Tragikomische Elemente in Dürrenmatts Stück "Der Besuch der alten Dame"


Seminararbeit, 2007
18 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Besuch der alten Dame – eine tragische Komödie: Dürrenmatts Gattungserläuterungen
2.1 Die tragisch-komische Claire Zachanassian
2.1.1 Die tragische Verwandlung der Klara Wäscher in Claire Zachanassian
2.1.2 Die Ankunft der alten Dame: Der Bahnhof als Aushängeschild der Armut
2.1.3 Zachanassians Gatten als entindividualisierte Typen
2.2 Claire Zachanassian im Mittelpunkt einer denaturalisierten Gesellschaft

3. Das Groteske in „Der Besuch der alten Dame“
3.1 Der paradoxe Handlungsverlauf der tragischen Komödie

4. Fazit

5. Bibliographie

1 Einleitung

„ Von Kunst redet man am besten, wenn man von seiner Kunst redet. Die Kunst, die man wählt, ist der Ausdruck zugleich einer Freiheit, ohne die keine Kunst bestehen kann, und der Notwendigkeit, ohne die auch keine Kunst bestehen kann. Der Künstler stellt immer die Welt und sich selber da.“[1] (Friedrich Dürrenmatt)

In „Friedrich Dürrenmatt über F.D.“ beantwortet Dürrenmatt die Frage, ob und was er sich bei seinen Komödien denke, dass er dies auch nicht beantworten könne.[2]

In seinen Anmerkungen zum „Besuch der alten Dame“ bezeichnet sich Dürrenmatt als „verwirrter Naturbursche mit mangelndem Formwillen“[3] und wehrt sich Dürrenmatt gegen die Annahme, er stelle mit seinem Stück ein Gleichnis oder gar eine Moral auf. Er schreibt, er suche nicht einmal sein Stück mit der Welt zu konfrontieren, weil sich all dies natürlicherweise von selbst einstelle, solange zum Theater auch das Publikum gehört.[4]

Dürrenmatts theoretische Schriften werden in der Literaturwissenschaft als „Überlegungen zu einer zeitgenössischen Dramaturgie, die sicherlich eher wegen der Griffigkeit ihrer Formulierungen als der Stringenz ihrer Beweisführung zum Allgemeingut moderner Dramentheorie avanciert sind“[5] bezeichnet. Da jedoch Dürrenmatts Theorien in der deutschsprachigen Dramatik nach 1945 eine Verbreitung gefunden und einen bedeutenden Einfluss ausgeübt haben[6], wird sein Werk zwangsläufig mit den von ihm vorgeschlagenen und definierten Begriffen[7] interpretiert.

Dürrenmatt schrieb nicht unbeeinflusst vom Lebensgeist und der Probleme seiner Zeit, seine Werke können nicht am „Phänomen des gegenwärtigen Seins vorbeigegangen sein“[8], denn er überblickte die gegenwärtigen existentiellen Lebensbedingungen[9]. Deshalb ist Dürrenmatts Aussage, er selbst könne nicht beantworten, was sich hinter seinen Werken verberge, wohl nicht ernst zu nehmen, da er dazu in seinen „Theaterproblemen“ explizit Stellung bezieht.

Infolgedessen werden in dieser Hausarbeit Dürrenmatts als auch literaturwissenschaftliche Schriften gleichermaßen herangezogen, um die tragischen, komischen und grotesken Elemente des „Besuchs der alten Dame“ im historisch-gesellschaftlichen Kontext zu ergründen. Dabei konzentriert sich der Fokus auf die Protagonistin Claira Zachanassian, da sie den Mittelpunkt der tragischen Komödie darstellt.

2. Der Besuch der alten Dame - eine tragische Komödie: Dürrenmatts Gattungserläuterungen

In seinen „Theaterproblemen“ stellt Dürrenmatt die These auf, dass die reine Tragödie nicht mehr möglich sei, da diese Schuld, Not, Maß, Übersicht und Verantwortung voraus setze.[10]

Dürrenmatt ist der Ansicht, dass es keine Schuldigen oder Verantwortlichen in der Gesellschaft der späten Fünfzigerjahre gibt, denn „alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt“[11]. Die Nachkriegsgeneration, von der hier die Rede ist, beschreibt Dürrenmatt als Generation der Kindeskinder, welche eine kollektive Schuld und Mitschuld durch ihre Väter und Vorväter in sich trägt. Die Gegenwart sieht Dürrenmatt als ungeformt und ungestaltet, als Resultat der abgeschlossenen Vergangenheit und Übergangsstadium zur möglichen Zukunft.[12] Die Welt habe aufgrund dieses undefinierten Zustandes, in dem niemand die Initiative ergreift, sondern Passivität herrscht „ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe“[13]. Das Groteske sei ein „sinnliches Paradox, die Gestalt nämlich einer Ungestalt, das Gesicht einer gesichtslosen Welt (…) die nur noch ist, weil die Atombombe existiert: aus Furcht vor ihr.“[14] Dürrenmatt übt Kritik daran, dass Schuld und Verantwortung kein Gesicht mehr haben, da die echten Repräsentanten fehlen, und die tragischen Helden anonym sind, die Macht werde nur da sichtbar, „wo sie explodiert, in der Atombombe, in diesem wundervollen Pilz, der da aufsteigt und sich ausbreitet, makellos wie die Sonne, bei dem Massenmord und Schönheit eins werden“.[15]

Weist die Welt keine Verantwortlichen mehr auf, so können sie auch auf der Bühne nicht wiedergegeben werden. Die Darstellung der Welt wird demnach von der realen Welt beeinflusst und ändert sich mit ihr. Die Welt ließe sich beispielsweise nicht mehr in der Form des geschichtlichen Dramas Schillers darstellen, da es keine tragischen Helden, sondern nur noch Tragödien gibt, die „von Weltmetzgern inszeniert und von Hackmaschinen ausgeführt werden“.[16] Die Weltmetzger stehen dabei für den unüberschaubar gewordenen bürokratischen Staat, die Hackmaschinen für die Massenmenschen ohne Meinung und Verantwortung.

Eine reine Tragödie sei deshalb nicht mehr möglich, da sie eine gestaltete Welt voraussetze, eine Mischform aus Tragödie und Komödie sei deshalb optimal, da die Komödie eine ungestaltete, im Werden, im Umsturz begriffene Welt fordere. Es bliebe nichts anders übrig, als das Tragische als schrecklichen Moment, als einen sich öffnenden Abgrund aus der Komödie zu ziehen.[17]

2.1 Die tragisch-komische Claire Zachanassian

Claire Zachanassian, als Klara Wäscher in Güllen geboren, besucht ihre einst wohlhabende, nun verarmte Heimatstadt. Die Bewohner hoffen darauf, dass Zachanassian, die durch die Heirat mit einem Ölscheich zur Milliardärin geworden ist, der Stadt finanziell hilft.

Claire Zachanassian, deren Name sich zusammensetzt aus Zacharoff, Onassis und Gulbenkian, der Namen der reichsten Männer der Welt, ist zweiundsechzig, rothaarig, trägt ein Perlenhalsband, riesige goldene Armringe, ist aufgedonnert, unmöglich, aber gerade darum wieder eine Dame von Welt, mit einer seltsamen Grazie, trotz allem Grotesken.[18]

In seinen Anmerkungen[19] beschreibt Dürrenmatt Claire Zachanassian als „die reichste Frau der Welt, durch ihr Vermögen in der Lage, wie eine Heldin der griechischen Tragödie zu handeln, absolut, grausam, wie Medea etwa“.[20]

Dürrenmatt betont an dieser Stelle, dass es nicht seine Intention war, mit dieser Figur etwa den Marshallplan oder die Apokalypse darzustellen. Vielmehr soll das Handeln der Zachanassian ein Spiegelbild ihres Vermögens sein, denn, wie Dürrenmatt hier schreibt: Sie kann es sich leisten.[21] Doch Claire Zachanassian ist mehr als nur eine reiche Frau. Sie verfolgt einen Plan, seit sie Güllen verlassen musste, den sie schließlich bei ihrem Besuch zu Ende bringen will. Sie traf hierfür jahrelange Vorbereitungen, ließ die Stadt verarmen und die Bewohner Güllens ein hoffnungsloses Leben führen, denn sie „ließ den Plunder aufkaufen (…), die Betriebe stilllegen.“[22] „Eure Hoffnung war ein Wahn, euer Ausharren sinnlos, eure Aufopferung Dummheit, euer ganzes Leben nutzlos vertan“[23], offenbart Zachanassian den Güllenern. Mit ihrem Geld kaufte sie sich die Macht über die Stadt und über ihre Einwohner, mit ihrer Rückkehr vollendet sie ihren Racheakt. Sie kauft sich die Gerechtigkeit, sie rächt sich an dem Menschen, durch dessen Verrat sie ihr schweres Leben zu verdanken hat:

„Du hast dein Leben gewählt und mich in das meine gezwungen. Du wolltest, dass die Zeit aufgehoben würde, eben im Wald unserer Jugend, voll von Vergänglichkeit. Nun habe ich sie aufgehoben und nun will ich Gerechtigkeit, Gerechtigkeit für eine Milliarde.“[24]

2.1.1 Die tragische Verwandlung der Klara Wäschers in Claire Zachanassian

In seinen Anmerkungen vergleicht Dürrenmatt Claire Zachanassian mit Medea, auch im Stück findet sich ein solcher Hinweis. Der Lehrer von Güllen erklärt, er habe ein Schauern empfunden, „wie sie aus dem Zuge stieg, die alte Dame mit ihren schwarzen Gewändern.“[25] Wie eine Parze, eine griechische Schicksalsgöttin sei sie ihm vorgekommen. Er merkt an, Zachanassian „sollte Klotho heißen, nicht Claire, der traut man es noch zu, dass sie Lebensfäden spinnt.“[26] Auch er stellt den Vergleich zu Medea: „Frau Zachanassian! Sie sind ein verletztes liebendes Weib. Sie verlangen absolute Gerechtigkeit. Wie eine Heldin der Antike kommen Sie mir vor, wie eine Medea.“[27]

[...]


[1] Dürrenmatt, Friedrich: Theaterprobleme. Zürich, 1955. S. 40

[2] Vgl. Müller, Rolf: Komödie im Atomzeitalter: Gestaltung und Funktion des Komischen bei Friedrich Dürrenmatt. Europäische Hochschulschriften, Reihe 1, Bd. 1050. Frankfurt am Main, 1988. Vorwort.

[3] Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Anmerkung I. S. 142

[4] Vgl. ebd. S. 141

[5] Kurzenberger, Hajo: Theater der Realität als Realität des Theaters. Zu Friedrich Dürrenmatts Dramenkonzeption. In: Kost, Jürgen: Geschichte als Komödie. Zum Zusammenhang von Geschichtsbild und Komödienkonzeption bei Horváth, Frisch, Dürrenmatt, Brecht und Hacks. Würzburg, 1996. S. 127

[6] Kost, Jürgen: Geschichte als Komödie. Zum Zusammenhang von Geschichtsbild und Komödienkonzeption bei Horváth, Frisch, Dürrenmatt, Brecht und Hacks. Würzburg, 1996. S. 127

[7] Vgl. Pulver, Elsbeth: Literaturtheorie und Politik. Zur Dramaturgie Friedrich Dürrenmatts. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrg.):Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur. Heft 50/51. Friedrich Dürrenmatt I. Mai, 1976

[8] Vgl. Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Anmerkung I Ebd. S. 30

[9] Vgl. Geißler, Rolf (Hrsg.): Zur Interpretation des modernen Dramas. Brecht, Dürrenmatt, Frisch. 7. Auflage. Frankfurt am Main, 1972. S. 71

[10] Vgl. Dürrenmatt, Friedrich: Theaterprobleme. S. 37

[11] Ebd.

[12] Ebd. S. 41

[13] Ebd. S. 37

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Ebd. S. 34

[17] Vgl. Dürrenmatt, Friedrich: Theaterprobleme. S. 37

[18] Vgl. Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie. Neufassung 1980. Zürich, 1998. S. 22

[19] Anmerkung I in: Dürrenmatt, Friedrich. Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie. Neufassung 1980. Zürich, 1998.

[20] Ebd. S. 142

[21] Ebd. S. 142

[22] Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. S. 90

[23] Ebd.

[24] Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. S. 49

[25] Ebd. S. 34

[26] Ebd.

[27] Ebd. S. 90

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Tragikomische Elemente in Dürrenmatts Stück "Der Besuch der alten Dame"
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Tragikomödie
Note
2,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V124271
ISBN (eBook)
9783640288885
ISBN (Buch)
9783640288953
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tragikomische, Elemente, Dürrenmatts, Stück, Besuch, Dame, Proseminar, Tragikomödie
Arbeit zitieren
Christina Schindler (Autor), 2007, Tragikomische Elemente in Dürrenmatts Stück "Der Besuch der alten Dame", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124271

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