Die Spielzeit der Münchner Kammerspiele 2007/08 stand unter dem Motto "Da kann ja jeder kommen". Thematisiert und herausgearbeitet wurde das Motiv der Migration. Die Auswahl der Stoffen erfolgte quer durch die Geschichte und Genres: von der Antike, über Shakespeare, bis hin zu Adaptionen neuerer Bücher und Filme, die diese Problematik bearbeiten. Unter der Intendanz von Frank Baumbauer griffen die Kammerspiele mit dieser Spielzeit ein Themenfeld auf, das längst das Alltagsbild vor allem der größeren Städte prägt, aber nicht bewusst oder nicht ausreichend von der Majoritätsbevölkerung als Realität wahrgenommen wird.
Die Kammerspiele nahmen sich damit einer derzeit häufig diskutierten Problematik an. Zudem kamen sie damit dem von Politik- und Kulturschaffenden geäußerten Wunsch nach, dass das Theater wieder vermehrt Bezug zu aktuellen Themen nehmen solle.
Ziel vorliegender Arbeit ist es, die unterschiedlichen Facetten dieses Themas, das normalerweise von anderen Wissenschaften behandelt wird, aus einer theaterwissenschaftlichen Perspektive zu betrachten. Es wird untersucht, inwieweit die Debatte Einzug in das kulturelle Leben der breiten deutschen Öffentlichkeit erhält. Die Münchner Kammerspiele sind als Indikator interessant, da die Zuschauer in ihrem Alltag wahrscheinlich nicht viel Kontakt zu Migranten haben und daher stark von stereotypen Bildern und Klischees geprägt sind. Das Publikum von Stadttheatern setzt sich überwiegend aus der oberen Mittelschicht zusammen: Akademiker, Beamte, Politiker, Ärzte, Journalisten. Diese obere Mittelschicht ist zu einem Großteil an der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens und an der Meinungsbildung der Majoritätsbevölkerung beteiligt. Es ist jedoch denkbar, dass die obere Mittelschicht in ihrem Alltag weniger mit Migranten in Berührung kommt, als ein Arbeiter aus der Unterschicht. Möglicherweise wohnt dieser mit Migranten in einem Viertel. An Stadttheatern lässt sich demnach ablesen, wie die jeweilige eigene Gesellschaft von der oberen Mittelschicht − die an der Meinungsbildung beteiligt ist − wahrgenommen wird.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Phänomen Migration
- Migration als Prozess - Shmuel N. Eisenstadt
- Ergänzung des Migrationskonzepts - Hartmut Esser
- Migrationsentscheidung
- Mamma Medea
- Textwahl
- Herkunftsland
- Migrationsentschluss
- Exkurs/Sonderposition Der Sturm
- Kulturelle Figuration
- Das Märchen von der Zivilisation
- Der Zuschauer als Verbündeter
- Entzauberung der Illusion
- Figuration des Anderen
- Caliban
- Ariel
- Auflösung des Selbst - Prospero
- Der Sturm – Ein Zwischenergebnis
- Kulturelle Figuration
- Mamma Medea
- Migration an sich
- Mamma Medea
- Die Wanderung – Eine Wandernde
- Die Wanderung - Gruppenwanderung
- Troilus und Cressida
- Eine Persiflage auf den Bildungsanspruch
- Allein unter Vielen - Thersites
- Troilus und Cressida – Ein Zwischenergebnis
- Assimilation, Segregation, Separation
- Mamma Medea - ein Zwischenergebnis
- Hass
- Kulturelle Figuration
- Mamma Medea
- Ankunftsland
- Darstellung der Migranten-Figuren im Film
- Darstellung der Migranten-Figuren auf dem Theater
- Verschiebung der Themenschwerpunkte
- Gewalt oder Langeweile
- Opfer oder Täter
- Hass – Ein Zwischenergebnis
- Frauen als Politikum?
- Ausgegrenzt
- Der Migrant als Opfer
- Verfremdungseffekte
- Hass spricht
- Visualisierung des Elends
- Ausgegrenzt - Ein Zwischenergebnis
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Darstellung von Migration im Theater, speziell an den Münchner Kammerspielen in der Spielzeit 2007/08. Im Fokus steht die Betrachtung der Thematik aus theaterwissenschaftlicher Perspektive und deren Rezeption durch ein spezifisches Publikum (obere Mittelschicht). Die Arbeit analysiert, wie die Kammerspiele die gesellschaftliche Debatte um Migration aufgreifen und welche Auswirkungen dies auf die Wahrnehmung des Themas durch das Publikum hat.
- Darstellung von Migration in verschiedenen Theaterstücken
- Rezeption der Migrationsdebatte im Theater durch das Publikum
- Die Rolle des Theaters in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen
- Stereotypen und Klischees in der Darstellung von Migranten
- Der Einfluss der gesellschaftlichen Wahrnehmung auf die Inszenierung von Migration
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in die Thematik ein und beschreibt den Kontext der Spielzeit der Münchner Kammerspiele 2007/08. Das Kapitel "Phänomen Migration" beleuchtet verschiedene theoretische Ansätze zur Migration. Im Kapitel "Migrationsentscheidung" werden anhand von "Mamma Medea" und "Der Sturm" verschiedene Aspekte der Migrationsentscheidung und die kulturelle Figuration des Anderen untersucht. Das Kapitel "Migration an sich" setzt sich mit der Darstellung von Migration in weiteren Stücken auseinander, während "Hass" die Darstellung von Hass und Ausgrenzung im Kontext von Migration behandelt. Das Kapitel "Ausgegrenzt" vertieft die Thematik der Ausgrenzung und deren visuelle Darstellung.
Schlüsselwörter
Migration, Theater, Münchner Kammerspiele, Integration, Ausgrenzung, Stereotype, Kulturelle Figuration, Mamma Medea, Der Sturm, Troilus und Cressida, gesellschaftliche Wahrnehmung, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Welchen Schwerpunkt setzten die Münchner Kammerspiele in der Spielzeit 2007/08?
Unter dem Motto "Da kann ja jeder kommen" stand das Thema Migration im Mittelpunkt, wobei Stoffe von der Antike bis zur Moderne inszeniert wurden.
Warum ist die theaterwissenschaftliche Perspektive auf Migration interessant?
Das Theater dient als Spiegel der Gesellschaft. Es ermöglicht die Untersuchung, wie Stereotype und Klischees über Migranten auf der Bühne verarbeitet und vom Publikum wahrgenommen werden.
Welche Rolle spielt die soziale Schicht des Publikums bei der Rezeption?
Da das Publikum an Stadttheatern oft aus der oberen Mittelschicht besteht, die im Alltag seltener direkten Kontakt zu Migranten hat, prägen die Bühneninszenierungen maßgeblich deren Bild der gesellschaftlichen Realität.
Welche Theaterstücke werden in der Arbeit analysiert?
Die Arbeit untersucht unter anderem die Stücke "Mamma Medea", Shakespeares "Der Sturm" sowie "Troilus und Cressida" im Kontext von Migration und Ausgrenzung.
Wie wird das Motiv des "Anderen" im Theater dargestellt?
Durch Figuren wie Caliban oder Medea werden Prozesse der Assimilation, Segregation und die Figuration des Fremden sowie die damit verbundenen Vorurteile visualisiert.
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- Carolin Millner (Author), 2008, Eine Ahnung von Lebenswirklichkeit. Das Motiv der Migration auf dem Theater, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124254