Die soziolinguistische Situation und das slowenische Namengut in Kärnten

Toponyme und Satzbeispiele aus dem Jauntaler Dialekt des nordwestlichen Sprachgebietes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

29 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung

2. Soziolinguistik
2.1 Allgemeines
2.2 Zur soziolinguistischen Lage in Kärnten
2.3 Satzbeispiele
2.3.1 Die Beispiele in der Schriftsprache
2.3.2 Die Beispiele im Jauntaler Dialekt
2.3.2.1. Gemeinde Griffen (obcina Grebinj)
2.3.2.1.1. Großenegg (Tolsti vrh)
2.3.2.2. Gemeinde Völkermarkt (obcina Velikovec)
2.3.2.2.1. St. Peter am Wallersberg (Šentpeter na Višinjah)
2.3.2.2.2. Bösenort (Hudi kraj)
2.3.2.2.3. Frankenberg (Brankovca)
2.3.2.3. Gemeinde Ruden (obcina Ruda)
2.3.2.3.1. Kleindiex (Male Djekše)
2.3.2.4. Gemeinde Diex (obcina Djekše)
2.3.2.4.1. Grafenbach (Kneža)

3. Toponomastik
3.1 Allgemeines
3.2 Zur Siedlungsgeschichte Kärntens
3.3 Zum Namengut Kärntens
3.4 Toponyme
3.4.1 Flurnamen
3.4.2 Hausnamen
3.4.3 Pflanzenarten
3.4.4 Baumarten

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

Abstract

Die slowenische Volksgruppe in Kärnten ist in ihrer Existenz gefährdet, da die Sprachkompetenz von Generation zu Generation immer mehr nachläßt. Die slowenischen Mundarten sind vor allem nördlich der Drau nur mehr ein Relikt der älteren Generation und werden spätestens die übernächste Generation nicht mehr überleben. Wenn der letzte Kärntner Slowene das Zeitliche gesegnet haben wird, dann wird sich erst eine Art „Melancholie“ in der Kärntner Bevölkerung verbreiten, und es wird ein ganz unbeschreibliches Gefühl aufkommen, etwas Undefinierbares im Seelenleben des Kärntner verloren zu haben, nämlich das Slawische an sich. Dann wird man sich möglicherweise an die alte, „gute“ Zeit mit ihrer kulturellen Vielfalt zurücksehnen und der verlorenen Sprache gedenken.

Diese Arbeit soll ein wenig dazu beitragen, dass unsere sog. „windische Sprache“ in lebhafter Erinnerung bleibt. Die Satzbeispiele von Testpersonen beider Geschlechter aus verschiedenen Dörfern im Raum Völkermarkt sollen die Vielfältigkeit der slowenischen Mundarten in Kärnten hervorheben, nach dem Motto:

„Vsaka vas ima svoj glas“.

Einen herzlichen Dank habe ich vor allem den beiden Informantinnen Hribernig Margarethe und Krenn Christine auszusprechen, die mir mit einer Anzahl von Toponymen bzw. mundartlichen Bezeichnungen im Dialekt des nordwestlichen Sprachgebiets des Jauntals zur Seite gestanden sind.

1. Einleitung

Die beiden Hauptthemen dieser Arbeit sind eine Bestandsaufnahme der aktuellen soziolinguistischen Situation der slowenischen Sprache in Kärnten mit ihrer Mannigfaltigkeit an Mundarten, die anhand von Satzbeispielen aus dem Jauntaler Dialekt aus der Umgebung von Völkermarkt verdeutlicht werden soll, und die zweisprachige Namensgebung in Kärnten, die näher untersucht wird. Weiters wird auf die Problematik der slowenischen Schreibweise von Ortsnamen hingewiesen, ergänzt mit Toponymen von einigen Flurnamen, Hausnamen, Pflanzenarten und Baumarten aus dem Jauntalerdialekt des nordwestlichen Sprachgebietes.

Die Toponomastik beschäftigt sich mit Siedlungsnamen, also Namen von Burgen, Höfen, Städten und Ländern, aber auch mit sogenannten Flurnamen, d.h. Eigennamen von Bergen, Wäldern, Auen, Wiesen und Äckern bis hin zu einzelnen Pflanzen.

2. Soziolinguistik

2.1 Allgemeines

Für die Sprachwissenschaft ist Kärnten ein interessanter Forschungsgegenstand, da die bestehende Gemischtsprachigkeit im Süden des Landes auf der Ebene der Mundart und Umgangssprache zu zahlreichen Sprachkontaktphänomenen und die im Mittelalter erfolgte ethnische Durchmischung zu einem bunten Bild in der Namenlandschaft geführt hat.

Dadurch zeigt sich deutlich, dass beide Sprachen, Deutsch und Slowenisch, für Kärnten konstitutiv sind. Der starke Rückgang des slowenischsprachigen Anteils an der Kärntner Bevölkerung von fast einem Drittel in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf wenige Prozent heute hat verschiedene Ursachen, doch linguistisch gesehen ist ein Punkt bemerkenswert; nicht alle slowenischsprachigen Personen haben sich ethnisch als Slowenen verstanden, was bereits Ende des 19. Jahrhunderts zur Herausbildung zweier Lager geführt hat, nämlich eines nationalbewussten slowenischen und eines politisch deutsch orientierten Lagers [Pohl 2000, 131f].

Diese Spaltung war für die Erhaltung der Sprache nicht gerade förderlich und begünstigte die Assimilation nach der Volksabstimmung bis zur Gegenwart. Weiters wurde das Verhältnis zwischen Mehrheits- und Minderheitsbevölkerung und auch innerhalb der Minderheit durch die Ereignisse während der Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung nachhaltig gestört. Eine zukunftsorientierte Minderheitenpolitik sollte Überlegungen anstellen, wie im Rahmen des bestehenden Rechts die slowenische Sprache im Land gefestigt werden kann.

Die Siedlungssituation der Kärntner Slowenen ist heutzutage eine Streulage inmitten einer deutschsprachigen Mehrheit, aber unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung kann man von einem slowenischen Sprachgebiet sprechen, das durch Sprachwechsel (Assimilation) zu einem Rückzugsgebiet geworden ist und als ein sog. gemischtsprachiges Gebiet bezeichnet werden kann. Nach den statistischen Angaben der Volkszählung 2001 bekannten sich weniger als 3% der Gesamtbevölkerung Kärntens ausdrücklich als slowenisch sprechend, obwohl die tatsächliche Zahl wahrscheinlich weit höher liegt.

Nach Karnicar1 wird das Slowenische in Kärnten traditionell vier Dialekten zugeordnet, die zu einer sog. K ärntner G r uppe ( Korošk a skupina) zusammengefasst werden:

- Gailtaler Dialekt (Ziljsko narecje)
- Rosentaler Dialekt (Rožansko narecje)
- Jauntaler Dialekt (Podjunsko narecje)
- Obir-Dialekt (Obirsko narecje)

Obwohl einige administrative Maßnahmen auf Grund des Artikels 7 des Staatsvertrages des Jahres 1955, des Volksgruppengesetzes 1976 etc. verwirklicht worden sind, ist die slowenische Sprache im öffentlichen Leben wenig präsent. Die Ursachen dafür sind vielfältig, in erster Linie dürfte es daran liegen, dass in dem gemischtsprachigen Gebiet zwar alle Slowenen von Kindheit an auch die deutsche Sprache beherrschen, umgekehrt aber die deutschen Kärntner kaum über Slowenischkenntnisse verfügen.

Wenn sich auch in der jüngeren Generation die Einstellung zur slowenischen Sprache wandelt, ist jedoch noch kein Ansteigen ihres Gebrauchs im öffentlichen Leben festzustellen. Slowenische Aufschriften beschränken sich zumeist auf Volksschule oder Feuerwehrhaus oder auch einigen privaten Aufschriften für Gasthäuser oder Kaufhäuser [Pohl 2000, 135].

Topographische Bezeichnungen in slowenischer Sprache sind nur in einem geringen Umfang (in den Bezirken Völkermarkt und Klagenfurt-Land) auf Grund der Straßenverkehrsordnung auf Ortstafeln und einigen Wegweisern angebracht worden (in 9 Gemeinden) sowie einigen Bahnhaltestellen im Jauntal. Jedoch ist der Gebrauch des Slowenischen als Amtssprache zusätzlich zum Deutschen bei 13 Gemeindebehörden und Gendarmerieposten und den zuständigen Bezirksgerichten sowie 63 Regionalbehörden als auch Bezirkshauptmannschaften und dem Amt der Kärntner Landesregierung zulässig. Die slowenische Sprache wird vor allem im privaten und familiären Bereich und in den slowenischen Genossenschaften, Sparkassen und Vereinen verwendet, von einer echten Gleichberechtigung kann man nur im kirchlichen Bereich sprechen [Pohl 2000, 135f].

Im gemischtsprachigen Gebiet und in der Landeshauptstadt Klagenfurt wird seit 1989 Unterricht sowohl in deutscher als auch in slowenischer Sprache angeboten; die Schüler in den Volksschulen, die zum zweisprachigen Unterricht angemeldet sind, erhalten Unterricht zu gleichen Teilen in beiden Sprachen. Die Anmeldungen sind in den letzten Jahren leicht gestiegen und laut Angaben [Minderheiten 2000, 16f] liegen sie an 63 Volksschulen bei ca. 26,5%, was bedeutet, dass nicht nur Kinder von Kärntner Slowenen am slowenischen Unterricht teilnehmen. Unter Einschluss von 16 Hauptschulen nehmen über 3000 Schüler am slowenischen Sprachunterricht teil. Im Jahre 1957 wurde in Klagenfurt das Gymnasium für Slowenen gegründet, aus dem bisher über 1000 Absolventen hervorgegangen sind. Der Hermagoras Verlag in Klagenfurt ist einer der ältesten Verlage Kärntens und hat schon mehr als 17 Millionen Bücher herausgegeben.

Im Rundfunk des Landesstudios Kärnten wird täglich 50 Minuten in slowenischer Sprache gesendet und seit einigen Jahren gibt es den privatrechtlichen Sender Radio Dva/Agora, der ein ganztägiges slowenischsprachiges Programm anbietet, sowie sonntags ein halbstündiges Fernsehprogramm (Dober dan, Koroška) im ORF. Im Jahre 1990 wurde beim Amt der Kärntner Landesregierung das Volksgruppenbüro eingerichtet, dessen Aufgabe es ist, die Kommunikation zwischen den Angehörigen der Volksgruppe und deren Organisationen mit der Kärntner Landesverwaltung zu verbessern [Pohl 2000, 136].

Die slowenische Minderheit in Kärnten unterscheidet sich von der Mehrheit fast nur durch die Sprache, die Volkskultur ist sehr ähnlich und die alte Sprachgrenze zwischen dem ursprünglich relativ geschlossenen slowenischen Sprachgebiet und dem rein deutschen Sprachgebiet hat kaum Spuren hinterlassen. Entlang der alten deutsch-slowenischen Sprachgrenze verläuft heute eine Dialektgrenze, zwischen bäuerlich geprägter Mundart auf ursprünglich deutschem Gebiet und städtisch gefärbter Mundart auf ursprünglich slowenischen Gebiet, denn Sprachwechsel hinterlässt immer seine Spuren.

Die Zukunft der slowenischen Volksgruppe liegt in erster Linie in der Hand der Kärntner Slowenen selbst und die Verantwortlichen in Gesellschafts-, Wirtschafts- und Kulturpolitik müssen konkret zur Erhaltung der Volksgruppe beitragen. Die Kärntner Slowenen sind autochthon und historisch die ältere Bevölkerung in Kärnten, ein in gemeinsamem Schicksal und in schicksalhafter Gemeinschaft mit dem überregionalen deutschen Element verbundener untrennbarer Teil der Gesamtbevölkerung. Somit sind sie ein Teil der Kärntner Identität, die es zu wahren gilt [Pohl 2000, 138].

2.2 Zur soziolinguistischen Lage in Kärnten

In den letzten Jahren hat sich aufgrund politischer und gesellschaftlicher Veränderungen in unserem Kulturraum das Verhältnis zwischen Österreich und den slawischen Ländern grundlegend geändert und die aktuelle soziolinguistische Situation in Kärnten gewandelt. Es hat sich sowohl die Position der slowenischen Sprache durch die veränderten politischen Umstände als auch die anderer slawischer Sprachen aufgrund von Migration und beruflicher Mobilität im Kärntner Raum zum Positiven verändert.

Neueste empirische Untersuchungen bilingualer Situationen und sprachenbiographische Interviews2 weisen darauf hin, dass heutzutage sowohl Slowenisch in einer größeren Vielzahl an Varietäten präsent ist als auch die gelebte Zweisprachigkeit bzw. Mehrsprachigkeit eine größere Rolle spielt. Auf diese neue Situation bezüglich Mehrsprachigkeit weisen auch statistische Daten, denn durch berufliche Mobilität und Migration hat sich in Kärnten die Palette an Sprachen, die bei der Volkszählung 2001 als Umgangssprache angegeben wurden, ausgeweitet. An Bedeutung haben vor allem die Sprachen des ehemaligen Jugoslawien gewonnen [Busch, Doleschal 2008, 7f].

Bei der Erforschung der aktuellen Sprachsituation in Kärnten ging es sowohl um die Dokumentation von Kodewechsel in authentischen Situationen als auch sprachenbiographische Interviews, wobei unter anderem folgende Fragen gestellt wurden: Welche Zugänge zum Slowenischen gibt es heute in Kärnten? Welche Varietäten werden verwendet? Unter welchen Bedingungen fühlen sich Sprecher und Sprecherinnen „kompetent zweisprachig“? etc. [Busch, Doleschal 2008, 8].

Heute hat sich die Sprachsituation stark verändert, denn Slowenisch als einzige Sprache spricht auch die älteste Generation nicht mehr, und Kinder aus Familien, in denen Slowenisch gesprochen wird, wachsen nicht zuletzt aufgrund der starken Präsenz des Deutschen in Öffentlichkeit und Medien von Anfang an zweisprachig auf. Weiters lernen vermehrt Menschen mit nichtslowenischen Sprachhintergrund Slowenisch, was darauf deuten lässt, dass sowohl Spracheinstellungen gegenüber dem Slowenischen in Kärnten im Wandel begriffen sind als auch die Mehrsprachigkeit zunehmend als Wert gesehen wird.

Das traditionelle Bild vom aktiven Kern und den Randschichten der slowenischsprechenden Kärntner, worin sie als homogene ethnische Gruppe begriffen werden, wird der aktuellen Situation in Kärnten nicht mehr gerecht und die Tendenz vom traditionellen „Entweder – Oder“ geht nun zu Identitätsentwürfen, die situational bedingte Mehrfachzugehörigkeiten umfassen. Einerseits führt die europäische Integration, die die Grenze zwischen Österreich und Slowenien durchlässiger gemacht hat, zu einer erhöhten grenzüberschreitenden Mobilität in beide Richtungen und andererseits führt der Anstieg an Slowenischlernenden in Schule und Erwachsenenbildung dazu, dass sich auch Lernende zunehmend emotional als zwei- bzw. mehrsprachig begreifen [Busch, Doleschal 2008, 9f].

Allgemein wird in der sprachwissenschaftlichen Forschung zum Slowenischen in Kärnten von der Existenz zweier Varietäten ausgegangen, nämlich von den örtlichen Dialekten bzw. Mundarten und von der Standardsprache. Nach Schellander gibt es jedoch eine überregionale standardnahe slowenische Umgangssprache in Kärnten, denn viele Slowenischsprechende, die in bestimmten Kontexten eine etwas lockere Varietät der deutschen Standardsprache sprechen, würden in parallelen Situationen eine vergleichbare slowenische Varietät der Standardsprache mit dem Argument „des Nichtheimischen bzw. Nichtkärntnerischen und der Affektiertheit“ einer solchen Varietät ablehnen [Schellander 1988, 271].

[...]


1 Siehe Karnicar 1990.

2 Diese Untersuchungen wurden im Rahmen von Projekten am Institut für Slawistik der Universität Klagenfurt durchgeführt.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die soziolinguistische Situation und das slowenische Namengut in Kärnten
Untertitel
Toponyme und Satzbeispiele aus dem Jauntaler Dialekt des nordwestlichen Sprachgebietes
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Institut für Slawistik)
Veranstaltung
Sprachwiss. Projektseminar: Mehrsprachigkeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
29
Katalognummer
V123869
ISBN (eBook)
9783640287031
ISBN (Buch)
9783640287123
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziolinguistik, Onomastik, Toponomastik, Slowenisch, Kärnten
Arbeit zitieren
Fabian Prilasnig (Autor), 2009, Die soziolinguistische Situation und das slowenische Namengut in Kärnten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123869

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