Der amerikanische Bürgerkrieg ist, neben der Revolution, das zentrale Ereignis
gewesen, das die nationale Identität der Vereinigten Staaten prägte. Auch wenn
häufig argumentiert wird, dass die Abschaffung der Sklaverei der zentrale Streitpunkt
zwischen den Nord- und Südstaaten gewesen ist, so verbirgt sich hinter diesem
Krieg doch eher ein Konflikt über den Charakter und die Zukunft einer
amerikanischen Nation.
Ironischerweise gilt gerade dieser Krieg, in dem sich zwei Teile einer Nation, beide
ethnisch kaum zu unterscheiden, mit einer gemeinsamen – wenn auch im Vergleich
zu europäischen Nationen kurzen – Geschichte bekämpften, als Geburtsstunde der
heutigen Vereinigten Staaten von Amerika. Auch heute noch finden sich überall in
den USA Denkmäler, die an den amerikanischen „Bruderkrieg“ erinnern sollen. Noch
immer ist Abraham Lincoln ein Symbol für Einigkeit, hohe moralische Standards und
den Glauben an ein vereinigtes Amerika, und noch immer werden die im Bürgerkrieg
Gefallenen als Helden verehrt.
In dieser Arbeit soll untersucht werden, welchen Charakter der amerikanische
Nationalismus durch den Bürgerkrieg angenommen hat, wie dieser all-american
Nationalismus aus diesem Konflikt entstehen konnte. Ebenso soll untersucht werden,
wie aus zwei Teilen einer Nation, die sich über mehrere Jahre erbittert bekämpften,
innerhalb kurzer Zeit ein geeintes Amerika hervortreten konnte.
Zu Beginn soll auf einige Probleme bei der Untersuchung dieses Phänomens
hingewiesen werden. Dann soll anhand einiger Auszüge aus den Reden Abraham
Lincolns dargestellt werden, wie sich der Begriff der nation mehr und mehr etablierte
und die erfolgreiche Genese einer vereinten Nation immer stärker zu einem
Kriegsziel der Union wurde. Anschließend sollen die für die Entstehung bzw. für die
Etablierung eines neuen und starken Nationalismus bedeutenden Phasen und
Elemente der Rekonstruktion untersucht werden. Der Fokus wird hier insbesondere
auf die Transformation des Bürgerkriegs von einem horrenden, eine Nation
spaltenden Ereignis, zu einem vereinenden Mythos gelegt werden. Damit verbunden
soll untersucht werden, wie dieser „neue“ Nationalismus etabliert werden konnte.
Exemplarisch sollen dabei einige Mythen, wie zum Beispiel der Mythos der
Revolution, untersucht werden. Abschließend soll noch eine kritische Bewertung des amerikanischen Nationalismus,
der Nachkriegszeit erfolgen.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Probleme bei der Untersuchung des Civil War
3. Lincolns Rhetorik
3.1 First Inauguration Address
3.2 Gettysburg Address
3.3 Second Inauguration Address
4. Reconstruction – Eine Phase der Annäherung
4.1 Nachkriegsliteratur und Nationalismus
4.2 Krieg als nationalistisches Instrument
5. Etablierung des neuen Nationalismus
5.1 Anekdoten und eschichten
5.2 Mythos Lost Cause
5.3 Mythos Revolution
5.4 Emancipation Proclamation
6. Bewertung des Nationalismus
7. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht den Charakter des amerikanischen Nationalismus, der durch den Bürgerkrieg geprägt wurde, und analysiert, wie aus dem kriegerischen Konflikt innerhalb kurzer Zeit eine geeinte nationale Identität hervorgehen konnte.
- Analyse der rhetorischen Entwicklung Abraham Lincolns im Kontext nationaler Begriffsdefinitionen.
- Untersuchung der Rekonstruktionsphase als Prozess der kulturellen und politischen Annäherung.
- Transformation des Bürgerkriegs von einem spaltenden Ereignis zu einem vereinenden nationalen Mythos.
- Rolle von Literatur, Bildungssystem und Gedenkkultur bei der Etablierung des neuen Nationalismus.
- Kritische Bewertung der Grenzen des inklusiven Nationalismus hinsichtlich Minderheiten.
Auszug aus dem Buch
3.1 First Inauguration Address
In seiner ersten Inaugurationsrede verwendete Lincoln den Begriff union über zwanzig Mal.. Eine Abtrennung von dieser Union konnte für ihn nur Anarchie zum Ziel haben. Er spricht von der „[...] destruction of our national fabric, with all its benefits, its memories and its hopes [...]”5 In dieser emotionalen Ansprache war die Wiederherstellung der Union – also die Rückkehr zum Status quo – das zentrale Ziel, das es zu verfolgen galt.
Vor Ausbruch des Bürgerkriegs, so schreibt W.R. Brock, vermieden viele Amerikaner die Verwendung des Begriffs nation. Den Grund hierfür sieht er darin, dass die Amerikaner es nicht über sich brachten, den gleichen Begriff zur Beschreibung einer Federal Republic zu gebrauchen, der zu der Zeit semantisch auch eine centralised European monarchy“ beschrieb.6 Der Begriff union schien dagegen die gleiche emotionale Stärke inne zu haben, war jedoch nicht so negativ konnotiert wie nation. Erst im Verlauf des Bürgerkrieges bürgerte sich der Begriff nation mehr und mehr ein, auch wenn die Definition der American Nation äußerst schwammig blieb.
Susan Mary Grant weist darauf hin, dass Lincoln, genau wie die Präsidenten vor ihm, bis hin zu George Washington, wenn er von der union sprach, den Fokus auf die Notwendigkeit der union legte, nicht auf deren Existenz. Lincoln war sich genau wie Washington der Tatsache bewusst, dass ethnische Zugehörigkeit in einer nation of immigrants keine Basis für einen starken Nationalismus sein konnten. Er war jedoch der Überzeugung, dass die freiwillige Annahme und Akzeptanz der Prinzipien, die in der Unabhängigkeitserklärung festgehalten wurden, dieses Defizit relativieren könnten.7 Neben der Unabhängigkeitserklärung war für ihn die Verfassung das vereinende Element, das alle Bevölkerungsgruppen – einschließlich der Minderheiten – miteinander verband.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Forschungsfrage, welche Rolle der Bürgerkrieg für die Identitätsbildung der USA spielte und wie die Transformation zu einem vereinigten Amerika verlief.
2. Probleme bei der Untersuchung des Civil War: Erörterung methodischer Herausforderungen in der Forschung, insbesondere zur Vorkriegsnationalismus-Debatte und zur Schwierigkeit, nord- und südstaatliche Strömungen zu trennen.
3. Lincolns Rhetorik: Analyse der begrifflichen Verschiebung von "Union" hin zu "Nation" in den Reden Lincolns als zentraler Indikator für das sich wandelnde nationale Selbstverständnis.
4. Reconstruction – Eine Phase der Annäherung: Untersuchung der Nachkriegsjahre, in denen durch Literatur und gemeinsame militärische Auseinandersetzungen der Grundstein für eine kulturelle Wiedervereinigung gelegt wurde.
5. Etablierung des neuen Nationalismus: Darstellung der Mythenbildung, darunter der "Lost Cause" und die "Revolution", die dazu dienten, den Krieg ideologisch in einen nationalen Konsens zu überführen.
6. Bewertung des Nationalismus: Kritische Reflexion über die Diskrepanz zwischen der proklamierten Ideologie der Einheit und dem faktischen Ausschluss von Minderheiten.
7. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Auswirkungen des Krieges auf Industrialisierung, Territoriumsbegriff und die psychologische Festigung der US-Nation.
Schlüsselwörter
Amerikanischer Bürgerkrieg, Nationalismus, Abraham Lincoln, Reconstruction, Union, Nation, Mythenbildung, Lost Cause, Identitätsbildung, Sezessionskrieg, Emancipation Proclamation, Geschichtsschreibung, Vereinigte Staaten, Souveränität, Patriotismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die tiefgreifenden Auswirkungen des Amerikanischen Bürgerkriegs auf die Entstehung und Etablierung des amerikanischen Nationalismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die rhetorische Entwicklung nationaler Begriffe, die Rolle von Mythen in der Nachkriegszeit, die Bedeutung des Bildungswesens und die ideologische Integration ehemaliger Feinde.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu analysieren, wie aus einem Land, das durch einen blutigen Bruderkrieg zerrissen war, innerhalb weniger Jahrzehnte eine geeinte Nation mit einem starken nationalen Bewusstsein werden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine textanalytische Herangehensweise an historische Reden (Lincoln) sowie eine komparative Analyse von Literatur und geschichtswissenschaftlichen Diskursen zur Rekonstruktionsphase.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit Lincolns Reden, der Phase der Rekonstruktion, der Analyse von Nachkriegsliteratur sowie der gezielten Etablierung nationaler Mythen zur Versöhnung von Nord und Süd.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "reconciliation", "national identity", "mythos", "rebirth" der Nation und die Transformation von "Union" zu "Nation".
Warum war laut der Arbeit der Mythos des "Lost Cause" für den Norden so wichtig?
Der Mythos des "Lost Cause" ermöglichte es dem Norden, dem Süden entgegenzukommen, indem man die Soldaten beider Seiten als gleichermaßen heldenhaft darstellte, was den Prozess der Versöhnung deutlich beschleunigte.
Inwieweit spielt die Emancipation Proclamation eine Rolle für den Nationalismus?
Das Dokument verlieh dem Krieg eine moralische Legitimität und wandelte ihn von einem rein politischen Kampf zum Erhalt der Union in einen "heiligen Kreuzzug" für die Freiheit um.
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- Lars-Benja Braasch (Author), 2009, Die Auswirkungen des Bürgerkriegs auf den amerikanischen Nationalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124339