlegt, dass Der Landvogt von Greifensee als letzte der Züricher Novellen entstanden sei. Vgl. Wittkowski, Wolfgang: Erfüllung im Entsagen. Keller: Der Landvogt von Greifensee. In: Zur Literatur der deutschsprachigen Schweiz. Hrsg. v. Marianne Burkhard und Gerd Labroisse. Amsterdam 1979. S. 45.

78 Vgl. Kap. 2.1.

79 Die Symmetrie ergibt sich daraus, dass alle Binnennovellen zwischen zwei Teilen der Rahmenhandlung stehen, wobei sowohl der einführende und der abschließende Teil des Rahmens von etwa gleichem Umfang und Gewicht sind. Gleiches gilt auch für die beiden den Narr auf Manegg umgebenden Teile.

80 Diese Meinung vertritt offenbar auch Hartmut Laufhütte, wenn er schreibt: Näherer Betrachtung erweist sich die vorhandene Anordnung denn auch als sinnvoll. Nur darf man dabei die „Züricher Novellen“ nicht in dem Sinne als Zyklus betrachten wie etwa ’Die Leute von Seldwyla’ und ’Sieben Legenden’ oder gar ’Das Sinngedicht’. Es handelt sich um ein aus drei recht unterschiedlichen Bestandteilen zusammengesetztes Werk, in welchem wiederum eines, in sich weiter untergliedert, den beiden anderen als erstes von zwei Büchern oder ’Bändchen’ gegenübersteht. Laufhütte, S. 132.

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Historische Fiktion und fiktive Historie
Untertitel
Gottfried Kellers Geschichtsbegriff anhand der Züricher Novellen
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
91
Katalognummer
V123829
ISBN (eBook)
9783640285617
ISBN (Buch)
9783640286126
Dateigröße
1102 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte, Historie, Fiktion, Gottfried, Keller, Züricher, Novellen, Geschichtsbegriff, Geschichtsphilosophie
Arbeit zitieren
Thomas Haegeler (Autor), 2006, Historische Fiktion und fiktive Historie , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123829

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