Das Fremdpsychische bei Rudolf Carnap


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1 Einführung

2 Fremdpsychisches in der Erkenntnistheorie
2.1 Der cartesianische Dualismus von Denken und Ausdehnung
2.2 Empirismus: Erfahrung als Quelle aller Erkenntnis
2.3 Positivismus: ein erster Annäherungsversuch

3 Logischer Empirismus und Wiener Kreis
3.1 Eine interdisziplinäre Diskussionsrunde
3.2 Der logische Empirismus des Wiener Kreises
3.3 Carnaps logischer Empirismus

4 Carnaps vernichtende These zum Realismusstreit
4.1 Die Standpunkte des Idealismus und des Realismus
4.2 Carnaps Fundamentalsatz zum Realismusstreit
4.3 Ein Beispiel zur Veranschaulichung dieser These
4.4 Carnaps Beweis des Fundamentalsatzes
4.4.1 Die Methode der erkenntnistheoretischen Analyse
4.4.2 Einordnung in ein Konstitutionssystem
4.4.3 Die Sachhaltigkeit als Kriterium für sinnvolle Aussagen

5 Kritik an der Konzeption Carnaps
5.1 Einwände gegen das Verifikationsprinzip
5.2 Methodischer Solipsismus und Intersubjektivität
5.3 Der Grammofon-Einwand

6 Ein gut gepflügter Acker

7 Quellen
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur

1 Einführung

Ich sitze hier im Lernraum der Universität Ulm und beschäftige mich nun schon seit vielen Stunden mit mathematischen Beweisen rund um den Hauptsatz der Statistik. Plötzlich erklingt irgendwo am anderen Ende des Raumes ein Mobiltelefon und reißt mich aus meinen konzentrierten Überlegungen. Auch die Kommilitonen an den Nachbartischen scheinen sich durch den aufdringlichen Klingelton gestört zu fühlen. Wie ich blicken auch sie kurz in die Richtung der Geräuschquelle, um sich dann wieder ihrer Prüfungsvorbereitung zu widmen. Besser gesagt nehme ich an, dass sich die anderen Personen im Raum wieder ihren Aufgaben zuwenden – was sollten sie auch anderes tun?

Da in wenigen Tagen der Termin meiner Statistik-Prüfung ansteht, bin ich mittler-weile so durch und durch in diese mathematische Materie integriert, dass ich sogar nachts von Beweisführungen und Übungsaufgaben träume. Am nächsten Tag weiß ich oft gar nicht mehr, ob ich diesen oder jenen Abschnitt schon tatsächlich durch-gerechnet habe oder nur in meinem Traum.

Um meinem Gehirn eine kleine Abwechslung zu gönnen, kehre ich nun nicht wieder sofort zum Hauptsatz zurück, sondern spinne den Gedanken ein wenig weiter, was denn gerade jetzt in den Köpfen der anderen Personen im Lernraum vorgeht. Kann ich wirklich auf Grund meiner Beobachtung davon ausgehen, dass sie ganz normal lernen, oder ist jemand unter ihnen, der sich wie ich mit einem ganz anderen Ge-danken beschäftigt? Wie kann ich erkennen, welcher Student mit echter Begeiste-rung lernt und welcher die Prüfungsvorbereitung nur als lästige Pflicht hinter sich bringen will? An der Mimik und Gestik ist das für mich nicht (immer) ersichtlich, da fast alle Personen ruhig und monoton arbeiten.

Und mich beschäftigt noch eine weitere Frage. Kann ich überhaupt davon ausgehen, dass diese Menschen in der Lage sind, zu fühlen, zu denken, zu lernen? Sprechen können zumindest einige von ihnen – das habe ich selbst erfahren, als ich mich mit ihnen unterhalten habe. Und sie haben dabei ähnliche, das heißt mir geläufige Wor-te, so verwendet, dass ich ohne nachzufragen wusste, wie ich die Sätze zu verstehen habe.

Was wäre aber nun, wenn all diese Menschen gar keine eigenständigen Persönlich-keiten, sondern, aus welchem Grund auch immer, nur perfekt in Szene gesetzte Ro-boter wären, die sich stets so verhielten, wie ich es von echten Menschen in der je-weiligen Situation erwarten würde und ich damit keinen Grund zum Zweifel an ihrer Authentizität hätte?

Oder noch einen Schritt weiter gedacht: was wäre, wenn es weder Menschen noch Roboter noch sonst irgendwelche Lebewesen und Dinge außerhalb meiner selbst geben würde, das heißt diese Objekte gänzlich nur in meiner Vorstellung existierten? Allzu unrealistisch ist dieser Gedanke vielleicht gar nicht, denn in vielen auf mich real wirkenden Träumen kommen Dinge vor, die ich persönlich nicht mit mir be-kannten Objekten aus der „echten“ Welt zusammen bringen kann, ich aber im erle-benden Traumzustand als die „wache“ Welt bezeichnen würde. Eine solche Täu-schungsmöglichkeit meiner selbst besteht also prinzipiell.

2 Fremdpsychisches in der Erkenntnistheorie

Man wird schnell feststellen, dass diese etwas naiv formulierten Fragen auf einen zentralen Untersuchungsgegenstand der Erkenntnistheorie abzielen: die Beschaf-fenheit und Erkenntnismöglichkeit des Fremdpsychischen.

Bei dieser philosophischen Suche nach dem Bewusstsein anderer Menschen geht es wie bei den meisten erkenntnistheoretischen Fragestellungen um ein prinzipiell na-turwissenschaftliches oder metaphysisches Wissen, „und zwar in Abgrenzung von Meinen und Glauben. Wissen ... liegt erst dann vor, wenn zur Haltung des Über-zeugtseins ... die ... Kenntnis von guten Gründen hinzukommt, die zur Bestätigung oder Rechtfertigung der fraglichen Aussagen hinreichen“ (Brockhaus S. 86). Gerade wegen diesem hohen Anspruch der objektiven, das heißt unparteiischen, Wissen-schaftlichkeit an die untersuchten Bereiche, können zentrale „Probleme erkenntnis-theoretischer Untersuchungen ... im Kern als unlösbar und dabei sehr einfach und grundlegend verstanden werden“ (Wiki_Erkenntnis Kap. 1.1). Insbesondere ziehen sich Fragen wie „Können wir zweifelsfrei feststellen, ob wir träumen oder wachen?“ beziehungsweise „Woher weiß ich, dass ein anderer Mensch ein Bewusstsein hat?“ (Wiki_Erkenntnis Kap. 1.1) durch die Philosophiegeschichte. Wie kann ich formal beweisen, dass andere Personen zum Denken und Fühlen fähig sind?

Im praktischen Alltag spielen diese Gedankenexperimente meist kaum eine Rolle – wobei sich mein Lernverhalten im Vorfeld meiner Diplomprüfung sicherlich verän-dern würde, ginge ich tatsächlich davon aus, mein Prüfer wäre nur eine rein so-lipsistische (das heißt ichbezogene) Vorstellung meiner Gedankenwelt. Üblicherwei-se werden Diskussionen dieser Art in einem nicht darauf eingestellten Umfeld abge-tan mit Aussagen wie beispielsweise: „wer bei Verstand ist, kann zwischen Traum und Realität unterscheiden“ (Wiki_Erkenntnis Kap. 1.1). Aber ganz so einfach sollte man es sich in meinen Augen nicht machen, wurden in der Geschichte der Mensch-heit doch schon allzu viele vermeintliche Tatsachen widerlegt durch Theorien, die zunächst den intuitiven und scheinbar offensichtlichen Annahmen widersprachen. Und so verwundert es nicht, wenn man im Verlauf der Geschichte der Erkenntnis-theorie als philosophische Disziplin immer wieder auf ähnliche Probleme stößt, die bis heute nicht eindeutig beantwortet sind. Auch in Bezug auf das Fremdpsychische stellt sich „die Frage, wann so gute, überzeugende Gründe vorliegen, dass von Wis-sen gesprochen werden kann bzw. unter welchen Bedingungen für Aussagen das Prädikat ‚wahr’ angemessen ist“ (Brockhaus S. 86). Selbstverständlich gibt es dazu in den verschiedenen philosophischen Epochen und Strömungen unterschiedlichste Antworten. Im Folgenden möchte ich aus dieser Vielzahl an Möglichkeiten kurz ei-nige wenige beleuchten, welche in meinen Augen einen entscheidenden Einfluss auf Carnaps Erörterungen zum Fremdpsychischen gehabt haben.

2.1 Der cartesianische Dualismus von Denken und Aus-dehnung

An erster Stelle ist hier sicherlich René Descartes zu nennen, der oft als Begründer der neuzeitlichen Philosophie, insbesondere des so genannten Rationalismus, gilt. Die zentralen Begriffe seiner „Erekenntnistheorie ... sind mathematischer und phy-sikalischer Herkunft“ (Brockhaus S. 69), das heißt ihnen liegen vor allem vernünfti-ge, gedanklich konzipierte Schlussfolgerungen zu Grunde. Insbesondere findet da-mit eine Abgrenzung zum Aufbau eines philosophischen Systems auf Basis rein sinnlicher Erfahrungen statt. In seinen Werken erfährt man im Rahmen eines stren-gen „methodischen Zweifels“ an allem bisher für wahr Geglaubtem, dass letztlich nur eine Einsicht als unbezweifelbar angesehen werden kann: „Ich denke, also bin ich“ (Discours 4. Abschnitt). Descartes greift diese einzig stabile Gewissheit auch in seinen philosophischen „Meditationen“ auf und integriert damit auch die oben ge-nannten Fälle der Täuschungsmöglichkeit durch Traum, Roboter oder einen prinzi-piell möglichen Dämon. Selbst ein sehr schlauer Betrüger kann dieses rational be-gründete Fundament der eigenen Existenz nicht erschüttern: „mag er mich nun täu-schen, soviel er kann, so wird er doch nie bewirken können, dass ich nicht sei, solan-ge ich denke, ich sei etwas“ (Meditationen S. 79).

Um nun auf Basis dieser gesicherten Existenz des Ich eine weiterführende Konstruk-tion der Welt durchführen zu können, muss Descartes dieses Ich näher bestimmen. Dazu unterscheidet er das allumfassende Sein in einerseits das denkende Ich („res cogitans“) und andererseits die Welt der Dinge („res extensa“), „die der Reduktion der Körperwelt auf reine Ausdehnung ... in physikalischen Zusammenhängen folgt“ (Brockhaus S. 69). Die folgenschwere Konsequenz dieser Aufteilung ist ein bis heute heftig diskutierter Dualismus, der in der Literatur häufig als „Leib-Seele-Problem“ bezeichnet wird (vgl. bspw. Wiki_Geist).

Insbesondere im Hinblick auf das Fremdpsychische ergeben sich aus dieser Tren-nung zwei grundlegend verschiedene Zugangswege zu den eigenen geistigen Zustän-den auf der einen beziehungsweise zu den geistigen Zuständen anderer Personen auf der anderen Seite. Der erste, gewissermaßen privilegierte Zugang über direkte inne-re Wahrnehmungen „zeichnet sich ... dadurch aus, dass ich diese Zustände unmit-telbar erleben und direkt beobachten kann ... Sie besitzen damit für mich bestimmte subjektive Erlebnisqualitäten“ (Schumacher S. 2). Ganz anders steht es mit der Be-urteilung der res extensa. Wegen der prinzipiellen Täuschungsmöglichkeit ist es logisch und erkenntnistheoretisch unmöglich, „von der Existenz des einen denken-den Ich auf die Existenz weiterer Ichs zu schließen“ (Wiki_Solipsismus Kap. 1). Des­cartes veranschaulicht dies folgendermaßen: „Da sehe ich gerade zufällig ... Leute auf der Straße vorübergehen; ich bin gewohnt ... zu sagen: ich sehe sie. Was sehe ich denn außer Hüten und Kleidern, unter denen auch Automaten stecken könnten?“ (Meditationen S. 93).

2.2 Empirismus: Erfahrung als Quelle aller Erkenntnis

Ganz entgegen der allgemeinen Auffassung der Rationalisten wendet sich der so genannte Empirismus des 17. und 18. Jahrhunderts um John Locke, David Hume und andere der „Erfahrung als Ursprungs-und Rechtfertigungsgrund aller Erkennt-nis“ (Brockhaus S. 80) zu. In deren Auffassung stehen dem eigenen Bewusstsein nur diejenigen Erkenntnisse zur Verfügung, die über sämtliche Sinnesorgane einschließ-lich einer gewissen Selbstwahrnehmung aufgesogen werden (können)1.

Zusammenfassend kann man die grundlegende Basis des Empirismus durch folgen-de Aussage John Lockes formulieren: „Nehmen wir also an, der Geist sei ... ein un- beschriebenes Blatt, ohne alle Schriftzeichen, frei von allen Ideen; wie werden ihm diese [Bewusstseinsinhalte] dann zugeführt? ... Woher hat er all das Material für seine ... Erkenntnis? Ich antworte darauf mit einem einzigen Worte: aus der Erfah-rung“ (Brockhaus S. 81).

Damit gelangen natürlich auch die Empiristen recht schnell zur Problematik des Fremdpsychischen, oder allgemeiner zur Existenz realer Dinge in der Außenwelt: diese „ist nicht zu beweisen, aber praktisch gewiss, da wir stets zwischen Wahrge-nommenen und bloß Vorgestelltem zu unterscheiden wissen“ (Brockhaus S. 191). Als Arbeitsthese für weitere gedankliche Konzeptionen aus dem Bereich der praktischen Philosophie John Lockes – man denke hier beispielsweise an die Skizzierung eines liberalen Verfassungsstaates oder eine Verankerung wichtiger Menschenrechte – mögen solche Aussagen sicherlich sehr hilfreich sein. Für unsere Fragestellung eig-nen sie sich aber nur bedingt, und zwar wegen der von Locke selbst angesprochenen, nicht bewiesenen und nur praktisch angenommen Aspekte.

2.3 Positivismus: ein erster Annäherungsversuch

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich eine auf ähnlichen Annahmen wie der Empirismus basierende Grundhaltung (der so genannte Positivismus), die sich sehr stark am Exaktheitsideal der gängigen Naturwissenschaften orientiert, aber deren Erkenntnisinhalte man auch für andere Bereiche nutzen möchte. Die Einstu-fung „Positivismus“ wird dabei „wie in den Naturwissenschaften gebraucht, in denen man von einem ‚positiven Befund’ spricht, wenn eine Untersuchung unter vorab definierten Bedingungen einen Nachweis erbrachte“ (Wiki_Positivismus). Damit wird alles als unwissenschaftlich abgelehnt, „was nicht beobachtbar und durch wis-senschaftliche Experimente erfassbar ist. Metaphysische Argumentationen werden dementsprechend als Scheinprobleme abgetan“ (Wissen_Positivismus).

Interessant ist die positivistische Strömung an dieser Stelle in meinen Augen des-halb, weil sie erste Schritte hin zu einer geschickten Verknüpfung der beiden zuerst vorgestellten Denkrichtungen – also cartesianischer Rationalismus und Empirismus – in die Wege zu leiten scheint. Denn einerseits werden als Ideal die exakten Ergeb-nisse der kontrolliert-beobachteten Erfahrungen gesehen, aber gleichzeitig auch die rein logischen und mathematischen Urteile in die wissenschaftlichen Schlussfolge-rungen mit aufgenommen -zu diesem Zeitpunkt freilich noch immer als gewöhnli-che Bestandteile der Erfahrungswelt (vgl. Wissen_Positivismus). Aber entgegen der Descartes’schen Konzeption spielt es dann keine Rolle mehr, ob „Empfindungen ... geträumt oder von Materie erzeugt“ (Wiki_Erkenntnis Kap. 6.3) werden, da wir uns ja in einem empirischen Umfeld bewegen und die Ursachen damit gewissermaßen in den Bereich der Modellbildung ausgelagert werden. Gelöst sind die Probleme damit selbstverständlich noch lange nicht.

3 Logischer Empirismus und Wiener Kreis

3.1 Eine interdisziplinäre Diskussionsrunde

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden diese positivistischen – noch immer etwas holprigen – Auffassungen weiterentwickelt und zwar an erster Stelle im so genann-ten „Wiener Kreis“. Dabei handelt es sich zunächst um eine informelle Diskussions-runde junger Wissenschaftler aus mehreren unterschiedlichen Forschungsberei-chen, „die sich insbesondere mit der philosophischen, aber metaphysikfreien Grund-legung der modernen Wissenschaft“ (Lampert S. 3) befasst. Nach dem Ersten Welt-krieg wird diese Tradition wieder ins Leben gerufen, bis schließlich ab 1924 im so genannten „Schlick-Zirkel“2 jeden Donnerstagabend im Mathematischen Seminar der Universität Wien regelmäßige Treffen verschiedener Mathematiker, Logiker, Philosophen und Natur-bzw. Sozialwissenschaftler stattfinden. Bekannte Teilneh-mer sind neben Rudolf Carnap und Victor Kraft unter anderem Hans Hahn, Otto Neurath sowie zu diesem Zeitpunkt die noch studierenden Herbert Feigl und Kurt Gödel. Teilweise werden auch weitere Treffen mit Alfred Tarski, Willard Van Orman Quine, Ludwig Wittgenstein und Karl Popper arrangiert (vgl. Lampert S. 4, Brock-haus S. 365), die neue Aspekte in die Diskussion einbringen, aber im Allgemeinen nicht direkt dem Wiener Kreis zuzuzählen sind3.

Diese interdisziplinäre Zusammensetzung ist charakteristisch für den Wiener Kreis und eröffnet zudem viele neue Möglichkeiten im Rahmen eines einheitlichen – von unterschiedlichen Standpunkten gemeinsam konzipierten – Zugangs zur Wissen-schaft. Gleichzeitig treffen damit aber auch grundsätzlich divergente Ansätze aufein-ander, die nicht immer in Einklang zu bringen sind. Entgegen der geläufigen Mei-nung über den Wiener Kreis als geschlossene, einheitliche Gruppe ist dieser „alles andere als eine homogene Schulgemeinschaft“ mit einer „einheitliche[n] philosophi-sche[n] Meinung ... Im Kreis selbst bilden sich verschiedene Gruppen, die gelegent-lich heftig aneinander geraten ... [und die Kontroversen] in späteren Jahren zu ernsthaften Meinungsverschiedenheiten führen“ (Mormann S. 21).

3.2 Der logische Empirismus des Wiener Kreises

Dennoch gibt es gewisse grundlegende Gemeinsamkeiten, die dem Wiener Kreis gewissermaßen sein Skelett und gleichzeitig dem daraus entstehenden logischen Empirismus seine Grundstruktur geben. Zu diesen Übereinstimmungen zählen in besonderer Weise, (i) von einem, wie auch immer aufgefassten, Empirismus auszu-gehen, (ii) die neuen Erkenntnisse aus dem Bereich der modernen Logik als Metho-de aufzugreifen, (iii) jeden Apriorismus bezogen auf synthetische Urteile abzulehnen und (iv) eine Sprachphilosophie im Sinne Wittgensteins zu betreiben (vgl. Kraft S. 12).

Zu Punkt (i) sei an dieser Stelle auf die obigen Kapitel zum Empirismus und Positi-vismus verwiesen, wobei insbesondere bei Letzterem bereits auf die Einbeziehung der Logik aufmerksam gemacht wurde.

Für Punkt (ii) ist insbesondere die Entwicklung der modernen formalen Logik ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie eine starke Inspiration durch die bei-den bedeutenden Werke Russells („Principa Mathematica“, 1910 – 1913) und Witt-gensteins („Tractatus Logico-philosophicus“, 1921) auf die Mitglieder des Wiener Kreises zu erwähnen. So schreibt zum Beispiel Russell: „Das Studium der Logik wird zum zentralen Studium in der Philosophie: es liefert die Forschungsmethode in der Philosophie, genau so wie die Mathematik die Methode in der Physik liefert“ (Mor-mann S. 43). Nicht nur Carnap fühlt sich von solchen Worten bestärkt, seine philo-sophischen Überlegungen unter diese höchste Maxime des wissenschaftlichen Philo-sophierens zu stellen, dennoch dürfte es sein Verdienst sein, „als erster die großen Möglichkeiten, welche eine formalisierte Logik für die Durchführung des positivisti-schen Programms“ (Krauth S. 9) bietet, zu erkennen und konsequent auszuschöp-fen.

An den Punkten (iii) und (iv) erkennt man in meinen Augen am besten die Symbiose zwischen Logik und Empirismus, die sich im logischen Empirismus vollzieht. Dort unterscheidet man zwischen analytischen (logischen) auf der einen und syntheti-schen (empirischen) Aussagen auf der anderen Seite, wobei im Gegensatz zur tradi-tionellen positivistischen Auffassung die analytischen Sätze ganz und gar nicht in der Erfahrung begründet sind. Laut Wittgenstein sind logische Sätze nichts anderes als bloße Tautologien, das heißt also Aussagenverknüpfungen, die unabhängig von den Wahrheitswerten der einzelnen Bestandteile immer wahr sind und zwar in jeder „möglichen Welt“, unabhängig von deren konkreter Beschaffenheit (vgl. Tractatus 6.1, 6.11, 6.121). In der Konsequenz bedeutet dies natürlich auch, dass rein formal konstruierte, logische Sätze (a priori) die Realität völlig unbestimmt lassen und nichts über sie aussagen können, sie also streng genommen keinen Sinn-Inhalt be-sitzen. „Das relevante Wissen muss bereits ganz in den Prämissen enthalten sein“ (Krauth S. 7). Das wiederum bedeutet eine Rettung des empirischen Grundgedan-kens: „Alle Erkenntnis aus der Erfahrung, a posteriori! Denn die einzigen Aussagen, die einer Rechtfertigung bedürfen, sind die ‚synthetischen’, und diese bleiben an die Erfahrung gebunden. Apriorisch synthetische Aussagen sind ausgeschlossen“ (Krauth S. 7).

Folgt man dieser Argumentation weiter, dann führt dies unweigerlich zu einem mas-siven Angriff auf die Fundamente der Philosophie insgesamt. Der Grund dafür ist folgender: wenn man davon ausgeht, dass jede Erkenntnis empirisch gewonnen werden muss, dann kommt als Erkenntnisquelle nur eine Naturwissenschaft in Fra-ge, nicht aber ein philosophisches Konstrukt im traditionellen Sinne. „Philosophi-sche Aussagen, die beanspruchen, eine Erkenntnis über die Welt zu enthalten, be-zeichnet der logische Positivismus4 als reine Metaphysik. Solche Behauptungen sind nicht falsch, aber kognitiv sinnlos“ (Wiedemann).

Als eine mögliche zukünftige Stellung der Philosophie innerhalb der Wissenschaft schlägt Wittgenstein vor: „Der Zweck der Philosophie ist die logische Klärung der Gedanken“ (Tractatus 4.112) und damit eine Kontrollfunktion zur Überprüfung der logischen Konsistenz einzelner Sätze (also eine so genannte logische Analyse der Sprache) in einem naturwissenschaftlichen Wissensgebäude.

3.3 Carnaps logischer Empirismus

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie die Mitglieder des Wiener Kreises und insbe-sondere Rudolf Carnap mit diesen prägenden Folgerungen umgehen und zu welchen philosophischen Ergebnissen – speziell auch in Hinblick auf das Fremdpsychische – dies letztlich führt. Bei den nachfolgenden Untersuchungen möchte ich mich dabei vor allem auf die Konzeption Carnaps konzentrieren5, dessen Einfluss auf die Ge-samtentwicklung des Wiener Kreises maßgeblich ist und der in der Literatur auch als „führendes Mitglied der logisch-empiristischen Bewegung“ (Lampert S. 6) ange-sehen wird. Zudem wird im Schlick-Zirkel neben Wittgensteins Tractatus auch eines der Hauptwerke Carnaps, der „logische Aufbau der Welt“ (1928), intensiv diskutiert. Der Autor selbst betont jedoch: meine „Grundeinstellung und die Gedankengänge dieses Buches sind nicht Eigentum und Sache des Verfassers allein, sondern gehören einer bestimmten wissenschaftlichen Atmosphären an, die ein Einzelner weder er-zeugt hat, noch umfassen kann“ (Mormann S. 22).

In Hinblick auf das Thema des Fremdpsychischen eignet sich Carnap im Besonde-ren, da es von ihm genau zu dieser Problematik eine Abhandlung („Scheinprobleme in der Philosophie. Das Fremdpsychische und der Realismusstreit“ (1928)) gibt, die einige Kriterien und Methoden scharf hervortreten lässt.

Dabei darf man aber Carnap nie als einen Einzelkämpfer sehen, der ein eigenes, al-lein stehendes philosophisches Gebäude errichten will. Ihm geht es vielmehr darum, „ein Feld konzeptueller Möglichkeiten abzustecken, in dem sich die traditionell ver-tretenen Positionen als partiell gerechtfertigt lokalisieren lassen“ (Mormann S. 41). Und so liegen beispielsweise seiner Auffassung des logischen Empirismus, die die Basis für „Aufbau“ und „Scheinprobleme“ bilden, folgende Positionen zu Grunde: „Philosophen verschiedener Richtungen haben seit langem die Auffassung vertreten, dass alle Begriffe und Urteile aus der Zusammenwirkung von Erfahrung und Ver-nunft hervorgehen. Im Grunde stimmen Empiristen und Rationalisten in dieser An-sicht überein ...: die Sinne liefern das Material der Erkenntnis, die Vernunft verar-beitet das Material in ein geordnetes System der Erkenntnis. Somit besteht die Auf-gabe darin, eine Synthese des alten Empirismus mit dem alten Rationalismus herzu-stellen“ (Aufbau S. X). Eine angemessene Philosophie, die eine solche Synthese voll-ziehen kann, muss in den Augen Carnaps wissenschaftlich sein, „aber nur in dem Sinne, dass sie dieselben Forderungen stellt, nämlich Standards von Objektivität und Rationalität in der Argumentation“ (Weg S. 133). Will man nun eine solche Wis-senschaftsphilosophie betreiben und damit die Strenge der naturwissenschaftlichen Vorgehensweisen einhalten, dann ist in dem Feld der konzeptuellen Möglichkeiten kein Platz mehr für Aussagen, die weder auf Erfahrung noch auf Logik zurückgehen. „Aus dieser Forderung zur Rechtfertigung und zwingenden Begründung einer jeden These ergibt sich die Ausschaltung des spekulativen, dichterischen Arbeitens in der Philosophie“ (Mormann S. 23). Das damit verbundene Todesurteil für die ganze Metaphysik, deren Themen sich in den Augen Carnaps nicht rational rechtfertigen lassen und damit zu sinnlosen Scheinaussagen verfallen, werden wir später noch einmal genauer beleuchten. Um mit dieser antimetaphysischen Haltung nicht selbst der Metaphysik zu verfallen, ist es ein Hauptanliegen Carnaps, „genaue Kriterien angeben zu können, nach denen man philosophische Methoden als gültig bzw. un-gültig beurteilen kann“ (Wiki_LogEmp Kap. 1). In „Scheinprobleme“ verwendet Carnap namentlich die Sachhaltigkeit als Kriterium für sinnvolle Aussagen (vgl. Scheinprobleme § 7). Und genau diese Sachhaltigkeit wird – wie wir im nächsten Abschnitt sehen werden – zum Verhängnis für zwei grundsätzliche Positionen im Realismusstreit.

[...]


1 Bei Hume führt diese Überzeugung sogar zu einer völlig anti-solipsistischen Haltung, die wir weiter unten noch genauer beleuchten werden.

2 Die Bezeichnung „Schlick-Zirkel“ geht auf den Physiker und Philosophen Friedrich Albert Moritz Schlick (1882 – 1936), einem der führenden Köpfe des Wiener Kreises, zurück. Seine philosophischen Beiträge reichen von der Naturphilosophie und Erkenntnislehre bis hin zur Ethik und Ästhetik (vgl. Wiki_Schlick).

3 „Karl Popper, der nie an den Treffen des Kreises teilnahm, entwickelte seinen Ansatz, den er Kriti-schen Rationalismus nannte, in Auseinandersetzung mit und in Abgrenzung zum logischen Empiris-mus des Wiener Kreises“ (Wiki_WienerKreis).

4 Neben der Bezeichnung „logischer Empirismus“ wird diese Richtung in der Literatur mit teilweise leicht unterschiedlichen Facetten häufig auch „logischer Positivismus“ oder „Neopositivismus“ ge-nannt. Der Einfachheit halber sind in diesem Text alle drei Bezeichnungen identisch zu verstehen.

5 Wer sich intensiver mit den allgemeinen Konzeptionen des Wiener Kreises und des logischen Empi-rismus beschäftigen möchte, dem sei an dieser Stelle das so genannte „Manifest des Wiener Kreises“ von 1929 ans Herz gelegt. Diese von Neurath, Carnap und Hahn verfasste Schrift mit dem Titel „Wis-senschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis“ (vgl. Manifest) ist insbesondere auch als Antwort auf das zu dieser Zeit vorherrschende gesellschaftliche Umfeld zu verstehen, bei dem „der Irrationalismus unter dem Namen der ‚Wiederentdeckung der Metaphysik’ überall in bedrohlicher Weise an Boden ... gewinnt ... [und] in den ... Dokumenten öffentlichen Bewusstseins deutlich eine Abkehr von der Objek-tivität der Vernunft, ja Vernunftfeindschaft sichtbar“ (Patzig S. 94f) wird. In wenigen Sätzen werden dort die Vorgeschichte und die Weltauffassung des Wiener Kreises dargelegt und damit seine öffentli-che Phase eingeleitet. Dabei ist allerdings zu beachten, dass „das Manifest nur sehr bedingt als Verlaut-barung des gesamten Wiener Kreises anzusehen [ist], sondern eher als Deklaration seines linken Flü-gels“ (Mormann S. 26). Insbesondere wird hier sehr stark Carnaps Einfluss auf den Wiener Kreises sichtbar, denn dessen „Aufbau [ist] laut Manifest eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der wissen-schaftlichen Weltauffassung zugedacht ... Der Aufbau soll nicht mehr und nicht weniger sein als ihre allgemeine Rahmentheorie“ (Mormann S. 26f).

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Das Fremdpsychische bei Rudolf Carnap
Hochschule
Universität Ulm  (Humboldt-Studienzentrum)
Veranstaltung
Hauptseminar "Das Fremdpsychische"
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
32
Katalognummer
V124189
ISBN (eBook)
9783640288137
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Carnap, Rudolf Carnap, Das Fremdpsychische, Fremdpsychisches, Realismusstreit, Idealismus, Realismus, Logischer Empirismus, Neopositivismus, Positivismus, Wiener Kreis, Erkenntnistheoretische Analyse, Logische Zerlegung, Erkenntnistheoretische Zerlegung, Rationale Nachkonstruktion, Philosophie, Logik, Empirismus, Sinnkriterium, Verifikation, Falsifikation, Verifikationsprinzip, Falsifikationsprinzip, Erkenntnistheorie
Arbeit zitieren
Robert Bauer (Autor:in), 2008, Das Fremdpsychische bei Rudolf Carnap, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124189

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