Der Erziehungsbegriff bei Kant und Rosseau


Hausarbeit, 2008

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung: Fragestellung der Arbeit

2. Der Erziehungsbegriff bei Kant
a) Der Erziehungsprozess
b) Zwang und Freiheit

3. Der Erziehungsbegriff bei Rosseau
a) Wozu Erziehung?
b) Das Paradoxon der Erziehung

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit befaßt sich mit dem Themenkomplex der Erziehung bei Immanuel Kant und Jean-Jacques Rosseau. Zuerst wird der Erziehungsbegriff bei Kant genauer durchleuchtet, um ihn anschließend dem von Rosseau gegenüberzustellen. Der Schwerpunkt hierbei liegt bei dem Vergleich der möglichen Ziele der Erziehung, sowie dem Widerspruch zwischen Zwang und Freiheit.

Die ersten Grundsteine für unser heutiges Erziehungssystem wurden im 18. Jahrhundert gelegt, welches dadurch auch als das „pädagogische Jahrhundert“ bekannt wurde. (vgl. Koller, S. 27) Hierfür sorgten nicht nur die Entdeckung der Kindheit, sondern auch die Etablierung der Schule. Hinzu kam die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnende Entwicklung eines pädagogischen Diskurses. Bis dato lediglich eine Teilbereich der Philosophie gewesen, geriet die Pädagogik immer mehr in den Mittelpunkt von Immanuel Kants Vorlesungen.

Worin nun besteht der spezifische Beitrag Kants zur theoretischen Fassung des Erziehungsbegriffs, und inwieweit wurde dieser von den Theorien Rosseaus beeinflusst?

2. Der Erziehungsbegriff bei Kant

a) Der Erziehungsprozess

Nach Kant muss der Mensch im Gegensatz zum Tier erzogen werden:

„Ein Tier ist schon alles durch seinen Instinkt; eine fremde Vernunft hat bereits alles für dasselbe besorgt. Der Mensch aber braucht eigene Vernunft. Er hat keinen Instinkt, und muss sich selbst den Plan seines Verhaltens machen. Weil er aber nicht sogleich im Stande ist, dieses zu tun, sondern roh auf die Welt kommt: so müssen es andere für ihn tun.“ (Kant 1803/1983, S. 697)

Im Gegensatz zu Tieren, deren Verhalten durch Instinkte festgelegt ist, bringt der Mensch von Natur aus eine gewisse Angewiesenheit auf andere mit sich, welche sich durch eine angeborene Offenheit und Hilflosigkeit manifestiert. (vgl. Koller, S. 30) Dies bezeichnet Kant als Erziehung. „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht.“ (Kant 1803/1983, S. 699)

Als paradox kann hierbei die Bezeichnung Mensch angesehen werden. Denn einerseits behauptet Kant, das man erst durch Erziehung zum Mensch wird, andereseits bezeichnet er das neugeborene Wesen, welches ja erst zum Menschen erzogen werden muss, ebenfalls als „Mensch“. (vgl. Koller, S. 31) Quintessenz dieses Paradoxons ist meiner Meinung nach dass ein Wesen, welches das Potential aufweist, zu einem vollwertigen Menschen erzogen werden zu können, schon in gewisser Weise einen Menschen darstellt. Ähnlich wie ein neugeborener Adler schon als Raub- oder Greifvogel bezeichnet wird, obschon es noch nicht in der Lage ist zu fliegen. Diese Aussage jedoch bringt ein weiteres Problem mit sich: Die Frage nach dem Ziel der Erziehung kann nicht mit einem bereits erzogenen Exemplar beantwortet werden, da alles vom Menschen gemachte unvollkommen ist. (vgl. Koller, S. 31 f)

„Vielleicht, dass die Erziehung immer besser werden, und daß jede folgende Generation einen Schritt näher tun wird zur Vervollkommnung der Menschheit; denn hinter der Edukation steckt das große Geheimnis der Vollkommenheit der Natur. [...] Es ist entzückend, sich vorzustellen, daß die menschliche Natur immer besser durch Erziehung werde entwickelt werden, und daß man diese in eine Form bringen kann, die der Menschheit angemessen ist. Dies eröffnet uns den Prospekt zu einem künftigen glücklichern Menschengeschlechte.“ (Kant 1803/1983, S.700)

Kant blickt der Zukunft also mit einem gewissen Fortschrittsoptimismus entgegen, wenn er von der „Vervollkommnung der Menschheit spricht“. (vgl. Koller, S,32).

„Es liegen viele Keime in der Menschheit, und nun ist es unsere Sache, die Naturanlagen proportionierlich zu entwickeln, und die Menschheit aus ihren Keimen zu entfalten, und zu machen, daß der Mensch seine Bestimmung erreiche. Die Tiere erfüllen diese von selbst, und ohne daß sie sie kennen. Der Mensch muß erst suchen, sie zu erreichen, dieses kann aber nicht geschehen, wenn er nicht einmal einen Begriff von seiner Bestimmung hat.“ (Kant 1803/1983, S.701)

Die „Bestimmung der Menschheit“ ist für Kant hierbei kein festgelegter Weg, sondern vielmehr ein leeres Blatt Papier, welches erst noch beschrieben werden muss. (vgl. Koller, S.33).

Wie sieht aber diese „Erziehung“ aus, welche das leere Blatt beschriften soll?

Der Prozess der Erziehung gliedert sich nach Kant in vier aufeinanderfolgende Stufen: Disziplinierung, Zivilisierung, Kultivierung und Moralisierung. (vgl. Koller, S. 34). Die erste dieser Stufen, die Disziplinierug, trägt dazu bei, das die tierische Natur des Educanden seiner Entwicklung zum Menschen nicht im Wege steht, und somit alle humanen Grundzüge frei entfaltet werden können. Sie bedeutet für Kant „suchen zu verhüten, daß die Tierheit nicht der Menschheit, in dem einzelnen sowohl, als gesellschaftlichen Menschen, zum Schaden gereiche“ (Kant 1803/1983, S.706). Sind es also gewisse Triebe, welche dem Menschen zwar von der Geburt an zugschrieben werden, ihn jedoch in seiner Entwicklung zum vollkommenen Menschen behindern, das sie eher von tierischer Natur sind. Man denke hierbei an die Floskel: „Er wird zum Tier“, als Bezeichnung für jemanden welcher einen starken Wutanfall bekommen hat oder in Rage versetzt wurde. Die Disziplinierung trägt also zur Einschränkung der menschlichen „Tierheit“ bei.

Als Beispiel für Kultivierung, der zweiten Stufe des Erziehungsprozesses, nennt Kant das Lesen und Schreiben. Dem Kind also alle Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verschaffen, welche von bestimmter Zweckmäßigkeit sind. (vgl. Koller, S.35). Diese „Geschicklichkeiten“, von welchen Kant spricht, sind unabdingbar um in der Gesellschaft voranzukommen. Wäre zu seiner Zeit das Lesen und Schreiben noch ausreichend gewesen, wären heutzutage zusätzlich Kenntnisse im Bereich EDV von großer Wichtigkeit.

Als dritte Stufe wird die Zivilisierung angeführt. Kant geht es darum das „dass der Mensch auch klug werde, in die menschliche Gesellschaft passe, dass er beliebt sei, und Einfluß habe“ (Kant 1803/1983, S.706). Statt sachbezogenen Fähigkeiten stehen hier also soziale Komponente im Vordergrund. Manieren, Ettikette, Stil und Formen welche im Umgan mit anderen Menschen zum Erreichen bestimmter Zwecke von großer Bedeutung sind. (vgl. Koller, S.36). Man denke hierbei an ein Bewerbungs- oder ein Verkaufsgespräch, welches ohne eine bestimmte Form von Zivilisierung sicher wenig erfolgversprechend wäre.

Die entscheidenste Stufe im Hinblick auf die moderne Theorie der Erziehung stellt jedoch die vierte Stufe dar:

„Der Mensch soll nicht bloß zu allerlei Zwecken geschickt sein, sondern auch die Gesinnung bekommen, daß er nur lauter gute Zwecke erwähle. Gute Zwecke sind diejenigen, die notwendigerweise von jedermann gebilligt werden: und die auch zu gleicher Zeit jedermanns Zwecke sein könnten.“ (Kant 1803/1983, S. 697)

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Der Erziehungsbegriff bei Kant und Rosseau
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Veranstaltung
Theorie und Geschichte von Erziehung und Bildung
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
12
Katalognummer
V123951
ISBN (eBook)
9783640295944
ISBN (Buch)
9783640320301
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, Immanuel, Kant, Rosseau, Erziehungsbegriff, Bildung, Pädagogik
Arbeit zitieren
Andreas Adler (Autor), 2008, Der Erziehungsbegriff bei Kant und Rosseau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123951

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