Diese Arbeit soll der Frage nachgehen, wie sich die soziale Struktur innerhalb Dadaabs unter den Drohungen der kenianischen Regierung verändert hat. Wie die Bewohner Dadaabs ihren Alltag im Flüchtlingslager organisiert haben und wie in den vergangenen 27 Jahren gesellschaftliche Strukturen entstanden sind, war bereits Gegenstand verschiedener Publikationen, beispielsweise von Rawlence (2016), Rühl (2016) und Peroise de Montclocs & Mwangi Kawanja (2000). Auch inwiefern sich (gescheiterte) Auswanderungsträume auf die Persönlichkeit auswirken, wurde thematisiert, etwa von Cindy Horst (2006). Diese Arbeit soll verschiedene Aspekte verknüpfen und bringt dabei auch persönliche Recherchen aus Dadaab aus dem März 2017 ein. An drei Tagen führte die Autorin Interviews mit rund 20 Bewohnern Dadaabs, dem UNHCR-Verantwortlichen für das Lager, Jean Bosco Rushatsi, sowie dem von der kenianischen Regierung eingesetzten Camp-Manager Jeremiah Nganga.
Zunächst werden die Hintergründe des Camps, seine Geschichte und Struktur erläutert, ehe es in Kapitel 3 um das Verhältnis der kenianischen Regierung zu Dadaab geht. Um die Dimensionen zu verstehen, folgt in Kapitel 4 ein Blick auf Umsiedlungsaktionen, ehe in Kapitel 5 die sozio-ökonomische Strukturen dargestellt werden.
Wie lebt es sich mit der permanenten Angst, von dem Ort vertrieben zu werden, der in den vergangenen 10, 20, 28 Jahren nicht nur das Zuhause, sondern auch ein Ort der Sicherheit vor dem Krieg war? Als das einst weltgrößte Flüchtlingslager Dadaab in Kenia 1992 eröffnete, war nicht abzusehen, dass im Jahr 2019 noch immer Hunderttausende Menschen dort leben würden. Doch mit den Jahren haben sich Strukturen etabliert, es sind Marktplätze, Handelsnetze, zwischenmenschliche Beziehungen und ein Dienstleistungssektor entstanden. Doch was passiert mit diesen sozio-ökonomischen Verbindungen, wenn die eigene Zukunft unsicher ist? Denn seit etwa sechs Jahren droht die kenianische Regierung beständig damit, das Lager schließen zu lassen.
Gliederung
1. Einleitung
2. Anglican Church of Kenya
2.1. Geschichte
2.2. Struktur
2.3. Kontroversen
3. Entwicklungsbegriff der Vereinten Nationen
3.1. Human Development Index
3.2. Sustainable Development Goals
4. Bildung
4.1. Schulsystem
4.2. Lehr-Inhalte
4.3. Sexualität
5. Lebenserwartung und Armut
5.1. Hunger und Armut
5.2. Hunger und Armut
6. Kirche als Wirtschaftsfaktor
7. Umgang mit Minderheiten
7.1. Homosexualität
7.2. Islam
7.3. Körperlich und geistig beeinträchtigte Menschen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die sozio-ökonomische Struktur und die gesellschaftlichen Entwicklungen innerhalb des Flüchtlingslagers Dadaab in Kenia vor dem Hintergrund der anhaltenden Drohungen der kenianischen Regierung, das Lager dauerhaft zu schließen.
- Analyse des Einflusses politischer Unsicherheit auf die Lebenswelt der Lagerbewohner.
- Untersuchung von Marktstrukturen und wirtschaftlicher Eigeninitiative im Kontext permanenter Schließungsdrohungen.
- Betrachtung von Partizipationsmöglichkeiten und demokratischen Ansätzen innerhalb der Flüchtlingsgemeinschaft.
- Erforschung von „buufis“ (Umsiedlungsträumen) als psychologische Bewältigungsmechanismen sowie deren negative Auswirkungen auf die Realitätswahrnehmung.
- Darstellung des Spannungsfeldes zwischen klanbasierten Traditionen und modernen demokratischen Bestrebungen im Lager.
Auszug aus dem Buch
5.1. Markt und Handel
Die ersten Tauschgeschäfte in Dadaab begannen damit, dass die somalischen Flüchtlinge mit den kenianischen Lebensmitteln, die sie erhielten, nicht zufrieden waren. Sie verkauften Hirse und Getreide über Mittelsmänner nach Nairobi und mit dem erworbenen Geld kauften sie Milch und Fleisch. Andere wiederum waren gezwungen, ihre Lebensmittel teilweise zu verkaufen, um sich jene Dinge leisten zu können, die es von den Hilfsorganisationen nicht gab, etwa Schuhe oder Kleidung (Vgl. Perouse de Monclocs, Mwangi Kagwanja, 2000).
Mitte der 90er realisierten zudem immer mehr Bewohner, dass sie nicht so schnell in ihre Heimat zurückkehren konnten wie sie erhofft hatten, und begannen damit, eine Infrastruktur aufzubauen, die bis zu Zwischenhändlern in Somalia und Nairobi reicht (siehe Abb. 4). Über Kenianer, Verwandte im Ausland oder ein Kleinkredit-Projekt des UNHCR liehen sich die Camp-Bewohner Geld und bauten sich ein kleines Geschäft auf. Junge Leute bekamen nebst Krediten auch Schulungen zum Unternehmertum. Sie passten sich ihrer Umgebung an, verkauften etwa statt großen Mengen auch einzelne Teebeutel oder einzelne Zigaretten, immerhin hatten die Menschen in Dadaab nur wenig Geld (Vgl. Rühl, 2016, Perouse de Monclocs, Mwangi Kagwanja, 2000). Menschen wie Carlos Tesfayre, die in ihrer Heimat als Elektriker gearbeitet hatten, begannen ein Stromnetz zu installieren. Banken eröffneten (Vgl. Kumsaa et al, 2014).
Heute werden auf den Märkten in Dadaab (siehe Abb. 5) jährlich mindestens 25 Millionen US-Dollar umgesetzt, es gibt alles zu kaufen, von Kleidung über Lebensmittel bis hin zu Autoteilen, Generatoren, Eisblöcken und Handys. Es handelt sich um einen Schwarzmarkt, „der tatsächlich ein Viertel der Wirtschaftstätigkeit in der Nordost-Provinz ausmacht [...]“ (Rawlence, 2016). Dazu trägt auch bei, dass sich einige Flüchtlinge inzwischen mehr leisten können, da Hilfsorganisationen nicht nur Lebensmittel und Bildung, sondern auch Jobs brachten – und während Kenianer einen ordentlichen Lohn verlangen, dürfen Flüchtlinge statusbedingt nur wenig Geld verdienen (Vgl. Rühl, 2016).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Entstehung des Lagers Dadaab und die aktuelle Problematik der permanenten Unsicherheit durch Schließungsdrohungen der kenianischen Regierung.
2. Anglican Church of Kenya: Dieses Kapitel behandelt historisch-strukturelle Aspekte und Kontroversen rund um die anglikanische Kirche in Kenia.
3. Entwicklungsbegriff der Vereinten Nationen: Hier werden zentrale Konzepte wie der Human Development Index und die Sustainable Development Goals im Kontext der UN-Entwicklungspolitik analysiert.
4. Bildung: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über das Schulsystem, die Lehrinhalte sowie thematische Fragestellungen rund um Sexualität im Bildungswesen.
5. Lebenserwartung und Armut: Dieser Abschnitt widmet sich der sozio-ökonomischen Problematik von Hunger und Armut sowie deren Einfluss auf die Lebenserwartung.
6. Kirche als Wirtschaftsfaktor: Ein kurzer Abschnitt zur Bedeutung der kirchlichen Institutionen innerhalb der kenianischen Wirtschaftsstruktur.
7. Umgang mit Minderheiten: Es werden Herausforderungen und gesellschaftliche Positionen bezüglich Homosexualität, dem Islam und körperlich sowie geistig beeinträchtigten Menschen untersucht.
8. Literatur: Dieses Kapitel enthält das vollständige Verzeichnis der verwendeten Quellen und weiterführenden Medienberichte.
Schlüsselwörter
Dadaab, Flüchtlingslager, Kenia, Somalia, soziale Struktur, UNHCR, Al Shabaab, Bürgerkrieg, buufis, Unsicherheit, Lagerleben, Marktstrukturen, Partizipation, Identität, Umsiedlung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage im Flüchtlingslager Dadaab und wie die ständige Androhung der Lagerschließung durch die kenianische Regierung den Alltag und die langfristige Planung der Bewohner beeinflusst.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zu den Kernbereichen zählen die sozio-ökonomischen Strukturen, der Einfluss des klanbasierten Systems auf das Zusammenleben, die Bedeutung von Bildungs- und Marktstrukturen im Lager sowie psychologische Aspekte wie der „Schwebezustand“ der Flüchtlinge.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu verstehen, wie sich die soziale und wirtschaftliche Stabilität innerhalb von Dadaab unter dem massiven Druck durch die kenianische Regierung und die damit verbundene existenzielle Unsicherheit verändert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine Kombination aus Literaturrecherche, der Auswertung von UNHCR-Berichten und Sekundärquellen sowie eigene, im März 2017 in Dadaab durchgeführte Interviews mit Bewohnern, Helfern und lokalen Entscheidungsträgern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Geschichte des Lagers, die politischen Spannungen zwischen Kenia und dem UNHCR, Möglichkeiten der Umsiedlung in Drittländer sowie verschiedene Lebenswelten (Markt, Partizipation und Traumwelten) detailliert dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Flüchtlingslager, Dadaab, soziale Struktur, Existenzangst, buufis, Eigeninitiative und politische Perspektivlosigkeit beschreiben.
Was bedeutet der Begriff „buufis“ in diesem Kontext?
„buufis“ bezeichnet den Wunsch somalischer Flüchtlinge nach einer Neuansiedlung in Drittländern. Es dient einerseits als psychologische Stütze, kann aber andererseits dazu führen, dass Flüchtlinge den Bezug zur Realität verlieren und notwendige Investitionen im Lager unterlassen.
Warum spielt das Klan-System eine so große Rolle für die Bewohner?
Das Klan-System bildet die Basis der gesellschaftlichen Organisation. Starke klanbasierte Bünde ermöglichen finanzielle Solidarität durch Kredite und Unterstützungszahlungen, was das Überleben der Zurückgebliebenen in schwierigen Phasen sichert.
Welche Rolle spielt die psychologische Unsicherheit in Dadaab?
Laut der Studie führt die jahrelange Unsicherheit zu einer Lähmung der Eigeninitiative, Resignation und im Extremfall zu Radikalisierung oder psychischen Erkrankungen, da die Flüchtlinge keine längerfristige Lebensperspektive entwickeln können.
Wie bewertet der Autor die Zukunft des Lagers?
Das Fazit betont, dass eine menschenwürdige Zukunft eine dauerhafte politische Lösung erfordert. Der aktuelle „Schwebezustand“, in dem das Lager als Sicherheitsrisiko oder politisches Druckmittel genutzt wird, führt zu gesellschaftlicher Instabilität und blockiert das Potenzial der Bewohner.
- Arbeit zitieren
- Miriam Palm (Autor:in), 2019, Gesellschaft zwischen Heimat und Exil. Somalische Flüchtlinge und die Gesellschaftsstruktur im Lager, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1239052