Diese Arbeit soll zuerst das Bild der Frau in der Frühen Neuzeit skizzieren; dabei legt sie den Akzent auf Luthers Schriften und betrachtet das Frauenleben von der protestantischen Warte aus. Im weiteren Verlauf nimmt sie spiegelbildlich zu dieser Betrachtung die frühneuzeitliche Konstruktion von Männlichkeit in den Blick, wonach dann das dritte Kapitel den Kastraten gewidmet ist. Darin geht es um Fremd- und Selbstwahrnehmung dieser Menschen, die durch einen körperlichen Eingriff ihre ursprüngliche Männlichkeit verloren haben. Zuletzt soll die Frage beantwortet werden, ob der Kastrat dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet werden kann, oder ob er vielleicht sogar seine eigene geschlechtliche Daseinsberechtigung bekommen hat bzw. hätte bekommen sollen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Frauen in der Reformation – mehr als nur Ehepartnerinnen?
3 Der frühneuzeitliche Diskurs über die Männlichkeit
4 Körperlichkeit – die Sonderrolle der Kastraten
4.1 Fremdwahrnehmung
4.2 Eigenwahrnehmung
5 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit hinterfragt die geschlechtliche Einordnung von Kastraten in der Frühen Neuzeit, indem sie diese in das Spannungsfeld zwischen zeitgenössischen Geschlechterdiskursen, medizinischen Konstruktionen und der gelebten Realität der Betroffenen einbettet.
- Die Rolle der Frau in der Reformation und protestantische Ehevorstellungen.
- Frühneuzeitliche Definitionen von Männlichkeit und deren gesellschaftliche Konstruktion.
- Die körperliche Sonderrolle der Kastraten durch medizinische Eingriffe.
- Fremdwahrnehmung der Kastraten im Barock zwischen Bewunderung und Ausgrenzung.
- Analyse der Eigenwahrnehmung und des Strebens nach männlicher Identität.
Auszug aus dem Buch
4.1 Fremdwahrnehmung
Aufgrund der außerordentlichen Bekanntheit und der angesehenen Stellung der Kastraten in der Öffentlichkeit gab es ausreichend Zeitzeugen, die sich über sie äußerten. Allerdings sei schon vorweg gesagt, dass die Meinungen über die Kastraten nicht unterschiedlicher hätten sein können. Dies ist den unterschiedlichen Zeiten geschuldet, aus denen die Quellen und mit ihnen die gesellschaftlichen Ideale stammen, außerdem ist es das Natürlichste der Welt, dass Geschmäcker verschieden sind. Die ausgewählten Zitate sollen besonders die Geschlechtlichkeit der musicos diskutieren.
Beginnend mit der Meinung der Kirche, äußerte sich der Theologe Robert Sayer zu Beginn des 17. Jahrhunderts so: Die Stimme ist ein wertvolleres Gut als die Männlichkeit, denn durch die Stimme und durch die Vernunft unterscheidet sich der Mensch vom Tier. Wenn also zur Verbesserung der Stimme notwendig ist, die Männlichkeit aufzugeben, kann man dies, ohne gottlos zu sein, tun. Nun sind die Sopranstimmen dermaßen nötig, um das Lob Gottes zu singen, daß man den Preis für sie gar nicht hoch genug ansetzen kann.
Interessant ist hier die paradoxe Argumentationsweise. Wenn der ursprüngliche Grund doch darin liegt, dass die Frau in der Kirche nicht singen darf, nun aber die „Männlichkeit“ des Sängers aufgegeben wird, nur um diesen „weiblichen“ Gesang zu reproduzieren, stellt sich die Frage, was denn ein Kastrat aus theologischer Sicht sein soll. Kann man mit dem Argument, dass Männlichkeit als soziales Phänomen nur konstruiert ist, den Kastraten als „unmännlichen“ Mann sehen?
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Themenfelder Geschlechtersensorik und den gesellschaftlichen Wandel der Frühen Neuzeit ein und stellt Kastraten als paradoxe Identitätsfiguren vor.
2 Frauen in der Reformation – mehr als nur Ehepartnerinnen?: Das Kapitel skizziert die Rolle der Frau aus protestantischer Sicht und analysiert das Frauenbild in Luthers Schriften im Kontext der ehelichen Institution.
3 Der frühneuzeitliche Diskurs über die Männlichkeit: Hier wird untersucht, wie Männlichkeit als kulturelles Konstrukt wandelbar war und wie der Übergang vom Ein- zum Zwei-Geschlecht-Modell stattfand.
4 Körperlichkeit – die Sonderrolle der Kastraten: Dieses Kapitel betrachtet die physischen Folgen der Kastration sowie das ambivalente gesellschaftliche Bild zwischen Engelsgesang und Exklusion.
4.1 Fremdwahrnehmung: Dieses Unterkapitel analysiert zeitgenössische Quellen und theologische sowie aufklärerische Stimmen, die das Geschlecht der Kastraten debattieren.
4.2 Eigenwahrnehmung: Der Fokus liegt hier auf den Briefen von Kastraten wie Jozzi, die ihre eigene Identitätssuche und den Wunsch nach männlicher Anerkennung offenlegen.
5 Fazit: Das Fazit resümiert die Schwierigkeit der eindeutigen geschlechtlichen Zuweisung und betont die Gratwanderung der Kastraten zwischen sozialer Anerkennung und Stigmatisierung.
Schlüsselwörter
Kastraten, Frühe Neuzeit, Geschlechtergeschichte, Männlichkeit, Weiblichkeit, Kirchenmusik, Körpergeschichte, Reformation, Identität, Hegemoniale Männlichkeit, Fremdwahrnehmung, Eigenwahrnehmung, Barock, Geschlechterrollen, Kastration
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die geschlechtliche Identität von Kastraten in der Frühen Neuzeit und deren Stellung innerhalb einer Gesellschaft, die Männlichkeit und Weiblichkeit streng normierte.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit verknüpft das Rollenbild der Frau in der Reformation mit der Konstruktion frühneuzeitlicher Männlichkeit und stellt diese den spezifischen Erfahrungen der Kastraten gegenüber.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit verfolgt die Frage, inwieweit man Kastraten als divergentem Bestandteil der Gesellschaft ein Geschlecht zusprechen kann und ob sie eine eigene geschlechtliche Daseinsberechtigung entwickelten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine interdisziplinäre historische Analyse, die zeitgenössische Schriften, theologisches Schrifttum, medizinische Diskurse und Briefzeugnisse auswertet.
Was steht im Hauptteil im Mittelpunkt?
Der Hauptteil analysiert die Konstruktion von Männlichkeit, die physiologischen Eingriffe bei Kastraten sowie die Spannung zwischen ihrer großen öffentlichen Bewunderung als Sänger und ihrer sozialen Marginalisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kastration, Männlichkeitskonstruktion, Geschlechtergeschichte, Körperbild und barocke Identitätskonflikte sind die tragenden Begriffe der Untersuchung.
Wie versuchten Kastraten in ihrer Eigenwahrnehmung selbst damit umzugehen?
Basierend auf Briefen wie denen von Jozzi zeigt sich ein ständiges Bemühen, männliche Attribute für sich zu reklamieren, um als vollwertige Männer und nicht als „Zwischenwesen“ wahrgenommen zu werden.
Warum war der Diskurs über Kastraten in der Aufklärung so negativ?
Die Aufklärung kritisierte die Kastration als „Handlung wider die Natur“, was dazu führte, dass die Sänger zunehmend als verstümmelte Randfiguren stigmatisiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden.
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- Wendel Overlack (Author), 2020, Geschlechterbeziehungen in der Frühen Neuzeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1243917