Erlebnispädagogik – Abenteuer vs. Erziehung?!

Die Reformpädagogik zwischen Aktionismus und Bildungsauftrag


Hausarbeit, 2008

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historie und Grundgedanken
2.1 Versuch einer Definition
2.2 Wurzeln der Erlebnispädagogik
2.3 Erlebnispädagogische Grundlagen

3. Pädagogik und Erlebnis
3.1 Lernen und Erlebnis
3.2 Erziehung und Erlebnis
3.3 Bildung und Erlebnis

4. Kritik und Zukunft
4.1 Kritik an der Erlebnispädagogik
4.2 Aktualität der Erlebnispädagogik
4.3 Zukunft der Erlebnispädagogik

5. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir leben in einer modernen Erlebnisindustrie. Unsere Welt ist laut, hektisch und überflutet von Reizen. Nichts soll langweilig sein, alles wird zum Erlebnis, selbst das Benutzen eines bestimmten Reinigungsmittels (zumindest wenn man der Werbung Glauben schenkt). Anbieter kommerzieller Erlebnisprodukte jeglicher Art machen enormen Umsatz (siehe z.B. www.mydays.de). Jeder sucht das Erlebnis. Doch trotzdem oder gerade deshalb sind immer mehr Menschen gelangweilt, frustriert und einsam. Die Möglichkeiten der eigenständigen und eigenverantwortlichen Lebensweltgestaltung schrumpfen und das führt unter anderem dazu, dass der „Kick“ immer intensiver, besser, imposanter sein muss. Nicht selten endet dieses Bedürfnis im Drogenrausch oder Autocrash (vgl. Herrmann 2001).

Welchen Beitrag kann hier die Erlebnispädagogik leisten? Können die Erfahrungen und die Erkenntnisse, die man während der Teilnahme an einer Erlebnispädagogik über sich selbst gewonnen hat, auch in den Alltag übertragen bzw. umgesetzt werden oder ist es nur eine Pädagogik auf Zeit? Und wie sieht das Verhältnis zwischen Erlebnis und pädagogischen Nutzen aus? Diese und ähnliche Fragen möchte ich in meiner Hausarbeit klären. Einleitend werde ich mit Hilfe von Literatur den Versuch einer Definition von Erlebnispädagogik wagen, um dann im nächsten Schritt auf die Grundgedanken und kurz auf geschichtliche Fakten einzugehen. Darüber hinaus werde ich die Möglichkeiten und Grenzen sowie die Zukunft der Erlebnispädagogik darlegen und kurz diskutieren. Der Fokus meiner Arbeit liegt auf dem Verhältnis von Erlebnis und Erziehung bzw. dem pädagogischen Nutzen der Erlebnispädagogik.

2. Historie und Grundgedanken

2.1 Versuch einer Definition

Ich habe dieses Kapitel „Versuch einer Definition“ genannt, da es bis heute immer noch keine einheitliche wissenschaftliche Definition für den Begriff Erlebnispädagogik gibt. Erlebnispädagogik soll laut Günther verstanden werden „als Methode, mit pädagogischen Mitteln nachhaltige Änderungen des Verhaltens und des Erlebens zu erwirken, die sich besonders dadurch kennzeichnen, dass Prozesse durch unmittelbares Erleben bewusst ausgelöst werden.“ (Günther 2008, S. 35). Zu diesem Zweck werden bestimmte Mittel, wie z.B. das Gleitschirmfliegen, angewandt.

Erlebnispädagogik, Abenteuerpädagogik, Aktionspädagogik, Erfahrungslernen – all diese Begriffe haben etwas mit Erlebnis und Erziehung zu tun. Doch was steckt genau dahinter?

Beim Erfahrungslernen erhält das Kind Erkenntnisse indem es sich aktiv und selbstbestimmt mit seiner Umwelt auseinandersetzt. Das hat schon sehr viel mit Erlebnispädagogik gemein. Aktionspädagogik hingegen ist ein relativ oberflächlicher Begriff. In der Erlebnispädagogik geht es nur scheinbar vordergründig um „action“, vielmehr stehen die Anstrengung, die Überwindung, die Persönlichkeit und die Stärkung des Selbstwertgefühls im Fokus des Geschehens. Das lässt erkennen, dass die Aktion nur das Hilfsmittel zur Erreichung des pädagogischen Ziels ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff Abenteuer. Ein Abenteuer ist pädagogisch nicht planbar und kann auch nicht als ein Ereignis mit offenem Ausgang eingesetzt werden. Und Pädagogen sollten immer mit berechen- und voraussehbaren Aktionen arbeiten. Alles andere wäre zu gefährlich (vgl. Heckmair/Michl 2004, S. 99f).

Laut Heckmair und Michl wurde Erlebnispädagogik noch bis vor kurzem als handlungsorientierte Methode definiert, „in der die Elemente Natur, Erlebnis und Gemeinschaft pädagogisch zielgerichtet miteinander verbunden werden.“ (ebd., S. 101). Diese Begriffserklärung schließt natürlich die Weiterentwicklungen in der Erlebnispädagogik, wie z.B. Erleben in der Stadt, Hochseilgärten oder Sportpädagogik, aus. Daher verstehen wir heute unter Erlebnispädagogik „eine handlungsorientierte Methode, in der durch Gemeinschaft und Erlebnisse in naturnahen oder pädagogisch unerschlossenen Räumen neue Raum- und Zeitperspektiven erschlossen werden, die einem pädagogischen Zweck dienen.“ (ebd., S. 102). Heckmair/Michl führen noch eine dritte Begriffsklärung an und fordern gleichzeitig Kritiker auf, diese Definition weiterzuentwickeln oder gar eine neue vorzulegen: „Erlebnispädagogik ist eine handlungsorientierte Methode und will durch exemplarische Lernprozesse, in denen junge Menschen vor physische, psychische und soziale Herausforderungen gestellt werden, diese in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern und sie dazu befähigen, ihre Lebenswelt verantwortlich zu gestalten.“ (ebd., S. 102).

2.2 Wurzeln der Erlebnispädagogik

Der Reformpädagoge Kurt Hahn (1886 – 1974) ist sowohl geistiger Vater als auch Begründer der heutigen Erlebnispädagogik. In der Internatsschule Schloss Salem am Bodensee, die auch heute noch existiert, praktizierte er schon ab 1920 seine „Erlebnistherapie“ und integrierte hierbei erlebnispädagogische Elemente (körperliches Training, Rettungsdienst, Expeditionen und Projekt) in den Stundenplan. Einundzwanzig Jahre später gründete Hahn in Wales die Outward-Bound-Schule mit dem Ziel junge Menschen für das Leben zu rüsten um damit „fertig“ zu werden. Als Vorbild diente ihm die englische Seefahrerschule – ein zur Ausfahrt gerüstetes Schiff (vgl. Gassner 2008). Heute ist Outward Bound ein freier Träger der Jugend- und Erwachsenenbildung und bietet Seminare mit den Schwerpunkten Naturkunde und Sport an. Darüber hinaus wird seit 1993 eine berufsbegleitende erlebnispädagogische Zusatzausbildung angeboten (vgl. Herrmann 2001).

Beim Analysieren der Gesellschaft stelle Kurt Hahn fest, dass sie unter so genannten „Zivilisationskrankheiten“ leidet. Laut seinen Beobachtungen gab bzw. gibt es einen Mangel an zwischenmenschlichen Beziehungen, ein zu wenig an physischer Ertüchtigung, einen Mangel an Initiative und den Hang sich gehen zu lassen. Dem entgegen setzte Hahn körperliches Training (Wandern, Laufen, Spielen, Turnen), Kunstübungen (Zeichnen, Modellieren) und praktische Arbeiten (im Garten, auf dem Feld, in der Werkstatt, auf dem Bauplatz). Die Konzepte wurden im Laufe der Jahre weiterentwickelt. Heute wird von einem ganzheitlichen Bildungskonzept gesprochen. Erlebnispädagogik ist „ein Lernen durch Kopf, Herz und Hand“ (Gassner 2008).

2.3 Erlebnispädagogische Grundlagen

Erlebnispädagogik ist kein geschützter Begriff und vielleicht ist sie gerade dadurch mehr als nur eine Idee oder Therapie. Erlebnispädagogik „ist ein Menschenbild und eine Herausforderung. Sie kann überall stattfinden und ist nicht untrennbar mit Segelschiffen, Wüsten, Urwäldern und Bergen verbunden. Sie ist eine Herausforderung für jeden Teilnehmer“ (Herrmann 2001). Es gibt diverse erlebnispädagogische Strömungen und unterschiedliche Konzepte. Doch trotz dieser Verschiedenheit zeigen sich in allen Konzepten Gemeinsamkeiten. Überwiegend spielen das Selbsterfahrungslernen (sich selbst erleben lernen), ganzheitliches Lernen, Lernen in der Gruppe und an realen Situationen eine entscheidende Rolle, wobei viel Wert auf die individuelle Grenzerfahrung sowie deren Reflexion gelegt wird (vgl. Herrmann 2001).

Wir alle kennen den Ausdruck „Learning by doing“ oder aber auch den von Kurt Hahn geprägten Satz „Lernen durch Kopf, Herz und Hand“. Doch was heißt das genau und wie wird es umgesetzt? – Lernen durch den Kopf beinhaltet alle kognitiven Prozesse, wie z.B. den Wissenserwerb, das Erkennen von Zusammenhängen oder aber auch die Informationsverarbeitung. So eignet man sich z.B. vor und während der Erlebnispädagogik Bergsteigen Wissen über Klettertechniken, das Wetter, Geologie, erste Hilfe usw. an. „Lernen mit Herz meint die senso-motorische Dimension. Die innere und äußere Natur sinnlich begreifen, erfahren, ertasten, erfühlen, d.h. die Oberfläche eines Baumes blind ertasten, ein Schlammbad nehmen, die Strukturen einer verwitterten Wurzel nachzeichnen.“ (Heckmair/Michl 2004, S. 114). Wenn wir darüber hinaus wieder Gefühle, wie z.B. Freude, aber auch Angst und Bedrohung zulassen, dann begegnen wir der affektiven Dimension. Dazu gehört die kreative Dimension, d.h. die Förderung der Phantasie, um in bestimmten Situationen kreativ handeln zu können - sowohl gegenüber der Natur als auch gegenüber unseren Mitmenschen. Die wichtigsten Ziele der Erlebnispädagogik waren und sind die „Charakterbildung und Ausformung der Persönlichkeit“ (ebd., S. 115).

3. Pädagogik und Erlebnis

3.1 Lernen und Erlebnis

„Lernen ist die relative überdauernde Veränderung von Verhalten oder Verhaltensmöglichkeiten aufgrund von Erfahrungen, die nicht auf Krankheit oder Entwicklung zurückzuführen sind.“ (www.uni-oldenburg.de, 2001). Wenn man sich mit dem Begriff ‚Lernen‘ befasst merkt man allerdings schnell, dass keine allgemein gültige Definition existiert. Schott wiederum „begreift Lernen als Zugang zu Wissen und Erkenntnis bzw. als Erkenntnisprozeß, bei dem es nicht allein darauf ankommt, Wissen quasi als Informationsabbildungen im Gedächtnis kumulativ zu speichern, sondern bei dem das Erkennen selbst mit all seinen Gütekriterien im Blickpunkt steht.“ (Schott 2003, S. 250). Ein gemeinsamer Bezugspunkt lässt sich bei diesen Definitionsversuchen finden – nämlich den des Erlebens. Denn entweder lernen wir etwas aufgrund von Ereignissen oder Vorgängen, die erlebt wurden oder wir lernen etwas wobei das Lernen selbst der Grund für ein verändertes Erleben beim Individuum ist. Verschiedene Erlebensformen bedingen auch verschiedene Lernformen und umgekehrt. Erleben ist hier stets das Bindeglied: Zum Einen ermöglicht es Wissen und Erkenntnis und zum Anderen kann dieses Wissen in Taten / Handlungen umgesetzt werden. Darüber hinaus können Gefühle, Triebe, Begierden, Ängste, Empfindungen usw. mit Hilfe des Erlebnisses frei gesetzt und dadurch gespürt werden, was dann im Endeffekt unser Verhalten und Handeln beeinflusst. Laut Schott kann und soll Lernen „hier nicht nur als ein Ineinandergreifen von Verstand und Sinnlichkeit verstanden werden, sondern als wechselseitige Einflußnahme von Sinnlichkeit, Verstand, Gefühl und Wollen.“ (ebd., S. 251). Das Erleben dient dem Lernen sozusagen als Werkzeug, als Instrument. Schott geht noch einen Schritt weiter: „Das Erleben ist womöglich die conditio sine qua non für das Lernen.“ (ebd.). Doch wie sieht das beim Erlebnis aus? Grundsätzlich bedarf es keines Erlebnisses, damit Lernen stattfinden kann. Andererseits verknüpft das Erlebnis Empfindungen, Gefühle, das Denken und Wollen so intensiv miteinander, dass Lernen stattfinden kann. Trotzdem ist ein Lernerfolg nicht garantiert, da ein Erlebnis nicht auf Kontinuität und Permanenz ausgelegt ist, sondern durch Seltenheitscharakter besticht. Doch gerade das konsequente Üben und Wiederholen, durch das das Erleben geprägt ist, lässt dem Lernen Früchte tragen. Das Erlebnis hingegen ist dazu da, aus dieser Regelmäßigkeit einmal auszubrechen und neue Impulse in das Lernen einzubringen (vgl. Schott 2003, S. 268f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Erlebnispädagogik – Abenteuer vs. Erziehung?!
Untertitel
Die Reformpädagogik zwischen Aktionismus und Bildungsauftrag
Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Veranstaltung
Geschichte und Gegenwart der Reformpädagogik
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V124054
ISBN (eBook)
9783640296484
ISBN (Buch)
9783640302079
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erlebnispädagogik, Abenteuer, Erziehung, Geschichte, Gegenwart, Reformpädagogik
Arbeit zitieren
Sarah Henkel (Autor), 2008, Erlebnispädagogik – Abenteuer vs. Erziehung?!, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124054

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