Die Fernsehserie Třicet případů majora Zeman, in den 1970er Jahren vom Tschechoslowakischen Staatsfernsehen geplant und realisiert, präsentiert in 30 Folgen die Geschichte der Sicherheitsorgane und der Nachkriegstschechoslowakei der Jahre 1945 bis 1973. Begeleitet wurde sie von zahlreichen Buchpublikationen, von denen die wichtigsten von Jiří Procházka verfasst wurden.
Im Jahre 1989, also im letzten Jahr seines Bestehens, veröffentlichte der Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik einen Band mit Erzählungen Procházkas unter dem Titel Die Fälle des Majors Zeman. Die gleichnamige Fernsehserie war bereits einige Jahre zuvor im Fernsehen der DDR ausgestrahlt worden. Es dürfte damals bereits einigen Lesern befremdlich vorgekommen sein, in einer Zeit, in der lange tabuisierte Themen erstmals diskutiert und literarisch verarbeitet werden konnten, einen Band mit durchweg ideologisch- politischen Erzählungen Händen zu halten. Umso befremdlicher sind sie dem heutigen Leser. Die Existenz dieser Übersetzung aber gab den Anstoß zur weiteren Beschäftigung mit der Major-Zeman-Welt, das heißt vor allem mit jenem Teil, der dem deutschen Publikum bis auf wenige Ausnahmen unbekannt blieb. So den nicht übersetzten Werken Procházkas, der Entstehungsgeschichte der Serie oder den Diskussionen um ihre Wiederausstrahlung Ende der 1990er Jahre.
Die vorliegende Arbeit zeigt die ersten, zusammenfassenden Ergebnisse dieser Beschäftigung und soll den Beginn der weiteren Auseinandersetzung mit der Literatur und Populärkultur der Zeit der Normalisierung in der Tschechoslowakei markieren. Der Begriff Normalisierung steht in diesem Zusammenhang zunächst für den ganzen Zeitabschnitt nach der Intervention der Armeen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei bis zur Wende des Jahres 1989. Thematisch ist vor allem der Bezug auf die krisenhaften Jahre, so der Prager Frühling im Sprachjargon der Normalisierung, nach deren Beendigung von Interesse. Es galt, die Nachkriegsjahre im Sinne des neuen alten Regimes zu interpretieren. Zu diesem Bestreben trugen die Fernsehserie wie auch die Erzählungen Procházkas entscheidend, weil massenwirksam, bei. Um einen Überblick über alle Produkte der Major-Zeman-Welt zu ermöglichen, werden im ersten Abschnitt die Serie und ihre Prosa vorgestellt und in die Zeit eingeordnet. Einige Eckpunkte der Diskussion um die Serie werden ebenfalls vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Major Zeman: Fernsehserie, literarische Figur, Kontroversen
1.1. Literaturbericht und Forschungsstand
1.2. Die Fernsehserie Třicet přídadů majora Zemana
1.2.1. Fernsehen und Fernsehserien der Normalisierungszeit
1.2.2. Entstehung und Inhalt der Serie
1.2.3. Kontroversen um die Serie
1.3. Major Zeman als literarische Figur
1.3.1. Offizielle Prosa der Normalisierungszeit
1.3.2. Major-Zeman-Prosa
2. Jiří Procházka: Hon na lišku
2.1. Inhalt und Aufbau der Erzählung
2.2. Ebenen und Methoden ideologischen Erzählens in Hon na lišku
2.2.1. Positive Figuren
2.2.2. Exkurs: Frauenbild
2.2.3. Negative Figuren
2.2.4. Geschichtsbild
2.2.5. Sprache und Spannung
2.3. Genreprobleme
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die mediale und literarische Konstruktion von Ideologie in der tschechoslowakischen Populärkultur der "Normalisierungszeit". Ziel ist es, anhand der Fernsehserie „Třicet případů majora Zemana“ und insbesondere der Erzählung „Hon na lišku“ von Jiří Procházka aufzuzeigen, wie mittels genretypischer Muster (Krimi/Spionage) politische Deutungsmuster der Nachkriegsgeschichte transportiert und etabliert wurden.
- Analyse der tschechoslowakischen Fernsehserienproduktion unter ideologischen Vorzeichen.
- Untersuchung der literarischen Umsetzung ideologischer Botschaften in der Prosa von Jiří Procházka.
- Dekonstruktion der Figurenzeichnung (Heldentypen vs. negative Gegenspieler) in „Hon na lišku“.
- Herausarbeitung der Verzahnung von historischer Geschichtsschreibung und fiktiver Narration.
- Auseinandersetzung mit den Kontroversen um die politische Wirkung und Wiederausstrahlung der Serie.
Auszug aus dem Buch
2.2.4. Geschichtsbild
Das in der Erzählung transportierte Geschichtsbild erhebt durch verschiedene Textmerkmale Anspruch auf Gültigkeit auch über die fiktive Welt der Erzählung hinaus. Wichtigstes Merkmal sind intertextuelle Bezüge zur außertextlichen (historischen) Realität. Dazu gehören neben dem Verwaltungsaufbau des Handlungsortes, authentische Orts- und vor allem Personennamen und das Originalzitat der Rede Klement Gottwalds auf dem Altstädter Ring. Außerdem dürften Genre, Entstehungszeit und die stets zum Titel jeder Erzählung gehörende Jahreszahl, in diesem Fall also 1948, die Lesererwartung auf die Behandlung der geschichtlichen Situation lenken. Überraschend ist die Art der Geschichtsvermittlung, die die entscheidenden Vorraussetzungen und Ereignisse der kommunistischen Machtübernahme im Februar 1948 als bekannt voraussetzt oder nur am Rande erwähnt und die Handlung in einen kleinen, namenlosen Grenzort verlegt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Major Zeman: Fernsehserie, literarische Figur, Kontroversen: Dieses Kapitel bietet einen Forschungsüberblick zur Serie, beleuchtet die Entstehungsbedingungen im tschechoslowakischen Fernsehen der Normalisierungszeit und diskutiert die gesellschaftlichen Kontroversen, die ihre Wiederausstrahlung begleiteten.
2. Jiří Procházka: Hon na lišku: Im Hauptteil wird die Erzählung detailliert analysiert, wobei insbesondere die Konstruktion positiver und negativer Figuren, das vermittelte Geschichtsbild sowie die Verbindung von Krimi-Strukturen mit politischer Propaganda untersucht werden.
Schlüsselwörter
Major Zeman, Jiří Procházka, Normalisierung, Tschechoslowakei, ideologisches Erzählen, Kriminalliteratur, Propaganda, Geschichtsbild, Kalter Krieg, Sozialistischer Realismus, Hon na lišku, Fernsehserie, Literaturanalyse, politische Kultur, Ideologiekritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der propagandistischen Wirkung und Struktur der tschechoslowakischen Fernsehserie „Třicet případů majora Zemana“ und der damit eng verbundenen Prosa von Jiří Procházka.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Verschränkung von Unterhaltung und Ideologie, die Instrumentalisierung von Kriminalgeschichten für politische Zwecke sowie die Darstellung der tschechoslowakischen Geschichte nach 1945.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die narrative Konstruktion und die ideologischen Strategien aufzudecken, mit denen Procházka historische Ereignisse (insbesondere den Februar 1948) in seinen Werken legitimierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt Ansätze der Literaturwissenschaft und Kulturgeschichte, insbesondere die Analyse von Erzählstrukturen, Figurenkonstellationen und den kompositionellen Standpunkt nach Uspenskij.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung der Erzählung „Hon na lišku“, ihrer Figuren-Typologie, der Einbettung in das Genre des Kriminalromans sowie der Verknüpfung mit offiziellen historischen Narrativen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Major Zeman, ideologisches Erzählen, Normalisierungszeit, Propaganda, Geschichtsbild und die Analyse von Kriminalliteratur als Massenmedium.
Warum spielt die Erzählung „Hon na lišku“ eine so zentrale Rolle?
Sie dient als prototypisches Fallbeispiel, da sie die historischen Ereignisse des Jahres 1948 behandelt und alle wesentlichen Mechanismen der „Major-Zeman-Welt“ in komprimierter Form aufweist.
Welche Bedeutung kommt der Figur Jan Zeman zu?
Zeman fungiert als idealtypischer Held, dessen Biografie und Handeln den offiziellen Moralvorstellungen der KP-Führung entsprechen und als Identifikationsfigur für den Aufbau der Nachkriegsordnung dienen.
- Quote paper
- Steffen Retzlaff (Author), 2008, Major Zeman als Fernsehserie und in Erzählungen J. Procházkas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124346