Der Umgang mit kulturellen, sozialen und emotionalen Einflüssen auf das Ernährungsverhalten in der Beratung


Hausarbeit, 2022

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Erfassung des Falles
2.1 Fallbeschreibung
2.2 Beratungsrelevante Hintergründe

3 Zu berücksichtigende Aspekte innerhalb der Beratung
3.1 Emotionen in Wechselbeziehungen mit den Mahlzeiten
3.2 Kulturelle Identität und Ernährung
3.3 Traditionelle brahmanische Mahlzeiten – Zubereitung und Verzehr
3.4 Das Verhältnis zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter in Indien
3.5 Tägliche Routinen der Brahmanen
3.6 Der bedeutende Wert einer Kultur- und religionssensiblen Beratung

4 Geeignete Methoden zur Analyse des Fallbeispiels
4.1 Das offene Gespräch
4.2 Ernährungserhebung mit Hilfe des Wiegeprotokolls

5 Empfehlungen
5.1 Empfehlungen an die Patientin
5.2 Empfehlungen für die Familienmitglieder

6 Fazit

III. Anhangsverzeichnis

IV. Anhänge

V. Literaturverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Musterwiegeprotokoll

II. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland wuchs in den letzten Jahren stetig an. Waren es im Jahr 2005 noch 14,4 Millionen, so sind es heute bereits 21,9 Millionen (Destatis.de, 2022). Das ist ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland. Migranten unterscheiden sich in ihrer Sprache, kulturellen Identität, Religion und ihren Wertevorstellungen von den Einheimischen (Wurzbacher, 2011, S. 124). Arztpraxen stehen immer häufiger vor der Herausforderung einer adäquaten Beratung unter Berücksichtigung des Migrationshintergrundes. Meist kommt es dort zum ersten Mal zu einer Konfrontation der unterschiedlichen Kulturen. Ein Erfolg der Beratung kann sich oft nur unter Berücksichtigung anderer Lebensweisen einstellen (Wurzbacher, 2012, S. 29). Für die Praxis der Ernährungsberatung bedeutet das eine besondere Aufmerksamkeit auf die religiösen, soziokulturellen und emotionalen Aspekte der Nahrung bzw. der Esskultur zu legen. Auch den Grundnahrungsmitteln und der Art ihrer Zubereitung muss ein hohes Maß an Beachtung zugesprochen werden.

Ziel dieser Fallstudie ist es, anhand eines Falles und unter Berücksichtigung der kulturellen, sozialen und emotionalen Einflüsse ein Konzept für eine Ernährungsberatung zu entwickeln. Am Beispiel einer aus Indien stammenden Frau, die der Kaste der Brahmanen angehört, werden wichtige zu beachtenden Aspekte näher erläutert. Berücksichtigt werden hierbei insbesondere kulturelle Werte und Normen des Essverhaltens sowie die Wechselwirkungen zwischen Essen und Emotionen. Auch spielen die sozialen Strukturen innerhalb der Familie eine wesentliche Rolle für die Therapie.

Dafür wird diese Fallstudie in mehrere Punkte unterteilt: Nach der Einleitung folgt in Kapitel 2 die Fallerfassung. Dem schließt sich Kapitel 3 mit der Untersuchung von Einflussfaktoren auf das Ernährungskonzept an. Hierbei wird besonders auf die emotionalen, kulturellen und spirituellen Einflüsse des Essens und seiner traditionellen Zubereitung eingegangen im Hinblick auf die religiöse Ernährung einer brahmanischen Familie. Auch innerfamiliäre Interaktionen und Tagesabläufe sind Bestandteil von diesem Kapitel. Weiterhin wird die Relevanz einer migrationssensiblen Beratung Beachtung finden. Kapitel 4 folgt mit der Auswahl geeigneter Analysemethoden der Patientensituation. Das Fazit und Empfehlungen in Kapitel 5 schließen diese Fallstudie ab.

2 Erfassung des Falles

Folgender Fall liegt der Ernährungsberaterin vor.

2.1 Fallbeschreibung

Die Praxis der Ernährungsberatung wird von einer Patientin Mitte 40 aufgesucht, die an Diabetes Mellitus Typ 2 erkrankt ist. Sie selbst hat nur eine ungefähre Vorstellung von der Bedeutung dieser Aussage, die ihr der Arzt mit auf den Weg in die Ernährungspraxis gab. Ob sie weiß, in welchem Ausmaß sich die Krankheit auf ihre Ernährungsgewohnheiten auswirkt, wird sich erst in einem persönlichen Gespräch mit der Beraterin klären lassen. Sie fühlt sich – nach eigener Aussage - eigentlich gesund. Mehr scheint sie um ihre Kinder besorgt zu sein und bittet hierzu um Empfehlungen. Ihr 17-jähriger Sohn möchte Bodybuilder werden und hat diverse Kanäle auf YouTube abonniert. Er möchte sich nicht traditionell vegetarisch ernähren. Die Tochter der Patientin, 14 Jahre alt, klagt über Müdigkeit und Lustlosigkeit. Sie ernährt sich streng vegan. Acht Jahre zuvor zog die Familie aus beruflichen Gründen von Südindien nach Berlin. Sie gehöret der Kaste der Brahmanen an. Neben ihrem Mann und den beiden Kindern, leben ebenfalls die hochbetagten Schwiegereltern im gemeinsamen Haushalt. Beide, die Patientin und ihr Ehemann, sind Vollzeit berufstätig. Die sehr traditionell eingestellte Schwiegermutter ist für die Zubereitung des Essens ist zuständig.

2.2 Beratungsrelevante Hintergründe

Um die brahmanische Patientin angemessenen beraten zu können, ist es empfehlenswert, sich im Vorfeld mit der Kultur Indiens und seiner Soziologie auseinanderzusetzen. Ein weiterer wichtiger Fokus in diesem Zusammenhang sollte auf die typischen brahmanischen Lebensmittel gelegt werden.

Indien ist ein Land, welches mit vielen Klischees behaftet zu sein scheint. Viele Menschen verbinden es mit der Heilkunst des Ayurveda, dem Hinduismus oder dem Kastenwesen (Michael & Baumann, 2019, S. 9). Auch die Probandin gehört einer Kaste an. Das Wort „Kaste“ wird zum einen verwendet, um einen Charakter der sozialen Ordnung der indischen Agrargesellschaft zu benennen, zum anderen wird es aber auch für die sogenannten „varnas“ verwandt, die vier Farben. Nach der brahmanischen Ideologie von Herrschaft hierarchisieren sie die Gesellschaft Indiens in vier Klassen (Jürgenmeyer & Rösel, 1998, S. 25). Ursprünglich von Hindu-Priestern entwickelt prägte es Indien für mehr als 3.000 Jahre (Schaffmeister & Haller, 2018, S. 156). Der Indologe Axel Michaels beschreibt die Kaste als eine einer Berufsgruppe bzw. Kultur zugehörigen Gemeinschaft von Menschen. Ihre Zusammengehörigkeit erklärt sich aus ihren gemeinsamen Eigenschaften (Vermeer & Neumann, 2016, S. 63). Formell wurde das System der Kasten im Jahr 1950 abgeschafft, trotzdem prägt es heute noch immer sehr stark die dortigen Sozialbeziehungen (Schaffmeister & Haller, 2018, S. 290). Zum Beispiel wird die Schulbildung, der Ehepartner, der Beruf, oft auch der Name und alles Weitere im Leben, sogar die Beerdigung durch die Kastenzugehörigkeit bestimmt (Vermeer & Neumann, 2016, S. 63 f.). An der Spitze dieser Kastenpyramide stehen die Brahmanen (die Priester und Gelehrten), gefolgt von den „Kshatriyas“ (Krieger) und Herrscher, den „Vaisyas“ (Händler) und an vierter Stelle die Bauern, die sogenannten „Shudras“. Sozial ausgeschlossen von diesem System werden die „Dalits“ als „Unberührbare“ betitelt. Sie stellen die unterste und größte Schicht Kastenpyramide und somit der Gesellschaft dar (Schaffmeister & Haller, 2018, S.156). Ein Wechsel in eine andere Kaste ist aufgrund der Wiedergeburtslehre nicht möglich (Michael & Baumann, 2016, S 9). Somit ist die einzelne Person in Bezug auf Ge- u. Verbote und den Vorstellungen von Werten auf die Regeln ihrer Kaste beschränkt. Ihnen zu entsprechen bedeutet für den Inder „dharma“, richtiges Handeln. Dabei wird richtiges Handeln der einzelnen Person vor dem richtigen Handeln der Allgemeinheit priorisiert. So wird rituelle Reinheit verstanden. Sie unterscheidet die einzelnen Kasten. Am reinsten sind die Brahmanen, am unreinsten die Dalits (Vermeer & Neumann, 2016, S. 64).

Die Ernährung wird ebenso mit spiritueller Reinheit verbunden. Sie erfährt in Indien einen überaus hohen Stellenwert und tiefe Verbundenheit (Lochtefeld, 2002, S. 746). Grundsätzlich sind im Süden Indiens die Grundnahrungsmittel der Reis, Roti und das Weizenbrot „Naan“. Der Reis wird von farbenfrohen, aromatischen Gewürzen begleitet, die die Currys oder das typische Dal so facettenreich machen. Die Zubereitung und das Essen selbst folgen ayurvedischen Grundsätzen. Es dient nicht nur der Nahrungsaufnahme, sondern auch dem Wohlbefinden der Seele (Tk.de, 2022). Als besonders rein wird die vegetarische Ernährung empfunden. Vermutlich deshalb, weil die Brahmanen als die reinste Gruppe des Kastensystems streng vegetarisch leben. Ihr Ernährungsprinzip schließt Milch- und Milchprodukte ein. Mit ihnen wird eine besonders gesundheitsfördernde Wirkung assoziiert (Lochtefeld, 2002, S. 746). Ein Grund dafür könnte sein, dass diese Lebensmittel von der Kuh stammen, die in Indien als Sinnbild der lebensgebenden Mutter heilig ist (TK.de, 2022). Eier dagegen werden gemieden, genauso wie Zwiebeln und Knoblauch. Sie gelten als luststeigernd (Lochtefeld, 2002, S. 746). Innerhalb eines westlichen Ernährungskonzeptes würden die Brahmanen den Lakto-Vegetariern zugeordnet werden. Diese Erkenntnis sollte während der Ausarbeitung eines Beratungskonzeptes Berücksichtigung finden.

3 Zu berücksichtigende Aspekte innerhalb der Beratung

Grundlage einer erfolgreichen Beratung kann das Verstehen des gesamten Wesens der Patientin sein. Dazu gehören Kenntnisse über den Tagesablauf, ihrer Religion, Kultur ernährungsrelevante Vorlieben. Der DMT2 kann wesentlich vom Ernährungsverhalten der Patientin bestimmt und beeinflusst werden. Essen und Ernährung wiederum können stark von Emotionen beeinflusst werden.

3.1 Emotionen in Wechselbeziehungen mit den Mahlzeiten

Eine nicht zu unterschätzende Rolle im Leben eines Menschen spielen die mit dem Essen verbundenen Emotionen und Tätigkeiten, so auch bei der Patientin. Sie werden bereits im Kindesalter sehr eng miteinander verknüpft. Später übernehmen sie wesentliche Aufgaben im kulturellen, psychologischen, ökonomischen oder sozialen Bereich des Individuums und unterscheiden sich je nach Kultur (Luomala, Rizwan & Tahir, 2009, S. 231 f.). Dabei können sie von Mensch zu Mensch unterschiedlich starke Ausprägung haben (Macht, 2005, S. 9). Emotionen wirken auf das Essverhalten. Umgekehrt kann ein bestimmtes Lebensmittel auf die Emotionen einwirken (ebenda, S. 11 ff.).

Die Patientin wuchs in Indien auf. Somit wurde sie stark von der indischen Kultur geprägt. Indisches Essen und die damit verbundenen Emotionen beeinflussen sie in unterschiedlichster Weise mehr oder weniger stark. Die wichtigsten davon sollten im Zuge der Beratung Beachtung finden.

Vermutlich ist die emotionale Steuerung der Nahrungswahl eine der bedeutendsten in Bezug auf eine in Deutschland lebende Brahmanin. Ihre Kastenzugehörigkeit verbietet unreine Lebensmittel wie z.B. Fleisch jedweder Art (siehe Kap. 2.2). Ein Verstoß birgt die Gefahr der Wiedergeburt in einem niederen Status bzw. in einer niederen Kaste. „Dharma“ (richtiges Handeln) hingegen garantiert die Kastenzugehörigkeit (Michael & Baumann, 2006, S. 206). Es kann angenommen werden, dass im Haus der Patientin eher positive Emotionen mit dem Essen verbunden sind, da die Schwiegermutter die traditionelle Zubereitung der Mahlzeiten beibehalten hat, was der Patientin emotionale Behaglichkeit vermitteln wird. Positive Emotionen fördern die Nahrungsaufnahme, negative hindern sie (Macht, 2005a, S. 16). Negatives Empfinden wird bei den Brahmanen durch verbotene Lebensmittel wie z.B. Zwiebeln, Knoblauch oder Rindfleisch in Verbindung gebracht (siehe Kap. 2.2).

Auch der sogenannte assoziative Effekt soll hier Beachtung finden. Er verbindet positive oder negative Vorstellungen mit einem Lebensmittel oder bereits schon mit dem Nahrungswort (Macht, 2005b, S. 306). In Indien wird die vegetarische Ernährungsweise mit besonderer Reinheit und Milchprodukte mit hoher Gesundheit assoziiert (Kap. 2.2).

Die Berücksichtigung dieser Zusammenhänge des Essens und den Emotionen ist von hohem Interesse innerhalb der Beratung. Sie kann einen starken Einfluss auf das Befinden der Patientin haben. Deshalb werden diese Faktoren innerhalb des Fragebogens (Anlage II) berücksichtigt und im weiteren Verlauf der Beratung näher untersucht.

3.2 Kulturelle Identität und Ernährung

Neben den in Kap. 3.1 dargestellten Wechselbeziehungen der Emotionen ist zusätzlich der kulturelle Hintergrund eines Menschen von Belang. Christiane Wurzbacher beschreibt die Einnahme einer Mahlezit sogar als „kulturellen Grundakt“, dessen Wurzeln tief in der Kindheit liegen (Wurzbacher, 2012, S. 29). Einflüsse wie die geografische Lage, die ausgeübte Religion und Lebensumstände, wie Bildung oder Einkommen spielen ebenfalls eine Rolle (Barakat & Sat, 2020, S. 705). In den meisten Fällen wird die Esskultur später im Leben beibehalten, denn neben der energetischen Funktion erfüllt die Nahrung diverse andere Ansprüche und Neigungen, wie z.B. die verbindende Funktion zum Heimatland. Essen festigt und stärkt die eigene Identität (Wurzbacher, 2012, S. 29). „Das Einzige was mich beängstigt, eine gesunde Ernährung umzusetzen, ist die Angst meine Tradition zu verlieren“ so das Zitat eines Unbekannten. Dennoch verändert sich die Ernährungsweise von Migranten allmählich mit der Dauer des Aufenthalts im Ausland (Barakat & Sat, 2020, S. 705, Koctürk, 1995, S. 2). Hierbei werden nicht alle Lebensmittel des Heimatlandes werden gleichermaßen adaptiert, sondern nach Gruppen (Hauptnahrungsmittel, ergänzende Lebensmittel und Accessoires) hierarchisiert (Koctürk, 1995, S. 2). Zu den indischen traditionellen Grundnahrungsmitteln gehören Reis, Weizenbrot, wie Nan oder Chapati und Roti (gefüllte Dumplings). Getrunken wird gerne mit Honig gesüßter Tee mit Milch oder Mango-Lassi, ebenfalls gesüßt (Barakat & Sat, 2020, S. 712).

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Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Umgang mit kulturellen, sozialen und emotionalen Einflüssen auf das Ernährungsverhalten in der Beratung
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Veranstaltung
Ernährungssoziologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2022
Seiten
22
Katalognummer
V1242701
ISBN (Buch)
9783346673107
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernährungssoziologie, Indien, Kaste, Brahmanen, Tradition, Kultur, Essen, Emotion, Kastensystem, Beratung, Beratungsmethoden, Gespräch, Wiegeprotokoll, Ernährungserhebung, kultursensible Beratung, religionssensible Beratung, Familie, Spiritualität, spirituell
Arbeit zitieren
Ines Ochmann (Autor:in), 2022, Der Umgang mit kulturellen, sozialen und emotionalen Einflüssen auf das Ernährungsverhalten in der Beratung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1242701

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