Mehrsprachigkeit als Medium der Charakterformung und Standeskritik dargestellt an der Nutzung des Französischen in Schillers "Kabale und Liebe"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist unter einem Medium zu verstehen?

3. Historischer Kontext
3.1. Männlichkeitsideal im 18. Jahrhundert
3.2. Der Adel im 18. Jahrhundert
3.3. Der Einfluss des Französischen

4. Das Französische in Friedrich Schillers Kabale und Liebe
4.1. Der Adel
4.1.1. Hofmarshall von Kalb
4.1.2. Lady Milford, Favoritin des Fürsten
4.2. Das Bürgertum: Miller und dessen Frau

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hofmarschall von Kalb, in einem reichen, aber geschmacklosen Hofkleid, mit Kammerherrnschlüsseln, zwei Uhren und einem Degen, Chapeaubas und frisiert a la Hérison. Er fliegt mit großem Gekreisch auf den Präsidenten zu, und breitet einen Bisamgeruch über das ganze Parterre. (Schiller, I/6, S. 17)

Die oben genannte Regieanweisung veranschaulicht in den Hauptaspekten die Darstellung des Adels in Friedrich Schillers Drama Kabale und Liebe. Nach der ersten Betrachtung gewinnen LeserInnen aufgrund der detaillierten Beschreibung vieler Accessoires die Impression, dass Äußerlichkeiten für den Adel von großem Belang waren. Bei weiterer eingehender Betrachtung ist ebenso auffällig, dass die Nutzung französischer Begriffe Einfluss auf die intendierte Charakterdarstellung des Hofmarshalls von Kalb hat, der den Adel repräsentiert. Da Französisch als Hofsprache galt, respektive insbesondere vom Adel verwendet wurde, wird ebendiese Sprache als Medium genutzt, um Charaktere zu formen und Kritik an der aristokratischen Gesellschaftsschicht zu üben. Dies wird in der vorliegenden schriftlichen Ausarbeitung durch die Analyse der Verwendung fremdsprachlicher Begriffe aufgezeigt. Betrachtet wird der historische Kontext; dabei befinden sich aristokratische und bürgerliche Männlichkeitsideale während des Sturm und Drangs im Fokus.

Der Hofmarshall von Kalb ist aufgrund seiner abwertenden, verlachten und nicht klassen- und zeitgemäßen Darstellung eine beachtenswerte Figur, die bisher jedoch nicht im Zusammenhang mit der Nutzung der französischen Sprache untersucht wurde. Die Notwendigkeit der nachfolgenden Ausarbeitung findet sich folglich in der Betrachtung der Fremdsprache als Medium in dem vorliegenden historischen Kontext. Mehrsprachigkeit dient vorwiegend als Zeichen von Integration, Multikulturalität und Internationalität und ist dementsprechend positiv besetzt. Doch in Kabale und Liebe wird sie übermäßig genutzt, um Kritik an der Ständeklausel und dem aristokratischen Stand zu üben. Dies ist einer der Gründe, weshalb der Hofmarshall eine auffallende Figur darstellt, und seine Charakterformung mithilfe des Mediums der Fremdsprache nach der eingehenden Betrachtung der bereits genannten Aspekte des historischen Kontextes untersucht wird; schlussendlich werden Herr und Frau Miller als Gegenbeispiel betrachtet, bevor zusammenfassend die Konklusion der Wirkung des Mediums gezogen wird.

2. Was ist unter einem Medium zu verstehen?

Der Begriff Medium ist in allen Bereichen, die sich mit Kommunikation beschäftigen, von Belang. Er bezeichnet in diesem Zusammenhang das „was zwischen die Menschen tritt“ (Mock 2006: 183). Mit ihm wird Kommunikation erschaffen und die Wahl des Mediums kann getätigte Aussagen beeinflussen. Es ist demnach ein Kommunikationsmittel. Darunter zählen nicht nur ersichtliche Medien wie Smartphones, Bücher, Hörbücher oder das Theater, sondern auch Rubriken wie das Olfaktorische oder Kleidung, die Botschaften oder Informationen vermitteln können.

3. Historischer Kontext

In der Literatur spiegeln sich kontinuierlich soziokulturelle Verhältnisse und Sichtweisen der Gesellschaft wider. So finden sich Männlichkeitsvorstellungen und -ideale der Zeit, in diesem Fall des 18. Jahrhunderts, und Kritik am Adel in Werkstücken. Friedrich Schillers Drama Kabale und Liebe, auf das sich diese Arbeit stützt, wurde 1784 uraufgeführt. Das Stück wird der Epoche des Sturm und Drangs zugeordnet, die in den 60er bis 80er Jahren des 18. Jahrhunderts datiert wird. Nennenswerte Vertreter des Sturm und Drangs, neben Friedrich Schiller mit Kabale und Liebe und Die Räuber, sind unter anderem Gottfried August Bürger mit Leonore, Heinrich Leopold Wagner mit Die Kindermörderin oder auch Johann Wolfgang von Goethe mit Die Leiden des jungen Werther oder Prometheus.

Repräsentative Merkmale der Epoche werden im folgenden Abschnitt in Verbindung mit zwei signifikanten historischen Gesinnungswandeln erläutert.

3.1. Männlichkeitsideal im 18. Jahrhundert

Wichtig für das Verständnis des weiteren Verlaufs dieser Arbeit ist der Umstand, dass die AutorInnen des Sturm und Drangs fast ausschließlich dem männlichen Geschlecht angehörten (vgl. Lange & Seethaler 2015: 126).

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts befanden sich die Ansichtsweisen zum männlichen Geschlecht und dessen Idealvorstellungen im Wandel. Hohendahl (2002) bezeichnet den Wandel überdies als „[d]ie Krise der Männlichkeit im späten 18. Jahrhundert“. Er, und weitere bedeutende Persönlichkeiten wie Kucklick (2008), sagen aus, dass der Inbegriff der Männlichkeit das Patriarchat sei (vgl. Hohendahl 2002: 275). Die Ausprägung der Männlichkeit wurde durch seine Macht und Gewalt über seine Familienmitglieder und insbesondere Frauen symbolisiert.

Dies impliziert, dass Söhne auf ihre Väter angewiesen waren, denn wenn das Familienoberhaupts etwas als nicht berechtigt ansah, „führt [das] zum Orientierungsverlust des Sohnes bzw. zur Nötigung, sich [...] einem Orientierungsprozeß auszusetzen, an dessen Ende möglicherweise eine neue Ordnungsvorstellung steht“ (Hohendahl 2002: 276). Sie lehnten sich gegen alte Normen auf und suchten nach neuen; nicht alleinig in Bezug auf die Familienordnung, sondern vielmehr auf das Männlichkeitsideal bezogen.

Infolgedessen wurde die Position der väterlichen Figur geschwächt. Rebellionsgefühle breiteten sich auf literarische Normen aus, die Qualität eines Textes zeichnete sich unter anderem durch die Abweichung der Norm aus (vgl. Neuhaus 2017: 119). Dies spiegelt sich unter anderem in der Entstehung des Bürgerlichen Trauerspiels, und innerhalb dessen der Verletzung der Ständeklausel, wider.

Aufgrund des dargestellten Fokus festigte sich das Bild der Frau auf untergeordnete, passive Rollen, „die Rollen der Gattin, Mutter und Hausfrau“ (Hohendahl 2002: 278). Die psychischen Eigenschaften des Mannes wurden ebenfalls generell als stärker und leistungsstärker beschrieben (vgl. Brockhaus 1824: 197). Dies förderte die Entstehung des Geniekultes, der die Fähigkeit beschreibt, etwas Neues zu schaffen, das frei von Normen ist. Die Betonung des Geniekultes und die Ablehnung der Normen und Vaterfigur führt zur Unterstreichung der Individualität, Selbstfindung und zu dem „Prozess des Reflexivwerdens des menschlichen Selbstverständnisses“ (Kucklick 2008: 65).

Das Symbol der Männlichkeit wurde darüber hinaus äußerlich gekennzeichnet:

Daher erscheint der Mann schon im Physischen als der Stärkere, sein Knochenbau ist ansehnlicher und hat mehr Masse, sein Muskelsystem ist fester und kräftiger, die Brust weiter, die Lungen sind größer, das Herz und das Arteriensystem ist größer und robuster, die Umrisse seines Körpers sind schärfer, eckiger, das Ganze desselben ist größer und stärker. (Brockhaus 1824: 197)

Blawid stellt den Hauptunterschied der Assoziationen zu den Geschlechtern anschaulich dar: „Assoziationskette: Mann - Kraft, Frau - Schönheit“ (2011: 48).

Zusammenfassend fand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bei den jungen Männern eine Schwächung der Vaterfigur und der herrschenden Schichten durch Rebellionen gegen diese und gegen herrschende Normen statt. Dies kam unter anderem in der Verletzung der Ständeklausel in der Literatur zum Ausdruck.

3.2. Der Adel im 18. Jahrhundert

Ein bedeutender Aspekt der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beschäftigt sich mit der bürgerlichen Emanzipation. Währen dieser Zeit befand sich das Bürgertum aufgrund seines größer werdenden Einflusses, des zahlenmäßigen Wachstums und ausweitenden Bildung im Aufstieg (vgl. Neuhaus 2017: 119).

Die Ausbildung dieser Schicht bewirkte einen Wandel des sozialen Selbstverständnisses. Sie besaß im überkommenen sozialen Gefüge keinen eindeutig fixierten Platz, insofern sprengte ihre Dynamik langfristig die Statik der ständischen Gesellschaft; für die soziale Konstituierung der Aufklärung gewannen diese Bürgerlichen fundamentale Bedeutung. (Möller 1994: 2)

In der damaligen statischen Gesellschaft, einer Gesellschaft in der BürgerInnen meist nicht in der Lage waren in der sozialen Klasse ohne Heirat aufzusteigen, wurden zunehmender Standesvorrechte kritisiert, wie bspw. dass „die fortdauernde Privilegierung des Adels für die höheren Ämter, sei es in der Verwaltung, sei es im Offiziersdienst, zunehmend als Ärgernis empfunden wurde“ (Möller 1994: 2). Das Fortbestehen der statischen Gesellschaft wurde missbilligt. Möller listet unter anderem Kant und Klein als Verfechter der Chancengleichheit auf; a fortiori sollen die Privilegien des Adels annulliert werden (vgl. 1994: 5).

Mit Zunahme eines „sozialen Selbstbewusstseins“ (Möller 1994: 4) des Bürgervolkes wuchs die Adelskritik. Während der Adel in der Literatur zunächst als „opferwillig, pflichtbewußt und weise“ (Hermann 1995: 37) präsentiert wurde, kristallisierte sich des Weiteren der mustergültige Bürger heraus. Er wurde „selbstdiszipliniert („tugendhaft“) und selbstbestimmt“ (Hermann 1995: 37).

3.3. Der Einfluss des Französischen

Da Französisch zu den meistgelernten Fremdsprachen in Europa zählte (vgl. Müller 2015: 500), ist die Annahme, dass die Sprache einen beträchtlichen Einfluss in Deutschland und insbesondere in der Literatur hatte, nicht abwegig. Dabei beschränkt sich das Lernen der Sprache nicht auf eine Gruppe, sondern war unter Adligen, Studenten, Geistlichen, Handwerkern und Dienstpersonal usw. verbreitet (vgl. Müller 2015: 500). Die Sprache entwickelte sich zu einer „internationale[n] Prestigesprache“ (Müller 2015: 501).

Bereits ab dem 11. Jahrhundert stieg der Einfluss der Sprache aufgrund „der Kulturhegemonie Frankreichs, die sich [...] in der Hervorbringung eines von dem Rittertum getragenen neuen gesellschaftlichen Bildungsideals äußerte“ und „die literarische Führerschaft übernimmt“ (Behrens 1919: 182f.). Insbesondere am Hofe und in weiteren höher gestellten Kreisen galt die

Nutzung reichlicher französischer Begriffe als ansehnlich (vgl. Behrens 1919: 183), wodurch dies in höfisch-aristokratischen Kreisen früh gelehrt wurde. Erweiterte Handelsbeziehungen haben die Ausdehnung französischer Ausdrücke unterstützt, ebenso wie „[p]olitische Verhältnisse, Französierung des diplomatischen Verkehrs durch Karl V., die Einwanderung zahlreicher Glaubensflüchtlinge, ein entwickelter Reiseverkehr u. a.“ (Behrens 1919: 184). BürgerInnen, welche die Sprache nicht beherrschten, versuchten „durch Einfügung französischer Brocken ein französisches Ansehen“ (Behrens 1919: 186) zu erlangen.

4. Das Französische in Friedrich Schillers Kabale und Liebe

Der zentrale Konflikt des Dramas thematisiert Kritik an der Ständeklausel. Um die Priorisierung des Adels in allen Bereichen des Lebens aufzuzeigen, wird der aristokratische Stand bereits in der Dramatis Personae bevorzugt, denn die handelnden Figuren des Dramas sind hierarchisch nach ihrem Stand angeordnet: Zuerst sind der Präsident und sein Sohn aufgelistet, gefolgt von Angehörigen des Hofes (Hofmarshall von Kalb, Lady Milford, Wurm); erst dann werden Figuren aus dem Bürgertum genannt (Familie Miller). Hierbei finden sich in gleicher Weise innerständische Hierarchien: Männliche Figuren sind vor weiblichen Figuren aufgelistet. Dies zeigt die dominante und höherstehende Position des männlichen gegenüber dem weiblichen Geschlecht.

Friedrich Schiller war sich der Wirkung der Medien Dramentext und Theateraufführung bewusst und legte sein Werk auf eine Weise aus, dass es auch beim Lesen gezielte Wirkungen entfalten konnte. Dies lässt sich an den ausschweifenden Regieanweisungen erkennen:

HOFMARSHALL tritt herein, macht dem Rücken der Lady tausend Verbeugungen; da sie ihn nicht gleich bemerkt, kommt er näher, stellt sich hinter ihren Sessel, sucht den Zipfel ihres Kleids wegzukriegen und drückt einen Kuß darauf, mit furchtsamem Lispeln. (IV/9, S. 80)

Im Besonderen lässt sich die Intention das Stück als lesbares Medium zu gestalten in der Inklusion von olfaktorischen Beschreibungen, wie „Bisamgeruch“ (I/6, S. 17), und französischen Phrasen, wie „Chapeaubas und frisiert a la Hérison“ (I/6, S. 17), in den Regieanweisungen erkennen. Da sich der aristokratische Stand im 18. Jahrhundert stark parfümierte, löst die Beschreibung eines aufdringlichen Geruchs Assoziationen mit dem Adel aus. Zudem bewirkt der penetrante Geruch bei den Rezipierenden den Wunsch, sich von den Figuren zu distanzieren. Durch dieses Mittel erschafft Schiller bei den Lesenden monierende Emotionen.

Schiller war es von maßgeblicher Bedeutung, dass sich die intendierte Wirkung nicht nur bei der Aufführung entfaltet, sondern auch beim Lesen. Aufgrund dessen werden französische Begriffe nicht nur in der direkten Sprache genutzt. Sie werden darüber hinaus in Regieanweisungen gebraucht, wenn die Hauptfiguren der Szene aus dem Adel stammen. Da Französisch als Hofsprache galt, bzw. vorwiegend vom Adel verwendet wurde, wird ebendiese Sprache als Medium genutzt, um Charaktere zu formen und Kritik an der aristokratischen Gesellschaftsschicht zu üben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Mehrsprachigkeit als Medium der Charakterformung und Standeskritik dargestellt an der Nutzung des Französischen in Schillers "Kabale und Liebe"
Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
13
Katalognummer
V1242734
ISBN (Buch)
9783346667694
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kabale und Liebe, Literatur als Medium, Schiller, Hofmarshall, olfaktorisch
Arbeit zitieren
Stefanie Gerrits (Autor:in), 2021, Mehrsprachigkeit als Medium der Charakterformung und Standeskritik dargestellt an der Nutzung des Französischen in Schillers "Kabale und Liebe", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1242734

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