„Geht die Behandlung bei Ihnen auch ohne Medikamente?“ - Psychodynamische Kurzzeittherapie mit türkischen Migranten.


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2009
7 Seiten

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Inhalt

1. Einleitung

2. Der Fall

3. Diskussion

4. Schlussbemerkung

5. Literatur

1. Einleitung:

„Herr Doktor, ich habe gehört die Behandlung bei ihnen geht auch ohne Medikamente. Ich war bereits bei 15 verschiedenen Ärzten, “ sprach die Patientin und schüttete auf meinem Schreibtisch eine Plastiktüte mit ca. 20 z. T. angebrochenen oder neuen Medikamentenverpackungen aus, durch die ich mich dann durcharbeiten konnte. Die Tatsache, dass Menschen über Beschwerden berichten, für die keine medizinischen oder biologischen Ursachen gefunden werden und demzu- folge keine ursächlichen Behandlungsmethoden bestehen hat man schon vor etwa 100 Jahren gut beschrieben (Dubois 1910): „Die Psychiater fassen die Psychopathien als wahre Krankheiten im Sinne der internen Pathologie auf, und suchen die Ursache der psychischen Störung in einer pri- mären Erkrankung des Denkorgans. Sie vergessen, daß auch bei anderen Organen Funktionsstö- rungen ohne primäre Schädigung des Organs entstehen können. Ein dyspeptischer Zustand kann seine Ursache in einer Erkrankung des Magens haben; er kann aber auch bei normalem Magen infolge unzweckmäßiger Ingesta entstehen. Die Ingesta, welche unsere „Seele” verarbeitet, man könnte sagen, verdaut, sind Vorstellungen, Ideen. Wie unser Magenzustand sehr von der Qualität der Nahrung abhängt, so ist auch unser Seelenzustand in hohem Maße von den aufgenommenen Vorstellungen abhängig.“ Psychotherapeutischen Behandlungen von Patienten mit Migrations- hintergrund insbesondere bei fehlender oder reduzierter Sprachkompetenz in Deutsch beschrän- ken sich auf Falldarstellungen und es fehlt leider eine systematisierte Vorgehensweise für diese Patienten in Psychotherapie. Aufgrund der Nachfrage an unserer Klinik haben wir eine sogenann- te Interkulturelle Ambulanz für vorwiegend Türkisch-sprachige und Russisch-sprachige Patienten aufgebaut. Unsere Ambulanz versorgt die Stadt und den Kreis Gütersloh und wird auch von Pati- enten aus Bielefeld in Anspruch genommen, sie ist also in einer Region mit über 350 000 Ein- wohnern davon ca. 20 % Ausländern bzw. Menschen mit Migrationshintergrund angesiedelt. Es gibt keine vergleichbare Stelle in dieser Region. Die psychotherapeutische Behandlung mit Tür- kisch-sprachigen Patienten möchte ich zunächst anhand eines Fallbeispiels illustrieren.

2. Der Fall:

Fr. B kommt in meine Ambulanz, weil sie Darm-Probleme habe. Sie klagt über häufige Bauch- schmerzen und durchfälligen Stuhldrang. Die Ärzte, die sie bisher aufgesucht habe, hätten ihr nicht helfen können, im Übrigen stehe sie Medikamenten kritisch gegenüber. Es sei auch eine Darmspiegelung gemacht worden, da sei aber nichts wesentliches herausgekommen und zusätz- lich habe sie seit langem Magenbeschwerden, habe auch vor 10 bis 15 Jahren eine Magenblutung gehabt und schließlich leide sie unter Gefühlsstörungen im re. Arm, deswegen sei sie vor kurzem beim Nervenarzt in Behandlung gewesen, habe auch eine Schiene bekommen, nun habe ihr der Hausarzt erklärt, dass dieses alles mit ihrer psychischen Problematik zusammen hängen würde und sie habe sich deswegen der psychiatrischen Behandlung zugewandt.

Ihre Erwartungen an uns: Sie äußert, dass sie zu ihrem alten Zustand zurückkehren möchte, da- mals als sie noch lustig sein konnte, als es ihr gut gegangen sei, vor etwa 3 bis 4 Jahren sei sie ein fröhlicher Mensch gewesen, dann sei es nach und nach schlimmer geworden und im letzten Jahr sei es ganz verstärkt.

Vorgeschichte:

Die Patientin ist 48 Jahre alt, komme gebürtig aus einer Stadt in der Nähe von Adana und sei 1975 im Rahmen der Familienzusammenführung von ihrem Ehemann nach Deutschland geholt worden. Sie habe 2 Kinder, einen Sohn und eine Tochter (19 und 25 Jahre alt). Sie sei gelernte Friseurin, habe bis zur 5. Klasse die Schule besucht, ihre Eltern würden noch leben, seien Rentner und würden jeweils einige Monate in der Türkei und einige Monate in Deutschland verbringen.

Mit ihrer älteren Schwester, die ebenfalls am Ort wohne, verstehe sie sich überhaupt nicht, sie würden kaum miteinander reden – es gebe eine lange Geschichte von Eifersucht und Verletzung, weswegen der Kontakt abgebrochen sei. Derzeit arbeite sie als Leiharbeiterin, sie als Familie hätten sich vor kurzem ein Haus gekauft und stünden deswegen unter großem finanziellen Druck. Zentrales Thema oder Fokus: Ich formuliere zunächst, dass es um Symptomlinderung geht und der Versuch, die körperliche Symptompräsentation auf die verbale Konfliktebene zu heben.

Ressourcen: Es besteht noch Arbeitsfähigkeit, d.h. sie geht einer regelmäßigen Arbeit nach, sie gibt die Unterstützung durch ihren Ehemann an und sie hat offensichtlich eine Fähigkeit Aufga- ben anzugehen, zu lösen und beharrlich zu sein. Sie ist Mutter von 2 Kindern zu denen wohl ein gutes Verhältnis besteht und diese Beziehung scheint ihr wichtig.

Verlauf:

Ich bespreche mit ihr die Methodik der Psychotherapie (Therapie mit Worten) im Vergleich zur medikamentösen Therapie.

In der 2. Sitzung erscheint sie spontan mit ihrem Ehemann, nicht vorher abgesprochen und das Gespräch geht darüber, dass sie sich oft streiten würden.

Fokalziel dieser Stunde: Wie kann sie Unterstützung im täglichen Leben bekommen, wie steht es mit der Unterstützung durch ihre Eltern. Ich frage sie, wie es wohl ihrer Mutter ergangen ist, als diese genauso alt war wie sie. Sie gab zu, dass es ihre Mutter damals wohl schwer gehabt haben muss.

Beim nächsten Termin erscheint sie nicht:

Es kristallisiert sich heraus, dass sie kein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter habe und meine, die Mutter wertschätze nicht sie, sondern ihre Schwester. An dieser Stelle begriff ich, dass ich mit dem Thema ihrer Mutter unmittelbar einen Konfliktbereich angesprochen hatte, der von ihr durch das Nicht-Erscheinen abgewehrt wurde.

3. Sitzung

Die Patientin berichtet über Durchfall und schlechtes Schlafen.

Ich biete ein ressourcenorientiertes Tagtraum-Motiv den Baum an: großer Baum, sehr groß, viel grün, hört Vögel zwitschern, schönes Wetter, Sonne, ein Baum aus ihrer Kindheit, Boden ist braun, trocken, beim anfassen der Rinde des Baumes breche sie spontan ein Stück glatte Rinde ab, dies fällt zu Boden, hierbei wird sie traurig und weint, darunter erscheint der Baum weiß. Der Baum brauche Wasser, habe aber nicht ausreichend, er ziehe Wasser mit den Wurzeln aus der Tiefe des Bodens, sie möchte auf diesen Baum gut acht geben.

Fokus: In dieser Sitzung stehen die Selbstfürsorge, das Selbstverständnis und die Stärken ihrer Persönlichkeit im Vordergrund.

4. Sitzung

Es erfolgt die Rückblende auf die vorhergehende Stunde: Sie habe viel über den Traum nachge- dacht, habe sich dann leichter gefühlt, auch die Arbeit habe gut geklappt, inzwischen hätte der Ehemann auch Arbeit gefunden. Sie äußert die Assoziation, dass die „Verletzung“ der Rinde et- was mit der Schwester zu tun habe, mit der sie keinen Kontakt pflege.

Sie meint sie habe sich in dem Sinne verändert, dass sie selbstbewusster geworden sei. Sie habe letztens mal das Geschirr nicht gleich für alle weggeräumt und die Familie habe sie gefragt, ob mit ihr irgendetwas los sei, sie sei anders geworden. Auch habe sie sich nun entschieden eine eigene häusliche Schneiderei zu eröffnen.

Fokus: Es geht weiterhin um Selbstfürsorge und Stärken.

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Details

Titel
„Geht die Behandlung bei Ihnen auch ohne Medikamente?“ - Psychodynamische Kurzzeittherapie mit türkischen Migranten.
Autor
Jahr
2009
Seiten
7
Katalognummer
V124414
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Behandlung, Ihnen, Medikamente, Psychodynamische, Kurzzeittherapie, Migranten
Arbeit zitieren
Dr. Volker Haude (Autor), 2009, „Geht die Behandlung bei Ihnen auch ohne Medikamente?“ - Psychodynamische Kurzzeittherapie mit türkischen Migranten., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124414

Kommentare

  • Volker Haude am 25.12.2013

    Poster (Deutsch-Türkischer Psychiatriekongress Izmir 2013, V. Haude):
    Çeşitlilik içinde tedavi etmek: Katatim imge psikoterapisi.
    Psikolojik hastalıklar epidemiyolojik anlamda büyük önem taşımaktadır ve bu önem Almanya’da son 10 yıl içinde daha da artmıştır. Türkiye’de de psikolojik hastalıkların büyük bir sıkıntı oluşturduğu belirtilmektedir ve 2011 yılı için bir faaliyet planı hazırlanmıştır. Bu sebeple tıpkı psikiyatrik tedavi gibi psikoterapi de gittikçe daha önemli bir hale gelmektedir. Almanya’da yasal sağlık sigortalarının sunduğu psikoterapilerin yaklaşık yarısını teşkil eden derinlik psikolojisine dayanan psikoterapilere katatim imge psikoterapisi de dahildir. Bu yöntem bilimsel olarak oldukça iyi bir şekilde araştırılmış, usule uygun yapılandırılmış ve eğitim müfredatı kapsamında öğretilmektedir [Leuner 2012]. İmgelemelerin kullanılması ifade edilen kelimenin ötesinde efektif bir deneyim sağlar ve terapötik ilişkide bir aktarım alanı daha sağlar. İmgeleme alanında psikodinamik soruna odaklanılabilir ve terapist yapı seviyesine göre yüzleştirici veya destekleyici bir rol üstlenebilir. Uygulama gözlemleri ve klinik araştırmalar ağırlıklı olarak sadece Almanca konuşulan bölgede mevcuttur ancak şu ana kadar edinilen tecrübeler Türk kökenli hastaların oldukça iyi bir şekilde imgeleme yapabildiklerini ve bu tedavi yönteminden faydalanabileceklerini göstermiştir.
    Soru:
    Katatim imge psikoterapisi düzgün bir şekilde tercüme edilerek Türkçe uygulanabilir mi yoksa kültürel dilsel sebeplerden dolayı metodik uyarlamalar gerekli midir? Bu sebepten dolayı Türkiye’deki terapistleri bu yöntemin geliştirilmesine katkıda bulunmaları ve bilimsel olarak destek olmaları konusunda cesaretlendirmek istiyoruz.
    Amaç:
    Halen ağırlıklı olarak batı ile karakterize olan bu psikoterapi yönteminin gelişimi için çalışan ülkeleri ve kültürleri kapsayan bir uygulayıcı ağının oluşturulması.
    Kaynaklar:
    Babaoğlu, A.-N.: Katatim resimleme yaşantısı. Düşünen Adam: Psikiyatri ve Nörolojik Bilimler Dergisi 1988; 2(1): 41-45
    Haude, V.: Erste Erfahrungen mit der Katathym Imaginativen Psychotherapie in Türkisch - Eine Kasuistik. [İlk Türkçe katatim imge psikoterapisi ile tecrübeler- olgu sunumu.]Imagination 2010; 4: 53-70
    Leuner, H.: Katathym Imaginative Psychotherapie. [Katatim imge psikoterapisi.] Hans-Huber Yayınevi 4. basım 2012

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