Die Systemische Beratung in der Sozialen Arbeit

Prinzipien, Methoden und Techniken sowie Abgrenzung zu systemischer Therapie


Hausarbeit, 2021

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Grundlagen systemischer Beratung gemäß der System­theorie
2.1 Der Begriff des Systems
2.2 Konstruktivismus
2.3 Die Autopoiese von Systemen
2.4 Kybernetik

3 Prinzipien und grundlegende Annahmen systemischer Beratung
3.1 Die Definition des Problems aus systemischer Perspektive
3.2 Die Zielsetzung systemischer Beratungsformen
3.3 Weitere essenzielle Grundprinzipien

4 Der systemische Werkzeugkoffer: Methoden und Techniken
4.1 Zum Setting systemischer Beratungen
4.2 Ausgewählte systemische Interventionen

5 Abgrenzung von systemischer Beratung zu systemischer Therapie

6 Fazit: Bedeutung und Nutzen von systemischer Beratung für die Soziale Arbeit

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Der Begriff der Beratung begegnet uns im Alltag in vielen unterschiedlichen Zu­sammenhängen: so fungiert man womöglich bisweilen als Modeberater*in der besten Freundin beim Einkaufsbummel, bei Finanzfragen wendet man sich ver­trauensvoll an seine*n Bankberater*in und vor einer größeren Anschaffung emp­fiehlt sich ein Beratungsgespräch im Fachhandel.

So freimütig wir mit der Bezeichnung „Beratung“ im Alltagsgeschehen umgehen, so essenziell und spezifisch ist das Arbeitsfeld, welches er beschreibt, für die sozialarbeiterische Praxis. Es handelt sich bei der Beratung um eine weitverbrei­tete und buntgefächerte Hilfeform der Sozialen Arbeit.1

Im professionellen Verständnis der Sozialen Arbeit sowie anderer, beratender Disziplinen, wird Beratung betrachtet als eine Interaktion zwischen zwei (oder mehreren) Beteiligten, wobei eine beratende Partei eine ratsuchende Partei unter Zuhilfenahme kommunikativer Mittel dabei unterstützt, im Hinblick auf eine kon­krete Frage oder Problemlage zu mehr Orientierung und infolgedessen auch zu mehr Lösungskompetenz zu gelangen.2 So steht der/die Beratende dem/der Rat­suchenden zur Seite, wenn diesem/r sich in Bezug auf eine gewisse Anforde­rungssituation (noch) nicht zurechtfindet, und unterstützt ihn/sie dabei, Ziele und Wege zur Problemlösung zu definieren, um entsprechende Handlungsschritte zur Erreichung der Ziele festzulegen, diese durchzuführen, sowie die ausgeführ­ten Vorgehensweisen im Nachhinein auf ihre Tauglichkeit hin zu reflektieren.3

Um einen konkreten Ansatz aus der Fülle der differenzierten Beratungskonzepte näher zu beleuchten, soll der Fokus der hier vorgelegten Hausarbeit auf der sys­temischen Beratung als einer speziellen (Aus-)Richtung psychosozialer und so­zialpädagogischer Beratung im Praxisfeld Sozialer Arbeit liegen.

Vor diesem Hintergrund ist es Ziel der folgenden Ausführungen, die Bedeutung und den spezifischen Nutzen von systemischer Beratung in der sozialen Arbeit aufzuzeigen.

2 Theoretische Grundlagen systemischer Beratung gemäß der System­theorie

Anders als bei anderen konzeptionellen Orientierungen auf dem Feld psychoso­zialer Beratung lässt sich im Bereich systemischer Beratung kein*e einzelne*r Begründer*in ausmachen. Vielmehr nahmen verschiedene theoretische Strö­mungen Einfluss auf das, was heute unter dem systemischen Beratungsansatz verstanden wird.

Ihren praktischen Ursprung fand die systemische Perspektive des Beratens in der sozialpädagogischen bzw. therapeutische Arbeit mit Familien in den 1950er Jahren. Durch eine Veränderung des professionellen Blickwinkels vor allem der (Psycho-)Therapeuten, wurde die gewichtige Bedeutung erkennbar, die der Ein­bettung des Einzelnen in soziale Systeme - allen voran der in die eigene Familie - zukommt.

Von hier aus entwickelte sich die systemische Position nach und nach hin zu einem systemisch-konstruktivistischem Denkansatz mit stabilem theoretischem Fundament, wodurch die alleinige Dominanz therapeutischer Konzepte aufge­weicht und eine systemisch inspirierte Ausrichtung sozialarbeiterischer Bera­tungsangebote an Relevanz gewinnen konnte.4

Um bestehende Annahmen und Vorgehensweisen innerhalb der systemischen Beratung begreifen und verstehen zu können, ist es unumgänglich, zunächst ei­nige zentrale Schlagworte und Aspekte systemischen Denkens zu erläutern.

2.1 Der Begriff des Systems

Als System wird sowohl im alltäglichen Sprachgebrauch wie auch in der Wissen­schaft ein strukturiertes, zusammenhängendes Ganzes verstanden, dessen Teile, bestimmten Regeln folgend, miteinander verknüpft sind.5

So kann der Begriff „System“ ebenso einen ausgeklügelten Apparat beschreiben wie einen lebenden Organismus oder auch soziale sowie politische Einheiten und vieles anderes mehr. Systemen ist eigen, dass sie wiederum aus Teilsystemen bestehen. Im sozialen Kontext wäre beispielsweise ein einzelner Mensch sowohl ein eigenes System als auch Teil eines Systems „Paar“, welches wieder Teil ei­nes Systems „Familie“ wäre und so weiter.

Systeme können verstanden werden als eine Menge von Elementen, die in einer Wechselwirkung zueinander stehen ähnlich Zahnrädern und deren funktionales Zusammenwirken davon abhängt, ob gewisse Regeln und Prinzipien eingehalten bzw. befolgt werden.

Obwohl die Systemtheorie in ihren Wurzeln der Biologie und somit den Naturwis­senschaften entstammt (Bertalanffy, 1957), wurde sie ab Mitte der 1960er Jahre auch in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, allen voran in der Soziologie (Parsons), aufgegriffen und stetig ergänzt und weiterentwickelt (Luhmann).

Als von zentraler Bedeutung für die Schaffung und Aufrechterhaltung von Syste­men erweisen sich soziale Interaktion und Kommunikation. Durch sie wird das Verhältnis der einzelnen Teilsysteme untereinander sowie zu den übergeordne­ten Systemen definiert.6

Hierbei ist außerdem anzumerken, dass zu jedem System stets ein „Innen“ und ein „Außen“ existieren, wobei die Zusammenhänge und Beziehungen innerhalb des Systems sich maßgeblich von jenen außerhalb unterscheiden, etwa indem sie intensiver wirken.7

Abschließend soll der Umstand nicht unerwähnt bleiben, dass soziale Systeme anders als vollends durchschaubare und vorhersagbare Maschinen funktionieren und aufgrund ihrer Reziprozität in stetigem Wandel begriffen sind, können sie als lebende Systeme gelten im Gegensatz zu jenen mechanischen, trivialen Syste- men.8

2.2 Konstruktivismus

Grundsätzlich ist unter Konstruktivismus eine philosophische Weltsicht zu verste­hen, welche die Existenz einer Realität allein durch die Wahrnehmung dieser durch Individuen postuliert. Infolgedessen gibt es keine objektive Realität unab­hängig von Einzelnen, die diese für sich interpretieren. Die Rolle des Beobach­ters ist im Konstruktivismus demnach von fundamentaler Bedeutung.9

Schlägt man den Bogen von dieser Annahme aus hin zu systemischen Bera­tungskonzepten, ist festzuhalten, dass die jeweils subjektive Wahrnehmung und Interpretation der Realität durch einzelne Personen nie losgelöst von deren Her­kunft Alter Geschlecht. speziellen Denkmustern, Erfahrungen, kulturellem Hinter­grund und ähnlichem betrachtet werden kann. Jeder Mensch wird seiner subjek­tiven Wirklichkeit ganz eigene Bedeutungen zuweisen und bei ihrer Beurteilung jeweils unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Dies ist im Rahmen systemischer Beratung insofern interessant, als dass sich der Berater stets über die unter­schiedlichen Ideen von Wirklichkeit seiner Klienten (und seiner selbst) im Klaren sein muss.10

2.3 Die Autopoiese von Systemen

Lebende Systeme gelten als autopoietisch (griech. autos = selbst; poiein = ge­stalten, machen), weil sie sich durch einen Mechanismus der Selbstreproduktion auszeichnen.11

Da Individuen als lebende Systeme ihre Wirklichkeit subjektiv wahrnehmen, wo­bei diese subjektive Wahrnehmung gleichsam immer auch Ausdruck des vorherr­schenden gesellschaftlichen und kulturellen Systems ist, kann auch jedes Kom­munizieren und Handeln als Ausdruck der subjektiv gedeuteten Realität erachtet werden, also als gelebte subjektive Wirklichkeit.12

Das Handeln als Interaktion verschiedener Systeme miteinander stellt das Aufei­nanderbezogensein der Subsysteme innerhalb eines Systems dar. Gleichzeitig bildet es die Membran zur Abgrenzung gegenüber der Außenwelt. Hieraus ergibt sich das systemtheoretische Postulat der „operationalen Geschlossenheit“ von Systemen: In jedem Handeln lebender Systeme werden die Regeln der überge­ordneten Systeme sichtbar und führen wegen des hohen Grads, in welchem Sys­teme aufeinander bezogen sind (strukturelle Kopplung von Systemen13 ), dazu, dass autopoietische Systeme sich in einer grundsätzlichen Zirkularität selbst re- produzieren.14

In diesem Zusammenhang soll auch der Begriff der Homöostase nicht unerwähnt bleiben. Er beschreibt selbstregulatorische Vorgänge des Systems, die der Er­haltung der innersystemischen Balance sowie des Gleichgewichts zwischen dem System und seiner Umwelt dient.15 16

2.4 Kybernetik

Die Lehre der Kybernetik, welche ebenso wie der Systemgedanke im Allgemei­nen den Naturwissenschaften entlehnt ist, bezeichnet die Steuerungslehre von (technischen) Systemen.17

Bezogen auf lebendige, soziale Systeme und im Kontext systemischer Bera­tungsansätze meint Kybernetik die den Systemen zugehörigen (Selbst-)Steue- rungsmechanismen. Ohne das Vorhandensein dieser Steuerungselemente in so­zialen Gefügen wäre systemisches Arbeiten kaum möglich, denn nur so können unter Zuhilfenahme geeigneter Interventionsstrategien bei Systemen durch „Ver­störungen“ (Perturbationen) neue Gleichgewichtsbestrebungen angestoßen wer- den.18

Ab den 1980er Jahren weckte dann auch die Rolle des Beobachters als bisher vernachlässigtem Bestandteil des Systems das Interesse der Systemiker. Da der Beratende das System bereits durch sein Beobachten allein verändert, er seine Realität jedoch genau wie die anderen Systemteile aus der Kommunikation in­nerhalb des Systems heraus konstruiert, spricht man in diesem Zusammenhang von einer Kybernetik 2. Ordnung.[19]

3 Prinzipien und grundlegende Annahmen der systemischen Beratung

Im nachfolgenden Kapitel sollen einige zentrale Haltungen erläutert werden, die zum Verständnis systemischer Beratungsansätze notwendig sind.

Zunächst einige grundsätzliche Aspekte, die sich aus den bisherigen Ausführun­gen bereits ergeben:

Objekt systemischer Beratung ist nicht der einzelne Mensch, sondern die Kom­munikations- und Interaktionsmuster zwischen den Mitgliedern eines Systems (z.B. einer Familie), da diese nicht nur als Medien oder Vehikel zu betrachten sind, sondern da sie auch die Elemente eines Systems aneinander binden und dieses als solches reproduzieren; sie sind quasi der „Leim“ zwischen den einzel­nen Systemangehörigen.20 21

3.1 Die Definition des Problems aus systemischer Perspektive

Beratung oder Therapie findet natürlich meist dort statt, wo eine wie auch immer geartete Störung oder ein Problem auftritt. Im systemischen Verständnis ist ein Problem (oder Symptom) nicht das Merkmal oder eine Eigenschaft einer Person/ eines Umstands, ebenso handelt es sich dabei auch nicht um einen augenblicklichen Zustand. Ein System erzeugt selbst ein Problem und zwar tut es dies über (gestörte) Kommunikation als Form des In-Beziehung-Stehens.22 23 Da gemäß systemischer Konzepte keine Einzelpersonen, sondern Systeme so­wie die Beziehungen innerhalb dieser im Fokus stehen, wird das Element des Systems, an dem sich die Problematik zu manifestieren scheint, Symptomträger bzw. Indexpatient (in der Beratung wohl eher Indexklient) genannt. Allerdings ist noch einmal zu betonen, dass der Symptomträger (z.B. das Familienmitglied) nicht selbst das Problem des Systems ist.24 25

[...]


1 Sickendiek/Nestmann, 2018, S. 217-219.

2 Sickendiek/Engel/Nestmann, 2002, S. 13.

3 Sickendiek/Engel/Nestmann, 2002, S. 15.

4 Haselmann, 2009, S. 157.

5 Sickendiek/Engel/Nestmann, 2002, S. 180.

6 Sickendiek/Engel/Nestmann, 2002, S. 180-182.

7 Nußbeck, 2014, S. 67

8 Nußbeck, 2014, S. 67-68.

9 Büttner/Quindel, 2005, S. 71.

10 Büttner/Quindel, 2005, S. 71-72.

11 Kiel, 2020, S. 39.

12 Schubert/Rohr/Zwicker-Pelzer, 2019, S. 117-118.

13 Kiel, 2020, S. 46.

14 Schubert/Rohr/Zwicker-Pelzer, 2019, S. 117-119.

15 Nußbeck, 2014, S. 68.

16 Deller/Brake, 2014, S. 257-258.

17 Nußbeck, 2014, S. 66.

18 Nußbeck, 2014, S. 66-67.

19 Nußbeck, 2014, S. 71.

20 Schubert/Rohr/Zwicker-Pelzer, 2019, S. 91.

21 Sickendiek/Engel/Nestmann, 2002, S. 182.

22 Schubert/Rohr/Zwicker-Pelzer, 2019, S. 100.

23 Sickendiek/Engel/Nestmann, 2002, S. 183.

24 Büttner/Quindel, 2005, S. 68-69.

25 Deller/Brake, 2014, S. 201-202.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Systemische Beratung in der Sozialen Arbeit
Untertitel
Prinzipien, Methoden und Techniken sowie Abgrenzung zu systemischer Therapie
Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Abt. München
Note
2,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
20
Katalognummer
V1244292
ISBN (Buch)
9783346668929
Sprache
Deutsch
Schlagworte
systemische, beratung, sozialen, arbeit, prinzipien, methoden, techniken, abgrenzung, therapie
Arbeit zitieren
Franziska Gansmeier (Autor:in), 2021, Die Systemische Beratung in der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1244292

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