Der Souverän hat das Privileg über Leben und Tod zu entscheiden. In der Demokratie verschiebt sich der Ursprung der Gewalt vom Fürsten, dem Stellvertreter Gottes, zum Volk. Die Gewalt, also das Privileg über Leben und Tod zu entscheiden, liegt nun beim Volk. Aber wie spricht es? Dieses neue Subjekt der Geschichte, wird, nach Foucault, zum sprechen gebracht, wenn es mit der Macht in Berührung kommt. Denn auch wenn der Kopf des Königs gefallen ist, ist die Macht nicht verschwunden. Sie hat nur ihre Form geändert. Die neue Macht ist eine, die nicht mehr auf den Tod, sondern unmittelbar auf das nackte Leben zugreift.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Zwei Ökonomien der Züchtigung / Sühne und Heilung
3. Das Verschwinden der Strafe als Schauspiel und die Verwaltung der Strafe
4. Das Prinzip des Funktionierens der modernen Strafe
5. Skizzen der Vermischung von Juristerei und Wissenschaft, genauer Medizin
6. Der Körper auch im Zentrum und unter dem Zugriff der modernen Strafe
7. Biopolitischer Ausblick
8. Das Leben des infamen Woyzeck und die Unsichtbarkeit der Bestrafung
9. Lektüre von Woyzeck zwischen alter und neuen Strafökonomie
10. Bibliographie:
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Transformation von Strafsystemen, indem sie Georg Büchners Fragment Woyzeck mit Michel Foucaults Analysen zur Macht über den Körper verknüpft. Das Ziel ist es, Woyzeck als Figur zu positionieren, die zwischen einer alten, auf Gnade und Sühne basierenden Strafökonomie und einer modernen, wissenschaftlich geprägten Biopolitik oszilliert.
- Historische Wandlung der Bestrafung vom öffentlichen Schauspiel zur verwalteten Kontrolle.
- Die Rolle der Medizin und Wissenschaft bei der Normierung abweichenden Verhaltens.
- Der Körper als zentrales Objekt von Machtausübung und ökonomischer Nutzbarmachung.
- Büchners literarische Auseinandersetzung mit dem Übergang zwischen theologischen Weltanschauungen und moderner Straflogik.
Auszug aus dem Buch
6. Der Körper immer noch unter dem Zugriff der modernen Strafe
Foucault legt eine spezifische Lektüre an, um die modernen Strafverhältnisse fassen zu können. Er stellt den Körper der sich schon als Objekt des Zugriffs der Martern zeigte ins Zentrum seiner Überlegungen. Die heilende bessernde Strafe, die auf die Seele wirkt, indem sie eine Erziehungs- und Bewertungsfunktion ausübt, wirkt sie nicht letztlich auch auf den Körper, nur auf eine andere subtilere filigranere Art? Ist der Körper in ihrem Spannungsfeld nicht letztlich doch mehr, als nur Vermittler? Erweist sich der Zugriff auf den Körper nicht auch als grundsätzlichen Paradigma des modernen Strafens?
„Aber der Körper steht auch unmittelbar im Feld des Politischen; die Machtverhältnisse legen ihre Hand auf ihn; sie umkleiden ihn, markieren ihn, dressieren ihn, martern ihn, zwingen ihn zu Arbeiten, verpflichten ihn zu Zeremonien, verlangen von ihm Zeichen. Diese politische Besetzung des Körpers ist mittels komplexer und wechselseitiger Beziehungen an seine ökonomische Nutzung gebunden, zu einem Gutteil ist der Körper als Produktionskraft von Macht-und Herrschaftbeziehungen besetzt; (...) zu einer ausnutzbaren Kraft wird der Körper nur, wenn er sowohl produktiver wie unterworfener Körper ist.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, wie die Medizin Bereiche usurpierte, die zuvor der Sühne und Gnade vorbehalten waren, und stellt die These auf, dass Woyzeck als Zwitter zwischen zwei Strafstilen fungiert.
2. Die Zwei Ökonomien der Züchtigung / Sühne und Heilung: Dieses Kapitel differenziert zwischen dem rituellen, körperbezogenen Strafen der Vergangenheit und dem modernen, auf Dressur und Heilung ausgerichteten System.
3. Das Verschwinden der Strafe als Schauspiel und die Verwaltung der Strafe: Es wird analysiert, wie die Bestrafung aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwindet und zu einem diskreten Verwaltungsakt wird, um den Souverän nicht als Gewalttäter erscheinen zu lassen.
4. Das Prinzip des Funktionierens der modernen Strafe: Der Fokus liegt auf der Etablierung eines normierenden Systems, in dem Ärzte und Psychologen den Henker ersetzen und Abnormalität wissenschaftlich korrigiert wird.
5. Skizzen der Vermischung von Juristerei und Wissenschaft, genauer Medizin: Hier wird beleuchtet, wie wissenschaftliche Kategorisierungen (Instinkte, Perversionen, Erbschäden) in die juristische Urteilsbildung einfließen.
6. Der Körper auch im Zentrum und unter dem Zugriff der modernen Strafe: Das Kapitel argumentiert, dass auch die subtile moderne Strafe letztlich auf den Körper zugreift, um diesen produktiv und unterworfen zu halten.
7. Biopolitischer Ausblick: Es wird die Verschiebung vom Vorrecht auf Leben und Tod zur Verwaltung und Optimierung des Volkskörpers unter dem Paradigma der Biopolitik skizziert.
8. Das Leben des infamen Woyzeck und die Unsichtbarkeit der Bestrafung: Dieses Kapitel untersucht die Abwesenheit der expliziten Hinrichtung in Büchners Text und interpretiert Woyzeck als Subjekt, das durch den Kontakt mit der Macht erst historisch sichtbar wird.
9. Lektüre von Woyzeck zwischen alter und neuen Strafökonomie: Die Schlussbetrachtung zeigt auf, wie Büchner religiöse Zitate und wissenschaftliches Gedankengut miteinander kollagiert, um den Übergang in eine diesseitige, gottlose Strafwelt abzubilden.
10. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Biopolitik, Michel Foucault, Georg Büchner, Woyzeck, Strafsystem, Züchtigung, Sühne, Körper, Machtverhältnisse, Moderne, Medizin, Juristerei, Strafökonomie, Dressur, Normierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Wandel von Strafsystemen und analysiert, wie sich die Machtausübung auf den menschlichen Körper im Laufe der Geschichte verändert hat, insbesondere im Kontext von Georg Büchners Woyzeck.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themenfelder sind die Transition vom öffentlichen Schauspiel der Bestrafung hin zur verwalteten Kontrolle sowie die Verzahnung von juristischen, medizinischen und religiösen Diskursen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach den Spannungsfeldern zwischen Gnade und Körper im Strafkontext und untersucht die These, dass der Woyzeck als Zwitterwesen zwischen zwei verschiedenen Strafstilen anzusehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Büchner-Fragments, die durch die machttheoretischen Ansätze von Michel Foucault (insbesondere aus „Überwachen und Strafen“) gerahmt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung vom Ritus der Sühne hin zur „moralischen Orthopädie“, die Rolle der Wissenschaft bei der Bewertung von Delinquenten sowie die biopolitische Dimension der modernen Strafe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Biopolitik, Strafökonomie, Körper, Macht, Woyzeck, Sühne, Medizin, Normierung und Transformation.
Inwiefern beeinflusst das „Clarus-Gutachten“ die Analyse?
Das Gutachten des historischen Woyzeck wird als Zitatfundus und Quelle genutzt, die für Büchner produktiv wurde, um die juristische Zurechnungsfähigkeit und damit die Inkorporation in das moderne Strafsystem zu thematisieren.
Warum erscheint Gott in Büchners Woyzeck nur noch in „verwirrten Zitaten“?
Die Abwesenheit eines wirksamen, gnädigen Gottes im Fragment unterstreicht die „totale Diesseitigkeit“ der modernen Welt, in der religiöse Motive zwar noch vorhanden, aber in ihrer Sinnleere entleert sind.
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- Ferdinand Klüsener (Author), Deborah Neininger (Author), 2009, Die Gnade des infamen Woyzeck. Oder: Der Körper des Verurteilten und das Schauspiel der Strafen , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124104