Zeitgeist und Drogen. Warum der Cannabiskonsum unter Jugendlichen seit Jahren ansteigt und was das mit der postkapitalistischen Moderne zu tun hat


Masterarbeit, 2022

161 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Theorien und Begriffe
2.1 Zugrundeliegende Theorien
2.2 Jugend - „Drogen“ - Konsum

3 Hintergrund: Cannabis, dessen Umstande und Funktionen
3.1 Cannabis-Grundlagen
3.2 Set und Setting
3.3 Funktionen

4 Postmoderner Kapitalismus und Anomie als Ausgangspunkt auf der Makroebene
4.1 Merkmale der Postmoderne
4.2 Okonomischer und sozialer Abstieg
4.3 Auswirkungen auf das gesellschaftliche Erleben

5 Mikroebene der Jugend: Moglichkeiten und Restriktionen
5.1 Set - Folgen der Anomie
5.2 Setting und Drug - Folgen der Globalisierung

6 Mikroebene der Jugend: Rationale Auswahl und Nutzenmaximierung
6.1 Set und Drug - verstarkte Funktionen
6.2 Setting und Drug - jugendlicher Umgang

7 Gesellschaftliche Folgen durch Aggregation

8 Fazit

Vorwort: Offentliche Soziologie und Problemstellungen des Themas

Folgende Worte nach dem Soziologen Heinz Bude (2008), die er selbst in emem seiner Bucher als Vorwort verwendete, fand ich ungemein passend als Vorbereitung auf diese thematisch doch auBergewohnliche, literaturbasierte Masterarbeit. Er nennt seine praktizierte Forschung „of- fentliche Soziologie“. Diesen Begriff mochte ich gerne ubernehmen. Ich hoffe, damit dem Le­ser einen kleinen ersten Eindruck meiner Intentionen zu verschaffen und ihn so auf das Thema neugierig machen zu konnen:

„Es geht darum, aus personlichen Problemen offentliche Fragen zu machen. Die offentliche Soziologie unterscheidet sich damit einerseits von einem bestimmten Genre sozialwissenschaft- lich informierter Sachbucher, die sich auf den mitfuhlenden Rapport personlicher Problemlagen beschranken, weil ihnen der Begriff fur die darin liegenden offentlichen Fragen fehlt. Sie will sich andererseits aber auch nicht mit der prinzipiellen Erorterung offentlicher Fragen uber den Zustand unseres Zusammenlebens zufriedengeben, die keinen Sinn dafur haben, dass die Dinge, die alle angehen, immer einen Sitz im Leben haben. Die offentliche Soziologie lasst die schlechte Alternative von Begriffsblindheit und Erfahrungsleere im Blick auf unsere Gesell­schaft hinter sich. Sie nimmt das Einzelne auf, um das Allgemeine zu treffen. Dabei halt die offentliche Soziologie Distanz zu den sozialwissenschaftlichen Forschungen im Dienste eines politischen Auftrags. Es sind namlich heute weniger die kommerziellen, sondern mehr die in- stitutionellen Auftraggeber, die die Unvoreingenommenheit des soziologischen Blicks truben. Die offentliche Soziologie sucht nicht nach Vorschlagen, wie man es besser machen kann, son- dem stellt nuchtern dar, was Sache ist. Sie will die Offentlichkeit in erster Linie uber die ge- sellschaftlichen Verhaltnisse aufklaren, in denen wir leben, und nicht Rechtfertigungen fur po- litische Akteure liefern, die sich in bester Absicht eine bestimmte Veranderung der gesellschaft- lichen Verhaltnisse auf die Fahnen geschrieben haben. Denn die Soziologie beweist ihre Starke immer noch an der Unbekanntheit des sozialen Objekts. Sie erregt Aufmerksamkeit, wenn sie zeigen kann, dass die Dinge anders laufen, als man erwarten wurde, und wie es geht, dass es so kommt, wie niemand es will. Nur dann begreift man wirklich, dass das Ganze auch anders sein kann“ (Bude, 2008, pp. 7-8)

In der offentlichen Soziologie geht es also nicht um reine Theorie, sondern um reale, nicht selten gesellschaftspolitische Problemstellungen. Ich verknupfe hier gangige soziologische Theorien mit dem haufig emotional aufgeladenen, wissenschaftlich selten behandelten Alltags- thema Cannabis und einer rahmenden Gesellschaftsanalyse. Dies ist eine besondere Form der offentlichen Soziologie. Warum diese Form der Soziologie vor allem unter dem Gesichtspunkt des vorliegenden Themas die am besten geeignete Vorgehensweise ist, lasst sich anhand eines aktuell viel zitierten soziologischen Werkes nachvollziehen: „Die spatmoderne Gesellschaft der Singularitaten ist eine Herausforderung - soziologisch und politisch. Indem sie die gesellschaft- liche Relation zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen radikal neujustiert, erschuttert sie Grundstrukturen und Gewissheiten dessen, was bisher die Moderne ausgemacht hat. Dies muss die Soziologie provozieren, die als eine wissenschaftliche Disziplin der industriellen Mo- derne entstand und lange in diesem Rahmen ihre Grundbegriffe gefunden hat.“ (Reckwitz, 2018, p. 429) Im Rahmen dieser Art der Erarbeitung sind daher, vor der Erlauterung der Hin- tergrunde dieses Zitats im Rahmen der Arbeit, ein paar wichtige Punkte vorab anzumerken.

Der erste Punkt bezieht sich auf die von mir verwendeten Quellen. Bei einer zeitgenossischen Gesellschaftsanalyse gestaltet es sich immer schwierig, eine absolut wissenschaftliche Perspek- tive einzunehmen und nach ihr zu arbeiten - gerade bei so sensiblen Themen wie Okonomie und Schichten sowie Substanzkonsum. Entsprechend der Aktualitat des Themas werden daher hier auch Quellennachweise verwendet, die nicht der „typischen“ soziologischen Arbeitsweise entsprechen in dem Sinne, dass hier (gut recherchierte) Zeitungsberichte und popularwissen- schaftliche Literatur verwendet wird - bei der jedoch zu jedem Zeitpunkt darauf geachtet wurde, politisch und personlich gefarbte Schlussfolgerungen und einseitig recherchierte Stu- dien auszuschlieBen.

Daher ist die Verwendung auch politisch angehauchter Literatur - neben den rein wissenschaft- lichen Quellen - quasi unvermeidbar. Die Frage vor allem nach der gesellschaftlichen Lage in Deutschland ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine politische (und soziale, wie sich darauf aufbauend noch zeigen wird). Auf diese Weise erhoffe ich mir eine noch weitrei- chendere Analyse zu ermoglichen, als es mit rein wirtschaftswissenschaftlichen Primarquellen moglich gewesen ware. Aus diesem Grund, und naturlich aus der Annahme heraus, dass die hier zitierten Autoren und ihre Werke dennoch wissenschaftlich haltbar sind, werden hier unter anderem Autoren zur Sprache kommen, die zwei politisch vollig gegensatzlichen Parteien an- gehoren, und zwar der Linken (Sahra Wagenknecht) und im spateren Verlauf der Arbeit, be- ginnend ab Kapitel 4, der CDU (Diana Kinnert). Damit sollte relativ klar sein, dass hiermit keine politische Richtung verfolgt werden soll und das vorliegende Thema inzwischen in den unterschiedlichsten Interessenvertretungen und politischen Stromungen Beachtung findet. Letztlich geht es um Wagenknechts okonomische und Kinnerts soziale Analyse, nicht um deren Folgerungen und Vorschlage daraus. Diese beiden popularwissenschaftlichen Bucher habe ich zudem aus dem Grund herangezogen, dass sie Zusammenfassungen der aktuellsten jeweils the- menspezifischen Studien bieten, die einzeln niemals so aussagekraftig waren und in wissen- schaftlichen (Meta-)Studien in diesem Umfang auch noch nicht zusammengefasst wurden. Fachlich sind beide Autorinnen jedenfalls Experten auf ihrem Gebiet, weswegen ihre Aussagen auf wissenschaftlicher Ebene in den hier zitierten Fallen verlasslich sind. Zudem muss erwahnt werden, dass Kinnert ihr Buch eher subjektiv und stimmungsgeladen geschrieben hat, ohne direkten Fokus auf der Wissenschaft, wahrend Wagenknecht zwar auch ihre politische Gesin- nung hat erkennen lassen, jedoch auf sachlicherer Ebene geblieben ist. Hier habe ich mich be- muht, lediglich die wissenschaftlich haltbaren Verweise aus beiden Buchern zu verwenden. So sind sie zwar keine Fachliteratur in dem Sinne, stutzen sich jedoch beide auf die aktuellste Wissenschaft und betten dies zudem in aktuelle gesellschaftliche Kontexte ein. Der „lebens- weltliche Einschlag“, der hier die offentliche Soziologie kenntlich macht, ist also keiner poli- tisch gearteten Natur.

Die zweite Anmerkung bezieht sich auf die Wertung der vorliegenden, in der Offentlichkeit haufig emotional aufgeladenen Sachverhalte: Absolut neutrale Wissenschaft ist, unabhangig vom Willen der Forschenden, schlichtweg nicht moglich. Was ich daher fur sehr wichtig halte, ist offen zu kommunizieren, in welche Richtung die Art meiner Wertung gehen wird. Beim vorliegenden Thema betrifft dies vor allem zwei Aspekte: Erstens, den Umgang mit psychotro- pen Substanzen, und zweitens, den Begriff der Postmoderne bzw. des Postkapitalismus.

1. Zu Ersterem sei gesagt, dass in der bisherigen Drogen- und Suchtforschung der Fokus eben immer genau darauf lag - auf „Drogen“ und „Sucht“.1 Schneider (2012) schreibt zur Nutzenmaximierung von Substanzkonsum in seiner „Suchtfibel“: „Der moderne Mensch hat seine Umwelt von den naturlichen Bedingungen weit entfernt.“ Durch dau- ernden Hochkonsum werden Uberlebenschancen gemindert, deswegen wurden Drogen immer „von menschlichen Gesellschaften entweder geachtet oder gezahmt.“ (Schnei­der, 2012, p. 118) Dies beschreibt sehr gut den heutigen Umgang mit psychotropen Sub- stanzen - beziehungsweise den Versuch des Umgangs, die gewollte Zahmung. Dabei wurde entweder die langste Zeit „gegen“ die Konsumenten oder die Droge geforscht oder, seit Neuestem im Trend, auf Neutralitat gepocht und zugleich tendenzios ge- forscht. (vgl. bspw. Heino Stover, alle Werke) Bei der vorliegenden Arbeit wurde versucht, in keine dieser Schienen hineinzurutschen und stattdessen den Fokus auf die zu- grundeliegende Sozialstruktur zu richten. Konsum wird hier also nicht als Problem be- trachtet, sondern als Forschungsgegenstand ohne wertende Zuschreibung, das heiBt, der Konsument wird nicht als Problemstellung angesehen, uber die geredet und mit der um- gegangen oder die sogar verandert werden soll, sondern er wird zum mundigen Subjekt, dessen Lebensumstande und Beweggrunde zum Konsum betrachtet, analysiert und wer- tungsfrei wiedergegeben werden. (Peele & Grant, 2013)

Dieses Vorgehen sei anhand des bisherigen Status Quo kurz begrundet: Es wird immer noch haufig zwischen legalen und illegalen Substanzen in ihren Beschaffenheiten und Folgen unterschieden - weitere mogliche Abstufungen und Unterscheidungen sind noch nicht so popular. Zucker wird beispielsweise als, wenn wir kurz bei diesem Begriff blei- ben, hartes „Suchtmittel“ scheinbar vollig vernachlassigt (trotz Mitwirkung bei zahlrei- chen Krankheiten wie Adipositas, ADHS, Diabetes und vielen mehr (Mosetter, Probost, Simon, & Cavelius, 2013, 55 ff.), Hinweisen, dass er an denselben Hirnregionen an- dockt wie Opiate und Cannabinoide (Mosetter et al., 2013, 10;19; 46) und als potenziell abhangigkeitsfordernde Substanz (Mosetter et al., 2013, p. 40)), wahrend andere „Dro- gen“ (und ihre Konsumformen - beispielsweise Rauchen, Trinken, Arbeiten, Sex im Vergleich zu „ziehen“, spritzen etc., was schlichtweg nicht so etabliert ist) im Allge- meinen noch immer geradezu verteufelt werden - und zugleich in manchen, kleinen gesellschaftlichen Gruppen oder Umgebungen als normal angesehen werden konnen. Selbst unter der Annahme, dass diese Grenzziehung ein verlasslicher Indikator sein konnte, zeigt eine Studie des United Office on Drug Control, dass lediglich 0,6 Prozent aller „Drogenkonsumenten“ weltweit dieses frei definierte Drogenproblem haben, wo- hingegen die Mehrheit konsumiert, ohne suchtig zu werden. (Commission on narcotic drugs, 2008, pp. 3-4)

Auf der anderen Seite werden immer weitere potenziell „suchtfordernde Stoffe“ gefun- den, bis hin zu Verhaltensweisen, die den Eindruck erwecken, dass uberall diese „Krankheit“ lauert. (Herwig-Lempp, 1994) Dies fuhrt dazu, dass zwar tatsachlich be- denkliche Verhaltens- und Konsummuster neu entdeckt und beobachtet werden, zu- gleich jedoch der Konsum an sich auch immer weiter dramatisiert und pathologisiert wird. Demnach konnte alles zur „Droge“ werden, was auf kunstliche Weise angeneh- men Gefuhle erzeugen kann. (Brunner, 2004) Diese einseitige, beschrankte Sicht auf die Problem- bzw. eben Nicht-Problemstellung des Substanzgebrauchs definiert ihn schwerpunktmaBig als abweichendes Verhalten (Friedrichs, 2002, pp. 115-117) und stuft jegliche Form des Konsums als Stufen einer Leiter ein, die allein vom Gebrauch in die Sucht fuhrt. (Reinhardt & Rudolph, 1979)

Aus diesen beiden extremen Positionen ergeben sich zwei Phantom-Problemstellungen: Erstens die Verdrangung und Ignoranz des allgegenwartigen Substanzkonsums und Rauscherlebens sowohl legaler als auch illegaler Substanzen und seiner durchaus auf- tretenden Problemstellungen, und dahingegen zweitens eine Uberdramatisierung des Substanzkonsums und zunehmend auch auffalliger bzw. von der Norm abweichender Verhaltens- und Konsummuster durch die Annahme einer zwangslaufigen „Suchtkarri- ere“. Beides ist fur niemanden gewinnbringend oder zielfuhrend. Mit diesem Vorgehen werden jedoch aus der Beobachtung existierende Probleme der Betroffenen uber die Forschung in die tatsachliche Lebenswelt transportiert, ja teilweise sogar soziale Prob- leme konstruiert, eben indem beispielsweise Konsum zu problematischem Verhalten erklart wird oder der Begriff „Sucht“ zur Ziehung einer imaginaren, scheinbar unver­ruckbaren Grenze zwischen dem Status Quo und abweichendem, unerwunschtem Ver- halten dient. (vgl. hierzu Schmidt-Semisch, 2010) Eine festgefahrene Forschung in da- fur scheinbar in Stein gemeiBelten Disziplinen zur „Behandlung des Suchtproblems“, eine darauf fixierte „Drogenpolitik“ und die damit einhergehende weit verbreitete, ein- heitlich anmutende Meinung der Bevolkerung und Fokussierung auf ganz bestimmte Problemstellungen bezuglich des Substanzkonsums haben Politik, Forschung und Ge­sellschaft auf diesem Gebiet jahrelang stillstehen lassen. Weitere unintendierte Folgen dieser festgefahrenen Linie, die sich nur langsam zu losen beginnt, sind eine einseitige Forschung, die sich selbst getrennt nach Fachgebieten noch nur mit einer „Problemstel- lung“ beschaftigt, die sie sich selber schafft, sowie letztlich teilweise auch darauf basie- rend eine radikal fehlgeleitete Drogenpolitik, die sich ebenfalls uber Jahrzehnte verfes- tigt hat und mehr Schaden als Nutzen bringt (Kaiser, 1996). Die Bevolkerung schlieB- lich wird in diesem Zusammenhang mit Freund- und Feindbildern konfrontiert, uber vermeintliche Gefahren aufgeklart und mit den gesellschaftlich wie politisch akzeptier- ten Konsummitteln in eine bestimmte Richtung sozialisiert, die von einer differenzier- ten, interdisziplinaren und umfassenden Forschung nur schwerlich und uber einen lang- wierigen Weg wieder aufzulosen versucht werden kann. Durch die oben genannte von mir angewandte Herangehensweise soll dieser Schritt gegangen werden.

2. Zum Begriff des postmodernen Kapitalismus sei schlieBlich Folgendes angemerkt: Das Gesamtbild der Arbeit mag vermitteln, dass dieser vor allem negativ behaftet ist. Das mag stimmen - absolut wertneutrale Wissenschaft ist schlieBlich nicht moglich - jedoch lasst sich dies durch die Gesamtheit des Themas, so hoffe ich, gut begrunden: An dieser Stelle halte ich es fur immens wichtig zu betonen, dass der (postmoderne) Kapitalismus eben nicht nur „Schlechtes“ hervorgebracht hat und es den westlichen Gesellschaften nicht zwingend grundlegend schlechter geht als zu vergangenen Zeiten. Auch geht es mir explizit nicht darum zu betonen, dass die Gegenwart eine schwierigere Zeit zu leben ist als andere Zeiten, dass die Probleme groBer oder umfassender geworden sind oder es uberhaupt insgesamt bergab geht. Ebenso sind die Auswirkungen der Postmoderne, beispielsweise die Individualisierung, nicht ausschlieBlich mit negativen Folgen behaf- tet. Der Grund, warum ich mich dennoch so auf negative Aspekte der Gegenwart kon- zentriere, ist die Art der Fragestellung:

Rausch, vor allem in der Quantitat zunehmender Rausch, lasst sich kaum dadurch er- klaren, dass es den Konsumenten uberragend gutginge und sie die Gegenwart in all ihren Facetten bei vollem Bewusstsein geniefien wollten.2

Oder anders ausgedruckt: Eine Anderung der Lebensumstande bewirkt auch eine An- derung von Konsummustern und im vorliegenden Falle wird aus dann ausgefuhrten gu- ten Grunden eine Verbindung zwischen ebendiesen beiden Mustern angenommen. Wie gezeigt werden wird, entsteht in der Gegenwart ein gesellschaftliches Empfinden von Anomie, das in seiner Beschaffenheit vor allem negativ empfunden wird. Dieses nega­tive Empfinden beschreibe ich auf wissenschaftlich neutrale Weise. Die daraus wiede- rum folgenden Reaktionen sind zudem nicht mehr zwingend negativ; sie werden hier ebenfalls lediglich beschrieben und kontextual eingebettet. Ihr Ergebnis ist schlieBlich, ohne zu viel vorgreifen zu wollen, der zunehmende Cannabiskonsum unter Jugendli­chen. Durch die beschriebene Ausgangslage auf der Makroebene zeichnet sich dennoch zu Anfang unvermeidbar ein recht negativ anmutendes Abbild der Gegenwart. Aus die- sem Grund bitte ich den Leser zu jedem Zeitpunkt des Lesens diese Umstande zu be- rucksichtigen und die anfangliche Argumentation in ihrer scheinbaren Negativitat als Erforschung der vor allem negativen Aspekte einer Gegenwart sehen, die die einzig logische Erklarung fur einen ansteigenden Substanzkonsum liefern konnen. Ich be- haupte nicht, dass die Sozialstruktur in sich nur schlecht ware. Ich betrachte sie, stelle Defizite fest und ziehe daraus Schlusse auf die Grunde fur das Konsumverhalten der (Teile der) Gesellschaft, denn wie jede Gesellschaftsform birgt auch die Postmoderne sowohl Potenziale als auch Risiken in sich. Dass einige negativ anmutende Aspekte genannt werden, hat damit zu tun, dass diese als hauptsachliche Ausloser (in Form von Anomie) fur das genannte Verhalten auf der Mikroebene auszumachen sind. AuBerdem wird gezeigt, dass sich zwar fur Minderheiten die Chancengleichheit erhoht, die groBe Mehrheit der Gesellschaft jedoch geschlossen zunehmend einen schlechteren Lebens- standard genieBt als vorangegangene Generationen - trotz des nach auBen hin kommu- nizierten Wohlstands des Staates (nicht der Gesellschaft!).

Auch wissenschaftliche Betrachtungen von „Zeitgeist“, Politik und Sprache weisen oft polarisierende Tendenzen auf; in dieser vorliegenden Arbeit bemuhe ich mich jedoch, diese Problematik weitmoglichst zu umgehen.

Ein letzter Begriff im Gesamtkontext sei zudem noch angeschnitten, und zwar „normal“: Aus- weichende Verhaltensweisen, zu denen auch haufig „Drogenkonsum“ gezahlt wird, sind in der Gesellschaft nicht auBergewohnlich, „sondern eher ein Normalzustand in dem Sinne, dass sich jeweils Mehrheiten so verhalten.“ (Harten, 1991, p. 9) Das Ausweichen hat Ziel und Funktion - fur das Individuum und die Gesellschaft: langfristig, um die Augen vor bestehenden Proble- men zu verschlieBen; kurzfristig, „um Ruhe fur die Suche nach neuen Wegen zu haben, auf denen ich das Problem losen konnte.“ (Harten, 1991, pp. 26-27) Abweichendes Verhalten wird also immer von auBen bestimmt, die Ansicht des Betroffenen spielt keine Rolle. Normal“ kann gesundheitstechnisch oder gesellschaftlich gesehen werden - manche Verhaltensweisen sind schadlich, aber normal in der Gesellschaft, andere sind unschadlich, aber unnormal. (Harten, 1991, pp. 27-28) Wenn ich hier also den Begriff der Normalitat verwende, tue ich dies im Kon- text der gesellschaftlichen Zuschreibung, verwende ihn aber zugleich explizit nicht wertend. Dadurch mochte ich einen wissenschaftlichen Blick auf die Zustande und Prozesse der Gesell­schaft ermoglichen, deren ansonsten wertende Sicht auf Normalitat dadurch erkenntlicher wer- den kann. Denn: „Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass nur jene Menschen, die schlieB- lich eine abweichende Handlung begehen, tatsachlich den Impuls verspuren. Es ist viel wahr- scheinlicher, dass die meisten Menschen haufig abweichende Impulse verspuren. Zumindest in der Phantasie sind die Menschen viel abweichender als sie scheinen. Anstatt zu fragen, warum Menschen mit abweichendem Verhalten Dinge tun, die missbilligt werden, sollten wir besser fragen, warum konventionelle Menschen ihren abweichenden Impulsen nicht nachgeben.“ (Be­cker 1973 in Strieder, 2001, p. 102)

Nach diesen Vorankundigungen hoffe ich, ein moglichst vollstandiges und unvoreingenomme- nes Bild der aktuellen Lage zu dieser Thematik prasentieren zu konnen.

Aus Grunden der besseren Lesbarkeit wird in der gesamten Arbeit die mannliche als ge- schlechtsneutrale Verallgemeinerungsform verwendet.

1 Einleitung

Relevanz

Was macht „Drogen“ generell so interessant? Sie sind allgegenwartig und mit nahezu allen Bereichen des Lebens verknupft, bekommen zugleich aber oftmals nur eine - negative - Form der Aufmerksamkeit. Veranschaulichen wir die Relevanz und Allgegenwartigkeit des Themas zunachst mit einem treffenden Zitat:

„Es sei an dieser Stelle aber daran erinnert, dass Drogen u.a. chemische,
neurobiologische, medizinische, psychologische, ethische, soziologische,
kulturelle, aber auch juristische, wirtschaftliche und politische
Fragestellungen aufwerfen. Sie betreffen Individuen und Gruppen wie auch
Stadtviertel, Stadte, Regionen, Lander und stehen sogar daruber hinaus in
einem internationalen Kontext. Schliefilich werden durch das
Drogenproblem auch grundsatzliche Fragen gestellt, die die Beziehung
zwischen dem reichen Norden und dem armen Suden, die Struktur des

Welthandels, internationale Finanzstrome und vieles andere mehr betreffen.“
(Cattacin, Lucas, & Vetter, 1996, p. 15)

Der Konsum psychotroper Substanzen (umgangssprachlich „Drogen“, diese Begriffe werden in Kapitel 2.2 erlautert) ist ein in der Gesellschaft allgegenwartiges Thema. Je nach Legalitats- status wird es, wie bei Alkohol und Nikotin, toleriert, akzeptiert und teilweise gar zelebriert, wahrend es bei illegalen Substanzen eher verdrangt wird. Auch in der Forschung, gerade in der soziologischen, wird es zudem erst dann aufgegriffen, wenn es als „problematisch“ angesehen wird, wie auch obiges Zitat das Thema als „Drogenproblem“ bezeichnet und Konsum als ab- weichendes Verhalten klassifiziert - dies ist die gangige Drogen- und Suchtforschung (Dollin­ger & Schmidt-Semisch, 2007). Psychotrope Substanzen sind jedoch erstens allgegenwartig und zweitens normal . Substanzkonsum erfullt fur den Verbraucher immer eine oder mehrere klare Funktionen, er ist als eine Moglichkeit zur Veranderung des Wohlbefindens zu betrachten, also als „eine zielgerichtete ,sinnvolle‘ Handlung“. (Schneider, 2012, p. 25) Dies lasst sich besonders am Jugendalter gut aufzeigen, da dort der Substanzkonsum in mehreren Formen, mit unterschiedlichsten Mitteln und in diversen Verlaufen am weitesten verbreitet ist, am intensivs- ten praktiziert wird (was sich durch die Beschaffenheit dieser Lebensphase begrundet, s. insb. Kap. 2.2 und Kap. 7) und demzufolge bisher am besten untersucht ist. Besonders Cannabis hat dort in den letzten Jahren massiv an Bedeutung gewonnen, was diese Kombination zu einem geeigneten Forschungsgegenstand macht, wie hier gezeigt werden wird.

Cannabis gewinnt, sowohl in der Medienlandschaft als auch in der Politik, zunehmend an Be- deutung und wird, trotz andauernden Verbotes, hitzig diskutiert. (Presseportal, 2021) Immerhin gibt mehr als die Halfte der jugendlichen Befragten zwischen 15 und 24 Jahren in einer Studie an, Cannabis problemlos innerhalb von 24 Stunden besorgen zu konnen. (Ciszewski, 2022) In immer mehr Landern weltweit, auch in der EU, wurde es in den letzten Jahren entkriminalisiert, teillegalisiert oder legalisiert, wie beispielsweise in den Niederlanden, Portugal und Kanada, und der Trend setzt sich fort. (World Population Review, 2021) In Deutschland steigt wahrend- dessen seit Jahren der Konsum an (Nachweise dafur folgen in Kapitel 3), die wirtschaftliche Lobby wird damit zwangslaufig starker und eine Legalisierung3, nachdem bereits medizini- sches Cannabis teillegalisiert wurde, wird seit der Ampel-Koalition 2021 verfolgt (ntv Nach- richten, 2021). Dass Veranderungen des Konsumtrends besonders unter Jugendlichen zu be- obachten sind, ist eine gute Moglichkeit, diese als Forschungsgegenstand heranzuziehen, und zudem bekraftigt auch gerade dieser Umstand die Annahme, dass insbesondere durch den stei- genden Cannabiskonsum auch in aufeinanderfolgenden Generationen eine Akkumulation des Akzeptanzdenkens stattfindet, was die zunehmende Verbreitung von Cannabis zusatzlich ver- starkt. Dadurch wird „die Jugend“ neben Cannabis als Substanz zu einem weiteren wichtigen Pfeiler der hier zugrundeliegenden Fragestellung. Als dritter Pfeiler dieser Arbeit fehlt noch der erklarende Hintergrund zum steigenden Cannabiskonsum (vor allem) unter Jugendlichen, der zugleich die Ausgangsposition dieser Vermutung einnimmt. Dafur wird der postmoderne Ka- pitalismus verwendet. Denn: Als soziologische Erklarung fur einen beobachtbaren Trend, der sich trotz widriger Gesetzeslage seit einigen Jahren fortlaufend verstarkt, mussen und konnen nur gesellschaftliche Umstande herangezogen werden. Diese hier beschriebenen Gegebenhei- ten lassen sich unter dem Begriff des postmodernen Kapitalismus (bzw. der postkapitalistischen Moderne)4 zusammenfassen und beschreiben in ihrem gesammelten Auftreten die prozessver- starkende Wirkweise der gesellschaftlichen Situation. Dieser auf der gesellschaftlichen Makro- und der individuellen Mikroebene wirkende Bezugsrahmen fuhrt dem (unten bildlich darge- stellten) Prozess zufolge zu ebendiesem ansteigenden Konsum. Eine wichtige Rolle spielt dabei die oben bereits angesprochene Funktionsgebundenheit des Substanzkonsums. Diese Zusam- menhange zu belegen, ist die Aufgabe der vorliegenden Arbeit.

Hintergrund

Was hat sich in den letzten Jahren gesellschaftlich verandert und wie gestalten sich die Zusam- menhange und Wechselwirkungen des Cannabiskonsums Jugendlicher? Es wird vermutet, dass der postmoderne Kapitalismus die Umstande und damit die Substanzfunktionen und -Ge- brauchsmuster zuerst der Jugendlichen und dann gesamtgesellschaftlich verandert (hat). Diese Annahme basiert auf drei Theorien: Erstens, dem Badewannenmodell nach James Coleman (Coleman, 1986), nach dem eine Ausgangssituation auf der gesellschaftlichen Makroebene uber deren Folgen und Auswirkungen auf der Mikroebene der Jugend eine Veranderung wie- derum auf der Makroebene verursacht. Zweitens auf Zinbergs „Drug, Set und Setting“-Theorie (Zinberg, 1984) - des Leseflusses wegen hier als DSS-Theorie bezeichnet -, die die konsu- mierte Substanz als Drug bezeichnet, die Einstellung des Konsumenten als Set und die Um- stande als Setting. Ihr zufolge wird die Wirkung einer psychotropen Substanz durch die Ein- stellung des Konsumenten sowie dessen Umgebung in unterschiedlicher Gewichtung bestimmt. Und drittens auf der Annahme der Entwicklung des postmodernen Kapitalismus der letzten Jahre, mit dem diverse Unsicherheitsfaktoren und damit ein gesellschaftliches Anonmieemp- finden einhergeht, das besonders die Jugend betrifft - dieses Gefuhl ist letztlich auch mit dem Begriff des Zeitgeistes genannt, der im Titel der Griffigkeit halber verwendet wird. Die Anpas- sung der Funktion der psychotropen Substanz ist damit eine Folge der Anderung der Umgebung - wobei zugleich naturlich immer wechselseitige Prozesse eine Rolle spielen. Was bedeutet das fur den Inhalt dieser Arbeit?

Ihr Ziel soll sein, eine differenzierte Betrachtung der Mechanismen, Zusammenhange und der Entwicklung von Substanzkonsumfunktionen von Cannabis im Jugendalter zu ermoglichen, mit der aus wissenschaftlicher Sicht eine alltagsnahe Diskussion zu diesem sensiblen Thema ermoglicht werden kann. Die komplette Fragestellung lautet demnach:

Zeitgeist und Drogen - warum der Cannabiskonsum unter
Jugendlichen seit Jahren ansteigt und was das mit der
postkapitalistischen Moderne zu tun hat

Wie beeinflussen Effekte des postmodernen Kapitalismus die
Funktionen und gesellschaftlichen Entwicklungen von Cannabiskonsum
im Jugendalter?

Zwar finden die thematisierten Gegebenheiten und Prozesse in zahlreichen Landern wie be- schrieben statt, jedoch werden sie zur Eingrenzung und punktgenaueren Beobachtungsmoglich- keit ausschlieBlich am Beispiel Deutschlands aufgezeigt. Der Fokus liegt hierbei weniger auf der Frage, warum jemand konsumiert (mit Schwerpunkt auf Vorgeschichte, Psyche etc.), als eher darauf, welche Funktion der Konsum unter den gesamtgesellschaftlich gegebenen Um- standen in der Phase der Jugend erfullt. Dies ist eine wichtige Eingrenzung des Themas, ebenso wie gegenuber der Frage, wer kifft5 und unter welchen psychologischen Einflussen dies ge- schieht (der Eltern, der Kindheit, Schulleistungen, Bildungshintergrund etc.) - dazu gibt es mehr als genugend Studien (auch interdisziplinar; vgl. hierzu bspw. Ganguin & Niekrenz, 2010). Stattdessen wird hier thematisiert, wie Jugendliche unter diesen Umstanden konsumie- ren, also welche mikrostrukturellen Funktionen der Konsum in und wegen der Gegenwart (nicht wie die Psychologie, die vieles auf die Vergangenheit zuruckfuhrt) mehr oder weniger bewusst erfullen soll, und was das mit den Strukturen des Kapitalismus zu tun hat.

Aufbau

Die Fragestellung der rein literaturbasierten Arbeit fuBt auf den bereits genannten drei wichti- gen Eckpfeilern Cannabiskonsum als Substanzgebrauch(-smuster), der Jugend als „Trager“ und dem Einflussfaktor und den Auswirkungen des postmodernen Kapitalismus. Diese drei Begriffe und wie sie zusammenhangen, scheint anfangs noch recht willkurlich zu sein, weswegen zu Beginn ein Kapitel zur Theorie- und Begriffsklarung eingefugt wurde. Darin befinden sich die Umrisse der zugrundeliegenden Theorien sowie die wichtigsten Abgrenzungen, Einschrankun- gen und Schwerpunkte der Themenkomplexe Jugend, psychotrope Substanzen und Konsum. Wie bereits erwahnt, baut die vorliegende Arbeit zudem ihre Argumentation anhand dreier The- orien auf, von denen zwei bereits weit verbreitet sind innerhalb der Soziologie (Coleman-Ba- dewanne und DSS-Theorie), wahrend die dritte relativ neu ist und deren Grundlagen daher noch mit aktuellen Studien belegt werden (moderne Anomietheorie). Ein weiteres Kapitel wird zu- dem den Funktionen und gegebenen Umstanden des Cannabisgebrauchs im Jugendalter gewid- met. Darin geht es um die Formen, Umstande und naheren Begrifflichkeiten, anschlieBend um das gangige Set und Setting und zuletzt um die Funktionen von Cannabis speziell im Jugend- alter. Damit wird das wissenstheoretische Fundament fur das Verstandnis der weiteren Kapitel gelegt.

An einer der Theorien ist hier auch die Gliederung orientiert: GemaB der Coleman-Badewanne beginnen wir mit der Erlauterung der gegenwartigen gesellschaftlichen Umstande „oben links“, den Rahmenbedingungen des modernen Postkapitalismus. Diese Umstande werden alsgegeben betrachtet! Demzufolge liegt der Fokus bei der Fragestellung explizit nicht auf der Analyse einer Funktionsanderung, sondern auf der Betrachtung eines reinen Einflusses des postmoder- nen Kapitalismus auf den Substanzgebrauch. Damit soll die Zunahme des Cannabiskonsums der letzten Jahre erklart und ein erklarender Ausblick geschafft werden. Dahinter steht folgende Annahme: Wenn sich das Setting (die Umstande) und demzufolge das Set (im Sinne von Mindset) einer Gesellschaft und einer Generation andern, dann muss sich der dritte Faktor, die Drug (die verwendete psychotrope Substanz), dementsprechend auch andern. Und nicht nur das: Da alle drei Faktoren in Wechselwirkung zueinander stehen, hat das naturlich auch wiede- rum Auswirkungen auf Set und Setting nach Anderung der Drug. Im Laufe der Arbeit sehen wir uns diese Mechanismen genauer an. Folgender Aufbau bestimmt auch die Gliederung der Arbeit und wird nun naher erlautert. Die jeweils farblich gleich hinterlegten Punkte markieren zusammengehorige Wirkungsprozesse.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Verbildlichung des Aufbaus der Argumentation, orientiert an der Coleman-Ba- dewanne (Coleman, 1987)

Nach dem bereits erwahnten Kapitel zur Theorie- und Begriffsbildung sowie dem Hintergrund- kapitel uber Cannabis wird also thematisch-strukturell mit Kapitel 4 begonnen, das die Makro- ebene reprasentiert und in der Coleman-Badewanne oben links zu verorten ist. Hier werden die gesellschaftlichen Umstande betrachtet, die sich durch Globalisierung, Beschleunigung sowie okonomischen und sozialen Abstieg und Spaltung auszeichnen. Als Folge treten auf derselben Ebene Individualisierung und eskalatorischer Wettbewerb sowie Anomie zutage. Weiter geht es mit Kapitel 5, den Folgen auf der Mikroebene der Jugend. „Die Jugend“ - der Begriff wird spater noch naher erlautert werden - wird hier aufgrund ihrer strukturellen Merkmale sowie wegen ihrer Gegenuberstellung zur wesentlich umfangreicheren Makroebene der gesamten deutschen Gesellschaft der Mikroebene zugeordnet. Nun finden sich gemaB der Theorie der Coleman-Badewanne unten links die durch die Voraussetzungen auf der Makroebene gegebe- nen wahrgenommenen Moglichkeiten und Restriktionen der betroffenen Reprasentanten der Mikroebene. Diese werden aufgeteilt in Set und Setting als Folgen der gesellschaftlichen Um- stande. Als Set werden Uberforderung, Sinnverlust, Entfremdung und Vereinzelung identifi- ziert, wahrend das Setting und damit zusammenhangend die Drug durch erleichterte Verfug- barkeit und eine vertrautere Konsumumgebung beim Cannabiskonsum gepragt werden. Die Folgen auf der Mikroebene der Jugend, in der Coleman-Badewanne unten rechts, zeigen schlieBlich die rationale Auswahl und Nutzenmaximierung an, die durch die vorherigen Pro- zesse gepragt werden. Als Folge des vorher entstandenen Sets ergeben sich dort bei Set und Drug neu ausgepragte Funktionen, und zwar Neuro-Enhancement, Flucht und Entschleunigung sowie Resonanz. Wahrenddessen ergibt sich zudem ein Setting-und-Drug-Zusammenhang aus dem vorherigen: Die Jugendlichen werden risikofreudiger, es findet ein fruherer Konsumbeginn sowie alltagstauglicherer Konsum, eingebettet in Rituale, statt. Die Akkumulation dieser Fak- toren fuhrt schlieBlich im letzten Schritt zu gesellschaftlichen Folgen, oben rechts in der Co- leman-Badewanne. Es findet ein Herauswachsen von immer mehr aufeinanderfolgenden Gene- rationen statt, die Akzeptanz von Cannabis steigt, es findet mehr und ein akzeptierterer Konsum statt und dadurch steht, wie an neuesten Entwicklungen erkennbar wird, auch einer Legalisie- rung immer weniger im Wege. Nun kann der von der Coleman-Badewanne implizierte Schluss von der Makroebene oben links nach oben rechts gezogen werden, der durch den Weg uber die Mikroebene erklart wurde. Folgender Prozess soll, aufbauend auf den vorherigen Erkenntnis- sen, endgultig bewiesen werden:

Der postmoderne Kapitalismus fuhrt uber die Drug-, Set- und Settinganderungen der Jugend zu einer wachsenden Akzeptanz von Cannabis in der Gesamtgesellschaft.

Zuletzt wird, um wieder zum Aufbau zuruckzukehren, ein Fazit gezogen, das die Inhalte und Erkenntnisse der Arbeit zusammenfasst, kontextabhangig einordnet und kritisiert und Erwar- tungen an zukunftige Forschung formuliert. Neu an dieser Vorgehensweise und der Thematik ist die Verknupfung der DSS-Theorie mit der Coleman-Badewanne. So wird mithilfe einer ur- sprunglich sozialpsychologischen Theorie ein makrostruktureller Zusammenhang erklart.

2 Theorien und Begriffe

Zu Beginn werden die verwendeten Theorien kurz erlautert, um ein Grundverstandnis des ar- gumentativen Gerustes zu gewahrleisten. AnschlieBend wird auf die wichtigsten Begriffe der Mikroebene eingegangen - und zwar beabsichtigt nur diese auf der Mikroebene. Die Begriff- lichkeiten zum Thema des Kapitalismus und anderen makrotheoretischen Gegebenheiten bilden den thematischen Beginn der Arbeit und werden daher in Kapitel 4 mitdefiniert.

2.1 Zugrundeliegende Theorien

Die Arbeit basiert auf drei Theorien, von denen zwei das Grundgerust bilden und eine den the- matischen Hintergrund. Erstere beiden, die Coleman-Badewanne und die DSS-Theorie, werden fur den Aufbau miteinander verknupft, wahrend die dritte, inhaltliche, ab Kapitel 4 an Relevanz gewinnt.

Coleman-Badewanne

Als erste und wohl fur den Aufbau der Arbeit wichtigste Theorie beginne ich mit der Erklarung der Coleman-Badewanne. Dies ist die Verbildlichung eines Bootes oder, im deutschen Sprach- gebrauch haufig verwendet, einer Badewanne, die einen Prozess zwischen der Makro- und der Mikroebene veranschaulichen soll. Den Ausgangspunkt bildet dabei die linke obere Ecke des Bootes, sozusagen die eine Ecke des Badewannenrands, der sich komplett auf der gesellschaft- lichen Makroebene befindet. Dort wird die Ausgangssituation beschrieben, die alle weiteren Prozesse in Gang setzt. Das Endergebnis, auf diesem Schaubild oben rechts vorstellbar, befin- det sich ebenfalls auf der Makroebene. Die Verbindung dorthin, also die Auswirkungen der Gegebenheiten von oben links und damit die Voraussetzungen der neuen Situation oben rechts, lasst sich jedoch nicht direkt ziehen: Sie muss uber Prozesse auf der Mikroebene, den „Boden“ der Badewanne, erklart werden. Dies lauft wie folgt ab - die Ausgangssituation oben links hat Auswirkungen in Form von wahrgenommenen Moglichkeiten und Restriktionen auf die Mik- roebene unten links. Verbildlicht wird dies uber eine sogenannte Kontexthypothese (die jedoch nicht ausformuliert werden muss, sondern in sich selbst, zumeist durch Studien, den Ubergang zwischen diesen beiden Punkten bildet). Diese fur die Individuen veranderte Situation bewirkt eine weitere Anderung, eine rationale Auswahl zur Nutzenmaximierung, auf der Mikroebene unten rechts. Der Weg dorthin fuhrt uber eine Handlungstheorie, auch Individualhypothese ge- nannt, also eine oder mehrere Annahmen uber das Verhalten der Individuen. Von dort aus lasst sich schlieBlich durch Aggregation, also statistische Akkumulation, auf das Endergebnis schlie- Ben, die neue Situation auf der Makroebene oben rechts. (Coleman, 1986; Coleman, 1987)

Die vorliegende Arbeit ist nach diesem Muster aufgebaut: Der postmoderne Kapitalismus als angenommene Ausgangssituation auf der Makroebene setzt Prozesse auf der gesamten Mikro- ebene in Form von Setting- und Set-Anderungen bei (moglichen) jugendlichen Cannabiskon- sumenten in Gang, was folglich zu neuen gesellschaftlichen Umstanden des Cannabiskonsums fuhrt. Was hat es nun mit Drug, Set und Setting auf sich?

DSS-Theorie

Diese Begriffskombination geht auf den Psychoanalytiker Norman E. Zinberg zuruck, der die ursprunglich rein sozialpsychologisch verortete, heute multidisziplinar anerkannte Theorie auf- stellte, dass beim Substanzkonsum fur die Wirkauspragung und deren subjektive Bedeutungs- zuschreibung sowohl die psychotrope Substanz („Drug“) als Stoff als auch die Einstellung des Konsumenten („Set“) sowie die Umgebung beim Gebrauch („Setting“) eine je nach Situation unterschiedlich zu gewichtende Rolle spielen. In diesem Rahmen wurde er zu einem wichtigen Vorreiter der Erkenntnis, dass kontrollierter Konsum moglich ist und sogar meist so praktiziert wird - durch unbewusstes Einhalten ungeschriebener Konsumregeln und Rituale (mehr dazu spater). (Zinberg, 1984) Zur besseren Veranschaulichung ziehe ich hier eine treffende soziolo- gische Einordnung der Theorie in deutscher Sprache heran:

„Um Drogenkonsum zu verstehen und kulturwissenschaftlich bzw.
soziologisch einordnen zu konnen, sind alle drei Elemente wesentlich,
wobei das Setting wiederum unterschiedlich weit gefasst werden kann: Es
bezieht sich einerseits auf die konkreten Konsumkontexte (auf Partys, zu
Hause, allein oder in Gruppen etc.), die einen wichtigen Einfluss auf die
Effekte des Konsums ausuben; andererseits ist es wissensgeschichtlich
sinnvoll, das Setting weiter zu fassen und nach den kulturellen Rahmungen
zu fragen, die bestimmte Erfahrungswelten uberhaupt erst
moglich gemacht haben.“

(Feustel, Schmidt-Semisch, & Brockling, 2019b, p. 4)

Fur die weitere Arbeit relevant ist auch die Einbettung der Theorie in den Gesamtkontext: Als „Drug“ (hier, ebenso wie Set und Setting, im weiteren Verlauf immer als fester Begriff verwen- det, daher ohne Anfuhrungszeichen) betrachten wir Cannabis (eine nahere Definition dieser Substanz und ihrer Wirkstoffe und -Weise folgt in Kapitel 3). Das Setting befindet sich auf allen Ebenen (auf der Makroebene nicht explizit als solches bezeichnet), wahrend das Set auf der Mikroebene verortet wird. Diese zusammenhangenden Prozesse wurden in der Einleitung bereits aufgeschlusselt. Durch diese Wechselwirkungen ist schlieBlich erkennbar, dass Drug, Set und Setting keine konstanten Gegebenheiten darstellen, sondern sich gegenseitig beeinflus- sen und fortlaufend von noch weiteren externen Faktoren und Ereignissen beeinflusst werden. Zudem ist wichtig zu erwahnen, dass es sich hierbei erstens immer um eine Momentaufnahme handelt, dass also durch die Interdependenz der drei Faktoren untereinander ein standiger Wan- del in diesem Konstrukt inbegriffen ist, und dass zwar psychologische Prozesse in meinen Er- klarungen mit angeschnitten werden, jedoch der Fokus auf gesellschaftlichen Prozessen und Wechselwirkungen liegt - auch beim Set. Hier wird also nicht die ursprungliche sozialpsycho- logische Form der Theorie weiterverwendet, sondern sie wird soziologisch adaptiert. Dies ge- schieht, indem die Begriffe dementsprechend bewusst umgedeutet, soziologisch verwendet und in einen adaquaten Kontext gesetzt werden, sodass ein ganzlich anderer Forschungsgegenstand damit betrachtet werden kann als in der Literatur ublich. Dies betrifft vor allem das Set und das Setting, was beides auf die Coleman-Badewanne adaptiert und dadurch sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene verwendet wird (wobei es auf der Makroebene aus Grunden der Einheitlichkeit der Variablen oben links und oben rechts nicht als Solches bezeichnet wird).

Diese beiden Theorien also bilden das Grundgerust der Arbeit. Sie werden so kombiniert, dass die DSS-Theorie in die Coleman-Badewanne integriert wird. Dies zeigt sich auch im Aufbau der Arbeit. Nun fehlt noch zur thematischen Untermauerung das Anschneiden der Anomiethe- orie.

Anomietheorie

Die Anomietheorie, wie sie in ihrer ursprunglichen Form vom beruhmten Soziologen Emile Durkheim das erste Mal ausgearbeitet wurde (Durkheim, 1897), zog noch keine Verbindung zum postmodernen Kapitalismus als Erklarung fur Anomie heran. Anomie bezeichnete das Fehlen oder eine Schwache der vorhandenen sozialen Normen und infolgedessen eine man- gelnde gesellschaftliche Integration. Beim Individuum lose dies Angst und Unzufriedenheit aus. Die beschriebene mangelnde Integration, die sich als allgemeine Unsicherheit deuten lieBe, sowie die Folgen auf individueller Ebene sind bis heute nachvollziehbar und scheinen auch bei genauerem Hinsehen aktuell wie selten zuvor. Verglichen mit den heutigen gesellschaftlichen Strukturen ist die Theorie in ihrer ursprunglichen Form dennoch, selbst in Verbindung mit Mer- tons Fortfuhrung der Theorie (Merton, 1949), noch zu wenig spezifisch ausgearbeitet. Zudem ist seine Definition der Anomie, und zwar als Gegenstuck zu jeglicher sozialer Struktur, im Gegensatz zu Durkheims besser durchdachten Deutung eines lediglich anderen Typs der sozi- alen Struktur zu tendenzios negativ behaftet. (Elias & Scotson, 2002, pp. 273-274) Aus diesem Grund habe ich die in der Soziologie am ehesten vertretenen, argumentativ am starksten und am zuverlassigsten belegten Quellen zusammengetragen, um die Annahme zu untermauern, dass durch den postmodernen Kapitalismus eine neue Form der Unsicherheit und Anomie in der westlichen Welt Einzug gehalten hat, was Konsequenzen fur jugendliches Cannabis-Kon- sumverhalten nach sich zieht. Der Kulturwissenschaftler Mark Fisher formulierte bereits 2013 eine „moderne Anomietheorie“ aus: Er vertrat die Ansicht, dass eine Art Privatisierung von Stress stattfindet und dies die Ursache unter anderem dafur ist, dass ein Anstieg psychischer Krankheiten mit der neoliberalen Ausgestaltung des Kapitalismus korreliert, beispielhaft an den USA, GroBbritannien und Australien. (Fisher, 2013, p. 27) Doch existiert dieser Zusammen- hang tatsachlich und wenn ja, wie kommt er zustande? Dass psychische Krankheiten in kapita- listisch gepragten Staaten zahlenmaBig ansteigen, wurde inzwischen widerlegt - dass jedoch heutzutage immer mehr psychische Krankheiten diagnostiziert werden, stimmt tatsachlich. (Dornes, 2016) Zur genaueren Erklarung und wissenschaftlichen Untermauerung dieses Zu- sammenhangs komme ich in Kapitel 4, in der Coleman-Badewanne oben links zu verorten, da die neuartigen Bedingungen der Anomie nur anhand der Herausarbeitung konkreter Faktoren und einer pragnanten Gesellschaftsanalyse erlautert werden konnen. Festzuhalten ist, dass eine neu erscheinende Form der Unsicherheit in der modernen Gesellschaft eine nicht zu unterschat- zende Rolle einnimmt, wie sich im Laufe der Arbeit zeigen wird. Diese wird in ihrer Gesamtheit demnach als Anomie bezeichnet. Die Anomietheorie wird folglich in der Coleman-Badewanne oben links integriert.

2.2 Jugend - „Drogen“ - Konsum

Wie eingangs erwahnt, spielt die verwendete Sprache in diesem thematischen Zusammenhang eine nicht zu unterschatzende Rolle. Hier wird zwar auf gangige Literatur zum Thema zuruck- gegriffen, in der aktuellsten Forschung werden jedoch die dort verwendeten Begrifflichkeiten haufig anders oder gar nicht mehr genutzt, sondern stattdessen die auch in dieser Arbeit ver- wendeten. Zu Beginn werden daher die wichtigsten Begriffe erklart, abgegrenzt, neu definiert und in den entsprechenden Kontext gesetzt sowie deren Hintergrunde genauer erlautert. Deren Verwendung dient hier namlich nicht lediglich der Eingrenzung und Konkretisierung des The- mas, sondern ist wissenschaftlich begrundet und bestimmt alle nachfolgenden Erkenntnisse. Werden im weiteren Verlauf der Arbeit Begriffe verwendet, von denen in diesem Kapitel abge- grenzt wird, so sind diese im Alltags- und nicht im wissenschaftlichen Kontext zu verstehen oder kommen im Rahmen (unveranderbarer) Zitate vor.

Die gesamte vorliegende Arbeit geht von Jugendlichen als der treibenden Kraft fur die thema- tisierten Veranderungen von der Mikro- auf die Makroebene aus. Doch was genau ist mit „der Jugend“ gemeint, welche Bevolkerungsgruppe reprasentiert und kennzeichnet sie? Um das zu verstehen, muss neben der Lebensverlaufsforschung auf das Konzept der Lebensphasen einge- gangen werden.

Dieser Bereich der soziologischen Forschung beruht auf dem Konzept des Lebensverlaufs. Was genau ist nun ein Lebensverlauf? „Mit dem Begriff des Lebensverlaufs bezeichnet man die Abfolge von Aktivitaten und Ereignissen in verschiedenen Lebensbereichen bzw. Handlungs- feldern von der Geburt bis zum Tod. Der Lebensverlauf kennzeichnet damit die sozialstruktu- relle Einbettung von Individuen im Verlauf ihrer gesamten Lebensgeschichte.“ (Schafers & Zapf, 2001, p. 0) Der Fokus hier liegt dabei auf dem Lebensbereich, also auch den Umstanden der Jugend, unter dem Einfluss der postmodern gepragten gesellschaftlichen Ordnung. „Die grundlegende Idee des Lebensverlaufsansatzes ist [...], dass gesellschaftliche Ordnungen und deren Stabilitat und Wandel sich am besten dadurch erfassen lassen, dass man untersucht, wie individuelles Entscheiden und Verhalten in Auseinandersetzung mit kulturellen, institutionel- len und strukturellen Rahmenbedingungen das Leben der Gesellschaftsmitglieder pragen und eine charakteristische, mehr oder weniger homogene ,Ablaufstruktur‘ des Lebens produzieren - im Vergleich zwischen verschiedenen Bevolkerungsgruppen, im historischen und im interna- tionalen Vergleich.“ (Diewald, 2013, p. 552) In diesem Falle findet zwar kein direkter Ver- gleich statt, jedoch die Feststellung der Beeinflussung einer bestimmten „Bevolkerungs- gruppe“, der Jugend, durch die strukturellen Rahmenbedingungen, ergo den modernen Zeitgeist in Form des postmodernen Kapitalismus. Das liegt darin begrundet, dass durch die Art und Weise, wie Menschen ihre Lebensverlaufe gestalten, soziale Strukturen reproduziert, verandert und neu geformt werden. (Huinink, 1995, p. 439)

Fur den weiteren Verlauf der Arbeit ist vor allem die Bedeutung und Verknupfung der diversen Abschnitte des Lebensverlaufs, der Lebensphasen, mit dem gesamten Lebensverlauf relevant:

Dazu ist deren Abgrenzung voneinander notig. Dies kann auf unterschiedlichsten Grundlagen basieren: Zwar entwickelt sich die Lebensverlaufsforschung in der Soziologie standig weiter, als Grundgerust steht jedoch auch heute noch das dreigliedrige Modell im Vordergrund, das gegliedert ist nach Vorbereitungs-, Aktivitats- und Ruhephase, orientiert am Erwerbsleben, strukturell basierend auf dem Bildungs- und Rentensystem: „Die Regelung des sequentiellen Ablaufs des Lebens uberformt das individuelle biographische Schema und konstituiert so eine altersabhangige lebenszeitliche Perspektive.“ (Kohli 1985 in Voges, 2013, p. 10) Dabei ist die Verknupfung der diversen Phasen immens wichtig und auch Weiterentwicklungen und Uber- gange zwischen den Phasen spielen eine entscheidende Rolle. Gerade diese Aspekte bewirken, dass die Jugendphase fur die Forschung, insbesondere im vorliegenden Bereich, besonders in- teressant ist. An anderer Stelle der Soziologie werden die Lebensphasen in ahnlicher Manier, jedoch eher biologisch begrundet nach Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und ggf. Alter ein- geteilt, da mit jeder Lebensphase unterschiedlich eindeutig formulierte soziale Erwartungen bezuglich des korperlichen, psychischen und sozialen Entwicklungsstands einhergehen, die sich entsprechend im Verhalten widerspiegeln. (Anhorn, 2002, p. 51) Die Jugend ist damit als eine vorubergehende Lebensphase innerhalb eines zeitlich aufeinander aufbauenden Lebens- verlaufs zu verstehen mit all ihren pragenden strukturell gegebenen Voraussetzungen, Folgen und Wechselwirkungen. Sie bedarf daher einer naheren Definition:

Die Jugendphase ist sowohl im biographischen als auch im historischen Kontext nicht einfach abzugrenzen und zu definieren. Erkennbar gemacht werden kann dies an einem Zitat, das haufig Sokrates zugeordnet wird, was jedoch nie belegt werden konnte (Krieghofer, 2022):

"Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren,
verachtet die Autoritat, hat keinen Respekt vor den alteren Leuten und
schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf,
wenn Altere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern,
schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Sufispeisen,
legen die Beine ubereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“
(Unbekannt, um 1907)

Was unterscheidet dieses Bild einer Jugend vom heutigen Bild? Was unterscheidet Jugendliche tatsachlich von Kindern oder unverschamten Erwachsenen? Und sind das wirklich die Merk- male oder die Auswirkungen jugendlichen Lebensstils? Betrachten wir das Ganze etwas wis- senschaftlicher.

Die Jugend gilt unter anderem als Abgrenzung zur Masse der Erwachsenen, die die gesell- schaftlich reprasentativste Gruppe darstellen und auBerdem selbst genau diese Begriffe pragen. (Anhorn, 2002, pp. 51-55) Daher bedarf es einer Abgrenzung zur Kindheit und zum Erwach- senenalter. „Die Jugendphase kann in dieser Perspektive als der Lebensabschnitt definiert wer- den, in dessen Verlauf schrittweise der Ubergang von der unselbststandigen Kindheit in die selbststandige Erwachsenenrolle vollzogen wird.“ (Hurrelmann, Rosewitz, & Wolf, 2016, p. 31) Zum Kindesalter lasst sich dies entwicklungs- und personlichkeitspsychologisch wie auch biologisch durch das Eintreten der Geschlechtsreife, ergo der Pubertat, festlegen. Eine altersmaBige Festlegung ist hier kein ausreichender Indikator, jedoch ist der Beginn der Ge- schlechtsreife relativ konsistent zu erwarten zwischen dem 10. und dem 14. Lebensjahr. Dies variiert jedoch nach Geschlecht, sozialer Herkunft, Region und vielen weiteren Faktoren. Als grobe Einordnung ist eine „fruhe Jugendphase“ zu verorten zwischen 12 und 17 Jahren, die „mittlere“ von 18 bis 21 sowie die „spate“ von 22 bis 27 Jahren. (Hurrelmann et al., 2016, pp. 40-41) Auch die psychischen Bewaltigungsstrategien andern sich in dieser Zeit (Hurrel- mann et al., 2016, p. 26); dieser Aspekt wird spater im Zusammenhang mit Substanzkonsum naher thematisiert, ebenso wie zwei der vier folgenden zentralen Entwicklungsaufgaben, die mit dem Jugendalter einhergehen: intellektuelle und soziale Kompetenz, ein inneres Bild von Geschlechtszugehorigkeit, selbststandige Konsummuster und ein Werte- und Normsystem zu entwickeln (Hurrelmann et al., 2016, pp. 27-28). Das Jugendalter wird zudem gesehen als eine „Phase der Individuation (Entwicklung einer einmaligen Personlichkeitsstruktur) und Identi- tat(sfindung) (Empfinden situations- und lebensgeschichtlicher Kontinuitat)“ und ist gepragt durch eine Suche nach Orientierung und Sinngebung. (Hurrelmann et al., 2016, p. 30) Vor al- lem dieser Aspekt wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch an Relevanz gewinnen. An den allein bis hierher genannten Merkmalen der Lebensphase Jugend ist bereits erkennbar, dass eine breit gefacherte, nicht zu eng gefasste Definition notwendig ist, da bei einer solch stark ausdif- ferenzierten Menge an Individuen, die die Jugend ausmachen, eine zu konkrete Grenzziehung die Betrachtung des Forschungsgegenstands verfalschen konnte.

Darauf folgt bereits die Abgrenzung zum Erwachsenenalter: Dieses beginnt, wenn die vier Ent- wicklungsaufgaben abgeschlossen sind und eine Selbststandigkeit als Gesellschaftsmitglied in den Rollen in Beruf, Partner und Familie, als Konsument sowie als politischer Burger erreicht ist. Auch hier ist zu beachten, dass die Abgrenzung schwierig ist, schwieriger auch als diese zum Kindheitsalter, und dass die Grenzen sich flieBend entwickeln. (Hurrelmann et al., 2016, pp. 29-35) „Jugend bzw. die Vorstellung, die wir heute ganz selbstverstandlich mit dem Begriff Jugend assoziieren, ist vielmehr eine soziokulturelle Konstruktion, die unter bestimmten ge- sellschaftlichen Bedingungen entstanden ist und einem historischen Wandel unterliegt.“ (An- horn, 2002, p. 48) Die Strukturierung von Lebensphasen generell hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts verandert: Heute wird sie nicht mehr allein biologisch definiert, sondern durch kulturelle, wirtschaftliche und generationsspezifische Faktoren beeinflusst. (Hurrelmann et al., 2016, pp. 13-17) Die „Lebensphase Jugend“ hat ihren Umfang in den westlichen Gesellschaf- ten dabei in den letzten 50 Jahren stark ausgedehnt und ist zu einer der wichtigsten Lebenspha- sen geworden. (Hurrelmann et al., 2016, p. 7) Auch dauert sie heute unterschiedlich lang je nach gesellschaftlicher Schicht. „Jugend muss man sich materiell, emotional und sozial leisten konnen; ihre Dauer und Lebensqualitat hangen von den okonomischen, sozialen und personalen Ressourcen ab, uber die Heranwachsende verfugen konnen, wenn sie ihre Lebensvorstellungen mit den Anforderungen von Bildungssystem, Arbeitsmarkt und staatlichen Agenturen koordi- nieren mussen.“ (Krekel & Lex, 2011) Sie ist heute langer, variabler, disparater und diskonti- nuierlicher als fruher. (Krekel & Lex, 2011) Zudem entwickeln sich mehrere Jugenden, die eine Jugend gibt es nicht (mehr). Es existieren „groBe Vielfalt, Pluralitat und Individualisierung von jugendlichen Ausdrucks- und Stilformen“. (Ganguin & Niekrenz, 2010, p. 9) Es ist also erkenn- bar, dass eine einheitliche Definition mit klar abgrenzbaren Parametern schwierig bis unmog- lich zu treffen ist. Um das Konzept der Jugend trotz seiner Vielseitigkeit in einen Rahmen zu fassen, ziehe ich zu guter Letzt, erganzend zu den obigen Erkenntnissen, folgende Definition heran: „Jugend kann als (a) Zeitspanne der Biographie, (b) als historisch entstandenes, soziales Phanomen, (c) als juristischer Terminus, (d) als Erziehungsaufgabe , (e) als gesellschaftliches Problem6, (f) als Reifephase und (g) als Moglichkeitsraum der Entwicklung fur Heranwach- sende verstanden werden.“ (Sander&Vollbrecht 2000 in Ganguin & Niekrenz, 2010, p. 8)

Psychotrope Substanzen und Drogen

Besonders beim Thema „Drogen“ ist eine klare Unterscheidung zwischen Alltags- und Wissen- schaftssprache aus oben genannten Grunden unabdingbar. Die Hintergrunde und Bedeutungen gerade emotional aufgeladener Begriffe werden oftmals nicht hinterfragt - auch nicht in der soziologischen sowie auch der anders gearteten Forschung, wenn dort undifferenziert ebendiese Alltagsbegriffe weiterverwendet werden (z.B. Stover & Plenert, 2013). Sprache dient uninten- diert zum Transport eines Problems von der Beobachtung durch den Wissenschaftler in die Lebenswelt eines vermeintlich Betroffenen und sie kann sogar Probleme konstruieren. Oder, anders ausgedruckt: Soziale Tatsachen entstehen durch performative AuBerungen - das heiBt, allein durch die Aussprache, ergo besonders durch die intensive Thematisierung eines Sachver- halts oder vermeintlichen Problems kann dieses erst geschaffen werden, wie beispielsweise beim Wort „Sucht“. (Searl, 1997, pp. 41-68) Wie Howard Becker sagte: „The social scientist's problem, simply, is what to call the things we study.“ (Becker, 2003, p. 661) Je nach Formulie- rung ergreift man folglich unvermeidbar Partei. In der vorliegenden Arbeit wird daher versucht, fur eine wissenschaftliche, nicht-verurteilende Seite einzustehen: Bei der Analyse und dem Verstehen des Substanzkonsums soll eben nichts zugeschrieben oder als abweichend definiert werden, sondern es sollen die Rahmenbedingungen betrachtet und damit das funktionsgeleitete Verhalten der Konsumenten objektiv begrundet werden. Daher ist eine „sensitivierende Per- spektive“ (Schmidt-Semisch, 2010, p. 145) angebracht, mithilfe derer eine wissenschaftlichere Sicht moglich werden soll. Diese schlieBt eine Neudefinition gangiger Begriffe ein.

Erganzend zu Cattacins Zitat in der Einleitung kann umfassend festgestellt werden: „Keine Ge­sellschaft dieser Welt kommt ohne Drogen aus.“ (Jay, 2011, p. 9) Doch das Thema provoziert und polarisiert ungemein: „Drogen werden assoziiert mit politischer und sexueller Befreiung, mit religiosen Erfahrungen und vergleichbaren Transzendenzerlebnissen, vor allem aber mit Junkie-Elend, Spritzen auf dem Kinderspielplatz, enthemmter Gewalt und organisierter Krimi- nalitat. Schon das Wort Drogen ist assoziativ uberladen: Rausch, Sucht, Gefahr und die schiefe Bahn des sozialen Abstiegs haften ebenso unmittelbar an ihm wie romantische Vorstellungen von Grenzuberschreitung und Genuss ohne Arbeit.“ (Feustel, Schmidt-Semisch, & Brockling, 2019a, p. 1) Zugleich findet alltagssprachlich keine klare Abgrenzung zwischen „legalen Mit- teln“, „illegalen Drogen“ und „illegalen psychoaktiven Substanzen“ statt, ebenso wie, was hier bereits angeschnitten wurden, selten zwischen Gebrauch und Missbrauch unterschieden wird. (Scherbaum, 2017) Gerade bei einer genaueren Betrachtung von Substanzgebrauch, sei es nun im Zusammenhang mit beabsichtigten Rauschzustanden, problematischer oder auch unproble- matischer Natur, ist die Unterscheidung zwischen Alltags- und Wissenschaftsbegriffen daher immens wichtig. Der Drogenbegriff hat demzufolge weder etwas mit der Wirkung der Substanz noch mit dem Grad ihrer Schadlichkeit zu tun und basiert mehr auf historischen politischen Entscheidungen als auf einer wissenschaftlichen Herangehensweise an dieses auBerst sensible Thema. „Droge“ als umgangssprachlicher Begriff, vor allem fur illegale Substanzen, ist negativ behaftet und zu unspezifisch und wird daher hier vermieden bzw. nur beschreibend in diesem Kontext sowie in Zitaten verwendet.

Im Folgenden wird nun von „psychotropen Substanzen“ gesprochen. Diese Begriffsverwen- dung anstelle des Drogenbegriffs und anderer unspezifischer Bezeichnungen basiert auf folgen­der Herleitung. Dazu vorerst der Vollstandigkeit halber die „offizielle“ Definition: Der Begriff der psychotropen oder psychoaktiven Substanz wurde bereits in der ICD-10 und DSM-4 ver- wendet, den international meistunterstutzten Verzeichnissen von Krankheitsklassifikationen. Rauschdrogen wurden dabei als Untergruppe definiert, Psychopharmaka waren nicht enthalten. Die offizielle Erklarung war, die jeweilige Substanz sei ein psychoaktiver Stoff, „der ange- nehme Effekte erzeugt und deshalb auch ohne arztliche Anordnung eingenommen wird“7. (Kohler, 2000, p. 13) Diese offizielle Erklarung und Begriffsdefinition ist jedoch viel zu lu- ckenhaft und in sich nicht ganz stimmig und wird daher hier durch eine wissenschaftliche De­finition ersetzt. Vorerst sollte im Umgang mit Substanzkonsum ein Blick auf die Konsumum- stande generell geworfen werden, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden. „Aus- gangspunkt der Betrachtung ist die soziale Realitat des sehr differenzierten ,Lebens mit Dro- gen‘, das vom morgendlichen Kaffeetrinker uber den Ecstasy konsumierenden Raver, die re- gelmaBig Benzodiazepin gebrauchende Altenheimbewohnerin bis zum obdachlosen Alkoholi- ker reicht. ,Drogenkonsum‘ ist zwar hier ein gemeinsamer, aber noch relativ nichtssagender Nenner solcher heterogener sozialer Phanomene. Der Begriff ,Droge‘ wird im Folgenden gleichgesetzt mit psychoaktiver oder psychotroper Substanz. Dazu gehoren Nikotin, Kaffee und Alkohol ebenso wie Schlaf-, Beruhigungs-, Schmerzmittel oder Cannabis, Opiate, Kokain und Amphetamine. Drogen sind hiernach Stoffe mit Wirkung auf das Zentralnervensystem.“ (Deg- kwitz, 2002, pp. 20-21) Diese Definition ist noch sehr substanzbezogen und es fehlen unter anderem Psychedelika wie beispielsweise Psilocybin oder LSD. Da ich jedoch die Ansicht ver- trete, dass die Wirkung einer Substanz vielmehr auch von anderen Faktoren bestimmt wird, erganze ich sie. Es wird, wenn von bewusstseinsverandernden Stoffen die Rede ist, unabhangig davon, ob diese legal oder illegal sind, ob sie aufputschend oder beruhigend wirken und ob sie gemeinhin als „Droge“ bekannt sind oder nicht, hier der Begriff einer „psychotropen Substanz“ verwendet:

„Das sind solche Substanzen, die dazu benutzt werden konnen, psychische
Prozesse und damit das Verhaltnis zwischen einer konkreten Person und
der Realitat zu verandern. Diese Veranderungen werden von einigen
Menschen als negativ, von anderen als positiv erfahren. Wir fassen daher
Drogen als ein erfahrungsvermitteltes Verhaltnis zwischen einer
psychotropen Substanz und einem konkreten Individuum.“

(Braun & Gekeler, 2011, p. 54)

Der Unterschied zwischen psychotropen und psychoaktiven Substanzen, wie sie haufig auch genannt werden, liegt darin, dass psychoaktive die Psyche anregen und aktivieren, wahrend psychotrope generell „Auswirkungen auf den Bewusstseinszustand“ haben. (Berger & Klars, 2020, p. 12) Jedoch ist der Grat zwischen psychotrop und psychoaktiv sehr schmal und die Ubergange sind flieBend, daher werden die Begriffe im klinischen Fachjargon synonym ver- wendet. (Pschyrembel Online, 2021)

Der Begriff der psychotropen Substanz schlieBt letztlich viel mehr Substanzen ein als der der Droge. Dabei werden Abgrenzungen zu Lebensmitteln und Substanzen, die die psychische Ver- fassung nicht stark verandern (wie beispielsweise Kaffee oder Zucker), weicher. Dadurch wird die Intention beim Konsum einer psychotropen Substanz wiederum wesentlich wichtiger als noch bei der Verwendung des Begriffs der „Droge“. In Anlehnung an die DSS-Theorie wird dadurch erst ermoglicht, Drug, Set und Setting als gleichwertig aufzufassen und nicht die Wir- kung und die Intention allein oder groBtenteils der Substanz zuzuschreiben.

Wie festgestellt wurde, geht es beim Konsum einer Substanz also keineswegs nur um den Stoff selbst - im Gegenteil, der Konsument und sein Umfeld bestimmen mit, wie sie wirkt. Warum nun konsumieren Menschen psychotrope Substanzen? Und warum konsumieren sie, in unter- schiedlichsten Situationen und Stimmungen, ganz bestimmte Substanzen, wenn doch die Wir- kung nie hundertprozentig vorhersehbar ist? Dies sind zugegebenermaBen zu weitreichende Fragestellungen, um sie im Umfang dieser Arbeit zufriedenstellend erklaren zu konnen. Die wichtigste, allen gemeinsame grundlegende Rolle spielt dabei aber augenscheinlich die unmit- telbare Folge des Substanzkonsums - zu welchem Zwecke auch immer diese erzielt werden mag, es geht um den potenziell unterschiedlich stark ausfallenden Rausch. Durch dessen ge- nauere Betrachtung lasst sich noch eine weitere Abgrenzung innerhalb der psychotropen Sub- stanzen treffen.

„Jeder Mensch scheint grundsatzlich berauschbar zu sein.

Wissenschaftlich betrachtet ist ,Rausch‘ nichts anderes als eine Folge
unmittelbarer Drogenwirkung. Charakteristisch ist eine gefuhlsmafiige
Erregung, die mit Veranderungen der Bewusstseinstatigkeit und meist
enthusiastischen Stimmungsschwankungen einhergeht. Dabei entsteht der
Eindruck eines Aufier-sich-Seins bzw. eines Aufierhalb-der-Realitat-Seins.

[...] Ein Rauschzustand kann durchaus ambivalent verlaufen: Enthemmung,
erhohte Leistungsfahigkeit und Glucksempfindung durch gesteigertes
Selbstwertgefuhl sind ebenso moglich wie allgemeine Verlangsamung,
depressive Verstimmung, Ermudung und Erschopfung.“
(Brunner, 2004)

Zusammenfassend lasst sich sagen, wenn auch die Intensitat der Wirkung der psychoaktiven Substanz dennoch eine nicht zu vernachlassigende Rolle spielt (bspw. LSD, was im Mikrogrammbereich wirkt, versus Alkohol je nach Prozenten im Milliliterbereich), dass jeder Rausch bei jedem Menschen anders verlauft und stark mit dessen Intention und den jeweiligen Umstanden zusammenhangt. Dementsprechend muss auch die Relevanz der Substanz an sich relativiert werden: „Zum einen sind Drogen nicht aus sich heraus Heil-, Genuss- oder Rausch- mittel bzw. Rauschgifte, sondern sie werden dazu durch gesellschaftliche Definitionen und spe- zifische Zweckbestimmungen der Konsumierenden gemacht. Zum anderen gibt es weder ge- fahrliche noch ungefahrliche 8 , weder harte noch weiche Drogen, sondern nur gefahrliche oder weniger gefahrliche, harte oder weiche Konsumformen. Diese bestimmen sich durch Art der Einnahme, Dosis, Haufigkeit usw.“ (Feustel et al., 2019a, p. 3)

Aus diesem Grund, dem in seiner Intensitat und Wirkungsweise sehr unterschiedlich ausfallen- den Rausch, werden im Kontext der so definierten psychotropen Subtanzen auch nur minimal berauschend wirkende Substanzen wie etwa Zucker, Koffein oder Nikotin mit einbezogen. Dem entgegen muss jedoch, in Abgrenzung zum Rausch von beispielsweise Alkohol oder Cannabis, die Abgrenzung getroffen werden, dass der Rausch in diesem Kontext eine deutlich bemerkbare Beeinflussung der Gedanken- und Gefuhlswelt erwirkt.

[...]


1 Was genau es mit diesen Begriffen auf sich hat und warum ich sie hier bereits in Anfuhrungszeichen setze, wird im Laufe der Arbeit noch erklart werden.

2 Im Laufe der Arbeit werden immer wieder solche Hervorhebungen vorkommen. Damit mochte ich auf mir be- sonders wichtige Aspekte, seien es gekennzeichnete Zitate oder eigene Formulierungen, aufmerksam machen.

3 Ich schreibe hier bewusst von einer statt von der Legalisierung, da sie unterschiedlichste Rechtsgrundlagen, Auspragungen und Formen aufweisen kann und ohnehin noch nichts Konkretes dazu bekannt ist.

4 Bereits an dieser Stelle sei vorbereitend angemerkt, dass ich, wie hier, im Folgenden die Begriffe des postmo- dernen Kapitalismus und der postkapitalistischen Moderne nahezu synonym verwende. Die Hintergrunde dazu werden im thematisch dazu schwerpunktmaBigen Kapitel 4 naher erlautert.

5 Diesen Begriff werde ich im Laufe der Arbeit weiterverwenden, da er im Lesefluss auf Dauer eine Abwechslung zu „Cannabis konsumieren“, „Substanzkonsum betreiben“ etc. darstellt und auch unter Konsumenten die gangigste Formulierung darstellt.

6 Diesen recht subjektiv anmutenden Terminus unterstutze ich in dieser Form nicht, kritisiere ihn jedoch wegen unzureichender Schnittmenge mit meinem Thema nicht ausfuhrlich.

7 Kohler thematisiert in diesem Zusammenhang auch eine mogliche Abhangigkeit, weswegen ich diesen Aspekt hier nicht unerwahnt lassen mochte, jedoch ist er fur die vorliegende Thematik nicht von Relevanz.

8 Theorien zur Vergleichbarkeit der Gefahrlichkeit diverser Substanzen werden auch heute noch diskutiert. Zum Vergleich reiner Substanzen untereinander gibt es zwar die bekannte Skala nach Nutt (Nutt, King, & Phillips, 2010), diese wird jedoch laufend wegen unzureichend ausgearbeiteter Methodik kritisiert. Nutts Skala, in der Al- kohol auf Platz 1 stand, ging bei der Auswertung nach dem MCDA-Prinzip vor (Multicriteria Decision Analysis). Welche Substanzen aber auf der Liste standen und wie hoch die verschiedenen Faktoren gewichtet wurden, war, wie immer, trotz wissenschaftlicher Methodik relativ subjektiv - es ist also fast unmoglich, die Schadlichkeit vollstandig und objektiv zu messen. Jedoch konnen die Nebenwirkungen beobachtet und gegebenenfalls kontex- tual eingeordnet werden.

Ende der Leseprobe aus 161 Seiten

Details

Titel
Zeitgeist und Drogen. Warum der Cannabiskonsum unter Jugendlichen seit Jahren ansteigt und was das mit der postkapitalistischen Moderne zu tun hat
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2022
Seiten
161
Katalognummer
V1243721
ISBN (Buch)
9783346673145
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zeitgeist, drogen, cannabiskonsum, jugendlichen, jahren, moderne, effekte, kapitalismus, funktionen, entwicklungen, jugendalter
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Olivia Mantwill (Autor:in), 2022, Zeitgeist und Drogen. Warum der Cannabiskonsum unter Jugendlichen seit Jahren ansteigt und was das mit der postkapitalistischen Moderne zu tun hat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1243721

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