Die Rückkehr der Zwölf und die Speisung der 5000

Zur Perikope Mk 6,30-44


Hausarbeit, 2007
15 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einführung und Einordnung in die Perikope

2. Identifizierung und Erläuterung von Motiven, Realia und Parallelstellen

3. Kurze narratologische Analyse

4. Zuordnung und Beschreibung der Textgattung

5. Tabellarische Veranschaulichung von Narratologie und Gattungskritik

6. Kurzer synoptischer Vergleich der Perikope

7. Zusammenfassung der Kernpunkte sowie Intention und Funktion der Perikope

8. Quellenangaben

1. Einführung und Einordnung in die Perikope

Die Perikope Mk 6,30-44 umfasst die Themen Rückkehr der zwölf Jünger sowie die wunderbare Speisung von fünftausend Männern an einem einsamen Ort. Zeitlich betrachtet ist die Perikope im ersten Hauptteil des Markusevangeliums einzuordnen, in dem Jesu Wirken innerhalb und außerhalb Galiläas beschrieben wird. Zuvor wirkte er bereits mit seinen Jüngern innerhalb Galiläas und trieb Dämonen aus, heilte Menschen vor Krankheiten und lehrte die Menschen durch seine Gleichnisse und Reden. Die Perikopen 6, 1-56 bilden den Abschluss der Verkündigung in Galiläa, danach beginnt das unmittelbar folgende Wirken Jesu unter den Heiden, wozu dann auch die sehr ähnliche Perikope Mk 8,1-9 gehört, die ebenfalls eine wunderbare Speisung überliefert. An diesem ersten Hauptteil schließen sich dann noch zwei weitere Hauptteile an, die in Mk 8,27-10,52 den Weg Jesu zur Passion sowie in Mk 11,1-16,8 den Weg Jesu in Jerusalem beschreiben1.

Bevor die Perikope allerdings im Gesamtzusammenhang des Markusevangeliums gedeutet werden kann, ist es wichtig über die Entstehung des Evangeliums Bescheid zu wissen. Die Frage nach dem ursprünglichen Verfasser sowie Abfassungsort und –zeit des Markusevangeliums ist bis heute noch umstritten, nach theologischer Forschung und kirchengeschichtlicher Tradition verfasste aber wahrscheinlich der „Dolmetscher des Petrus“ - Johannes Markus um 70 n.Chr. dieses Evangelium.

Mit großer Sicherheit kann man aber insgesamt formulieren, dass ein griechischer Heidenchrist namens Markus einen Bericht über das öffentliche Auftreten und Wirken Jesu geschrieben hat, der besonders von inhaltlicher Genauigkeit geprägt worden ist.

Sicher ist hingegen die Frage nach den Adressaten - Markus schrieb nämlich für eine mehrheitlich heidenchristliche Gemeinde. Vor allem die Erläuterungen jüdischer Bräuche, Fachbegriffe sowie Redewendungen stellen diese Erkenntnis sicher. Der Autor zeigt seinen Adressaten, dass nicht mehr das Kultgesetz, sondern vielmehr das Moralgesetz besonders relevant für den Glauben ist. Markus stellt sogar das Doppelgebot der Liebe weit über das „alte Kultgesetz“. Zuerst wendet sich Jesus - nach dem Markusevangelium - an die Juden und anschließend lehrt er die Heiden, dies wird besonders an den beiden Speisungsperikopen deutlich. Daher ist sicher festzuhalten, dass sowohl Juden, als auch Heidenchristen zu den Adressaten zählen.

Im weiteren Verlauf wird die Perikope unter verschiedene Analysekategorien ausführlich interpretiert, damit die sie in all ihren kontextuellen Zusammenhängen erfasst werden kann. Das Ziel der Analyse ist gegen Ende der Analyse die Formulierung einer Intention bzw. Funktion der Perikope.

2. Identifizierung und Erläuterung von Motiven, Realia und Parallelstellen

Die zu untersuchende Perikope Mk 6,30-44 ist eine Wundererzählung und enthält sehr viele Motive, Realia und Parallelen, die auch in vielen anderen Textstellen der Heiligen Schrift aufgegriffen werden. Diese zentralen Motive werden im Folgenden näher erläutert und mit den verwandten Textstellen in Verbindung gebracht, damit ein besseres Textverständnis hinsichtlich des Kontextes der Heiligen Schrift erzielt werden kann.

Zu Beginn der Textstelle wird ein vorhergehendes Ereignis noch einmal aufgegriffen, nämlich die Aussendung der zwölf Jünger in die benachbarten Dörfer (Mk 6,6b-13). Jeweils zu zweit durften die Jünger durch Gottes Vollmacht die Menschen zur Umkehr aufrufen und auf diese Weise „trieben sie viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie“. Dies dient als eine Beschreibung der Ausgangssituation für die zu untersuchende Perikope, hier wird nämlich deutlich, wie anstrengend die Aussendung für die Jünger war, „denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen“. Es ist wahrscheinlich das diese Beschreibung eine redaktionell angefügte Textstelle ist, denn die eigentliche „neue Geschichte“ ereignet sich erst in den nachfolgenden Versen.

Aufgrund der mühevol]len Aussendung der Jünger wollte Jesus mit ihnen zu einem ruhigen, abgelegenen Ort fahren, damit sie sich ausruhen, stärken und gewiss auch lehren lassen konnten. Dieser Ort lag wahrscheinlich am Galiläischen Meer, „das in der Gegend zwischen Tiberias, Karfanaum und Betsaida“2 gelegen ist. Das gemeinsame Ziel von ihnen war also Ruhe und Zurückgezogenheit an einem einsamen Ort - dieses Motiv ist kein unbekanntes, da es im gesamten Neuen Testament sowie auch speziell im Markusevangelium häufiger vorkommt. Bereits in Mk 1,35 und 45 zieht sich Jesus an einen einsamen Ort zurück, weil seine Taten so sehr verbreitet wurden, „sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte“ (Mk 1,45). Das große Zusammenströmen der Volksmenge wird im Markusevangelium bereits in Mk 3,20-21 betont; auch hier „kamen so viele Menschen zusammen, dass er und die Jünger nicht einmal mehr essen konnten“. Jesu Wundertaten verbreiteten sich sehr schnell in der Bevölkerung, doch Jesus wollte sich nicht feiern oder bewundern lassen, sondern den Menschen die anbrechende Königsherrschaft Gottes sowie die Worte Gottes auf Erden näher bringen. Die Menschen sollten seine Wunder nicht hochloben, sondern ihm vertrauen, glauben und vor allem seine Lehre verstehen. Außerdem war es ihm auch wichtig, dass er viel Zeit mit seinen Jüngern verbringen konnte, da diese ihn nicht immer hinsichtlich seiner Auffassung verstanden haben - vor allem weil sie ebenfalls die Worte Gottes repräsentieren und später dem richtigen Sinn nach überliefern sollten. Doch auch Jesus selbst benötigte gerade in unruhigen Augenblicken Zeit für sich allein, daher zog er sich sehr oft an einen einsamen Ort zurück, um zu beten und neue Kraft zu schöpfen. Doch zu einem Rückzug an einen einsamen Ort kam es aufgrund der nachfolgenden Volksmenge nicht, sondern eine weitere Wundererzählung wird durch diese Form eingeleitet.

Ein damit verbundenes Motiv schließt sich direkt an die Überfahrt mit dem Boot zu dem ruhigen Ort an, nämlich das „Motiv des Erbarmens Jesu über die Menschen“3, die ihnen nachfolgten: „sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben“. Obwohl sich Jesus mit seinen Jüngern in die Einsamkeit zurückziehen wollte, hatte er Mitleid mit der großen Volksmenge, da sie wohl sehr großes Interesse und Verlangen nach Jesu Wirken in Wort und Tat hatten, ansonsten wären sie ihnen wahrscheinlich nicht nachgefolgt. Das Erbarmen Jesu wird in seiner Aussage mit den hirtenlosen Schafen noch durch Parallelen des Alten Testaments verstärkt, denn nach Num 27,17 soll „die Gemeinde des Herrn nicht sein wie Schafe, die keinen Hirten haben“. Jesus erkennt an der nachgefolgten Volksmenge, dass seine Schafe einen Hirten brauchen, der sie führt und ihnen eine gewisse Orientierung schenkt, daher erbarmt er sich auch „und lehrte sie lange“. In 1Kön, 17 wird das Motiv der hirtenlosen Herde auf die Stämme Israels bezogen: „Ich sah ganz Israel über die Berge zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben“. Daher könnte man vermuten, dass die große Volksmenge das gesamte unterschiedliche israelitische Volk repräsentiert und dieses bereit ist, sich von Gottes Sohn leiten zu lassen. In dieser Äußerung Jesu wird eine verbindende Parallele zwischen Alten und Neuen Testament aufgebaut, die auf das Heil des ausgewählten Volkes Israel herabzielt. Jesus tritt in seinem darauf folgenden Handeln als Lehrer auf, der den Menschen in seinem Streben weiterhelfen will, darüber hinaus beansprucht er für sich die Rolle des Hirten und schenkt seiner „Herde“ die nötige Orientierung für ihren Glaubensweg, denn Jesus erscheint als der endzeitliche Hirt, der die Schafe auf „grüne Weide“ zu führen vermag“4. In dieser Perikope geht es nämlich „um Jesu Lehre, in der sich Gott offenbart. Das ist es, was die Menschen brauchen“5. Die beiden Ereignisse „Rückzug an einen einsamen Ort“ sowie das „Zusammenströmen der großen Volksmenge“ schaffen die grundlegenden Voraussetzungen für das Mahl der Fünftausend, welches ein weiteres wichtiges Motiv für die Perikope bildet.

Dieses Motiv beinhaltet die wunderbare Speisung als große Mahlsituation, welche der zentrale Hauptteil der Perikope ist. Dieser kann in die drei Teile Vorbereitung, Mahl mit Lobpreis sowie Schluss eingeteilt werden. Zu Beginn der vorbereitenden Phase wollen die Jünger die Menschen nach Hause schicken, weil sie an diesem abgelegenen Ort nicht genügend Nahrung für alle aufbringen können, doch als Jesus seine Jünger auffordert den Menschen trotzdem Essen zu geben, reagieren sie zuerst mit Missverständnis und entgegnen ihm, dass sie dafür für „200 Denare Brot kaufen“ müssten. Das Missverständnismotiv deutet auf die unvorstellbare Dimension des folgenden Wunders hin, denn wie kann man eine riesige Volksmenge mit nur fünf Broten und zwei Fischen sättigen? Außerdem erkennt man an diesem Motiv der Skepsis, dass die Jünger noch nicht blind in Gottes Sohn vertrauen und an ihn glauben. Daraufhin befiehlt Jesus den Jüngern, dass sich die Menschen in Gruppen zu fünfzig und zu hundert aufteilen sollen. Danach eröffnet Jesus „das Mahl mit dem Lobpreis und den dazugehörigen Gesten: Nehmen der Gaben, Aufblick zum Himmel, Brechen des Brotes und Austeilung“6. Das gemeinsame Mahl erinnert mit seinen typischen Riten an das letzte Mahl oder Abendmahl Jesu. Die Jünger Jesu teilen die Nahrung unter den versammelten Menschen auf, dadurch dienen sie Jesus als unterstützende Diener des gemeinschaftlichen Mahls.

Erst im letzten Teil wird das Speisungswunder in seinen ganzen Ausmaßen deutlich, denn zum einen ist die gesamte versammelte Volksmenge satt geworden und zum anderen sammeln die zwölf Apostel noch insgesamt zwölf Körbe mit Brotresten auf. Aus dem Hunger der Menschen schuf Jesus also durch das Vermehrungswunder sogar eine Überflusssituation und zeigt sich seinem israelischen Volk als der „eschatologische Prophet, der Hirte Israels“7. Besonders auffällig an dieser Ausgestaltung ist der symbolische Charakter der Zahl Zwölf, denn dieses Motiv könnte auf das kommende Heil des Volkes Israels, welches aus insgesamt zwölf Stämmen besteht, hindeuten.

[...]


1 Gliederung nach Schnelle, U., Einleitung in das Neue Testament, S.248

2 nach Pesch, R., Das Markusevangelium, S.349

3 Vgl. Kertelge, K., Markusevangelium, S.68

4 nach Pesch, R., Das Markusevangelium, S.350

5 Vgl. Schweitzer, E., Das Evangelium nach Markus, S.73

6 Kertelge, K., Markusevangelium, S.69

7 Pesch, R., Das Markusevangelium, S. 354

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Rückkehr der Zwölf und die Speisung der 5000
Untertitel
Zur Perikope Mk 6,30-44
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Methoden und Grundfragen neutestamentlicher Exegese
Note
gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V124135
ISBN (eBook)
9783640285723
ISBN (Buch)
9783640286201
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rückkehr, Zwölf, Speisung, Methoden, Grundfragen, Exegese
Arbeit zitieren
Matthias Kaiser (Autor), 2007, Die Rückkehr der Zwölf und die Speisung der 5000, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124135

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