Intergrationschancen und -barrieren polnischer Migranten


Diplomarbeit, 2007

76 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffserklärung
2.1 Migration
2.2 Erklärungsversuch der Migrationsgründe anhand des Push-Pull-Modells
2.3 Integration

3 Geschichte
3.1 Erste Migration 1870-1914
3.1.1 Ruhrpolen: Polnischsprachige Einwanderer im Ruhrgebiet
3.1.2 Die Integration polnischer Zuwanderer in Berlin
3.1.3 Zusammenfassung
3.2 Die polnischen Migrationstendenzen nach dem Jahr 1914
3.3 Die Migration während des Nationalsozialismus 1933-1939
3.4 Die Migration im Zweiten Weltkrieg 1939-1945
3.5 Die Entwicklung der polnischen Migrationsströme nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Jahr 1980
3.6 Der Migrationsboom in den 80er Jahren
3.7 Die Migration in den 90er Jahren

4 Arbeitsmigration nach Polens EU- Beitritt am 1.Mai 2004
4.1 Aktuelle Entwicklungsprozesse der Migration
4.1.1 Ursachen der heutigen Migration
4.1.2 Entstehung der transnationalen Migration und Mobilität
4.2 Charakteristika der Gruppen von heutigen Arbeitsmigranten aus Polen
4.2.1 Rechtliche Rahmenbedingungen der heutigen Migranten
4.2.1.1 Saison-, Werkvertrags- und Gastarbeiter, Schaustellergehilfen
4.2.1.2 Grenzgänger
4.2.1.3 Au-pairs
4.2.1.4 Haushaltshilfen in Haushalten mit Pflegebedürftigen
4.2.1.5 Polnische Studenten
4.2.1.6 Selbstständige
4.2.1.7 Heiratsmigration
4.2.2 Illegale Migration

5 Integration
5.1 Integrationstheorie von Esser
5.2 Integrationsprozess
5.2.1 Aspekte der kognitiven Integration
5.2.1.1 Spracherwerb
5.2.2 Aspekte der strukturellen/sozialen Integration
5.2.2.1 Schulische Integration
5.2.2.2 Berufliche Integration
5.2.2.3 Konsum- und Freizeitverhalten
5.2.2.4 Wohnsituation
5.2.3 Aspekte der identifikativen Integration
5.2.3.1 Nationale Identität
5.2.3.2 Diskriminierung
5.2.3.3 Politische Präferenzen

6 Gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen der Integration
6.1 Psychosoziale Dienste
6.2 Rolle der Selbsthilfen und Selbstorganisationen
6.2.1 Selbsthilfen
6.2.2 Polonia-Selbstorganisationen
6.2.3 Polnischer Sozialrat
6.3 Rolle der Kirche
6.4 Ausländer- und Integrationspolitik
6.4.1 Zuwanderungsgesetz- Integrationskurse
6.5 Rolle der Massenmedien
6.5.1 Polnische Medien in Deutschland
6.5.2 Deutsche Medien

7 Schluss

Anhänge

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Polen gehören zu einer der größten Zuwanderergruppen in Deutschland. Nach den Türken und Italiener sind sie die am stärksten vertretene Einwanderergruppe. Es gibt keine genauen Daten wie viele Polen in Deutschland leben. Die Anzahl wird auf 2 Millionen, das sind 2,5% der deutschen Bevölkerung geschätzt. (Kaluza 2002 S.699)

Diese Zahl ergibt sich zum einen aus polnischen Staatsangehörigen, die schon lange in Deutschland leben aber die deutsche Staatsbürgerschaft nicht angenommen haben. Ihre Zahl betrug im Jahr 2006 361.000 Personen. Dazu kommen ca. 1,2 Millionen Aussiedler aus Polen, darunter Oberschlesier, die einen deutschen Pass besitzen. Sie werden trotzdem zur polnischsprachigen Gruppe in Deutschland dazu gerechnet. Der Rest verteilt sich auf die kurzfristige Arbeitsmigration und die Gruppe der Pendler, die aufgrund der geografischen Nähe in zwei Staaten leben. Die Gruppe von illegalen Arbeitsmigranten gehört zwar nicht zu diesen 2 Mio., sie sollte aber nicht unerwähnt bleiben. (Kiereta 2005 S.63)

In der Literatur wird oft der Begriff „Polonia“ für polnischsprachige Einwanderer verwendet. Wenn man den Begriff genauer definieren möchte, handelt es sich hier um in Deutschland ansässige Polen und Personen, die polnischer Abstammung sind oder die sich zur polnischen Sprache, Kultur oder Tradition bekennen. Es sind also polnische Migranten, die ihre Muttersprache Polnisch meistens noch beherrschen und eine Bindung zur polnischen Kultur und Tradition haben.

Wie man sieht, gibt es keine homogene polnischsprachige Gruppe, sondern eine breite Gemeinschaft von Menschen in Deutschland, die auf die eine oder andere Weise eine intensive Verbindung mit der polnischen Kultur, Sprache und Tradition haben. Um so schwieriger ist die Untersuchung dieser Gruppe, da die Zugehörigen einen unterschiedlichen rechtlichen Status haben. Auch die Dauer des Aufenthalts ist sehr verschieden.

Diese Gruppe von fast zwei Millionen wird von der deutschen Gesellschaft nicht wirklich wahrgenommen. Man fragt sich, woran das liegen könnte. Liegt es an der Gruppe selbst, dass sie sich durch ihr äußeres Aussehen und gemeinsamen religiösen und kulturellen Wurzeln kaum von Deutschen unterscheidet und sich gut integrierte? Oder liegt es an der deutschen Gesellschaft und der langen und komplizierten deutsch-polnischen Geschichte der Migration und ihrer immer noch spürbaren Folgen?

In meiner Arbeit werde ich versuchen, auf diese Fragen zu antworten, indem ich die heutige Lebenssituation der Polonia in Deutschland, ihre Integrationschancen und -barrieren unter die Lupe nehme. Es handelt sich nicht um eine repräsentative Studie. Die Informationen habe ich der vorhandenen Literatur entnommen, wobei ich festgestellt habe, dass die Themen der aktuellen Integration nicht in der Literatur behandelt werden. Viele Ergebnisse konnte ich durch meine fast 10-jährigen Beobachtungen als polnische Migrantin in Deutschland, wie auch durch die Erfahrungen meiner Freunde und Bekannten feststellen. Die aktuellen und wichtigsten Informationen über Versorgungs- und Lebenssituation der Migranten erfuhr ich aus den Befragungen der unterschiedlichen Institutionen[1] und Personen.

Am Anfang meiner Arbeit werde ich die Begriffe Migration, Integration sowie das Push- und Pullerklärungsmodell darstellen. Mit deren Hilfe erkläre ich das geschichtliche Migrationsgeschehen polnischer Migranten, damit man die heutige Situation der Migration und ihre Hintergründe besser verstehen kann.

Die ersten Zuwanderungen, von denen man heutzutage nur noch die polnisch klingenden Familiennamen in vielen Teilen Westeuropas hört, wie z.B. in den TV-Serien „Tatort“ mit Kommissar Schimanski, fingen schon am Ende des 19.Jahrhunderts an. Die Zuwanderer ließen sich in großen Ballungsgebieten wie Berlin oder dem Ruhrgebiet nieder.

Nach dem ersten Weltkrieg kehrten viele Migranten mit Nationalstolz nach Polen zurück. Die, die in Deutschland geblieben sind, wurden später mit einem grausamen Nazi-Regime konfrontiert.

Zwischen den Jahren 1950-1960 waren es rund eine halbe Millionen Aussiedler. Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er kam die erste große Welle von Spätaussiedlern. Nach dem Jahr 1990 bremste die deutsche Regierung die Einwanderung nach Deutschland durch die Anwerbestoppausnahme-Verordnung. Die offiziellen Einwandererzahlen sinken, aber die illegale Migration erreichte enorme Dimensionen.

Polens EU-Beitritt und die neue Ära der Globalisierung führt zu Entwicklungen von transnationalen sozialen Räumen und Transmigration, somit verlieren die klassischen Migrationtheorien ihre Gültigkeit.

Ich finde es wichtig, alle Arbeits- und Migrationmöglichkeiten nach dem EU- Beitritt und deren rechtlichen Rahmenbedingungen genau zu beschreiben. Durch die Untersuchung von verschiedenen, kurzen und langen Aufenthaltsabsichten der Migranten konnte sich eine Gruppen herauskristallisieren, die unter dem Integrationsaspekt eine große Bedeutung hat. Es sind hier die Migranten gemeint, die eine Absicht haben länger oder für immer in Deutschland zu bleiben. An erster Stelle sind es Aussiedler und polnische Staatsangehörige, die seit langer Zeit in Deutschland leben. An zweiter Stelle sind dies Heiratsmigranten und viele Studenten, die sich schon während ihres Studiums integrieren und nach dem Abschluss dort bleiben. Zu dieser Gruppe gehören auch ein paar Tausende Selbständige, die nach dem EU-Beitritt die Niederlassungsfreiheit genießen können.

Das Anliegen meiner Arbeit ist, Chancen und Barrieren in dem Integrationsprozess zu erkennen.

Den Integrationsprozess werde ich anhand des Assimilationsstufenmodells nach Hartmut Esser analysieren, wobei ich mit der Analyse des Spracherwerbs der Migranten anfange und an ihrem politischen Engagement, das als letzter Inhalt meiner Untersuchung folgt, beende.

In dem letzten Kapitel beleuchte ich die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die den Integrationsprozess beeinflussen. Dabei werden Institutionen untersucht, die die Migranten vertreten und ihnen helfen sollen. Auch soll die Wirkung der Politik und der Medien betrachtet werden.

2 Begriffserklärung

Um das Migration- und Integrationsgeschehen der polnischen Migration besser zu verstehen, sollen zuerst die allgemeine Begriffe der Migration und Integration näher gebracht werden.

2.1 Migration

Der Begriff der Migration stammt von dem lateinischen Wort „migrare bzw. migratio“ (wandern, wegziehen bzw. Wanderung). In den Sozialwissenschaften wird die Migration als Bewegungen von Personen und Personengruppen verstanden, die dauerhaft oder befristet ihren Wohnort wechseln. In erster Linie wird an die internationale Migration gedacht, also eine Wanderung, bei der Staatsgrenzen überschritten werden. (Han 2000, S. 7)

Der allgemeine Begriff Migration lässt sich noch in vier Gruppen differenzieren. Die erste unterscheidet man nach zeitlichen Aspekten, hier dreht es sich, wie schon oben erwähnt, um temporäre (befristete) und permanente (dauerhafte) Migration. Eine endgültige Unterscheidung zwischen befristeter und dauerhafter Migration ist schwer festzuhalten, da sich der Aufenthaltsstatus eines Migrantens von temporärem zu dauerhaftem schnell ändern kann.

Die zweite Definition wird nach räumlichen Aspekten festgelegt. Es handelt sich hier um die Binnenwanderung und die internationale Wanderung. Die nächste Gruppe ist die Migration, die nach der Wanderungsentscheidung oder –ursache unterschieden wird. Damit sind die freiwilligen Wanderungen (Arbeitsmigration) und Zwangswanderung (Vertreibung und Flucht) gemeint. Die letzte Gruppe wird nach Umfang der Migration definiert. Es handelt sich um Einzel-, Gruppen- und Massenwanderung.(Meister 1997, S.18)

Mit dieser Typologisierung können die hauptsächlichen Wanderungsströme der vergangenen Jahrzehnte in Deutschland erfasst werden. Besonders die Geschichte der polnischen Migration nach Deutschland lässt sich über alle Kategorien verteilen.

2.2 Erklärungsversuch der Migrationsgründe anhand des Push-Pull-Modells

Man fragt sich, warum so viele Menschen den vertrauten Wohnort verlassen, um irgendwo anders das Leben von Neuem anzufangen. Um diese Fragen zu beantworten, müssen viele Ursachen von Wanderung untersucht werden.

Die Migrationbewegungen sind in der Regel das Ergebnis eines Zusammenspieles von mehreren Ursachen, von den ökonomischen wie auch den demographischen. So wurde ein Push-Pull-Modell vom Everett S. Lee entwickelt. Dieser klassische Erklärungsansatz der Migrationforschung geht von dem sog. Container-Modell zwischen zwei Staaten aus. Danach gibt es Faktoren der Vertreibung (push) und Anziehung (pull), die Menschen zu dem Wechsel von einem Behälterraum (Staat) in einen Anderen regulieren. (Pries 2001, S.5)

Neben ökonomischen und demographischen Faktoren gibt Lee selbst noch weitere Ursachen für Migration an. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt in der Heimatregion, wie auch in dem Zielland wird als ein zentraler Push-Pull-Faktor betrachtet. Zuerst werden die Unterschiede bezüglich der Beschäftigungssituation ( Arbeitslosigkeit in der Heimat, Arbeitsplatzangebot im Zielland) in Betracht gezogen. Dann wird die Einkommenssituation (höhere Löhne in der Zielregion) mit dem Herkunftsland verglichen. Diese Annahmen werden Beschäftigung- und Einkommenshypothesen genannt. Die dritte Hypothese ist die Informationshypothese. Sie besagt, dass die persönlichen Beziehungen und Informationskanäle zwischen denen, die sich schon in dem Zielland befinden und denen, die wandern wollen, entscheidend für einen Auswanderungsentschluss sind.

Der Push-Pull-Modell von Lee wird von Frau Rosemarie Feithen erweitert. Sie ist der Meinung, dass neben Beschäftigungs-, Einkommens- und Informationsmöglichkeiten, der Wunsch nach beruflicher und sozialer Statusverbesserung bei der Ausreiseentscheidung eine große Rolle spielt. (Treibel 1999, S.40)

2.3 Integration

Ein Prozess, der mit dem Migrationgeschehen eng zusammenhängt ist die Integration. Es gibt keine eindeutige Definition von Integration, trotzdem lässt sich dieses Phänomen in ein paar Sätzen allgemein erklären.

Integration ist nicht ein einseitiger Anpassungsprozess der Einwanderer in dem Aufnahmeland, sondern beruht auf Gegenseitigkeit beider Gruppen. Für die Einwanderer ist Integration nicht nur Deutsch lernen und Beruf ausüben. Sie bedeutet darüber hinaus für den Aufnahmestaat staatsbürgerliche, soziale sowie kulturelle Gleichstellung und daraus resultierende rechts-, kultur-, sozial- und bildungspolitische Herausforderungen. Integration ist ein Prozess, der sich über Generationen erstreckt. (Böttiger 2005, S.65)

In der Geschichte der polnischen Migration in Deutschland lässt sich leider feststellen, dass sich meistens nur die Einwanderer angepasst haben.

3 Geschichte

3.1 Erste Migration 1870-1914

Die Wurzeln der polnischen Migration nach Deutschland reichen in das 19. Jahrhundert zurück. Zwischen 1870 und 1910 kamen 2 Mio. Einwanderer aus Polen ins Deutsche Reich. Darunter waren die sog. „preußischen“ Polen aus den agrarisch strukturierten Ostprovinzen. Zu dieser Zeit existierte der polnische Staat nicht auf der Landkarte, er war unter drei Mächte aufgeteilt: Deutschland, Österreich und Russland. Die meisten Einwanderer ließen sich im Ruhrgebiet (650.000), wie auch in anderen industriellen Ballungsgebieten des Reiches (Berlin, Hamburg) nieder. Später kamen noch die Saisonarbeiter aus dem russischen und österreichischen Teilungsgebiet hinzu, die hauptsächlich in der Landwirtschaft arbeiteten. Die Push-Faktoren der Auswanderung waren politisch und ökonomisch. Das hohe Bevölkerungswachstum in polnischen Gebieten, wie auch der Überschuss an Arbeitskräften in der polnischen Landwirtschaft wirkte auf die Zahl der Ost-West-Migration. Die fortgeschrittene „Industrielle Revolution“ im westlichen Europa zog eine große Nachfrage nach Arbeitskräften an. (Kiereta 2005, S.20-23, vgl. Kolodziej 1996, S.79)

3.1.1 Ruhrpolen: Polnischsprachige Einwanderer im Ruhrgebiet

Die meisten sog. Ruhrpolen fanden im Bergbau Beschäftigung, nur wenige betrieben ein Gewerbe. Sie wohnten in der Nähe von Bergwerken in sog. Zechenkolonien, abgeschottet von einheimischer Bevölkerung. Die konzentrierten Siedlungen stellten eine Barrieren dar und verleiteten die Migranten dazu, unter sich zu bleiben.

Die wichtige und einzige Integrationschance für die Einwanderer war die Religion. Die Polen nahmen am religiösen Leben der deutschen Katholiken teil; an Messen, Fronleichnamsprozessionen, Pilgerfahrten und Kirchenfeiern. Dadurch, dass es in den Gemeinden keine polnisch sprechende Pfarrer gab, was sich bei den kirchlichen Ritualen wie der Beichte und der heiligen Kommunion besonders bemerkbar machte, führte es mit der Zeit zur Unzufriedenheit polnischer Gläubiger. Aufgrund dessen entstanden die ersten kirchlichen polnischen Vereine wie „Jednosc“, „St. Barbara-Verein“, Redaktion „Oredownik“ und viele mehr. Fast alle Vereine erklärten im ersten Punkt ihrer Satzung „die Unterstützung des Ordnungsgeistes und guter Sitten“ unter ihren Mitgliedern sowie den Schutz „vor allen Gefahren und Verstößen gegen die Sittlichkeit“. Außerdem erklärten sie, keine politischen Ziele zu verfolgen und wiesen die Mitglieder an, „fromm und sittsam“ zu leben. Mitglied konnte „jeder ehrbare Pole katholischer Konfession“ aus seiner Umgebung werden. (Kaczmarek 2005, S.87-88)

Die katholischen Organisationen haben zwar keine politischen Ziele verfolgt, sie trugen trotzdem zur Bildung der polnischen Subkultur in Nordrhein-Westfalen bei. Unter Subkultur ist hier ein „vielfältiges Netzwerk ethnischer Beziehungen und Organisationen zu verstehen, dass es einer Zuwanderergruppe ermöglicht, sich im Alltag fast ausschließlich innerhalb ihres gewohnten ethnischen Umfeldes zu bewegen“.

Die Subkultur entstand aufgrund der alltäglichen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit seitens der Aufnahmegesellschaft. Diese Situation führte dazu, dass sich immer mehr Selbstorganisationen bildeten, um die Diskriminierungserfahrungen zu lindern. So entwickelten sich polnische Vereine wie die Berufsvereinigung ZZP (Zjednoczenie Zawodowe Polskie), die bis 1914 zur drittstärksten Gewerkschaft im Ruhrgebiet geworden ist. Im Jahr 1894 wurde der Bund der Polen in Deutschland gegründet, ein paar Jahre später die polnische Turnvereinbewegung „SOKOL“. Dazu kamen polnische Zeitungen. Von 1890 bis 1912 entstand so ein dichtes Netz von 875 Vereinen in allen Lebensbereichen mit 82.000 Mitgliedern. Die Vereine hatten eine Funktion des sozialen Auffangnetzes für die Neuankömmlinge aus Polen. (Wrzesinski 1996, S.24-29)

Von besonderer Bedeutung war die Gründung der politisch-religiösen Zeitung Wiarus Polski (Polnischer Kämpe). Deren Ziel war es, die polnischen Vereine zu vernetzen und eine starke und nationalbewusste Auswanderergruppe mit einer einheitlichen Weltsicht aufzubauen. Pflege der Muttersprache und polnische Traditionen gehörten auch zu den obersten Zielen des Vereins. Das löste seitens der staatlichen Behörden Ängste vor der Stärke dieser Minderheit und der „Polonisierung des Westens“ aus. (Matwiejczyk 2005, S.14-20, vgl. Becher 2004, S.53)

Schon im Jahr 1896 verlangte der Oberpräsident der Provinz Westfalen in einer Denkschrift:

„Scharfe Überwachungen der Agitations- und Vereinstätigkeit, Fernhaltung nationalpolitischer Geistlicher, Beschränkung des Gebrauchs der polnischen Sprache in öffentlichen Versammlungen, ausschließlich deutsche Schulbildung“.

Nach und nach folgten neue Germanisierungsvorschläge. Ab 1899 waren Deutschkenntnisse eine Voraussetzung für die Arbeitsaufnahme in Kohlezechen. Bei öffentlichen Veranstaltungen durften Polen nur die deutsche Sprache benutzen. Polnische Schulen oder Klassen wurden streng verboten. Das Reichsvereinsgesetz aus dem Jahre 1908 gab der Diskriminierung der polnischen Sprache eine gesetzliche Grundlage. Im Jahre 1909 wurde in Bochum eine „Zentralstelle für die Überwachung der Polenbewegungen“ eröffnet. (Wrzesinski 1996, S.24-29)

Über die polnischen Bewegungen und das Engagement in den Organisationen haben sich die Migranten letztlich auch mit dem neuem Umfeld auseinandergesetzt. Die polnische Subkultur wirkte nicht nur abgrenzend, sondern war auch Vermittler zur neuen Lebensumgebung. Demnach sind Integration und Subkultur nicht ausschließlich als Gegensätze zu betrachten, obwohl man hier sagen muss, dass der Integrationsprozess durch die alltäglichen Diskriminierung und Germanisierung sehr schwer verlief. (Kaczmarczyk 2005, S.87-89)

3.1.2 Die Integration polnischer Zuwanderer in Berlin

Die Gruppe polnischer Zuwanderer in Berlin (100.000) war nicht so groß wie im Ruhgebiet. 80 Prozent der Migranten haben als Ungelernte gearbeitet, die andere Gruppe von 15 Prozent war als Selbstständige im Bereich Handwerk und Handel tätig. Die dritte Gruppe von 5 Prozent arbeitete sogar als Post- oder Bahnbeamte. Zu einer ganz kleinen Gruppe der Einwanderer in Berlin gehörten Adlige, Künstler, Intellektuelle und Studenten. Sie hatten einen großen Einfluss auf die polnische Migration in Berlin. Durch die Kontakte zu den obersten Gesellschaftskreisen der Reichshauptstadt gelang es ihnen, in dem sich im Kaiserreich verstärkten deutsch-polnischen Nationalitätenkonflikt zu vermitteln. Die Wohnsituation der Polen stellte eine Chance für die Integration dar. Sie war durch die Streusiedlung geprägt, d.h. die Polen wohnten nicht konzentriert in bestimmten Stadtteilen, sondern lebten inmitten der ansässigen Bevölkerung. Die Berliner Polen wurden trotzdem von den Einheimischen diskriminiert und als „Pollacken“ bezeichnet. Um sich zu wehren und diese Barrieren zu überwinden, wurden wie im Ruhrgebiet, polnische Vereine gegründet, bei denen die Kirche und Religion eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Kräfte der nationalpolitischen Strömungen waren aber nicht so stark wie im Ruhrgebiet. Die „ Partei der polnischen Sozialisten “(Polska Partia Sozjalistyczna) mit Sitz in Berlin besaß kaum Einfluss unter den Migranten. Sie war finanziell und organisatorisch von den deutschen Sozialdemokraten abhängig. Die polnische Tageszeitung Dziennik Berlinski wirkte auf das Nationalbewusstsein der Polen in Berlin, und versuchte die Integration in die Berliner Gesellschaft zu verhindern und die Perspektive einer späteren Heimatrückwanderung aufrecht zu erhalten (Steinert 2005, S.75-82)

3.1.3 Zusammenfassung

Bei den beiden Gruppen der Zuwanderer im Ruhrgebiet wie auch in Berlin, hatten katholische Geistliche großen Einfluss auf die Entstehung der polnischen Organisationen. Die Priester waren für die Polen als Identifikations- Figuren, weil sie die kulturelle und religiöse Herkunfts-Identität unterstützt haben. Die beiden Gruppen wurde von der einheimischen Bevölkerung diskriminiert und bekämpft. Die Berliner im Unterschied zu ihren Landsleuten im Ruhrgebiet durchliefen einen schnelleren und individuelleren Anpassungsprozess. Ihre Eingliederung wurde nicht durch die Ausbildung einer Subkultur erschwert. Im Gegensatz zu den Ruhrpolen, die in ethnisch homogenen Zechenkolonien lebten und Unterstützung bekamen, waren die Berliner Polen auf sich allein gestellt. (Steinert 2005, S.73-90, vgl. Maxim 1996, S.85)

3.2 Die polnischen Migrationstendenzen nach dem Jahr 1914

Nach Kriegsausbruch ändert sich die Situation der Polen. Für die Ruhrpolen verwandelte sich der Bergbau in Kriegsproduktion. Die polnischen Arbeiter blieben überwiegend loyal, obwohl sie von den Behörden weiterhin als potentielle feindliche Ausländer behandelt wurden und für zweidrittel des früheren Lohns noch härter und länger (12 Stundenschicht) arbeiten mussten.(Briesen 1996, S.59)

In den Kriegsjahren änderte sich auch die Lage für die relativ kleine Gruppe der polnischen Landarbeiter in Deutschland. Das betraf in erster Linie russisch-polnische Saisonarbeiter. Sie wurden durch die Ausländerpolitik des preußischen Kriegsministeriums gezwungen, gegen ihren Willen an ihrem Arbeitsplatz in Deutschland zu bleiben. In den Jahren zwischen 1914 und 1918 waren 1.300.000 Menschen davon betroffen. Diese Erfahrung mit Zwangsarbeiterbeschäftigung im Ersten Weltkrieg bildete eine Grundlage für den Umgang mit der nationalsozialistischen Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg. (Herbert 2001, S.86-107)

Das Kriegsende und der am 28.Juni 1919 unterzeichnete Versailler Vertrag ordnete Europa nach dem Ersten Weltkrieg neu. Er gab den Polen mehr Rechte und Freiheiten als vorher und regelte die Frage der Polen, die in das neue Territorium der Zweiten Polnischen Republik zurückkehrten. So wanderten gut zwei Drittel der während des Kaiserreichs zugewanderten Ruhrpolen nach Polen zurück, oder sie setzten ihren Migrationprozess in Richtung des französischen Kohlegebietes fort. Diese Auswanderung zeigt eine unzureichend gelungene Integration dieser Migrantengruppe. (Kaczmarek 2005, S.88, 203)

Der Versailler Vertrag regelte auch den Minderheitenschutzvertrag für Polen, der besagt, wenn z.B. sich die in Deutschland lebenden Polen für die polnische Staatsangehörigkeit entscheiden, heißt das für sie, dass sie Deutschland innerhalb von zwölf Monaten verlassen mussten. Das galt aber nicht für die Deutschen in Polen. (Piotrkowski 2005, S.201-203)

Die Polen, die zunächst im Ruhrgebiet blieben, verfolgten und unterstützten mit Nationalstolz die politischen Entwicklungen des neugegründeten Staates. Die Polen die in ihre Heimat zurückkehrten, bekamen Hilfe von verschiedenen polnischen Organisationen aus Deutschland. (Peters-Schildgen 2005, S.64)

So entstand in Berlin ein Fürsorgekomitee für polnische Familien, wie auch das Komitee für Rückwanderer nach Polen. Drei Jahre später im Jahr 1919 wurde das Polnische National Komitee ins Leben gerufen. Sein Ziel war, ein starkes Zentrum aller Organisationen in Deutschland zu bilden, die leitende Funktion sollte dem “Bund der Polen in Deutschland“ gehören. (Wilke 1996, S.122-126)

Viele Auswanderer kamen wieder aus Polen zurück, weil sie dort keinen Anschluss bekommen hatten. Es entwickelte sich auch eine neue Einwanderungswelle aus Polen. Die neuen polnischen Migranten übernahmen neue Muster des Aufnahmelandes, sie unterzogen sich dem Assimilationsprozess. (Wolff-Poweska 2000, S.29-34)

3.3 Die Migration während des Nationalsozialismus 1933-1939

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten änderten sich die Rahmenbedingungen für die polnischen Einwanderer.

Die Weltwirtschaftkrise führte dazu, dass es bis zum Jahre 1935 zum Stillstand der Zuwanderung polnischer Migranten kam. Erst seit Ende 1936 verbesserte sich die wirtschaftliche Lage in Deutschland und zog Arbeitskräfte an. An den Grenzen nahm auch die illegale Einwanderung zu. Daraufhin verhandelte die Regierung mit der polnischen Regierung über die Zulassung einer jährlich festgelegten Zahl polnischer Landarbeiter. So kamen 160.000 Saisonarbeiter, meistens Frauen zwischen 1936-39 nur für die Dauer der Erntezeit nach Deutschland.

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden sehr viele Arbeitskräfte aus anderen Ländern Europas, nicht nur aus Polen, geholt z.B.: Italiener, Jugoslawen, Ungarn, Bulgaren und Holländer. Die deutschen Behörden sahen hier eine Gefahr vor „Überfremdung“ und „Gefahr für die Blutreinheit des deutschen Volkes“. Aus diesem Grunde wurde im August 1938 in der Berliner Polizeizentrale eine Ausländerzentralkartei eingerichtet, in der alle ausländischen Arbeiter auch Polen, erfasst wurden. Die Daten wurden während des Krieges genutzt, um diese Menschen schnell zu lokalisieren. (Herbert 2001, S.124-127)

Ein positives Zeichen der Integration von Polen im Ruhrgebiet während der ersten Jahre der Nazizeit war die Entstehung der Fußballmannschaft Schalke 04. Der größte Sieg vom Schalke 04 war der Gewinn der Deutschen Meisterschaft im Jahr 1934. Dieser polnische Fußballverein, der sich in der Nazizeit zu einer erfolgsreichen deutschen Mannschaft entwickelt hat, war der früher sog. „Polacken- und Proletenverein“. Der Verein distanzierte sich von diversen „polnischen Bemerkungen“ und konzentriert sich auf die Rolle des Sports im Hinblick auf die Integrationsmöglichkeiten von Migranten. (Lenz 2005, S.247)

3.4 Die Migration im Zweiten Weltkrieg 1939-1945

Sieben Tagen vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden schließlich alle polnischen Organisationen formell aufgelöst. Der oberste Vertreter der polnischen Vereine wurde im September verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht. Die meisten wurden 1940 freigelassen, unter der Verpflichtung, dass sie über die Verhältnisse im KZ schweigen werden. (Steinert 1996, S.116)

Die im Ruhrgebiet lebenden Polen wurden dringend als Zwangsarbeiter gebraucht, bis zum Jahr 1944 waren es 146.000. (Brunn 1996, S.30-31)

Die polnische Sprache war in der Öffentlichkeit verboten. Die Nazis erkannten nur Deutsche als vollwertige Bürger. So wurden die Ehen mit den polnischen Einwanderern als Rassenschande gesehen und verfolgt. Alle Spuren der nationalen Aktivitäten von Polen in Deutschland wurden systematisch beseitigt. Die Polen zeigten ihre Kritik und nationalen Ideale gegenüber Hitler und seiner Kriegspolitik, in dem sie auf den Straßen demonstrierten. Während diesen Aktionen sind viele Polen umgebracht worden. (Wolff 2000, S.34-36)

Durch den Einzug zum Kriegsdienst von ca. 11 Mio. jungen Deutschen und durch Völkerumsiedlung in die polnischen Gebiete verschärfte sich das Arbeitskräftedefizit und somit Zwangsarbeiterbedarf. Das Naziregime bereitete sich schon Monate auf diesen Angriff vor. Das System der Zwangsarbeit und Ausbeutung der ausländischen Arbeiter, besonders der polnischen Arbeitskräfte, war schon lange ein Ziel der NS-Führung. Im Jahre 1944 wurden 1.650.000 Polen, darunter Juden, notiert, die als Zivilarbeiter nach Deutschland verschleppt worden sind. Viele Juden aus Deutschland, wie auch aus Polen wurden verhaftet, in die Konzentrationslager gesteckt, im sogenannten „Generalgouvernement“ der jüdische Arbeitszwang bereits im Oktober 1939 verhängt. Danach mussten alle Juden von 14 bis 60 Jahren Zwangsarbeit in dafür eingerichteten Zwangsarbeitslagern leisten. Im Frühjahr 1942 begannen die ersten Transporte in die Vernichtungslager Auschwitz, Treblinka, Belzec usw. nach Polen gestartet, dort wurden sie gleich umgebracht. (Herbert 2001, S.165-182, vgl. Herbert 1999, S.41, 314)

3.5 Die Entwicklung der polnischen Migrationsströme nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Jahr 1980

Nach der deutschen Niederlage kehrten die Deutschen zurück, die während des Krieges in polnische Gebiete umgesiedelt waren. Bis zum Ende der 40er Jahre wurden 7 Mio. Deutsche aus Polen vertrieben.

Parallel zu den Aussiedlungen aus Polen verliefen Rückführungsaktionen der überlebenden polnischen KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter in Richtung Polen. Es gab viele, die nach Ende des Krieges in Deutschland blieben. (Kiereta 2005, S.27-28)

Beide Gruppen hatten etwas Gemeinsames, sie waren nicht herzlich willkommen. Der Zugang so vieler fremder Arbeitskräfte führte bei Einheimischen zu Abwehrreaktionen bis hin zu offener Feindseligkeit. Wobei man sagen muss, dass die Vertriebenen durch ihre Sprache und ethnische Zugehörigkeit weniger diskriminiert wurden. Die ausländischen ehemaligen Zwangsarbeiter wurden als Fremde und Arbeiter doppelt unterprivilegiert. (Herbert 2001, S.192-201)

Nach dem Jahr 1956 fing eine neue Auswanderungswelle nach Deutschland an. Ungefähr 200.000 Deutsche emigrierten aus kommunistischem Polen. Diese Emigration wurde durch die Gesetznovelle von 1957 über „Aussiedler“ ermöglicht. Der Rechtsstatus ist im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sowie in anderen Rechtsakten festgelegt, vor allem in denen, die mit territorialen und nationalen Fragen verbunden sind. Ihre rechtliche Grundlage bildet Art 116, Abs. 1. (Wolff- Poweska 2000 S. 242, 270)

Artikel 116 (Begriff „Deutscher“- Wiedereinbürgerung)

(1) Deutscher im Sinne dieses Grundsatzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31.Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.“[2]

Ergänzend hierzu regelt § 6 des Bundesvertriebenengesetzes (BVFG), wer als Aussiedler definiert wird:

„...wer als deutscher Volkszugehöriger(...)nach Abschluss der allgemeinen Vertreibungsmaßnahmen die zur Zeit unter fremden Verwaltung stehenden deutschen Ostgebiete, Danzig, Estland, Lettland, Litauen, die Sowjetunion, Polen, die Tschechoslowakai, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, Albanien oder China verlassen hat oder verlässt“, wobei ein „Deutscher Volkszugehöriger ist, wer sich in seiner Heimat zum Deutschtum bekannt hat“. (Kiereta 2005, S.32)

Entsprechend der dortigen Erläuterung gilt jeder als Vertriebener, „ der als deutscher Staatsangehöriger oder deutscher Volkszugehöriger in den deutschen Ostgebieten, die sich zeitweilig unter fremder Verwaltung befinden, oder im Bereich des Deutschen Reiches in den Grenzen vom 31.Dezember 1937 seinen Wohnsitz hatte und ihn in Verbindung mit den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs aufgrund der Vertreibung, insbesondere durch Aussiedlung und Flucht, verloren hat“. (Wolff-Poweska 2000, S.270)

Zu der Gruppe polnischer Aussiedler gehören Menschen, die bereits in zweiter Generation in Polen gelebt haben, deren Vorfahren vielfach nur kurze Zeit dem deutschen Kulturkreis zugeordnet waren und die, die deutsche Sprache meistens nur mangelhaft beherrschen. Die Identitätsproblematik, die in der fremden Umgebung einsetzt, führt zu persönlichen Krisen, die eine möglichst schnelle Assimilation als wünschenswert erscheinen lässt. Die Problematik und gesundheitlichen Folgen dieses Anpassungsgeschehens werden im letzten Kapitel dieser Arbeit behandelt. (Spranger 2000, S.158)

Die Zuwanderung von Aussiedlerfamilien beruht auf einer eigenständigen und freiwilligen Ausreiseentscheidung mit dem Ziel eines dauerhaften Aufenthaltes und einer Lebensplanung in Deutschland. Als der Pull- Faktor der Auswanderung war der Wunsch nach besseren Bildungsmöglichkeiten für die Kinder wie auch Hoffnung auf einen höheren Lebensstandard. Andere Faktoren für Ausreise waren die Familienzusammenführung und als „Deutsche unter Deutschen“ leben zu wollen. Dieser Wunsch äußert sich in einer hohen Motivation, Kontakte zu den einheimischen Deutschen zu wollen. (Bade 1999, S.127, vgl. Meister 1997, S.42)

Die anerkannten Aussiedler gehören trotzdem, im Vergleich zu anderen Ausländer- bzw. Arbeitsmigrantengruppen, zu den privilegierten Minderheiten. Direkt nach der Einreise in Deutschland wurden sie in allen Leistungsbereichen des Sozialstaates angeschlossen und bekamen erhebliche Eingliederungshilfen wie Sprachkurse, zinslose Kredite, Sozialwohnungen. (Bade 2003, S. 9-52)

Die relative Nähe der Kultur der „Aussiedler“ aus Polen zur deutschen Kultur erlaubt ihnen eine effektivere Integration in die neue Gesellschaft als das bei Migranten aus anderen Ländern Ostmitteleuropas (besonders aus Russland) der Fall ist. (Wolff-Poweska 2000, S.283)

3.6 Der Migrationsboom in den 80er Jahren

In den achtziger Jahren fing eine Einwanderwelle der Spätaussiedler aus Polen an. Bis zum Jahr 1990 kamen 1,2 Millionen Personen nach Deutschland. (Kiereta 2005, S.44)

Im Rahmen des Einbürgerungsverfahrens nach dem Bundesvertriebenengesetz konnte sich fast jeder Einwanderer als Aussiedler anerkennen lassen. Die Zahl der „strittigen“ Auswanderer wuchs vom 1985 bis 1990 um die Hälfte. (Kaluza 2002, S.704)

Die meisten Aussiedler haben unter ihrer Qualifikation gearbeitet. Das sind typische Merkmale eines sogenannten Brain-Drain[3], sowie eines Brain-Weste[4].

Nach Verhängung des Kriegszustandes in Polen im Jahr 1981 wanderte eine sehr große Zahl von Intellektuellen und Künstlern aus, die in Deutschland Schutz und eine Möglichkeit der Beschäftigung gesucht haben. In dieser politisch turbulenten Zeit von den massenhaften Arbeiterprotesten und dem Aufstieg der Solidarnosc stieg auch die Zahl der sog. „Ostblockflüchtlinge“ auf, die politisches Asyl gesucht haben.

Die politischen Migranten wurden benachteiligt. Sie besaßen keinen sicheren Aufenthaltstitel nur Duldung, hatten keine Chance auf eine legale Arbeit und Aussicht auf deutsche Staatsangehörigkeit. So bestritten sie ihre Existenz auf dem illegalen Arbeitsmarkt. Erst nach langen Auseinandersetzungen mit den Ausländerbehörden konnten viele Illegale ihren Aufenthaltsstatus legalisieren. (Kaluza 2002, S.705)

In dieser Zeit wurden die bedeutendsten polnischen Institutionen gegründet, u.a. der Polnischer Sozialrat in Berlin, das Regionale Kabelfernsehen im Saarland sowie Gesellschaften für Kultur und Bildung, die bis heute noch bestehen. (Wolff-Poweska 2000 S.39, 158, 245)

Der wichtigste Grund für die meisten Auswanderer, sowohl Aussiedler als auch politische Flüchtlinge, war der Wunsch nach besserem Lebensstandard, ausgelöst von Push-Faktoren wie Lebensmittelknappheit, Unzufriedenheit mit dem kommunistischen System und Wohnungsnot.

[...]


[1] Siehe Anhang 1

[2] Vgl. Stascheit 2005, S.33

[3] Die Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte (Fassmann 1996, S.257)

[4] Die Arbeit von hochqualifizierten Arbeitskräften unter ihrer Qualifikation

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Intergrationschancen und -barrieren polnischer Migranten
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
3,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
76
Katalognummer
V124178
ISBN (eBook)
9783640291403
ISBN (Buch)
9783640291557
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intergrationschancen, Migranten
Arbeit zitieren
Diplom Agata Borusiewicz (Autor:in), 2007, Intergrationschancen und -barrieren polnischer Migranten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124178

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