Hat sich das Wahlverhalten von Ost- und Westdeutschland seit der Wiedervereinigung angeglichen?

Eine empirische Analyse


Hausarbeit, 2016

25 Seiten, Note: 2,7

Marina Athanail (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1. Die Sozialisationstheorie als Erklärungsmodell von Angleichungsprozessen...
2.2. Das sozialpsychologische Erklärungsmodell des Wahlverhaltens..
2.2.1. Parteiidentifikation
2.2.2. Issueorientierung...
2.2.3. Kandidatenorientierung.

3. Empirische Analyse..
3.1. Forschungsdesign..
3.2. Analyse des Wahrverhaltens bei der Bundestagswahl 2005.
3.3. Analyse des Wahlverhaltens bei der Bundestagswahl 2009..
3.4. Analyse des Wahlverhaltens bei der Bundestagswahl 2013..
3.5. Entwicklung der Ost-West-Differenzen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Wiedervereinigung in Deutschland gilt als ein riesiger Umbruch in der deutschen Geschichte. Mit dieser wurden zwei unterschiedlich aufgewachsene Volksgruppen zusammengeführt, welche verschiedene Wertvorstellungen und Politik- bzw. Demokratieverständnisse mitbrachten. Während die Westdeutschen in einer pluralistischen Gesellschaft mit demokratischem Wettbewerb aufwachsen konnten, lebten die Ostdeutschen in einem sozialistisch indoktrinierten Staat, in dem zwischen der vorherrschenden Partei SED und den Blockparteien kein echter Parteienwettbewerb herrschte (Schoen/Abold 2006: 129ff.) Vielmehr wurde dem ostdeutschen Volk eine zentralgesteuerte Staatswirtschaft aufgezwungen, in der es keine Entscheidungsmöglichkeiten gab (Weber 2012: 22)1. Mit der deutschen Wiedervereinigung ist es möglich gewesen, zumindest strukturelle Angleichungen zwischen Ost- und Westdeutschland vorzunehmen. Die vorliegende Arbeit soll überprüfen, ob sich mit der strukturellen Angleichung von Ost- und Westdeutschland auch politische Verhaltensweisen angeglichen haben (Kaspar/Falter 2009: 202). Dabei wird der Schwerpunkt auf das Wahlverhalten, welches hier dem Konzept der politischen Kultur2 zugeordnet wird, gelegt. Der Fokus wird deshalb auf das Wahlverhalten gelegt, weil die demokratische Wahl3 und damit einhergehend das Wahlverhalten das am meisten genutzte politische Partizipationsmittel darstellt (Gabriel 2012: 29). Mit einer Wahlbeteiligung von über 70% (Statistisches Bundesamt 2016) bestellen und kontrollieren die deutschen Staatsbürger nicht nur ihre Repräsentanten, sondern legitimieren und befähigen sie gleichzeitig dazu, verbindliche Entscheidungen zu treffen (Gabriel 2012: 38). Gleichzeitig gibt die Stimmabgabe Ausschluss darüber, welche politische Richtung das Volk verfolgt und, in demographischer Unterscheidung auch darüber, ob das Wählervolk homogen wählt (Gabriel 2012: 13). Damit eignet sich die demokratische Wahl als guter Indikator dafür, eine Angleichung oder Entfernung der ehemalig getrennten Landeshälften festzustellen.

Ziel dieser Arbeit ist es zu überprüfen, ob eine Angleichung zwischen Ost- und Westdeutschland im Wahlverhalten stattgefunden hat. Dafür wird zunächst ein fundierter theoretischer Rahmen aufgestellt, in dem die Sozialisationstheorie als Erklärungsmodell für eine mögliche Angleichung zwischen Ost- und Westdeutschland herangezogen wird. Den nächsten theoretischen Baustein stellt das sozialpsychologische Erklärungsmodell dar, welches das Zustandekommen der Wahlentscheidung erklären soll. Aufbauend auf diesen beiden Theorien wird eine Hypothese aufgestellt, die es im anschließenden Hauptteil dieser Arbeit, der empirischen Analyse, zu überprüfen gilt. Für die empirische Analyse wird zunächst das Forschungsdesign aufgezeigt, indem ausführlich beschrieben und begründet wird, welche Daten für die Analyse herangezogen werden. Im nächsten Abschnitt folgt die Analyse und Hypothesenüberprüfung, indem die drei jüngsten Bundestagswahlen und deren Entwicklungen aufgezeigt werden.

Schließlich werden alle Ergebnisse zusammengefasst und mit Blick auf die Zukunft resümiert.

2. Theoretischer Rahmen

Eine fundierte empirische Analyse baut auf einen umfassenden und ausführlichen theoretischen Rahmen auf. Im Zuge dieser Arbeit liefert dieser das nötige Hintergrundwissen, um einerseits den möglichen Angleichungsprozess zwischen Ost- und Westdeutschland, und andererseits das Zustandekommen von Wahlentscheidungen zu erklären. Für ersteres wird sich in dieser Arbeit auf den Sozialisationsbegriff nach Hurrelmann (2002) und der Theorie der politischen Sozialisation von Greenstein (1968) berufen. Als Erklärungsmodell für das Wahlverhalten dient das sozialpsychologische Modell. Anhand dieser Theorien wird eine Hypothese aufgestellt, die anschließend eine strukturierte empirische Analyse ermöglicht.

2.1. Die Sozialisationstheorie als Erklärungsmodell von Angleichungsprozessen

Die Sozialisationsforschung ist geprägt von zahlreichen unterschiedlichen Verständnissen. Eine voll ausgearbeitete und universell geltende Sozialisationstheorie gibt es nicht, lediglich „eine Vielfalt unterschiedlicher Theorien, die sich teilweise im Wettbewerb und teilweise in Arbeitsteilung miteinander um die Klärung des Gegenstandsbereichs „Persönlichkeitsentwicklung des Menschen“ bemühen“ (Hurrelmann 2002: 39ff.). Im Zuge dieser Arbeit ist es deshalb umso wichtiger, einen Sozialisationsbegriff und darauf aufbauend eine Sozialisationstheorie festzulegen.

Der erste offizielle Sozialisationsbegriff, der auch gleichzeitig für einen Aufbruch der soziologischen Theorie im 20. Jahrhundert sorgte, stammt vom französischen Soziologen Emile Durkheim. Für Durkheim liegt der Schwerpunkt der Sozialisation vor allem bei der Anpassung an die gesellschaftlichen Anforderungen und der Unterwerfung unter diesen (Hurrelmann 2002: 12). Deshalb definiert er die Sozialisation als die „Vergesellschaftlichung der Natur“ (Veith 2015: 20; Hurrelmann 2002: 12), was eher der traditionellen Definition von Sozialisation entspricht. Der im Zuge dieser Arbeit verwendete Sozialisationsbegriff ist der neue, bis heute in der Wissenschaft anhaltende Begriff und definiert sich folgendermaßen:

„Sozialisation bezeichnet […] den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt. Sozialisation ist die lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundmerkmalen, die für den Menschen die »innere Realität« bilden, und der sozialen und physikalischen Umwelt, die für den Menschen die »äußere Realität« bilden.“ (Hurrelmann 2002: 15ff.)

Mit diesem Sozialisationsbegriff legt Hurrelmann den Fokus auf die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Menschen und den Einflüssen von außen in Hinblick auf deren Entwicklungsprozesse. Während dieser Entwicklungsprozesse wirken unterschiedliche Sozialisationsinstanzen auf das Individuum ein. Hurrelmann unterscheidet hierbei zwischen primären, sekundären und tertiären Sozialisationsinstanzen (Hurrelmann 2002: 32f.). Die primären und damit einflussreichsten Sozialisationsinstanzen sind für ihn jegliche sozialen Netzwerke, wie die Familie und der Freundeskreis, da sie sich im Alltag des Menschen mit ihrer Persönlichkeit einbringen können und deshalb so den Menschen beeinflussen und seine Persönlichkeit mitgestalten können. Unter die sekundären Sozialisationsinstanzen fallen jegliche gesellschaftlichen Organisationen, die zur Erziehung, insbesondere von Kindern und Jugendlichen beitragen. Dazu zählen unter anderem die Schule, Kindertagesstätten, Hochschulen und Ausbildungseinrichtungen. Tertiäre Sozialisationsinstanzen sind für Hurrelmann Organisationen, welche in der Freizeit- und Wohnwelt eine Rolle spielen. Darunter spielen beispielsweise die Massenmedien und die Gleichaltrigengruppen eine große Rolle, aber auch öffentliche Institutionen wie Politik und Wirtschaft. Diese Sozialisationsinstanzen wirken sich auf die Entwicklung der (politischen) Sozialisation aus. Eine Teilmenge der Sozialisation stellt die politische Sozialisation dar, welche im Zuge dieser Arbeit aufgrund ihres Untersuchungsgegenstandes besonders relevant ist und deshalb aufgegriffen wird.

Eine von vielen und zugleich weit umfassende Definition von politischer Sozialisation ist die von Greenstein (1968). Nach ihm umschliesßt die politische Sozialisation „all political learning, formal and informal, deliberate and unplanned, at every stage of life cycle, including not only explicitly political learning but also nominally nonpolitical learning that affects political behavior, such as the learning of politically relevant social attitudes and the acquisition of political relevant personality characteristics” (Greenstein 1968: 551). Damit beinhaltet sein Begriff von politischer Sozialisation, welche ein lebenslanger Prozess ist, sowohl die spezifisch politischen Lernprozesse als auch nicht politische Lernprozesse, „die das politische Denken oder Verhalten beeinflussen, wie zum Beispiel das Erlernen politisch bedeutsamer sozialer Kompetenzen oder politisch relevante Persönlichkeitsmerkmale“ (Rippl 2015: 733). Die politische Sozialisation bzw. das politische Lernen4 kann nach Greenstein je nach soziostrukturellen und psychologischen Gegebenheiten variieren. So zeigt sich beispielsweise, dass Männer zur politischen Partizipation neigen, als Frauen. Ähnliche Effekte zeigen sich auch bei der Unterscheidung zwischen der sozialen Klasse, wobei Menschen, die in einer sozial höheren Klasse einzustufen sind, eher dazu neigen politisch aktiv zu sein, als Menschen, die niedrigerer sozialen Klassen angehören (Greenstein 1968: 552). Das politische Lernen beginnt nach Greenstein schon im frühen Kindesalter, wobei die Familie, die Schule und die Massenmedien einen großen Einfluss ausüben (Greenstein 1968: 553f.). So nehmen Kinder während der Schulzeit erste politische Inhalte, wie die Polizei, das Militär, Regierende oder Flaggen wahr und große politische Ereignisse, die medial ausgebreitet werden, werden beispielsweise über das Fernsehen aufgenommen. Den größten Einfluss übt jedoch die Familie aus, vor allem wenn es um politische Überzeugungen und Zugehörigkeiten geht (Greenstein 1968: 554). Das Alter, in das die politische Sozialisation erfolgt, spielt nach Greenstein eine wesentliche Rolle. Es zeigt sich, dass politische Orientierungen, die schon während der frühen Schulzeit erlernt werden, oftmals einen größeren Einfluss auf das politische Verhalten im Erwachsenenalter haben, als erst später erworbene politische Orientierungen (Greenstein 1968: 554). Eine für das Wahlverhalten wesentliche Determinante, die Parteiidentifikation (siehe dazu Punkt 2.3.1.), wird schon im frühen Lebensalter geformt, während ideologische Orientierungen erst später erlernt werden (Greenstein 1968: 554).

Die politische Sozialisation lässt sich somit als einen lebenslangen Prozess festhalten, welcher schon im frühkindlichen Alter beginnt und sich später auf das politische Verhalten, worunter z.B. die Stimmabgabe in demokratischen Wahlen fällt, auswirkt.

In Bezug auf Deutschland erweist sich eine Betrachtung des Wahlverhaltens als besonders interessant, da sich mit der Wiedervereinigung zwei unterschiedlich (politisch) sozialisierte Wählerschaften vereint haben, die ein differierendes Wahlverhalten aufweisen. Aus dem resultierenden Zusammenhang von politischer Sozialisation und dem Wahlverhalten wird folgende Hypothese aufgestellt:

Hypothese 1: Je jünger/älter die politische Sozialisation zwischen zwei Wahlregionen ist, desto größer/kleiner sind die regionalen Wahlunterschiede.

Da diese Arbeit eine Untersuchung der Angleichung zwischen Ost- und Westdeutschland in Bezug auf das Wahlverhalten vornimmt, ist es noch wichtig, ein Modell zum Wahlverhalten festzulegen. Dies erfolgt im nächsten Abschnitt.

2.2. Das sozialpsychologische Erklärungsmodell des Wahlverhaltens

Der sozialpsychologische Ansatz5, welcher aufgrund seines Entstehungsorts auch Michigan- oder Ann-Arbor-Ansatz genannt wird, ist einer der dominierenden Ansätze, die das Zustandekommen einer Wahlentscheidung erklären (Pappi/Shikano 2007: 21). Dieses Modell wurde im Zuge der amerikanischen Präsidentschaftswahlen 1948 und 1952 von Angus Campbell, Geran Gurin und Warren E. Miller (1954) entwickelt und mehrfach modifiziert (Roth 2008: 42).

[...]


1 Mehr zur geschichtlichen Ausgangslage in Ostdeutschland siehe Weber (2012)

2 Mehr zur politischen Kultur siehe Almond/Verba (1963)

3 Unter einer demokratischen Wahl wird im Zuge dieser Arbeit jene Wahlen verstanden, die allgemein, regelmäßig, frei, geheim, verbindlich und nach dem Mehrheitsprinzip erfolgen (Schmitt 2014: 5ff.).

4 Da Greenstein unter politischer Sozialisation im weitesten Sinne politisches Lernen versteht, können diese Begriffe im Folgenden synonym betrachtet werden.

5 Die Termini Ansatz und Modell werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Hat sich das Wahlverhalten von Ost- und Westdeutschland seit der Wiedervereinigung angeglichen?
Untertitel
Eine empirische Analyse
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V1240219
ISBN (Buch)
9783346663320
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutschland, BRD, Politisches System der BRD, Wiedervereinigung, Ostdeutschland, Westdeutschland, Ost- und Westdeutschland, Wahlverhalten, Analyse, Sozialisationstheorie
Arbeit zitieren
Marina Athanail (Autor:in), 2016, Hat sich das Wahlverhalten von Ost- und Westdeutschland seit der Wiedervereinigung angeglichen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1240219

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