Die Gnade des infamen Woyzeck. Oder: Der Körper des Verurteilten und das Schauspiel der Strafen

Die Spannungsfelder von Gnade und Körper im Kontext des Strafens


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Zwei Ökonomien der Züchtigung / Sühne und Heilung

3. Das Verschwinden der Strafe als Schauspiel und die Verwaltung der Strafe

4. Das Prinzip des Funktionierens der modernen Strafe

5. Skizzen der Vermischung von Juristerei und Wissenschaft, genauer Medizin

6. Der Körper auch im Zentrum und unter dem Zugriff der modernen Strafe

7. Biopolitischer Ausblick

8. Das Leben des infamen Woyzeck und die Unsichtbarkeit der Bestrafung

9. Lektüre von Woyzeck zwischen alter und neuen Strafökonomie

10. Bibliographie:

Willkommen Sterne, seid gegrüßt ihr Zeugen
Der Allmacht Gottes, der die Welten lenkt,
Der unter allen Myriaden Wesen

Auch meiner voll von Lieb’ und Gnade denkt.

aus: Georg Büchner: Die Nacht

1. Einleitung

„ Die Macht war vor allem Zugriffsrecht auf die Dinge, die Zeiten, die Körper und schließlich das Leben; sie gipfelte in dem Vorrecht, sich des Lebens zu bemächtigen, um es auszulöschen. “1

Der Souverän hat das Privileg über Leben und Tod zu entscheiden. In der Demokratie ver-schiebt sich der Ursprung der Gewalt vom Fürsten, dem Stellvertreter Gottes, zum Volk. Die Gewalt, also das Privileg über Leben und Tod zu entscheiden, liegt nun beim Volk. Aber wie spricht es? Dieses neue Subjekt der Geschichte, wird, nach Foucault, zum sprechen gebracht, wenn es mit der Macht in Berührung kommt. Denn auch wenn der Kopf des Königs gefallen ist, ist die Macht nicht verschwunden. Sie hat nur ihre Form geändert. Die neue Macht ist ei-ne, die nicht mehr auf den Tod, sondern unmittelbar auf das nackte Leben zugreift.

Diese Hausarbeit soll betrachteten, wie die Medizin Bereiche ursupiert, die zuvor der Sühne und Gottes Gnade vorbehalten blieben. Ihr liegen zwei Hauptquellen zu Grunde: Georg Büchners Fragment Woyzeck und Michel Foucaults Text: Der Körper des Verurteilten . Es soll herausgearbeitet werden, in welchen Spannungsfeldern sich die Gnade und der Körper im Kontext des Strafens finden.

Die These, die mit diesen Überlegungen gestützt werden soll, bezieht sich auf Büchners Ver-handlung des Woyzeck und soll lauten: Der Woyzeck den Büchner beschreibt, findet sich als Zwitter zwischen zwei Strafstilen, zwischen zwei Arten wie auf den Körper zugegriffen wird.

Woyzecks Bestrafung zeichnet sich zwar dadurch aus, dass sie bereits in einer Welt völliger Immanenz angesiedelt ist. Woyzeck hat keine Hoffnung seine Taten zu sühnen und Gottes Gnade bleibt ihm zumindest im System einer modernen Justiz verwehrt. Die moderne Justiz wendet keine Marter an seinen Körper, sie urteilt ihn unter einem wissenschaftlich Blick der Verwertbarkeit ab. Die Justiz zeigt sich hier als Biopolitik in ihren Grundzügen. Aber doch ragt altes Überkommenes, nicht mehr Abgleichbares, Entleertes, in Form von biblischem Gedankengut in die Modernität herein. Ganz abgesehen davon, dass sich der Aufbruch ins Neue sowieso schon als Scheitern im Kern erweist.

Büchner arbeitet mit Zitaten, die er akribisch collagiert, und die zwischen Religion und Wis-senschaft Spannung erzeugen. Im Woyzeck sieht es so aus, als ob an die Stelle der alten Ord-nung, der alten Weisheit, die Medizin tritt, unter deren wissenschaftlichem Blick Woyzecks Körper zum sprechen gebracht und seine Hinrichtung entschieden wird. Doch auch die Wis-senschaft erweist sich als Zitatcollage zu hanebüchenen Experimenten. Solange das Blut rauscht, ist die Zurechnungsfähigkeit gewährleistet.

In der vorliegenden Arbeit soll auf die von Foucault beschriebenen Strafsysteme eingegan-gen werden, um zwischen Sühne und Heilung zu differenzieren und um die Aspekte des Ver-schwindens der Strafe als Schauspiel zu betrachten und so den Weg in das Funktionieren der modernen Strafe zu beschreiben. Es soll nachgezeichnet werden, wie sich letztlich doch er-neut der Körper im Zentrum der modernen Strafen findet, die sich zwar auf die Seele ausrich-tet, aber dennoch den Körper formt.

Nach einem kurzen biopolitischen Ausblick, der sich auf Foucaults Text aus „Sexualität und Wahrheit“: Recht über den Tod und Macht zum Leben bezieht, sollen die formulierten Ge-danken und Erkenntnisse auf Woyzeck angewendet und Büchners Text damit analysiert wer-den.

2. Die Zwei Ökonomien der Züchtigung / Sühne und Heilung

„(...) das Wesentliche der Strafe, welche die Richter auferlegen, besteht nicht in der Be-strafung, sondern in dem Versuch zu bessern, zu erziehen zu >>heilen<<. Eine Technik der Verbesserung verdrängt i]n der Strafe die eigentliche Sühne des Bösen und befreit die Be-hörden von dem lästigen Geschäft des Züchtigens.“2

Für Foucault beginnt die Umschreibung der gesamten Ökonomie der Züchtigung 17503, er erläutert wie sich ab da die Strafe grundlegend verändert. Eine Strafe, die in der Marter sühnt, und Gottes Gnade in Aussicht stellt, eine Strafe die auf den Körper zugreift und ihm Schmerzen zufügt, wird ersetzt durch eine Strafe die nicht Bestrafung sein will, sich nicht öf-fentlich zur Schau stellt, und jeglichen rituellen Charakter verneint. Diese neue Strafe erstrebt die Dressur: Sie möchte moralisch und sittlich heilen, verbessern, und nutzbar machen. Sie verbirgt schamhaft ihren Zugriff auf den Körper und stellt ihre hehren Absichten zur Schau. An Hand zweier Quelltexte, einerseits der Schilderung der Hinrichtung Damiens aus der Ga­zette d‘Amsterdam vom 1. April 1757, und eines Reglements >>für das Haus der jungen Ge-fangen in Paris<< von Léon Faucher, zeigt Foucault die verschiedenen Strafstile auf.4 Es ver-schwinden also die peinlichen Strafen, die Marter und der Körper als Ziel der Marter, der ausgestellte Körper, so wie die Strafe als Zeremonie, Ritus oder Schauspiel. Das Fest des Strafens verwandelt sich in minutiöses Reglement und Zeitplanung zum Zweck des Besserns und Heilens. Das grauenvolle Hinrichtung Damiens wird ersetzt, durch die Ordnung der Ar-beit und des zu Bettgehens. Damiens Hinrichtung, die letzte ihrer Art, der Abschluss einer Ära, ist noch öffentliche Abbitte, vor dem Haupttor der Kirche. Foucault schreibt:

„Anders als bei Kreuzigungen suchten die christlichen Behörden durch die Verlängerung des Schmerzes das Opfer dazu zu bringen, dass enorme Ausmaß seiner Sünden zu geste-hen, bevor es wenig mehr als ein Stück Fleisch war; die Folter besaß einen religiösen und in gewisser Weise barmherzigen Zweck, da sie dem Verbrechen im Ritus des Beichtens eine letzte Gelegenheit bot, den Abgründen der Hölle zu entgehen.“5

Die Abbitte offenbart sich als schmerzvoller Weg, als Sühne vor Gott. So küsst Damiens im Laufe der Folter das Kruzifix dass ihm die Beichtväter hinhalten und bittet den Pfarrer für ihn zu beten. Die Strafzeremonie, die ihm widerfährt zeichnet sich durch ihren rituellen Cha-rakter aus. Es wird größte Obacht auf die Verzögerung des Todes, die Kultivierung des Schmerzes und die lange Dauer der Folter gelegt. Die Strafe ermöglicht die von Gott für falsch befundene Tat zu sühnen und abzuschließen. Damiens mag Hoffnung haben, Gottes Gnade gewährt zu bekommen, zuvor wird er leiden gemacht. Und von Bedeutung ist, dass er dabei nicht lästert.6

Bei Damiens Hinrichtung ist sogar die Zeitung anwesend um von der Hinrichtung zu berich-ten. Aber, wenn die Strafe nicht mehr im Hinblick auf die Gnade Gottes geschieht, dann steht sie auch nicht in Verbindung mit Himmel und Hölle. Das Jenseits beeinflusst das Procedere des Strafens nicht mehr. Es bleibt nur noch das Reglement. Die jungen Gefangenen in Paris müssen jeden Tag nur einer Übung lauschen die nicht länger als eine halbe Stunde dauern darf. Diese soll religiösen oder moralischen Inhalts sein. Sie halten ein Abendgebet. Doch Ziel und Zweck ist nicht mehr die Sühne. Der Tagesablauf ist genauestens bestimmt. Zu fest-gelegten Tageszeiten leitet ein Trommelwirbel in die Phasen, der Ordnung und Werktätig-keit, des Händewaschen und der Nahrungsaufnahme, der Schulung und der kurzer Erholung über. Den jungen Gefangenen wird gesagt, wann sie zu lernen, zu schlafen, zu essen und zu arbeiten haben. Sie sollen sich bessern um irgendwann als nutzbare Bürger in die Gesell-schaft des Diesseits zurückzukehren, das Jenseits interessiert nicht mehr.

3. Das Verschwinden der Strafe als Schauspiel und die Verwaltung der Strafe

„Die Bestrafung hat allmählich aufgehört, ein Schauspiel zu sein. Alles an ihr, was nach einem Spektakel aussah, wird nun negativ vermerkt. Als ob die Funktionen der Strafze-remonie immer weniger verstanden würden, verdächtigt man nun diesen Ritus, der das Verbrechen »abschloss«, mit diesem schielende Verwandtschaften zu unterhalten“7

Foucault betrachtet die Entwicklung der Strafe zwischen den Polen der Marter und der Kon-trolle. Bevor die Marter endgültig verschwindet, schiebt die Justiz sie ab. Die Strafe, als Zugriff auf den Körper des Verurteilten, gerät ins Verborgene. Sie wird Sache einer Bürokra-tie, die verhindert, dass das Grausame und Unnützliche ins Zentrum der Betrachtung durch die Öffentlichkeit rückt. Trotzdem hat der Souverän das Privileg über Leben und Tod und stellt seine Macht zur Schau. Doch die Konstitution des Souveräns verändert sich. Ziele und Nutzen der Strafe werden andere. Die Hinrichtungen der alten Strafökonomie erscheinen gemeinhin als Schauspiel. Vom Weg der Verurteilten zum Platz der Hinrichtung, vom lang-samen Procedere der Martern, bis zur Masse der Zuschauer, weisen sie viele Eigenschaften einer bewussten Inszenierung auf. Hinrichtungen enthalten viele Merkmale, die nicht unbe-dingt nötig wären, und sie jedoch zu einem Schauspiel machen8. So „sollte [Damiens] das Messer halten mit dem er den Vatermord begangen hatte.“9

[...]


1 Foucault, 1983, S.132

2 Foucault, 1994, S.17.

3 Vgl. Foucault, 1994.

4 Vgl. Foucault, 1994. S.9ff

5 Vgl. Sennett, 1997. S. 370

6 Früher galt das "Lästern", es ist abgeleitet von "Laster", als ein "höherer Grad der Ehrenschändung" als das "Verleumden". Der Begriff der Ehrenschändung wurde zur Gegenwart hin abgeschwächt zu "tratschen", ausgedrückt in der festen Wendung, die man gegenüber dem hinzukommenden Geschmähten mit den Worten ausdrückt: "Wir haben ge-rade über dich gelästert." Aus: Christoph Gutknecht: Von Treppenwitz bis Sauregurkenzeit. Die verrücktesten Wörter im Deutschen. Verlag C. H. Beck, München

7 Foucault, 1994, S.16.

8 wie Arasse, 1988, beschreibt, wird selbst das vermeintliche Instrument einer aufgeklärten, schmerzfreien Hinrichtung, die Guillotine, Anlass für Inszenierung mit einem komplexen System von Codes, zu dem sich hundertausende Schaulustige zusammenfanden.

9 Vgl. Foucault, 1994.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Gnade des infamen Woyzeck. Oder: Der Körper des Verurteilten und das Schauspiel der Strafen
Untertitel
Die Spannungsfelder von Gnade und Körper im Kontext des Strafens
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Angewandte Theaterwissenschaften )
Veranstaltung
Seminar: Georg Büchner
Note
1,0
Autoren
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V124104
ISBN (eBook)
9783640289516
ISBN (Buch)
9783640289585
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gnade, Woyzeck, Oder, Körper, Verurteilten, Schauspiel, Strafen, Seminar, Georg, Büchner
Arbeit zitieren
Ferdinand Klüsener (Autor)Deborah Neininger (Autor), 2009, Die Gnade des infamen Woyzeck. Oder: Der Körper des Verurteilten und das Schauspiel der Strafen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124104

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