Wissenschaftliche Texte und Textsorten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ziel der Arbeit

2. Wissenschaftliche Texte

3. Wissenschaftliche Textsorten
3.1 Die fachinterne Wissenschaftskommunikation
3.1.1 Wissenschaftliche Publikationen
3.1.2 Artikel in fachwissenschaftlichen Lexika und Enzyklopädien
3.1.3 Essays
3.1.4 Rezensionen
3.1.5 Seminararbeiten
3.1.6 Weitere fachinterne wissenschaftliche Textsorten
3.2 Die fachexterne Wissenschaftsvermittlung
3.2.1 Wissenschaftsjournalismus
3.2.2 Sachbuch
3.3 Beispiele für unterschiedliche wissenschaftliche Textsorten
3.3.1 Die Publikation
3.3.2 Artikel in einem Wörterbuch
3.3.3 Essay
3.3.4 Populärwissenschaftlicher Zeitschriftenartikel
3.3.5 Sachbuch

4. Stil in wissenschaftlichen Texten

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Ziel der Arbeit

Für die meisten Studierenden dürfte es Routine sein, sich mit wissenschaftlichen Tex­ten zu beschäftigen. Viele haben bereits selbst mehrere wissenschaftliche Texte ver­fasst. Dennoch fällt es den meisten von ihnen schwer, genau zu beschreiben, was ei­nen solchen Text eigentlich ausmacht, welche Kriterien erfüllt werden müssen und was zu vermeiden ist. Sie wissen nicht, dass wissenschaftliches Schreiben eine tradi­tio­nelle Form der Textproduktion ist, die reglementiert und zahlreichen Konventionen un­ter­worfen ist. Bedauerlicherweise werden auch nur sehr selten an den Universitäten Lehr­veranstaltungen über die Produktion wissenschaftlicher Texte oder deren Ei­gen­schaf­ten angeboten. Als Konsequenz daraus versuchen viele Studierende beim Ver­fas­sen einer wissenschaftlichen Arbeit den Stil anderer zu imitieren, wobei ihre eigenen Fähigkeiten oft vollkommen auf der Strecke bleiben.

Diese Gründe haben mich dazu motiviert, mein in dem Hauptseminar „Stilkritische Übungen: Journalistische und Wissenschaftliche Texte im Vergleich“ bereits erwor­be­nes Wissen über wissenschaftliche Texte zu erweitern und mich intensiv mit dem The­ma zu beschäftigen. Das Ergebnis meiner Arbeit sind nachfolgende Seiten, in denen ver­sucht wird, genau zu erklären, was eigentlich unter wissenschaftlichen Texten zu ver­stehen ist und welchen Regeln sie unterworfen sind. Dabei wird die Geschichte der Wissen­schaftssprache entsprechend berücksichtigt. Darüber hinaus werden verschie­de­ne wissenschaftliche Textsorten vorgestellt und zahlreiche Kriterien genannt, nach denen sie genau klassifiziert werden können. Einem ausführlichen theoretischen Teil folgt ein zweiter Abschnitt, in dem konkrete Textbeispiele analysiert werden.

Ziel dieser Arbeit ist es aber nicht nur, Wissen über wissenschaftliche Texte und Text­sor­ten zu vermitteln, sondern auch, dem Leser vor Augen zu führen, wie vielfältig die Spra­che der Wissenschaft eigentlich sein kann – und das trotz der zahlreichen Kon­ven­tio­nen, denen sie unterworfen ist.

2. Wissenschaftliche Texte

In der Sprachwissenschaft versteht man unter einem Text eine über dem Satz ein­zu­ord­nende sprachliche Einheit, die einen inneren Zusammenhang aufweist.[1] Versucht man, sich mit Hilfe dieser Definition dem Ausdruck „wissenschaftlicher Text“ zu nä­hern, so wird klar, dass es sich hierbei um eine einen oder mehrere Sätze umfassende Wort­folge handeln muss, durch deren Kohärenz wissenschaftliche Inhalte ausgedrückt oder vermittelt werden. Dabei enthält diese Wortfolge vom Verfasser bewusst einge­setz­te Elemente, durch die sich der Text deutlich von der Standardsprache, der Lite­ra­tur- oder der Werbesprache unterscheidet[2] - lexikalisch-terminologische Besonder­hei­ten, spezifische syntaktische und semantische Strukturen, Argumentations- und Sprech­akt­formen, textstrukturale und stilistisch-statistische Merkmale[3], die oft nicht um­gangen werden können, um bestimmte wissenschaftliche Zusammenhänge und Phä­nomene erklärbar zu machen, die zum Teil jedoch auch von Wissenschaftlern be­nutzt werden, um gezielt und ausschließlich eine ihrem Fachkreis zugehörige Ziel­gruppe anzusprechen. Diese Definition kommt auch der Funk­tional­stilistik der Prager Schule sehr nahe, die besagt, Wissenschaftssprache sei eine Fach­spra­che für wissenschaftliche Inhalte und Kommunikationszwecke, die Präzision, Ein­deutig­keit und Sprachökonomie verlangt.[4] Der Verfasser bedient sich also, seinem speziellen und außergesellschaftlichen Kommunikationsbedürfnis entsprechend, einer besonderen Sprache, der Wissenschaftssprache, die es ihm erleichtert, das von ihm gewählte Thema und sämtliche im Zusammenhang mit der Publikation erfolgten Unter­suchungen klar zu begründen, die angewandten Methoden sowie die gewählten Vor­gehensprozesse nachvollziehbar darzustellen und Argumentationen für den eben­falls in dieser Wissenschaft fundierten Leser klar und unter Berücksichtigung mög­li­cher Gegenargumente auszuarbeiten.[5]

Dabei ist die Zahl der verschiedenen Wissenschaftssprachen mindestens so hoch wie die der Wissenschaften selbst. Denn jede Wissenschaft hat ihre eigene Fachsprache. Keine Wissenschaft kann oh­ne fachsprachliche Verständigungsmittel existieren.[6] Und jeder dieser Fachsprachen liegt für den Laien scheinbar eine nahezu endlos hohe Zahl von Fachtermini zugrunde. Fachsprache unterscheidet sich daher von der Standard­spra­che vor allem hinsichtlich ihrer Komplexität und Expansivität. So wird geschätzt, dass allein der medizinische Fachwortschatz bis zu 500.000 Fachwörter umfasst.[7] Der Grund für die Existenz dieser Begriffe ist die Tatsache, dass nur sie vollständige Argu­men­tationen unter Berücksichtigung sämtlicher neuester Forschungsergebnisse gewähr­leisten können. Denn als charakteristische Merkmale von Fachwörtern gelten vor allem ihre Exaktheit, Eindeutigkeit und Kontextunabhängigkeit, was beson­ders im Bereich der Naturwissenschaft sehr deutlich zu erkennen ist.[8]

Doch nicht nur die Sprache selbst, auch die Form der wissenschaftlichen Arbeit ist ent­scheidend. So ist es zwingend erforderlich, einen Fußnoten, Anmerkungen, Bio­gra­phie, Bibliographie, Anhang und Register enthaltenden „wissenschaftlichen Apparat“ anzufertigen, um dem Leser sämtliche benutzten Quellen offen zu legen.[9] Denn

- Zitate und Verweise dienen der Vernetzung von Forschungsergebnissen in der „scientific community“.
- sie zeigen den Wissenshintergrund an, vor dem der Autor operiert.
- Zitate stützen die eigene Argumentation und helfen, eine Argumentationsstruktur aufzubauen.
- das wörtliche Zitat erlaubt die kritische Überprüfung aufgenommenen Wissens.
- der Verweis regt die Auseinandersetzung mit weiterführender und vertiefender Literatur an.[10]

Die durch diese Regeln in wissenschaftlichen Texten entstandene Stilistik der Sachlichkeit[11] ist vor allem auf bestimmte Strömungen aus dem England des 17. Jahrhunderts und auf bestimmte zur Zeit der Aufklärung in Deutschland vorherrschende Stilideale zurückzuführen. Denn in England führte der Kampf der modernen, sich zu dieser Zeit mehr und mehr verbreitenden Wissenschaften gegen die scholastischen Wissenschaften auch zu einem Kampf für einen neuen Stil in der Wissenschaftssprache.[12] Kretzenbacher beschreibt dies folgendermaßen:

Der aus der antiken Rhetorik stammende Antagonismus zwischen „res“ und „verba“, zwischen Wörtern und Sachen, wurde erneut aufgenommen, wobei sich der propagierte neue Sprachstil der Wissenschaften, der „plain style“ ganz auf die Seite der Sachen schlagen sollte, in erbitterter Gegnerschaft zum traditionellen, rhetorisch geprägten Stil der scholastischen Wissenschaften.[13]

Maßgeblich an diesem Kampf beteiligt war die Royal Society for the Improving of Natural Knowledge, die die Rhetorik zu ihrem Feind erklärte und ein neues Stilideal der Sachlichkeit, Reinheit und Kürze forderte. In Deutschland kam diese im 17. Jahrhundert in England geführte Diskussion erst ein Jahrhundert später auf. Im Zuge der Entstehung einer wissenschaftlichen Welt auf dem Kontinent kam es zu einem immer stärker werdenden Wissensaustausch zwischen englischen und deutschen Wissenschaftlern. Hinzu kam, dass das neue Stilideal mit seinem Konzept der Durchsichtigkeit sehr gut zum vorherrschenden Gedankengut der Aufklärung passte. Die Sprache selbst sollte von nun an in den Hintergrund rücken und nur mehr als Medium zur Verbreitung der Wissenschaft dienen. Dieses Ideal der Durchsichtigkeit existiert bis heute und mit ihm die optische Metaphorik der Transparenz.[14]

Innerhalb eines wissenschaftlichen Textes ist es daher zu vermeiden, das Medium, den Kommunikationsprozess und die daran beteiligten Subjekte, d.h. Autor und Leser, zu erwähnen. Stattdessen sollten allein die genannten Forschungsergebnisse für sich sprechen. Der Blick des Lesers sollte unmittelbar auf die Fakten gerichtet und die Aufmerksamkeit nicht in irgendeiner Weise durch Ästhetik oder Rhetorik abgelenkt werden. Diese Strategie ist gekennzeichnet durch drei Tabus, das Ich-Tabu, das Metapherntabu und das Erzähltabu. Kretzenbacher beschreibt dabei die Funktion dieses „window-pane Stils“ wie folgt:

Das Ich-Tabu suggeriert, dass Wissen unabhängig von einem menschlichen Subjekt existiere und dass eine wissenschaftliche Äußerung unabhängig von spezifischen Kommunikationspartnern übermittelt werden könne. Das Metapherntabu suggeriert, dass ein wissenschaftliches Faktum nur in einer ganz bestimmten Weise dargestellt werden könne, weil es nur in ein und derselben Art wahrgenommen werden könne. Und das Erzähltabu suggeriert, dass in wissenschaftlichen Texten die Fakten selbst sprächen, ohne ein menschliches Subjekt als Übermittlungsinstanz.[15]

Darüber hinaus fällt auf, dass in wissenschaftlichen Texten häufig der Nominalstil einfachen Satzkonstruktionen vorgezogen wird. Auf diese Weise erhalten Aussagen mehr Objektivität, sie erscheinen unabhängiger vom konkreten Handeln einer Person. Definitionen werden deutlicher und sind weniger missverständlich. Laut Kessel und Reimann ist dabei nicht, wie oft angenommen, eine rein quantitative Überzahl an Substantiven charakteristisch, sondern eine Häufung von

- Substantivierungen, d.h. die Bildung von Substantiven aus anderen Wortarten (z.B. zerstören à die Zerstörung)
- Streckformen (z.B. eine Antwort geben) und Funktionsverbgefügen (z.B. in Kraft treten)
- Substantivkomposita (z.B. Wohnungsbauprämienzahlung) und
- komplexen Attributen (z.B. die seit vielen Jahren geführte Diskussion über die zusätzliche Zahlung von Studiengebühren).[16]

Insgesamt wirkt der Nominalstil jedoch komplex und alles andere als anschaulich, vor allem dann, wenn dem Leser verschleiert wird, wer eigentlich das handelnde Subjekt ist (z.B. bei der Durchführung der Prüfung wurde ein Verstoß festgestellt).

All die genannten Charakteristika der Wissenschaftssprache sind der Grund dafür, dass Wissenschaftssprache auch immer wieder metaphorisch als „Wissenschafts­chi­ne­sisch“ bezeichnet wird, wodurch eindeutig darauf hingewiesen werden soll, dass zwi­schen Wissenschaft und Öffentlichkeit immer wieder Kommunikationsprobleme, zum Teil sogar regelrechte Kommunikationsbarrieren bestehen.[17] Dieses Unverständnis, das Wissenschaftlern hinsichtlich ihrer Sprache immer wieder entgegengebracht wird, be­ruht jedoch primär auf unüberlegten Gedankengängen und Aussagen, in denen nicht ein­bezogen wird, dass der Verfasser durch die Verwendung einer bestimmten Sprache und der damit verbundenen Textsorte die für diesen Text bestimmten Adressaten wählt und nicht alle Texte für die Öffentlichkeit konzipiert werden.

[...]


[1] Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur, Text.

[2] Bumgarten, Theo: Wissenschaftssprache, S. 11.

[3] Bumgarten, Theo: Wissenschaftssprache, S. 12.

[4] Kaiser, Dorothee: Wege zum wissenschaftlichen Schreiben, S. 19.

[5] Niederhauser, Jürg: Wissenschaftssprache und populärwissenschaftliche Vermittlung, S. 103.

[6] Weinrich, Harald: Formen der Wissenschaftssprache, in: Tutzinger Materialien, S. 4.

[7] Weinrich, Harald: Formen der Wissenschaftssprache, in: Tutzinger Materialien, S. 8.

[8] Niederhauser, Jürg: Wissenschaftssprache und populärwissenschaftliche Vermittlung, S. 137.

[9] Niederhauser, Jürg: Wissenschaftssprache und populärwissenschaftliche Vermittlung, S. 103.

[10] Steets, Angelika: Wissenschaftliches Schreiben, in: Kommunikation in der Wissenschaft, Hrsg. Casper-Hehne, Hiltraud, Ehlich, Konrad, S. 49.

[11] Kaiser, Dorothee: Wege zum wissenschaftlichen Schreiben, S. 25.

[12] Kretzenbacher, Heinz: Wie durchsichtig ist die Sprache der Wissenschaften?, in: Linguistik der Wissenschaftssprache, Hrsg. Kretzenbacher, Heinz, Weinrich, Harald, S. 20.

[13] Kretzenbacher, Heinz: Wie durchsichtig ist die Sprache der Wissenschaften? In: Linguistik der Wissenschaftssprache, Hrsg. Kretzenbacher, Heinz, Weinrich, Harald, S. 20.

[14] Kaiser, Dorothee: Wege zum wissenschaftlichen Schreiben, S. 26.

[15] Kretzenbacher, Heinz: Wie durchsichtig ist die Sprache der Wissenschaften? In: Linguistik der Wissenschafts­sprache, S. 34.

[16] Kessel, Katja; Reimann, Sandra: Basiswissen Deutsche Gegenwartssprache, S. 226.

[17] Niederhauser Jürg: Wissenschaftssprache und populärwissenschaftliche Vermittlung, S. 15.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Wissenschaftliche Texte und Textsorten
Hochschule
Universität Regensburg  (Philosophische Fakultät - Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Stilkritische Übungen: Journalistische und wissenschaftliche Texte im Vergleich
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V124119
ISBN (eBook)
9783640287284
ISBN (Buch)
9783640287437
Dateigröße
1354 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaftliche, Texte, Textsorten, Stilkritische, Journalistische, Vergleich
Arbeit zitieren
Heidi Nissl (Autor), 2006, Wissenschaftliche Texte und Textsorten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124119

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