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Historische Fiktion und fiktive Historie

Gottfried Kellers Geschichtsbegriff anhand der Züricher Novellen

Title: Historische Fiktion und fiktive Historie

Thesis (M.A.) , 2006 , 91 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Thomas Haegeler (Author)

German Studies - Literature of History, Eras
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In Bezug auf die Verarbeitung geschichtlicher Themen und Stoffe in der Literatur gilt das 19. Jahrhundert als Blütezeit. Seit Walter Scotts Roman Waverley (1814) kam es zu einer ganzen Flut von historischen Erzählungen und Romanen, so dass Geschichte als Leitmotiv in der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts anzusehen ist. Dieser Dynamik konnte sich auch Gottfried Keller, eine der Leitfiguren des literarischen Realismus, nicht entziehen. Auf dem Höhepunkt des gründerzeitlichen Historismus erscheint Ende 1877 sein einziger expliziter Beitrag zur historischen Dichtung in Form der Züricher Novellen. Zieht man hinzu, dass Geschichtsforschung und das damit in Verbindung stehende Fortschreiben der Geschichte hauptsächlich deshalb betrieben werden, damit der Mensch seine eigene Gegenwart besser verstehen und erklären lernt, so lässt sich die immense Bedeutung der Geschichte für die Menschen im Allgemeinen, wie für die Dichter im Speziellen bereits erahnen. Dadurch wird nicht nur eine bestimmte Funktion, die Geschichte in Dichtung erfüllt bzw. erfüllen kann, impliziert, sondern auch ein damit einhergehendes Verständnis von und Verhältnis zu Geschichte, was sich unter einem dem entsprechenden Geschichtsbegriff subsumieren lässt.
Mit diesen Gedanken ist der Ausgangspunkt der folgenden Untersuchung umrissen. Da es in dieser Arbeit um die Rekonstruktion von Kellers Geschichtsbegriff geht, er selbst eine historische Person ist und auch der Untersuchungsgegenstand, die Züricher Novellen, Produkte einer längst vergangenen Zeit sind, kann dies nicht unter Ausblendung des historischen Kontextes des Autors sowie der Entstehungszeit der Erzählungen bzw. der dafür maßgeblichen historischen Bedingungen geschehen. Im Anschluss daran soll eine Analyse des Novellenzyklus’ zeigen, worauf sich Kellers Geschichtsinteresse konzentriert, wie die entsprechenden Bilder aus der Geschichte vermittelt werden und welche Anliegen sich damit bei ihm verbinden. Kurz, es geht um Intention, Erscheinungsbild und Poetik seines historischen Erzählens. Zum Abschluss der Arbeit werden die Analyseergebnisse dann auf ihre Konsequenzen hinsichtlich des Kellerschen Geschichtsbegriffes befragt und dieser rekonstruiert und diskutiert.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Die Hochphase der historischen Literatur im 19. Jahrhundert – eine Einleitung

2. Die „Wirklichkeit“ des „literarischen Realisten“ Keller – Eine Darstellung der historischen Situation im 19. Jahrhundert

2.1. Strukturwandel auf ganzer Linie – zur politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklung in der Schweiz des 19. Jahrhunderts

2.2. Das Feuerbacherlebnis – Philosophisch-weltanschauliche Tendenzen und ihre Wirkung auf Keller

2.3. Die Bedeutung von Kellers Sozialisation und Weltanschauung für eine Rekonstruktion seines Geschichtsbegriffes – einige Arbeitshypothesen

3. Historische Fiktion und fiktive Historie – Analogien und Differenzen der Züricher Novellen hinsichtlich der Geschichtskonzeption

3.1. Die problematische Entstehung der Züricher Novellen

3.2. Die strukturellen Besonderheiten der Novellensammlung

3.2.1. Herr Jacques oder der multifunktionale Rahmen

3.2.2. Hadlaub und der Beginn der bürgerlichen Gesellschaft

3.2.3 Die erste bürgerliche Blütezeit – Der Narr auf Manegg

3.2.4. Individuelle Bewältigung geschichtlicher Veränderung – Der Landvogt von Greifensee

3.2.5. Versöhnung von Generationen durch nationale Festtradition: Das Fähnlein der sieben Aufrechten

3.2.6. Ursula – der neuralgische Punkt

3.3. Grundlagen und Bestandteile des Geschichtsbegriffes

3.3.1. Die Akzentuierung des Privaten gegenüber der Öffentlichkeit

3.3.2. Die zerstörerische Grundlage der Geschichte

3.3.3. Die Inszenierung von Dauerhaftigkeit

3.3.4. Wiederkehrende Generationskonflikte und deren Versöhnung als Zeichen des Reformationsprinzips

3.3.5. Gesegnetes Fleckchen Erde oder der Glaube an eine natürliche Ordnung der Geschichte

4. Rekonstruktion und Diskussion des Kellerschen Geschichtsbegriffes

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit rekonstruiert und diskutiert den Geschichtsbegriff Gottfried Kellers auf Basis seines Novellenzyklus "Züricher Novellen". Dabei wird analysiert, wie Keller historische Stoffe in das Spannungsfeld von individueller Lebensgestaltung und gesellschaftlichen Transformationsprozessen einbettet und welche Funktion die Geschichte innerhalb seiner Poetik und Weltanschauung einnimmt.

  • Kellers "literarischer Realismus" und sein Verständnis von historischer Wirklichkeit.
  • Einfluss der Philosophie Ludwig Feuerbachs auf Kellers Geschichtskonzeption.
  • Strukturelle Analyse der "Züricher Novellen" und deren zyklischer Aufbau.
  • Rolle des Privaten und die Funktion von "guten Originalen" als Gegenentwürfe zum Historismus.
  • Die Bedeutung von Natur und Reformation als ordnende Kategorien im Kellerschen Geschichtsbild.

Auszug aus dem Buch

3.3.2. Die zerstörerische Grundlage der Geschichte

Nun scheint in den Züricher Novellen mit dem guten Original ein Ideal expliziert zu werden, das es im Sinne eines geschichtlichen Telos zu erreichen gilt. Schließlich schaffen Hadlaub und auch Karl Hediger eine funktionierende Ordnung im Privaten, die wiederum die Grundlage für eine ideale Ordnung der Gesellschaft darstellt, wie sie dann im Fähnlein demonstriert wird. Doch erstens hat Keller das im Fähnlein beschworene Ideal später selbst relativiert und zweitens ist kein progressiver Zusammenhang zwischen den dargestellten historischen Zeiten auf dem Weg dorthin erkennbar. Im Gegenteil. Zumindest die Verbindung zwischen den ersten beiden Erzählungen Hadlaub und Der Narr auf Manegg besteht gerade im Untergang des Manesse-Geschlechtes und der Zerstörung ihrer Burg. Auf diesen destruktiven Zusammenhang verweist der Erzähler inmitten der idyllischen Krönung Hadlaubs zum Dichter mit einem daher umso brutaler wirkenden Blick in die Zukunft der anwesenden Adelgeschlechter:

Es gab nichts Schöneres zu sehen als die sitzende Fides in ihrer Bedrängnis, festgehalten von den zwei blühenden jungen Paaren, aber auch nichts Erschütternderes, wenn einer die Zukunft hätte sehen und wissen können, wie in einer kurzen Spanne Zeit der jetzt so frohe Wart wegen König Albrechts Ermordung auf das Rad geflochten sein und eben dieses fröhliche Bräutlein, alsdann seine Gattin, drei Tage und Nächte hindurch betend auf der Erde unter dem Rade liegen würde, bis er den Geist aufgegeben; wie dieser selbe Eschenbacher Freiherr, landesflüchtig in der Fremde als Hirtenknecht sein Leben fünfunddreißig Jahre lang fristen sollt, verborgen, verschollen in einer Hütte sterbend; wie die Geschlechter vertilgt, der hundertjährige Besitz genommen und die Burgen zerstört wurden, daß die Flamme zum Himmel und das Blut zur Erde rauchte vor den grimmigen Bluträchern. Diese Wolke schwarzen Schicksals, die über dem sonnigen Lebensbilde hing, barg den Blitz einer unbesonnenen, ungeheuren Tat, wie sie, erzeugt durch den Druck ungerechter Gewalt, ungeahnt und plötzlich einmal entsteht und den Täter mit dem Bedrücker vernichtet.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Die Hochphase der historischen Literatur im 19. Jahrhundert – eine Einleitung: Diese Einleitung verortet die "Züricher Novellen" im Kontext des literarischen Realismus und führt in die zentrale Fragestellung ein, wie Keller Geschichte als Grundlage seines Erzählens verwendet.

2. Die „Wirklichkeit“ des „literarischen Realisten“ Keller – Eine Darstellung der historischen Situation im 19. Jahrhundert: Das Kapitel beleuchtet den sozialpolitischen und geistesgeschichtlichen Hintergrund des 19. Jahrhunderts in der Schweiz, um das Verständnis von "Wirklichkeit" bei Keller einzuordnen.

3. Historische Fiktion und fiktive Historie – Analogien und Differenzen der Züricher Novellen hinsichtlich der Geschichtskonzeption: Hier wird der Novellenzyklus einer detaillierten Analyse unterzogen, wobei insbesondere die Entstehungsgeschichte, der strukturelle Aufbau und die inhaltlichen Analogien untersucht werden.

4. Rekonstruktion und Diskussion des Kellerschen Geschichtsbegriffes: Das abschließende Kapitel fasst die Analyseergebnisse zusammen und prüft die Kompatibilität des rekonstruierten Geschichtsbegriffes mit Kellers Weltanschauung.

Schlüsselwörter

Gottfried Keller, Züricher Novellen, literarischer Realismus, Geschichtsbegriff, Historismus, Ludwig Feuerbach, Mimesis, Reformation, Naturordnung, Generationskonflikt, Identität, Schweizer Geschichte, Poetischer Realismus, Individuum und Masse.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es grundsätzlich in der wissenschaftlichen Arbeit?

Die Magisterarbeit untersucht Gottfried Kellers Geschichtsverständnis, wie es sich in seinem Novellenzyklus "Züricher Novellen" widerspiegelt, und setzt dieses in den Kontext seiner Zeit.

Welche Themenfelder sind für die Arbeit zentral?

Zentral sind die literarische Epoche des Realismus, die historische Entwicklung der Schweiz im 19. Jahrhundert sowie philosophische Strömungen, insbesondere durch den Einfluss von Ludwig Feuerbach.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Das Ziel ist die Rekonstruktion von Kellers Geschichtsbegriff, um zu verstehen, wie er das Verhältnis von Individuum, Geschichte und gesellschaftlichem Wandel in seinen Dichtungen modelliert.

Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?

Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse des Textzyklus angewandt, ergänzt durch die Einbeziehung des historischen Kontextes und biographischer Hintergründe sowie philosophischer Quellen.

Was bildet den inhaltlichen Kern des Hauptteils?

Der Hauptteil analysiert die Entstehung und den Aufbau der Novellensammlung sowie die inhaltlichen Analogien und Differenzen der Erzählungen, um eine geschlossene Geschichtskonzeption Kellers zu erarbeiten.

Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?

Die Arbeit ist durch Begriffe wie Realismus, Geschichtsbegriff, Reformation, Naturmetaphorik und die Auseinandersetzung mit dem Historismus geprägt.

Inwiefern spielt die Reformation für das Kellersche Geschichtsbild eine Rolle?

Die Reformation dient im Kellerschen Geschichtsbild als Prinzip der allmählichen, organischen Erneuerung, die im Gegensatz zu radikalen revolutionären Umbrüchen steht.

Welche Rolle nimmt der "Rahmen" der Züricher Novellen ein?

Der Rahmen mit der Figur "Herr Jacques" dient zur kritischen Auseinandersetzung mit einem zeitgenössischen, antiquarischen Geschichtsverständnis und setzt den Ausgangspunkt für die moralische Belehrung durch den Paten.

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Details

Title
Historische Fiktion und fiktive Historie
Subtitle
Gottfried Kellers Geschichtsbegriff anhand der Züricher Novellen
College
University of Leipzig  (Institut für Germanistik)
Grade
1,3
Author
Thomas Haegeler (Author)
Publication Year
2006
Pages
91
Catalog Number
V123829
ISBN (eBook)
9783640285617
ISBN (Book)
9783640286126
Language
German
Tags
Geschichte Historie Fiktion Gottfried Keller Züricher Novellen Geschichtsbegriff Geschichtsphilosophie
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Thomas Haegeler (Author), 2006, Historische Fiktion und fiktive Historie , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123829
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