Die Arbeit überprüft, inwiefern die Situation nordkoreanischer Auslandsarbeiter als Zwangsarbeit bezeichnet werden kann. Als Basis dient der Zwangsarbeitsbegriff der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Die Untersuchung stütz sich auf vornehmlich englisch- und russischsprachige Studien und Berichterstattungen. Aufgrund der langen Tradition und des Status als Hauptaufnahmeland wird sich hier auf Arbeitsmigranten in Russland konzentriert. Zunächst wird eine Einführung über die Definition von Zwangsarbeit laut ILO gegeben. Danach bleibt die Untersuchung der Situation, Rekrutierung und Motivation nordkoreanischer Arbeitsmigranten in Russland, bevor eine Diskussion über die Anwendbarkeit des Zwangsarbeitsbegriffes geführt werden kann. Abschließend soll ein Fazit gezogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Begriff der Zwangsarbeit
3 Nordkoreanischer Arbeitsmigranten in Russland
3.1 Situation
3.2 Rekrutierung
3.3 Motivation
4 Anwendbarkeit des Zwangsarbeitsbegriffs
5 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die Beschäftigungssituation nordkoreanischer Arbeitsmigranten in Russland als Zwangsarbeit im Sinne der Kriterien der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) klassifiziert werden kann. Dabei wird analysiert, ob die strukturellen Arbeitsbedingungen, die Rekrutierungsprozesse und die individuelle Motivationslage der Migranten die Merkmale moderner Sklaverei erfüllen oder ob es sich um ein ökonomisch motiviertes, freiwilliges Arbeitsverhältnis innerhalb restriktiver politischer Strukturen handelt.
- Historische Entwicklung der nordkoreanisch-russischen Arbeitsmigration.
- Analyse der Arbeits-, Lebens- und Rekrutierungsbedingungen nordkoreanischer Staatsbürger in Russland.
- Definition von Zwangsarbeit gemäß dem Übereinkommen Nr. 29 der ILO.
- Diskussion über das Spannungsfeld zwischen staatlicher Kontrolle, wirtschaftlichem Druck und persönlicher Handlungsfähigkeit.
- Evaluation des Einflusses internationaler Sanktionen (UNSC Resolution 2375) auf die Arbeitsmigration.
Auszug aus dem Buch
3. Nordkoreanische Arbeitsmigranten in Russland
Arbeitsmigranten, die bis Ende der 1990er Jahre nach Russland gingen, wurden gemeinsam in abgetrennten Wohngemeinschaftslagern untergebracht und standen unter ständiger Beobachtung von mitgereisten Mitgliedern des nordkoreanischen Geheimdienstes. Sie arbeiteten an speziell für Nordkoreaner vorgesehenen Projekten und durften sich nicht frei bewegen. Kontakte zur einheimischen Bevölkerung waren streng verboten (vgl. Troyakova 2017: 83; Lankov 2020: 210). Mit der nordkoreanischen Hungersnot ab 1995 legte das nordkoreanische Konsulat den Auslandsarbeitern eine „freiwillig-erzwungene“ (Zabrovskaya 2014: 69, übersetzt von A. K.) Abgabe für ihre hungernden Landsleute in Höhe von 200-300 US-Dollar monatlich auf (vgl. Dutschenko 2003: 140; Zabrovskaya 2014: 68f.). Mit einem geringen Wirtschaftswachstum Ende der 1990 Jahre (vgl. Seliger 2005: 142) wurde diese Abgabe abgeschafft, stattdessen wurde ein, wie Lankov es nennt, „Tribut“ (Lankov 2020: 210, übersetz von A. K.) an den nordkoreanischen Staat in Höhe von 50-60% des geschätzten Gesamtgehaltes der Auslandsarbeiter eingeführt. Im Gegenzug wurde das strenge Bewachungsregime erheblich gelockert. Den Arbeitern war es von nun an erlaubt, sich frei zu bewegen (vgl. ebd.). Fanden sie zuvor fast ausnahmslos Anstellung im fernen Osten Russlands, konnten sie jetzt neue Arbeitsorte wie z. B. Moskau oder Sankt Petersburg erschließen (vgl. Troyakova 2017: 86).
Nichtsdestotrotz sind die Arbeits- und Aufenthaltsbedingungen rau. Die Einreise nordkoreanischer Arbeiter ist an eine Visumspflicht und strikte Kontrollen durch russische Behörden gebunden. Nach erfolgter Einreise wird der Pass entzogen und erst am Abreisetag am Grenzposten wieder ausgehändigt. Die russischen Aufnahmefirmen haften für die zeitige Rückkehr der von ihnen beschäftigten Migranten (vgl. Zabrovskaya 2014: 66; Gyupchanova 2018: 189f.). Außerdem wird den Arbeitern ihr Lohn vorenthalten. Sie bekommen lediglich eine Art Taschengeld zur täglichen Versorgung. Das Gros ihres verdienten Geldes wird von den russischen Aufnahmefirmen direkt an das nordkoreanische Konsulat überwiesen. Die Auszahlung, abzüglich der einbehaltenen Gebühren, erfolgt bei Rückkehr der Arbeiter in die DVRK (vgl. Zabrovskaya 2014: 65f.; Troyakova 2017: 85ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die langjährige Geschichte der nordkoreanisch-russischen Arbeitsmigration und führt in die wissenschaftliche Debatte ein, ob diese Migranten als Opfer moderner Zwangsarbeit zu werten sind.
2 Der Begriff der Zwangsarbeit: In diesem Kapitel werden die offiziellen ILO-Kriterien für Zwangs- oder Pflichtarbeit definiert und von schlechten Arbeitsbedingungen abgegrenzt.
3 Nordkoreanischer Arbeitsmigranten in Russland: Dieser Abschnitt beschreibt detailliert die verschiedenen Phasen der Migration, die Rekrutierungspraktiken durch Parteiorgane sowie die spezifische Motivationslage der Arbeiter.
3.1 Situation: Untersuchung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, einschließlich der strengen Kontrolle, der Lohnabgaben und der Auswirkungen politischer Sanktionen.
3.2 Rekrutierung: Darstellung des hochkompetitiven Auswahlverfahrens, das von Loyalitätsprüfungen und Korruption geprägt ist.
3.3 Motivation: Analyse der ökonomischen Beweggründe, die zur Aufnahme der Arbeit trotz widriger Umstände führen.
4 Anwendbarkeit des Zwangsarbeitsbegriffs: Die kritische Diskussion kommt zu dem Ergebnis, dass die ILO-Kriterien aufgrund der Freiwilligkeit und der ökonomischen Entscheidungsgewalt der Arbeiter nur bedingt greifen.
5 Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass das Phänomen ambivalent ist und die Einstufung als Zwangsarbeit die individuelle Handlungsfähigkeit der Migranten unterschätzt.
Schlüsselwörter
Nordkorea, Russland, Arbeitsmigration, Zwangsarbeit, ILO, Auslandsdienst, Migration, Wirtschaftsbeziehungen, Sanktionen, Arbeitsbedingungen, Entlohnung, Arbeitnehmerschutz, Rekrutierung, DVRK, politische Kontrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation nordkoreanischer Arbeitsmigranten in Russland und der Frage, ob deren Beschäftigung rechtlich und faktisch als Zwangsarbeit einzustufen ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Arbeitsbedingungen, dem staatlichen Rekrutierungssystem Nordkoreas sowie der ökonomischen Motivation der Arbeiter.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist die Prüfung der Anwendbarkeit des Zwangsarbeitsbegriffs der ILO auf die nordkoreanischen Arbeiter in Russland unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Lebensumstände.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine deskriptive und analytische Aufarbeitung basierend auf vornehmlich englisch- und russischsprachiger Fachliteratur, Berichten internationaler Organisationen sowie aktuellen politischen Rahmenbedingungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Phasen der Migration, die streng regulierten Rekrutierungs- und Lebensbedingungen in Russland sowie die Beweggründe, die Arbeit im Ausland als erstrebenswert erscheinen zu lassen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind unter anderem Nordkorea, Russland, Zwangsarbeit, Migration, Arbeitsbedingungen, Sanktionen und ökonomische Motivation.
Rollen Arbeitsmigranten eine wichtige Rolle für das nordkoreanische Regime?
Ja, die Arbeit im Ausland dient als wichtige Devisenquelle für den nordkoreanischen Staat, da die Arbeiter einen Großteil ihres Gehalts abgeben müssen, weshalb die Entsendung als Privileg für loyale Bürger fungiert.
Wie bewertet der Autor die Auswirkungen der UN-Sanktionen?
Der Autor sieht die Sanktionen für die Arbeiter als kontraproduktiv an, da sie sie hart treffen, während das nordkoreanische Regime durch Schlupflöcher versucht, die lukrativen Arbeitsbeziehungen aufrechtzuerhalten.
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- Anton Kleister (Author), 2021, Sind nordkoreanische Arbeitsmigranten in Russland Zwangsarbeiter?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1243553