Eines der ergreifendsten Momente während eines Ausflugs ins Weltall muss wohl der Anblick unserer Erde sein. „Die meisten Astronauten haben versucht, diese Bilder mit Kameras festzuhalten und so eine beeindruckende Bildersammlung geschaffen. Allein die ersten drei ISS-Besatzungen machten über 13.000 Bilder von der Erde – zum Teil von erstaunlicher Qualität“. Das Bild der Erde aus dem Weltall heraus, hat sich in der gegenwärtigen Bilderwelt einen Spitzenplatz erobert. „Es ziert die Umschlagdeckel gewichtiger Umweltreporte ebenso wie T-Shirts aller Größen, verleiht Fernsehnachrichten die globale Weihe und springt aus Werbespots heraus an“. Kurz gesagt: Es ist zu einer Ikone unseres Zeitalters geworden.
„Die erste und flachste Aufnahme von Bildlichem ist der Eindruck. Er läßt alle Bearbeitung des Gegebenen durch Beobachtung und Urteil noch dahinstehen“; das Geschehen drum herum bleibt zunächst unbewusst, das Bild selbst beherbergt zunächst die Aufmerksamkeit - entbehrt in seiner Gegenwart zunächst das Relief und den Hintergrund. Eben dieses Schauspiel zwischen dem Offensichtlichen und dem Verborgenen auf den extraterrestrischen Bildnissen unseres Heimatplaneten soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Prolog
II. Unsere Erde – die sieht man doch!
1. Evidenz – Was ist das?
2. Die Evidenz des blauen Planeten
III. Das Unsichtbare des Sichtbaren
1. Latenz – Was ist das?
2. Das Latente hinter dem blauen Planeten
IV. Abschließende Gedanken
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen dem Offensichtlichen und dem Verborgenen in extraterrestrischen Bildnissen unseres Heimatplaneten. Dabei wird analysiert, wie durch die Konzepte von Evidenz und Latenz die Wahrnehmung der Erde durch Satellitenfotos und digitale Bilder geprägt und manipuliert wird.
- Wissenschaftliche Untersuchung der Evidenz in der Fotografie
- Analyse des Latenzbegriffs im Kontext der Erdbeobachtung
- Die Rolle von digitaler Bildbearbeitung und Sensortechnik
- Soziokulturelle Auswirkungen des ikonischen Bildes der Erde
- Vergleich von dokumentarischen und synthetischen Bilddarstellungen
Auszug aus dem Buch
2. Das Latente hinter dem blauen Planeten
Auf den ersten Blick scheinen schriftliche oder mündliche Erläuterungen zu den evidenten Fotos und Bildern der Erde völlig überflüssig zu sein; das Foto des blauen Planeten spricht für sich. Doch wie in vielen Bereichen des Lebens, verbirgt sich auch hinter der augenscheinlichen Fotografie des Planeten etwas Latentes. So evident dem Betrachter der blaue Planet auf den Fotos und Bildern erscheint, so entfernt ist jenes dargestellte Objekt vom Abbild der Wirklichkeit, denn wie bei jedem anderen Foto auch, schafft sich die Wirklichkeit in jedem Foto neu. Die Aufmerksamkeit des Blicks wird in jedem Foto durch die spezifische Selektion des Fotografen, die Wahl des Objekts und des Ausschnitts sowie die Wahl des Winkels und des Zeitmoments neu bestimmt. Das wesentliche Latente, das jeder Fotografie innewohnt, ist der Fotograf und seine Absicht. Auf ganz bestimmte Art und Weise spiegelt sich das Verhältnis des Fotografen und der Wirklichkeit in seinem Foto wieder. Dieser Beziehungsaspekt ist ähnlich der mündlichen Mitteilung; Beziehungs- und Inhaltsaspekte lassen sich demnach auch in Fotos und Bildern nicht voneinander trennen.22 Jene Beziehung wird (unbewusst) dem Betrachter des Bildes suggeriert, der (pauschal gesagt) die dargestellte Wirklichkeit annehmen wird. „All das trifft auch zu, und sogar noch mehr, wenn es sich um Bilder handelt, welche als Ergebnisse eines großtechnischen Systems mit außerterrestrischer Reichweite entstanden sind“.23 Mit Nohr kann dieser Gedanke noch ein Stück weiter geführt werden, denn die Aufmerksamkeit und die ‚Blickordnung’ werden durch den Zusammenhang von Subjekt, Objekt, Wissen und bildlicher Hervorbringung beschrieben.24 Also nicht nur der Fotograf, seine Absicht und das dargestellte Objekt allein bestimmen die Aufmerksamkeit des Rezipienten; sondern auch die Art und Weise, wie das Objekt dargestellt wird und was der Betrachter über jenes Objekt weiß oder nicht weiß.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Prolog: Einführung in die Faszination des Weltraumblicks auf die Erde und die Etablierung des Erdbildes als Ikone unseres Zeitalters.
II. Unsere Erde – die sieht man doch!: Theoretische Fundierung des Evidenzbegriffs und Analyse, wie extraterrestrische Fotos die Erde als sichtbares, aber durch selektive Wahrnehmung geprägtes Objekt inszenieren.
III. Das Unsichtbare des Sichtbaren: Untersuchung des Latenzbegriffs und der verborgenen Ebenen hinter den idealisierten Erdbildern, wie z.B. technische Bildkonstruktion oder unsichtbarer Weltraumschrott.
IV. Abschließende Gedanken: Resümee über die Veränderung des Wahrheitsstatus durch digitale Bilder und die fortbestehende Sehnsucht des Menschen, den Heimatplaneten mit eigenen Augen zu betrachten.
Schlüsselwörter
Evidenz, Latenz, Weltraumbild, Satellitenfotografie, Erdbeobachtung, Wahrnehmung, Digitalisierung, Konstruktion, Wirklichkeit, Space Debris, Fernwahrnehmung, Visuelle Kultur, Authentizität, Bildkanon, Remote Sensing
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der medientheoretischen Analyse von Fotos und Bildern der Erde, die aus dem Weltraum aufgenommen oder künstlich erstellt wurden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das Spannungsverhältnis zwischen dem Sichtbaren (Evidenz) und dem Verborgenem (Latenz) in der modernen visuellen Kultur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Bilder der Erde unser Wissen und unsere Wirklichkeit konstruieren, organisieren und beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine medien- und kulturtheoretische Analyse angewandt, die erkenntnistheoretische Modelle mit bildwissenschaftlichen Diskursen verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Evidenz am Beispiel des blauen Planeten und die Analyse latenter Faktoren, wie etwa technischer Bildmanipulationen oder ausgeblendeter Phänomene wie Weltraumschrott.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Evidenz, Latenz, Satellitenfotografie, mediale Wirklichkeit und Bildkonstruktion charakterisiert.
Warum ist das Foto der Erde als „Ikone“ zu bezeichnen?
Weil es eine enorme Präsenz in der globalen Bilderwelt hat und als Symbol für Umweltbewusstsein, aber auch für die distanzierte Objektivierung des Planeten fungiert.
Inwiefern beeinflusst die digitale Bearbeitung unsere Wahrnehmung?
Digitale Bearbeitung lässt Grenzen zwischen realer Abbildung und fiktionaler Konstruktion verschwimmen, was es für den Rezipienten zunehmend schwer macht, den Wahrheitsgehalt eines Bildes zu verifizieren.
Welche Rolle spielt der Weltraumschrott in der Untersuchung?
Der Weltraumschrott dient als exemplarisches Beispiel für „Latenz“: Er ist real vorhanden und eine „Krankheit“ des Planeten, bleibt aber auf den ästhetisierten, charismatischen Fotos der Erde unsichtbar.
Warum betont die Autorin die Rolle des Augenzeugen?
Sie unterstreicht damit die exklusive Erfahrung der Astronauten, die die Erde als einzige leibhaftig aus der Distanz sehen, während der Rest der Welt auf medialisierte Bilder angewiesen bleibt.
- Arbeit zitieren
- Manon A. Priewisch (Autor:in), 2008, Sichtbare/Unsichtbare Erde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124364