Seit den 1970er- Jahren führte die einseitige Investitionspolitik der UdSSR und die Organisation der Wirtschaft als Struktur von bürokratisch gelenkten Branchenmonopolen sowohl zur Stagnation als auch zum Rückgang des Wirtschaftswachstums. Am 31. Dezember 1991 löste sich die UdSSR auf. Der Zerfall der Sowjetunion und die Transformation führten ein neues politisches und wirtschaftliches System ein, das durch gesellschaftliche Unterschiede gekennzeichnet war. Infolgedessen bildete sich in den postkommunistischen Volkswirtschaften eine führende Schicht heraus, die auf die politischen Entscheidungsprozesse Einfluss genommen hat. Als ein bekanntes, kontrovers behandeltes und oft in der Literatur kommentiertes Beispiel hierfür gilt Russland, wo sich nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Planwirtschaft eine besondere Beziehung zwischen Staat und Wirtschaft herausbildete. Dieses Phänomen von Herrschaft der russischen Wirtschaftseliten – den so genannten „Oligarchen“ über den Staat wird als „State-Capture“ bezeichnet und ist Gegenstand dieser Hausarbeit.
Die vorliegende Studie wird die wirtschaftspolitischen Entscheidungsprozesse Russlands in der Jelzin-Ära untersuchen und dabei das Ausmaß des Einflusses auf die Gestaltung des damaligen politischen Systems durch die „Oligarchen“ in den Focus stellen. Um die zentralen Punkte zu erklären, wird zuerst auf die Begriffe Korruption und State Capture eingegangen sowie auf die Bezeichnung „Oligarchen“, die sich als Begriff für die russischen Finanz-Industriellen-Gruppen etabliert hat. Weiterhin werden die Novellierung der politischen Ökonomie der russischen Wirtschaftpolitik und ihre Kriterien nach dem Übergang zur Marktwirtschaft diskutiert. Hierzu soll der Rückzug des Staates aus seiner dominierenden Rolle als ein relevanter Faktor der neuen Ordnung und als Auslöser der Machtübernahme der anderen Akteure analysiert werden. Anschließend setzt sich der Hauptteil intensiv mit den extremen Folgen der Privatisierung und Liberalisierung im Hinblick auf die Rolle der neuen Führungsschichten auseinander und wird durch eine konkrete Fallstudie dargestellt.
Die erzielten Ergebnisse werden in einer Schlussfolgerung kritisch analysiert, ausgewertet und interpretiert. Als Abrundung dieser wissenschaftlichen Ausarbeitung gibt es einen Ausblick in die Zukunft.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. State Capture und die Oligarchie
3. Die russische Wirtschaftspolitik in der Jelzin- Ära
3.1. Die Folgen der Privatisierung der 90er- Jahre
3.2. Der geschwächte Staat gesteuert von Wirtschaftseliten
3.2.1. Jelzins Wiederwahl
3.2.2. Arten der Einflussnahme und Ziele der Oligarchen
4. Fallstudie Bankensektor: Die ONĖKSIMbank
4.1. Die Situation des Bankensektors in der Jelzin-Ära
4.2. Entstehung und Position der ONĖKSIMbank
4.3. Privatisierungsauktionen; Kredit-Aktien-Swaps.
4.4. Bewertung des Bankensektors
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die wirtschaftspolitischen Entscheidungsprozesse während der Jelzin-Ära in Russland, mit besonderem Fokus auf das Phänomen des "State-Capture" durch sogenannte Oligarchen. Ziel ist es, den Einfluss dieser Wirtschaftseliten auf das politische System, die Privatisierungsprozesse und die Schwächung staatlicher Institutionen kritisch zu analysieren.
- Definition und theoretische Einordnung von Korruption und State-Capture
- Die Auswirkungen der Privatisierung und Liberalisierung auf die Sozialstruktur
- Machtkonzentration und politische Einflussnahme der Finanz-Industriellen-Gruppen
- Fallstudie zur Rolle der ONĖKSIMbank im russischen Bankensektor
Auszug aus dem Buch
3.2. Der geschwächte Staat gesteuert von Wirtschaftseliten
Nachdem der Bankensektor an Niveau und Wert gewann, wurden die Tätigkeiten genauer von der ZB kontrolliert, in deren Folge viele Lizenzen eingezogen wurden. Somit konzentrierten sich die Bankgeschäfte auf die Sicherung wichtiger Positionen in profitablen Wirtschaftszweigen wie z. B. der Erdölindustrie. Darüber hinaus bauten viele Banken ihre Filialen aus, um ihre Finanzdienstleistungen breiten Schichten der Kundschaft anbieten zu können (vgl. Schröder 1998a: 18). In dieser Übergangsphase waren überwiegend jene Banken erfolgreich, die gute Verbindungen zu dem politischen Milieu hatten und sich eine starke Position in der Gesellschaft durch Erwerb von Industriebetrieben sichern konnten. Auf diese Weise erreichten sie den Status der FIG und die Basis für die Gründung der zukünftigen Industrie- und Finanzimperien (vgl. Schröder 1998a: 19).
Die Anzahl der FIG nahm ein immer größeres Ausmaß ab dem Jahr 1994 und bildete bis Ende der Jelzin- Ära einen wirtschaftpolitisch relevanten Faktor der Gesellschaft (ebd.). Die Aufwertung der starken Stellung einiger Wirtschaftseliten spiegelte sich in ihrer selbständigen Position in Bezug auf die Politik, von der sie früher profitiert hatten und die sie beeinflusst hatten, wider. Die russischen Erdöl- und Erdgasbetriebe wie Gazprom, JuKOS oder LUKojl zählten Ende der 90er zu den weltweit großen Konzernen. Die Vertreter solcher Unternehmen beteiligten sich an dem politischen Leben der RF und traten mit politischen Initiativen auf (vgl. Schröder 1998a: 20). Die Macht der Oligarchen wurde auch in anderen Lebensbereichen Russlands sichtbar. Im Jahr 1995 wurden über 40% der Anteile des bedeutenden Fernsehkanals ORT durch fünf Banken und drei Konzerne erworben. Auf diese Weise verfügten die acht Mitgesellschafter über die Möglichkeit des Einflusses der öffentlichen Meinung (vgl. Schröder 1998a: 21).
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Dieses Kapitel führt in den historischen Kontext der russischen Transformation nach 1991 ein und stellt die zentrale Forschungsfrage zum Phänomen des "State-Capture" durch Wirtschaftseliten.
2. State Capture und die Oligarchie: Hier werden die theoretischen Begriffe Korruption und State-Capture definiert und die Entstehung der "Oligarchen" im postsozialistischen Transformationsprozess erläutert.
3. Die russische Wirtschaftspolitik in der Jelzin- Ära: Dieses Kapitel analysiert die Folgen der Privatisierung, die ökonomische Krise und die zunehmende Abhängigkeit der schwachen Regierung von den neu entstehenden Finanz-Industriellen-Gruppen.
4. Fallstudie Bankensektor: Die ONĖKSIMbank: Anhand dieser Fallstudie wird die Transformation von Geschäftsbanken zu mächtigen Industrieholdings und deren Einflussnahme auf staatliche Privatisierungsauktionen detailliert aufgezeigt.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, wonach die Privatisierung den Staat schwächte und den Oligarchen eine Dominanz über politische Prozesse ermöglichte, bis unter Vladimir Putin eine neue Ära der staatlichen Kontrolle eingeleitet wurde.
Schlüsselwörter
Russland, Jelzin-Ära, State-Capture, Oligarchen, Privatisierung, Wirtschaftspolitik, Korruption, Finanz-Industrielle-Gruppen, Bankensektor, ONĖKSIMbank, Transformation, Marktversagen, Politische Ökonomie, Kapitalismus, Staatskrise
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die politische Ökonomie Russlands während der Regierungszeit von Boris Jelzin und analysiert, wie private Wirtschaftseliten, die sogenannten Oligarchen, staatliche Strukturen beeinflussten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Transformationsprozess von der Plan- zur Marktwirtschaft, die Rolle der Privatisierung, die Entstehung von Finanz-Industriellen-Gruppen und das Konzept des "State-Capture".
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Einfluss der Oligarchen auf die Gestaltung der russischen Wirtschaftspolitik und das Ausmaß ihrer Herrschaft über den Staat zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche und wirtschaftshistorische Analyse, die auf der Auswertung bestehender Fachliteratur und einer detaillierten Fallstudie zum Bankensektor basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die wirtschaftlichen Folgen der 90er-Jahre-Privatisierung, die geschwächte Rolle des Staates unter Jelzin und die spezifische Machtausübung durch Großunternehmer.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie State-Capture, Oligarchen, Jelzin-Ära, Transformation und Privatisierung geprägt.
Welche Rolle spielte die ONĖKSIMbank in der Jelzin-Ära?
Die ONĖKSIMbank dient als Paradebeispiel für eine "holdingbildende Bank", die durch enge politische Kontakte und die Manipulation von Privatisierungsauktionen zu einem der einflussreichsten Industrieimperien Russlands aufstieg.
Wie endete die Ära der Oligarchen-Dominanz?
Die Ära endete mit dem Amtsantritt von Vladimir Putin, der die Macht der Oligarchen beschnitt, um die staatliche Kontrolle über die Wirtschaft zurückzugewinnen.
- Quote paper
- Ewa Zawistowska (Author), 2008, Die politische Ökonomie der russischen Wirtschaftspolitik in der Jelzin-Ära: State-Capture durch die „Oligarchen“?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124372