Seit jeher hat das Außergewöhnliche eine starke Anziehungskraft auf den Menschen. Auch zeitgenössische Entwicklungen in Literatur und Kunst zeigen, dass es in seiner Natur liegt, immer wieder nach Wegen zu suchen, das ihm Unbegreifliche zu erklären. Eine Erklärungsstrategie stellt die Phantastik und Fantasyliteratur dar, welche das Übernatürliche konkret thematisiert und, ersichtlich an Verfilmungen wie The Lord of the Rings, The Chronicles of Narnia und nicht zuletzt Harry Potter, erneut an Beliebtheit zugenommen hat. Gerade diese Popularität ist es aber, die den Argwohn der akademischen Seite hervorruft. So wird oft angenommen, "the fantastic is [...] a form of literature not fit for serious study." Die große Beliebtheit dieser Literaturform sollte aber gerade ein Grund sein, sich mit den Ursachen dafür auseinanderzusetzen.
Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Reihe, ist mittlerweile "von den Kultur- in die Gesellschaftsabteilungen übergelaufen". Ihr außerordentlicher Erfolg ist aber keineswegs nur geschickt angewendeten Marketingstrategien zu verdanken, sondern auch ihrer textinternen Beschaffenheit. Diese Ursachen für ihre enorme Popularität zu ergründen, wurden die Harry-Potter-Bücher für die vorliegende Arbeit ausgewählt. Mittlerweile gibt es auch einige Forschungsliteratur, welche die Romane vor allem psychologisch und soziologisch auf ihre Wirkung hin betrachten. Neben diesen Aspekten soll der Text hier überwiegend literaturwissenschaftlich untersucht werden. Er ist jedoch nicht nur phantastische, sondern auch Kinder- und Jugendliteratur, was es umso bemerkenswerter macht, dass sich weltweit mit diesem Phänomen auseinandergesetzt wird. Deshalb soll in der vorliegenden Arbeit auch die textimmanente Pädagogik erörtert werden.
Da "kein Text [...] wirklich einzigartig, vollkommen originell [, sondern immer] ein Geflecht von literarischen Bezügen" ist, lassen sich in der Regel wiederkehrende Strukturen ausmachen, die ihn einem bestimmten Genre zuordnen. In diesem Fall gilt es zunächst, die Phantastik zu definieren und ihre wichtigsten Strukturen, Zwei-Welten-Modell, Magie und Konfliktbewältigung, herauszuarbeiten. Danach soll sich den Merkmalen der Kinder- und Jugendliteratur gewidmet und ihre Verknüpfung mit dem Phantastischen sowie der pädagogische Aspekt dargelegt werden.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Thema und Fragestellung
2. Theorie der Phantastik
2.1. Begriff
2.2. Mögliche Definitionen
2.2.1. Maximalistische Phantastik
2.2.2. Minimalistische Phantastik
2.2.3. Einige Abgrenzungen
2.3. Phantastik und Realität
2.3.1. Realismusproblem
2.3.2. Lösung des Realismusproblems
2.4. Das Phantastische: Eine strukturelle Herangehensweise
2.4.1. Das Zwei-Welten-Modell
2.4.2. Magie
2.4.3. Konfliktbewältigung und Kontrastkonzept
2.5. Die Strukturen des Phantastischen
2.6. Funktionen phantastischer Literatur
3. Kinder- und Jugendliteratur
3.1. Definitionsansätze und Konzepte
3.2. Abgrenzung der Jugendliteratur
3.3. Phantastische Kinderliteratur
3.4. Phantastische Jugendliteratur
4. Phantastische Kinder- und Jugendliteratur
4.1. Funktionen phantastischer Kinder- und Jugendliteratur oder die immanente Pädagogik
5. Analyse: Die Harry-Potter-Romane
5.1. Vorgehensweise
5.2. Strukturen des Phantastischen in Harry Potter
5.2.1. Die zwei Welten
5.2.2. Das Magische
5.2.3. Konflikte und Kontraste
5.3. Harry Potter als phantastischer Roman
5.3.1.Das Phantastische im Phantastischen: "King's Cross"
6. Harry Potter als Kinder- und Jugendliteratur
6.1. Harry Potter als phantastisches Kinderbuch
6.2. Harry Potter als phantastisches Jugendbuch
6.3. Die Gattungsmuster der Harry-Potter-Romane
6.3.1. Der Entwicklungsroman
6.3.2. Die Internatsgeschichte
6.3.3. Der Detektivroman
7. Schlusswort
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Magisterarbeit analysiert die literarischen Strukturen der Harry-Potter-Reihe von J. K. Rowling, um die Gründe für deren außerordentlichen Erfolg sowie deren literarische Qualität zu ergründen, wobei eine literaturwissenschaftliche Untersuchung der phantastischen und gattungsspezifischen Merkmale im Fokus steht.
- Definition und Strukturierung der Phantastik anhand theoretischer Modelle
- Untersuchung der Kinder- und Jugendliteratur und ihrer pädagogischen Implikationen
- Analyse des Zwei-Welten-Modells, der Magie und der Konfliktstrukturen in den Harry-Potter-Romanen
- Anwendung gattungstheoretischer Muster (Entwicklungsroman, Internatsgeschichte, Detektivroman) auf das Werk
Auszug aus dem Buch
5.2.1. Die zwei Welten
In den Harry-Potter-Romanen existieren zwei Welten nebeneinander. Beide sind nach dem Modell einer empirischen Welt geschaffen und haben ihren Handlungsschwerpunkt in Großbritannien. Die primäre Welt wird hauptsächlich durch London und den fiktiven Vorort "Little Whinging" repräsentiert, wo sich das Haus der Familie Dursley befindet, in dem auch Harry Potter wohnt. Auch die mittelständische Sicht der Dursleys sowie ihre vornehmliche Durchschnittlichkeit sind mit dem Realitätskonzept des implizierten Lesers vereinbar. Die sekundäre Welt hat ebenfalls die innere Konsistenz von Realität, allerdings eher im Hinblick auf die zyklische Zeitrechnung und die im mehr oder weniger definierbaren Raum agierenden Figuren denn auf Geographie und sozialen Rang. Die Hexen und Zauberer der Sekundärwelt nennen die Menschen in der Primärwelt "Muggles". Damit werden nichtmagische Personen schon auf sprachlicher Ebene bagatellisiert und ihre Gewöhnlichkeit gegenüber den magischen Fähigkeiten der Zauberer untermauert. Es gibt keine wirkliche räumliche Trennung, sondern vielmehr eine "verblüffend folgerichtig und konsequent kritikimmun durchbuchstabierte Parallelisierung von Muggel- und Zaubererwelt". Im nichtmagischen verbirgt sich noch ein magisches London, wovon die "Muggles" nichts ahnen. Es gibt also eine Parallelwelt, eine Art Subsystem, das innerhalb der primären Welt liegt. Der Erzähler und der implizite Leser folgen Harry dorthin, es handelt sich daher um eine offene Sekundärwelt. Auch sonst ist die Trennung der Welten wenig konsequent. In der Anderswelt gibt es beispielsweise Personen, die halb "Muggle", halb Zauberer sind. Außerdem ist das Anwenden von Magie in der Primärwelt zwar verboten, aber keineswegs unmöglich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Thema und Fragestellung: Diese Einleitung begründet die Auswahl der Harry-Potter-Romane als Untersuchungsgegenstand und legt die literaturwissenschaftliche Zielsetzung der Arbeit dar.
2. Theorie der Phantastik: Dieses Kapitel erörtert grundlegende Definitionen, Strukturen und Funktionen phantastischer Literatur, um ein theoretisches Fundament für die anschließende Analyse zu schaffen.
3. Kinder- und Jugendliteratur: Hier werden Konzepte und Abgrenzungen der Kinder- und Jugendliteratur diskutiert, insbesondere im Hinblick auf ihre pädagogische Funktion und deren Rezeption.
4. Phantastische Kinder- und Jugendliteratur: Dieses Kapitel verknüpft die Phantastiktheorie mit den spezifischen Anforderungen und Merkmalen des Kinder- und Jugendbuchs.
5. Analyse: Die Harry-Potter-Romane: Hier erfolgt die konkrete Anwendung der theoretischen Konzepte (Zwei-Welten-Modell, Magie, Konflikte) auf die Romanreihe von J. K. Rowling.
6. Harry Potter als Kinder- und Jugendliteratur: Dieses Kapitel analysiert die spezifischen Gattungsmuster – Entwicklungsroman, Internatsgeschichte und Detektivroman – innerhalb des Werks.
7. Schlusswort: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt die literarische Bedeutung der Harry-Potter-Reihe hervor.
Schlüsselwörter
Phantastik, Kinderliteratur, Jugendliteratur, Harry Potter, J. K. Rowling, Zwei-Welten-Modell, Magie, Entwicklungsroman, Internatsgeschichte, Detektivroman, Literaturtheorie, Gattungsmuster, Realismus, Pädagogik, Leseridentifikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literaturwissenschaftlichen Analyse der Harry-Potter-Reihe von J. K. Rowling und untersucht, wie phantastische Strukturen und Gattungsmuster der Kinder- und Jugendliteratur in den Romanen kombiniert werden.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Theorie der Phantastik, den Konzeptionen von Kinder- und Jugendliteratur sowie der narrativen Komplexität der Harry-Potter-Bücher.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Gründe für den außerordentlichen Erfolg der Reihe zu ergründen und die spezifischen literarischen Methoden aufzuzeigen, die Harry Potter sowohl für Kinder als auch für Erwachsene attraktiv machen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung nutzt einen literaturwissenschaftlichen Ansatz, der Elemente der Strukturalistik (nach Todorov) und spezifische Ansätze zur Kinder- und Jugendliteraturforschung kombiniert, um den Text zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Definition phantastischer und kinderliterarischer Gattungsmerkmale sowie einen analytischen Teil, in dem diese Merkmale auf die Harry-Potter-Romane angewendet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Phantastik, Zwei-Welten-Modell, Magie, Entwicklungsroman, Internatsgeschichte, Detektivroman, Literaturtheorie sowie Sozialisation und Pädagogik.
Wie unterscheidet sich die phantastische von der realistischen Jugendliteratur?
Während realistische Jugendliteratur mimetisch konstruiert ist und sich mit der gegenwärtigen Lebensrealität befasst, nutzt die phantastische Jugendliteratur eine alternative Welt als Schauplatz, um Krisenbewältigung und Entwicklung symbolisch zu thematisieren.
Welche Bedeutung hat das Kapitel "King's Cross" im siebten Band?
Das Kapitel dient als Beispiel für eine Doppelstruktur des Phantastischen, in der eine weitere fiktive Ebene eingezogen wird, die den subjektiven Realitätsbegriff des Protagonisten und des Lesers hinterfragt.
Warum spielt das Detektivgenre eine Rolle in den Romanen?
Das Detektivschema dient als handlungsförderndes Element, das durch den regressiven Aufbau der Spannung die aktive Kombinationsgabe des Lesers fordert und eine mysteriöse Atmosphäre in der Zauberwelt schafft.
- Arbeit zitieren
- Juliane Trebus (Autor:in), 2008, Strukturen des Phantastischen und Gattungsmuster der Kinder- und Jugendliteratur in J. K. Rowlings Harry-Potter-Romanen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124466