Das Theater um die Orthographie - Kritische Auseinandersetzung mit der Neuregelung der Fremdwortschreibung


Essay, 2005

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Wäre doch nur alles so einfach wie in Schweden. Dort kam vor gut zweihundert Jahren ein Herr Carl Gustav Leopold auf die findige Idee, alle französischen Fremdwörter radikal zu integrieren – ganz nach dem Motto „Schreib, wie du sprichst!“. Leopold war Sekretär der Schwedischen Akademie, und der war diese Reform zunächst gar nicht recht. Dennoch setzten die Änderungen Leopolds sich durch, und so kommt es, dass unsere nordischen Nachbarn seit 1801 im restorang eine buljong[1] bestellen, kein abonnement, sondern höchstens ein abonnemang ihres Tageblatts beziehen und darin den följetong lesen.[2]

Man mag über diese Schreibweise denken, was man will, einer jedoch fand sie gewiss briljant: Friedrich Wilhelm Fricke, Vertreter der radikal-phonetischen Schule und später Vorsitzender des „algemeinen fereins für fereinfahte rehtschreibung“. Der forderte ab 1876 auch für die deutsche Sprache die Einführung einer Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen Phonemen und Graphemen, insbesondere auch für Fremdwörter, und zwar nicht nur die französischen. Wäre die Kampagne Frickes und seiner Mitstreiter erfolgreich gewesen, würden wir heute * Kampanje schreiben und über Wörter wie * Teater und * Karakter längst nicht mehr die Nase rümpfen.[3] Niemand würde mehr von den sprachgewandteren Freunden belächelt, wenn er beim Italiener „Knotschi“ bestellt; die richtige Aussprache stünde ja auf der Speisekarte. Alles in allem doch ein recht sozialer Reformvorschlag.

Umgesetzt wurde er jedoch nie, denn die radikalen Phonetiker scheiterten mit ihren Vorschlägen, und 1995 wären sie es erst recht. Als in jenem Jahr der „Internationale Arbeitskreis für Orthographie“ noch einmal ein vergleichsweise vorsichtiges Avancement wagte und vorschlug, das <h> aus allen Fremdwörtern griechischen Ursprungs mit <th>, <ph> und <rh> zu streichen, da ging ein Aufschrei der Empörung durch Deutschland. Niemand war bereit, von gewohnten Wortbildern abzurücken und nun *Tron, *Rytmus oder *Alfabet zu schreiben. Was für ein Affront gegen die deutsche Sprache! Diese Schreibweisen geisterten auch noch durch die Presse, als sie gar nicht mehr zur Debatte standen, sondern noch Ende 1995 von der Kultusministerkonferenz abgelehnt worden waren. Sogar die „Geschichte der deutschen Sprache“ von 2004 verzeichnet fälschlicherweise * Reuma als neue Variante.[4]

Es scheint, als müssten gerade die Fremdwörter in der öffentlichen Diskussion als Sündenbock für die Rechtschreibreform im Allgemeinen herhalten, weil sie augenfälliger sind als die viel einschneidenderen Änderungen in den Bereichen der Groß- und Kleinschreibung und der Getrennt- und Zusammenschreibung. Nicht ohne Grund stand „Filosofie“ 1994 auf der Liste der Wörter des Jahres weit oben.[5] Dabei wurde von den ursprünglichen Änderungsvorschlägen nur ein kleiner Teil in die Tat umgesetzt, so dass die Reform der Fremdwortschreibung doch eher dem viel zitierten „Reförmchen“ als einem Sprachverfall gleicht.

Fest steht: Fremdwörter sind wichtig und notwendig, ohne sie wäre unsere Sprache um einiges ärmer. Man denke nur an die Flut von Anglizismen, die besonders seit dem Aufkommen der Informations- und Kommunikationstechnologie ins Deutsche herüberschwappt. Was wären wir ohne unsere Hobbys, den Babysitter, den Computer ? Ganz abgesehen von der Vielzahl von Entlehnungen aus dem Französischen, die bereits im 17. Jahrhundert vorwiegend aus dem Militärjargon übernommen wurden (Appell, Blessur, patrouillieren), und im 18. Jahrhundert kamen im Zuge der Aufklärung und der französischen Revolution viele politische (Bürokratie, Komitee) und geisteswissenschaftliche Ausdrücke (Esprit, Genie) hinzu. Aus dem Griechischen und Lateinischen wurde zum Teil schon im Mittelalter Wortgut übernommen.[6] Doch wie soll nun mit diesen Wörtern umgegangen werden, die uns oftmals nicht nur in ihrer Schreibung, sondern auch in der Aussprache fremd sind? Wie viel Integration verträgt das Sprachgefühl?

Es ist schon eine Maläse mit der Fremdwortorthographie – oder heißt es nun Orthografie oder gar * Ortografie ? Bleiben wir vorsichtshalber zunächst bei Rechtschreibung und schauen uns erst einmal an, was man überhaupt unter einem Fremdwort versteht, bevor wir uns seiner Schreibung zuwenden.

Nach Heller ist ein Fremdwort ein „Wort fremder Herkunft, das – unter synchronischem Aspekt betrachtet – fremde Merkmale in seiner formalen Struktur aufweist.“[7] Diese Definition steckt selbst voller Fremdwörter, also mal ganz der Reihe nach: Synchronisch meint hier, dass nach dem Verhalten eine bestimmten Gruppe von Wörtern im gegenwärtigen Sprachsystem – in diesem Fall also dem Deutschen – gefragt wird.[8] Aber was sind „fremde Merkmale in seiner formalen Struktur“? Damit sind erstens die Bestandteile eines Wortes gemeint, genauer gesagt bestimmte Vorsilben oder Endungen, die ein Wort als fremdsprachig kennzeichnen (Programm, hyperaktiv, Reform, Syndrom, intuitiv). Zweitens weichen viele Fremdwörter in ihrer Aussprache (Ingenieur, Bassin, Garage, Feature) oder Betonung (Büro, kolportieren) vom Deutschen ab, und drittens in ihrer Schreibung: Viele Grapheme, Graphemverbindungen oder -positionen sind typisch fremdsprachig (Hobby, Geograph, Cousin, Psychoanalyse). Viertes und letztes Fremdwortmerkmal ist der seltene Gebrauch im Alltag. Wann benutzt man noch immediat, trottieren oder quinkelieren,[9] und wer kennt schon Feh, das russische Eichhörnchen, das – anders als das Känguru – sein <h> behalten durfte?[10]

Dennoch bleiben die Grenzen zwischen fremdem und eingebürgertem Wort fließend, denn Sprache ist ja bekanntlich ein kreativer Prozess, und so gibt es zahlreiche Mischbildungen zwischen fremden und deutschen Wörtern, Angleichung der Aussprache oder eben auch der Schreibung.

Damit wären wir beim Kern der Sache: Wonach richtet sich nun eigentlich, wie ein Fremdwort geschrieben wird? Das offizielle Regelwerk hat in den Vorbemerkungen zum Kapitel Laut-Buchstaben-Zuordnungen dazu Folgendes zu sagen:

[...]


[1] Vgl. Prisma Handwörterbuch Deutsch – Schwedisch, 101.

[2] Vgl. Munske 1997, 145.

[3] Vgl. Zabel 1987, 18ff.

[4] Schmidt 2004, 177.

[5] Vgl. Wörter des Jahres, unter: http://www.gfds.de/woerter.html.

[6] Vgl. Duden: Fremdwörterbuch 2001, 824f.

[7] Heller 1980, 169.

[8] Vgl. von Polenz 1979, 17.

[9] Vgl. Duden: Fremdwörterbuch 2001, 122f.

[10] Vgl. Augst 1987, 104.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Theater um die Orthographie - Kritische Auseinandersetzung mit der Neuregelung der Fremdwortschreibung
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Deutsche Sprache und Literatur)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
13
Katalognummer
V124151
ISBN (eBook)
9783640288656
ISBN (Buch)
9783640288755
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theater, Orthographie, Kritische, Auseinandersetzung, Neuregelung, Fremdwortschreibung
Arbeit zitieren
Julia Heinrich (Autor), 2005, Das Theater um die Orthographie - Kritische Auseinandersetzung mit der Neuregelung der Fremdwortschreibung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124151

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