Klinische Sozialarbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie


Bachelorarbeit, 2021

55 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gegenstandsbestimmung „Klinische Sozialarbeit"
2.1 Entstehungsgeschichte
2.2 Begriffsdefinition
2.3 Theoretische Rahmung, Abgrenzung und Aufgabenbereiche

3 Einfuhrung in die Soziale Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
3.1 Die Arbeit in einem multiprofessionellen Team
3.2 Die Anforderungen an die Sozialarbeitenden in der Kinder- und Jugend­psychiatrie
3.3 Die Klientel: Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen
3.4 Die Behandlung von Kindern und Jugendlichen in einem stationaren Setting.

4 Theoretische Grundlagen, Modelie und Handlungsansatze
4.1 Das biopsychosoziale Model 1
4.1.1 Bezug zur Klinischen Sozialarbeit
4.1.2 Kritik des biopsychosozialen Modells
4.2 Case Management in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
4.2.1 Entstehung und Entwicklung des Case Managements
4.2.2 Case Management und Klinische Sozialarbeit
4.2.3 Kritik des Case Managements

5 Der Hilfeplanprozess und das Schnittstellenmanagement
5.1 Die Kinder- und Jugendhilfe
5.2 Hilfen zur Erziehung nach §§27 f. SGB VIII
5.2.1 Der Hilfeplanprozess in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
5.2.2 §35a SGB VIII Eingliederungshilfe fur seelisch behinderte Kinder und Jugendliche
5.3 Die Kooperation der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Kinder- und Jugendhilfe
5.4 Fallbeispiel aus der Praxis einer Kinder- und Jugendpsychiatrie
5.4.1 Schilderung der Problemlagen
5.4.2 Familienanamnese
5.4.3 Diagnostische Uberlegungen
5.4.4 Der Hilfeplanprozess und das Schnittstellenmanagement im Fall Moritz H
5.5 Die Studie „ASpeKT“ (Aussagen zu Schnitistellenkoordination bei psychisch erkrankten Kindern und Teens)
5.5.1 Methode
5.5.2 Auswertung der Ergebnisse
5.5.3 Empfehlungen fur die Praxis

6 Fazit

7 Ausblick

8 Quellen- und Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

I. Abb. 1 Stichprobe der qualitativen Befragung der Eltern

Tabellenverzeichnis

I. Tab.1 „Was hatte besser laufen konnen?"

1 Einleitung

In Deutschland leidet jedes funfte Kind und jede*r funfte Jugendliche unter einer psy- chischen Erkrankung oderVerhaltensauffalligkeit. Die Lebensphasen der Kindheit und Jugend sind zu einem hohen Malie pragend fur das gesamte Leben, weshalb psy- chisch erkrankte Kinder und Jugendliche auch als Erwachsene starker gefahrdet sind, erneut psychisch zu erkranken (vgl. BPtK 2020). Daruber hinaus belasten psychische Auffalligkeiten bei Kindern und Jugendlichen nicht nur die Betroffenen selbst, sondern haben auch einen gravierenden Einfluss auf die Familie und das gesamte soziale Um- feld (vgl. Holling et al. 2014, 809). Eine stationare Behandlung in einer Klinik fur Kinder- und Jugendpsychiatrie soil dazu fuhren, dass Kinder und Jugendliche wesentliche Vo- raussetzungen fur Lebensqualitat und soziale Teilhabe zuruckerlangen (vgl. Klipker et al. 2018, 37). Fur die sensible Phase wahrend und nach der Behandlung ist ein Netz- werk aus verschiedensten Professionen und Institutionen, welches in einem multipro- fessonellen Team systemubergreifend zusammenarbeitet, notwendig.

Innerhalb der Klinik fur Kinder- und Jugendpsychiatrie als Teil des Gesundheitswesens stellen die somatische Medizin und Klinische Psychologie die etablierten Professionen dar. Die Klinische Sozialarbeit gehort in vielen Fallen nicht zum behandelnden Kern­team und wird dementsprechend nur bei speziellem Bedarf hinzugezogen. Dies kann als Widerspruch im Hinblick auf die vielfaltigen Aufgabenbereiche und die komplexen Bedarfe der Betroffenen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie angesehen werden (vgl. Sommerfeld etal. 2016, 11).

Die Klinische Sozialarbeit soil als eine sogenannte Fachsozialarbeit die Koordination der jeweiligen Verantwortungsbereiche ubernehmen und „[...] auf die Forderung, Ver- besserung und den Erhalt der biopsychosozialen Gesundheit der Betroffenen abzie- len“ (vgl. Ertl 2016, 80). Ihre Aufgabenbereiche beinhalten neben psychosozialer Be- ratung insbesondere die Koordination zwischen den sogenannten Schnittstellen psy­chosozialer Hilfesysteme, wie beispielsweise der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Kinder- und Jugendhilfe und ist mitverantwortlich fur eine gelingende, sys- temubergreifende Behandlung und Versorgung von psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen sowie des gesamten Familiensystems (vgl. Boege et. al. 2020, 252).

Im Rahmen dieser Bachelor-Thesis soil daher die Relevanz der Klinischen Sozialarbeit im Kontext der stationaren Kinder- und Jugendpsychiatrie mittels verschiedener Mo- delle, Theorien und Handlungsansatze sowie aktueller empirischer Forschungsergeb- nisse anhand folgender Forschungsfrage untersucht und dargestellt werden:

Welche Bedeutung hat die Klinische Sozialarbeit bei der systemubergreifenden Be- handlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Hinblick auf den Hilfeplanprozess und das Schnittstellenmanagement?

Bei der vorliegenden Bachelor-Thesis handelt es sich um eine Literaturarbeit (Sekun- darforschung), weshalb keine selbststandig durchgefuhrte empirische Forschung er- folgte. Die wissenschaftliche Grundlage bildet eine systematische Literaturecherche sowie die Verwendung und Erlauterung von aktuellen, relevanten Forschungsergeb- nissen. Hierzu wurden unter anderem die Suchmaschine „Google Scholar" sowie ver- schiedene (internationale) Datenbanken darunter „Brockhaus eLibrary", ..Camebridge University", „Nomos Library", ..Springer Link eLibrary" und auch „Statista“ genutzt. Ne- ben einigen wissenschaftlichen Internetquellen wurde insbesondere Fachliteratur so- wohl in gedruckter als auch in digitaler Form verwendet. Mithilfe des „Beluga-Kata- logs", dem Katalog der Hamburger Bibliotheken, wurden (Fach-)Bucher, E-Books, Ar- tikel und Fachzeitschriften gefiltert. Das vorwiegend verwendete Bibliotheksportal ist die „Fachbibliothek Soziale Arbeit und Pflege", da sich die dortige Fachliteratur insbe­sondere auf die Themen Soziale Arbeit, Psychologie, Sozial- und Familienrecht und Sozialpolitik bezieht.

Um eine systematische Recherche zu gewahrleisten und die Hauptthemen der vorlie­genden Arbeit abzudecken, wurden folgende Keywords (Schlagworter) verwendet: ..Klinische Sozialarbeit", ..Schnittstellenmanagement Soziale Arbeit", Soziale Arbeit *AND* Kinder- und Jugendpsychiatrie, ..Kooperation Kinder- und Jugendhilfe und Kin­der- und Jugendpsychiatrie" und „Case-Management“. Nach den Keywords „biopsy- chosoziales Modell" beziehungsweise „biopsychosocial model" wurde sowohl im Deut- schen als auch im Englischen gesucht, da die Originalquelle nach Engel (1976) im Englischen verfasst wurde. Bezuglich der ubrigen Schlagworter ware eine Literatur- recherche in englischer Sprache wenig sinnvoll gewesen, da sich im Rahmen dieser Bachelorarbeit mit der Klinischen Sozialarbeit, den Hilfesystemen und sozialen sowie gesundheitlichen Institutionen in Deutschland beschaftigt wurde. Zur Beschreibung der Entstehungsgeschichte der Klinischen Sozialarbeit wurde jedoch der Bezug zur ..clinical social work" in den USA hergestellt. Die Hauptkriterien bei der Auswahl pas- sender Literatur waren zum einen das Erscheinungsdatum, um den Aktualitatsbezug der Erkenntnisse sicherzustellen, zum anderen sollte stets der Bezug zur Klinischen Sozialarbeit hergestellt werden, weshalb nur wenig Literatur verwendet wurde, die sich mit anderen Bereichen der Sozialen Arbeit beschaftigt.

Die Arbeit folgt in ihrem Aufbau dem Schema „vom Allgemeinen zum Spezifischen" (Sanduhrprinzip). Um einen Einstieg in die Thematikzu gewahrleisten, wird im zweiten Kapitel zunachst eine Gegenstandsbestimmung der Klinischen Sozialarbeit als Fach- sozialarbeit im Sinne einer Definition und geschichtlichen Einordnung erfolgen und die entsprechenden Aufgabenbereiche werden hierbei abgegrenzt.

Im darauffolgenden dritten Kapitel werden aufbauend auf den allgemeinen Informatio- nen zur Klinischen Sozialarbeit die spezifischen Aufgaben und Methoden von Sozial- arbeitenden sowie die Arbeit in einem multiprofessionellen Team in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erlautert. Anschlieliend werden die verschiedenen Arten, Pravalen- zen und auslosenden sowie aufrechterhaltenden Faktoren psychiatrischer Erkrankun- gen bei Kindern und Jugendlichen beschrieben. In diesem Zusammenhang wird zu- dem auf die Besonderheiten bei der Arbeit mit psychisch erkrankten Kindern und Ju­gendlichen eingegangen werden.

Im vierten Kapitel erfolgt eine Darstellung theoretischer Grundlagen der Klinischen So­zialarbeit sowie der Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie anhand des biopsy- chosozialen Modells als ein Verstandnis zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Gesundheit und Krankheit. Dieses wird in Bezug zur Klinischen Sozialarbeit gesetzt. Der Ansatz des Case Managements wird als eine zentrale Handlungsstrategie der Kli­nischen Sozialarbeit vorgestellt und evaluiert.

Im Rahmen des funften Kapitels werden das Hilfeplanverfahren und das Schnittstel- lenmanagement im Zusammenhang mit der Relevanz einer koordinierenden Klini­schen Sozialarbeit erortert. Dabei liegt der Fokus auf der Schnittstelle zwischen Kin­der- und Jugendpsychiatrie und Kinder- und Jugendhilfe. Dies beinhaltet eine kurze Beschreibung der Institution der Kinder- und Jugendhilfe sowie die Darstellung der Hilfen zur Erziehung nach dem achten Buch Sozialgesetzbuch einschlieBlich des Hilfeplanprozesses und der Eingliederungshilfe fur seelisch behinderte Kinder und Ju­gendliche gemali §35a SGB VIII.

Anhand des im darauffolgenden Kapitel erorterten Fallbeispiels aus der Praxis einer Kinder- und Jugendpsychiatrie wird die Relevanz der sozialarbeiterischen Tatigkeit in Bezug auf die Installation von Hilfesystemen und die Unterstutzung und Vernetzung von Betroffenen im Sinne des Schnittstellen- und des Entlassmanagements aufge- zeigt.

AnschlieBend werden aktuelle empirische Forschungsergebnisse bezuglich des Schnittstellen- und des Entlassmanagements mittels der „ASpeKT“-Studie (Aussagen zu Schnittstellenkoordination bei psychisch erkrankten Kindern und Teens) von Boege et. al. aus dem Jahr 2020 erbracht und diskutiert. Diese fungieren als Grundlage fur die Bewertung des Ist-Zustandes des systemubergreifenden Schnittstellenmanage- ments in Kinder- und Jugendpsychiatrien aus Sicht der Eltern. Anhand dieser Studie werden Empfehlungen fur die Praxis herausgearbeitet und vorgestellt.

Das sechste Kapitel beinhaltet ein abschlieliendes Fazit sowie die Beantwortung der Forschungsfrage. Anhand eines Ausblicks werden weitere relevante Theorien und Mo- delle sowie Forschungsdesiderate benannt werden, die jedoch den Rahmen dieser Arbeit uberschritten hatten.

2 Gegenstandsbestimmung „Klinische Sozialarbeit"

Um eine allgemeine Einfuhrung in die zu untersuchende Thematik zu gewahren, soli zunachst der Begriff „Klinische Sozialarbeit" definiert werden. Dies beinhaltet eine kurze geschichtliche Einordnung, die Definition und Abgrenzung zu anderen Professi- onen sowie einen ersten Einblick in grundlegende Theorien, Methoden und Hand- lungskonzepte.

2.1 Entstehungsgeschichte

Der Begriff „clinical social work (CSW)” hat seinen Ursprung in den Ansatzen des „caseworks“ der 1920er Jahre und wurde erstmals in den USA in den 1960er Jahren innerhalb des professionellen Sprachgebrauchs verwendet. Clinical social work wurde in der amerikanischen Sozialarbeit zunehmend popularer, sodass im Jahre 1978 die Anerkennung als eigene Profession durch die National Association of Social Workers (NASW) erfolgte (vgl. Pauls 2013, 13 f.). Heutzutage stellt clinical social work in den USA daher eine vollstandig akademisierte Profession dar, wobei das Gebiet der „men- tal health [11] sogar als ein Hauptbetatigungsfeld der Sozialen Arbeit gilt (vgl. Sommerfeld 2016, 10). Der Bereich der Klinischen Sozialarbeit in Deutschland enthalt einige zent- rale Elemente des amerikanischen clinical social work, wie beispielsweise die Zertifi- zierung und Entwicklung gewisser fachlicher Standards, stellt jedoch keine exakte Obernahme der US-amerikanischen Entwicklung dar (vgl. Pauls 2013, 14). Bereits in den Anfangen der Sozialen Arbeit in Deutschland wurde sich intensiv mit Gesundheits- und Krankheitsprozessen sowie deren sozialen Auswirkungen auseinandergesetzt. Neben der Arbeit mit Suchterkrankten gibt es auch in der Psychiatrie eine lange sowie intensive sozialpadagogische und sozialarbeiterische Tatigkeit. Im Zuge der ab den 1970er Jahren zunehmenden Auflosung von Anstaltspsychiatrien eroffnete sich mit dem neu entstandenen Konzept der Sozialpsychiatrie eine neue Handlungsbasis fur die Soziale Arbeit (vgl. Sommerfeld et al. 2016, 9 f.). In Deutschland gibt es bisher noch keine spezielle Weiterbildung fur die Klinische Sozialarbeit, dies konnte sich mit dem Masterstudiengang ..Klinische Sozialarbeit", der bereits an einigen deutschen Uni- versitaten und Hochschulen angeboten wird, andern. Bisher qualifiziert dieser Absol- vent*innen jedoch keineswegs fur ein spezifisches Arbeitsfeld (vgl. ebd., 10).

2.2 Begriffsdefinition

Professionelle Soziale Arbeit richtet sich in ihren verschiedenen Formen an die kom- plexen Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt. Soziale Arbeit soil Men- schen bei der Lebensbewaltigung unterstutzten, dysfunktionalem Verhalten vorbeu- gen und arbeitet daher schwerpunktmaliig auf ressourcenorientierte Veranderung so­wie Problemlosung hin (vgl. Kirchweger 2012, 275).

Mit der Bezeichnung „Klinische Sozialarbeit" ist terminologisch nicht zwangsweise der Bezug zu einem stationaren Krankenhaus-Setting Oder Sozialer Arbeit im Gesund- heitswesen gemeint. Ahnlich wie bei der Klinischen Psychologie handelt es sich viel- mehr um eine direkt beratend-behandelnde Fallarbeit, welche unabhangig vom ambu- lanten Oder stationaren Setting an verschiedenen Often wie beispielsweise ambulan- ten Beratungsstellen Oder stationaren Langzeiteinrichtungen stattfindet. Die Klinische Sozialarbeit als angewandte Teildisziplin der Sozialen Arbeit orientiert sich an den grundlegenden Zielen, wie „[...] der Forderung, Verbesserung und Erhaltung der psy- chosozialen Funktionsfahigkeit von Individuen, Familien und Gruppen" (Pauls 2013, 16), entwickelt diese weiter und weist eine Expertise in der psychosozialen Beratung, Behandlung und Prevention von schwerwiegenden Krisen und Erkrankungen auf (vgl. ebd.). Das traditionell in das Aufgabenfeld der Sozialen Arbeit fallende Konzept der Hilfe bei der Lebensbewaltigung wird durch Interventionen auf sozialer Ebene erganzt, die das Ziel haben, eine psychische Erkrankung zu behandeln. Dieses Arbeitsfeld kann als ein relativ neuer Zustandigkeitsbereich der Sozialen Arbeit gesehen werden, obwohl die Soziale Arbeit eine lange Tradition im Rahmen des Gesundheitswesens vorweist (vgl. Sommerfeld et al. 2016, 8 f.). Innerhalb der Klinischen Sozialarbeit inter- venieren Fachkrafte mittels eines breiten Angebotes diverser Hilfeformen und Struktu- ren, in denen spezifische Methoden der psychosozialen Diagnostik angewendet wer­den. Es gibt unterschiedliche theoretische und methodische Ausrichtungen, Schwer- punkte und Verfahren, sodass ein breites Spektrum an Klient*innen und Patient*innen versorgt werden konnen. Zu diesem Spektrum gehdren beispielsweise Menschen mit psychischen, korperlichen Oder sexuellen Misshandlungserfahrungen, Kinder, Ju- gendliche und Erwachsene mit psychischen Erkrankungen Oder korperlichen Beein- trachtigungen, Drogen- und Alkoholabhangige, Gewaltopfer und Menschen in familia- ren sowie entwicklungs- und situationsbezogenen Krisen (vgl. Pauls 2013, 17).

2.3 Theoretische Rahmung, Abgrenzung und Aufgabenbereiche

Theoretische Konzeptionen, auf die im Rahmen dieser Arbeit noch vertieft eingegan- gen wird, unterscheiden die Klinische Sozialarbeit von der klassischen Psychothera- pie, bei der es primar um innerpsychische Stdrungen des Individuums geht (vgl. Pauls 2013, 20). Die Klinische Sozialarbeit entwickelt daruber hinaus eigene sozialtherapeu- tische Ansatze, bei denen soziale Netzwerk- und direkte Beratungsarbeit mit den Kli- ent*innen im Sinne des Case Managements im Mittelpunkt stehen. Die Gleichsetzung mit der Psychotherapie stellt eine eindeutige Fehlinterpretation dar, da es bei der Kli- nischen Sozialarbeit insbesondere darum geht, die inneren und aulieren Bedingungs- zusammenhange der Problematik der jeweiligen Klient*innen zu verstehen, neue Ver- haltensmoglichkeiten zu erproben und konkrete Hilfe, Anleitung und Unterstutzung im Sinne einer koordinierenden und organisatorischen Funktion zu bieten (vgl. ebd., 19). Klinische Sozialarbeit fungiert daher in nahezu alien Fallen interdisziplinar und koope- riert mit verschiedensten Versorgungsnetzwerken. Die Klinische Sozialarbeit arbeitet zudem mit einer deutlich breiteren Klientel hinsichtlich der individuellen Stdrungen und Problemstellungen zusammen, als es in anderen Gesundheitsberufen der Fall ist. Dies ist zuruckzufuhren auf die multiplen Einsatzbereiche Klinischer Sozialarbeit sowohl in ambulanten, teilstationaren als auch stationaren Einrichtungen wie beispielsweise in Wohnheimen, beruflichen Rehabilitations- Oder Fortbildungszentren, Beratungsstel- len, sozialpsychiatrischen Diensten, Justizvollzugsanstalten, Tageskliniken Oder in Krankenhausern (vgl. Pauls 2013,18). In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bil- det die Klinische Sozialarbeit beispielsweise eine Schnittstelle zwischen Kinder- und Jugendpsychiatrien, der Kinder- und Jugendhilfe, dem Jugendamt, Schulen sowie am­bulanten und stationaren Einrichtungen und Beratungszentren der Kinder- und Ju­gendhilfe (vgl. ebd.). Pauls (2013) beschreibt die Klinische Sozialarbeit als einer der vielfaltigsten Bereiche im Hinblick auf die Tatigkeiten und die Klientel im Gesundheits- wesen:

„[. ■ Jgibt es wohl keinen Berufim psycho-sozialen und psychiatrischen Bereich, der wei- ter gestreute Aufgabenstellungen und Funktionen in der Arbeit mit hilfebedurftigen Men- schen erfullt als den im klinischen Feld tatigen Diplom-Sozialarbeiter/Sozialpadagogen[1]. “ (Pauls 2013, 18).

[1] Die Berufsbezeichnungen „Diplom Sozialpadagog*in“ und „Sozialarbeiter*in“ werden im Rahmen die. ser Arbeit als Synonym verstanden.

3 Einfuhrung in die Soziale Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

In diesem Kapitel wird eine Einfuhrung in die Klinische Soziale Arbeit im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgen. Dabei sollen zunachst grundsatzliche Infor- mationen zu Pravalenzen und Arten von psychiatrischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sowie auslosende und aufrechterhaltende Faktoren beschrieben werden. Daruber hinaus soil auf die Besonderheiten bei der Arbeit mit psychisch er- krankten Kindern und Jugendlichen eingegangen werden.

Das Fachgebiet Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) wird von der Deutschen Gesell­schaft fur Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) wie folgt definiert:

„Die Kinder- und Jugendpsychiatrie [...] umfasst die Erkennung, nichtoperative Behand- lung, Prevention und Rehabilitation bei psychischen, psychosomatischen, entwicklungs- bedingten und neurologischen Erkrankungen Oder Storungen sowie bei psychischen und sozialen Verhaltensauffalligkeiten im Kindes- und Jugendalter." (DGKJP 2021)

Haufig besteht die grundsatzliche Aufgabe der Institution Kinder- und Jugendpsychi­atrie darin, die kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik, die Beratung und die Psychoedukation durchzufuhren (vgl. Schmid 2010, 271). Als ein Teil des medizini- schen Versorgungssystems werden die Tatigkeiten der Kinder- und Jugendpsychiatrie durch die Beitrage zur gesetzlichen Krankenversicherung finanziert, die Gesetzes- grundlage bildet das funfte Buch Sozialgesetzbuch (SGB V) (vgl. Ketelsen 2017, 4). In den meisten Fallen erfolgt eine Einweisung in eine psychiatrisch-psychotherapeuti- sche Fachklinik fur Kinder und Jugendliche durch die Kinder- Oder Hausarzt*innen des betroffenen psychisch erkrankten Kindes Oder des Jugendlichen. Die haufigsten Ein- weisungsgrunde sind lebensbedrohliches Untergewicht, akute suizidale Absichten, selbstverletzendes Verhalten Oder auch Abhangigkeitserkrankungen (vgl. Howler 2016, 61). 1st das betroffene Kind minderjahrig, so erteilen die Erziehungsberechtigten die Einwilligung fur eine Einweisung. Bereits volljahrige Jugendliche, die aufgrund mangelnder Krankheitseinsicht einer stationaren Behandlung nicht einwilligen konnen Oder wollen, konnen nach dem Gesetz uber Hilfen und SchutzmaBnahmen bei psychi­schen Krankheiten (PsychKG) aufgrund von moglicher Eigen- Oder Fremdgefahrdung, eingewiesen werden. Da diese MaBnahme rechtlich unter Freiheitsentziehung fallt, bedarf dieses Vorgehen einer Anordnung vom zustandigen Amtsgericht in Zusammenarbeit mit dem sozialpsychiatrischen Dienst (vgl. Howler 2016, 61.). Je nach Komplexitat und Schwere des Stdrungsbildes kann sich ein stationarer Aufenthalt uber mehrere Behandlungswochen hinziehen (vgl. ebd., 62).

3.1 Die Arbeit in einem multiprofessionellen Team

Wahrend der stationaren Behandlung ubernimmt ein multiprofessionelles, interdiszip- linar arbeitendes Team die Sicherstellung aller Lebensaktivitaten. Innerhalb einer Kli- nik fur Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeiten verschiedenste Professionen interdis- ziplinar zusammen, urn die Bedurfnisse der Klientel bestmoglich zu befriedigen und den grdlitmdglichen Erfolg der Behandlung zu gewahrleisten. Die Aufgaben, Zusam- mensetzung und der jeweilige Bedarf an Personal sind nach den Vorschriften der Psy- chiatrie-Personalverordnung ausgerichtet (vgl. Huneke 2014, 5). Die Kinderkranken- und Gesundheitspfleger*innen, welche meist spezifische Fachweiterbildungen fur Psy- chiatrie absolviert Oder bestimmte Methoden erlernt haben, ubernehmen die Beglei- tung des Alltags der Patient*innen, stellen die arztlich verordnete Medikamentenein- nahme, die Korperhygiene sowie die Nahrungsaufnahme sicher und sind zuverlassige, stets erreichbare Bezugspersonen im Klinikalltag. Dieses Team wird teilweise erganzt durch ausgebildete Erzieher*innen, die insbesondere fur sehrjunge Patient*innen ta- gesstrukturierende Angebote vorbreiten und durchfuhren. Daruber hinaus gibt es ver- schiedene Fachtherapeut*innen. Ergotherapeut*innen sowie Kunst- und Musikthera- peut*innen bieten unter anderem Kreativangebote an, Logopad*innen entwickeln fur Kinder mit Sprachstdrungen ein entsprechendes therapeutisches Programm, Physio- therapeut*innen gestalten Bewegungs- und Entspannungsaktivitaten und Diatassis- tent*innen stellen individuelle Ernahrungsplanefurdie einzelnen Patient*innen auf und fuhren Ernahrungsberatungen durch. Spezielle Diagnostiken wie beispielsweise die kognitive Leistungsdiagnostik Oder die Diagnostik einer Autismus-Spektrum-Stdrung werden meist von Psycholog*innen durchgefuhrt. Fur die medizinischen und therapeu- tischen MaBnahmen sind Facharzt*innen fur Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Kin­der- und Jugendpsychotherapeut*innen zustandig (vgl. Howler 2016,62). Daruber hin­aus stellen die Lehrer*innen der klinikinternen Schule die Kommunikation zu den so- genannten AuBenschulen her und bieten so individuellen Unterricht fur die Patient*in- nen an (vgl. Huneke 2014, 5). Eine gute Zusammenarbeit und ein professionell ge- schultes Team sind notwendig, urn eine angemessene Versorgung fur die oftmals vulnerabel reagierenden Patient*innen zu gewahrleisten. Da insbesondere bei junge- ren Kindern die Trennung von den Eltern und die fremde Umgebung vorhandene Symptome noch verstarken konnen, ist eine enge padagogische Betreuung notwendig (vgl. Howler 2016, 62).

3.2 Die Anforderungen an die Sozialarbeitenden in der Kinder- und Jugend­psychiatrie

Bis heute ist der medizinische Diskurs der dominantere im Gesundheitswesen. Sozi- alarbeitende werden im klinischen Bereich von den etablierten Professionen wie der somatischen Medizin und der Psychologie zwar hochgeschatzt, aber oftmals nur bei speziellem Bedarf hinzugezogen und gehdren nicht zum eigentlichen Kernteam einer stationaren Behandlung. Daraus folgt, dass sie auch mit beschrankten Ressourcen ausgestattet werden. Die Trennung zeigtsich auch in den rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen, da das Sozialwesen und das Gesundheitswesen getrennte und vollkommen unterschiedlich strukturierte Systeme darstellen (vgl. Sommerfeld et al. 2016, 11). Da die Sozialarbeit nicht primar als ein Gesundheitsberuf gesehen wird, bewegt sie sich nach Sommerfeld et al. (2016) „[...] oft in einer rechtlichen Oder finan­ziellen Grauzone, was den Status der Hilfsprofession naturlich unterstreicht und zu dessen Reproduktion beitragt." (ebd., 11). Dies steht im Gegensatz zu der enormen Nachfrage und Relevanz einer koordinierenden Sozialen Arbeit, insbesondere in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

„Wenn man sich mit der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie auseinandersetzt, dann lassen sich zwei Haupterkenntnisse sozusagen nicht vermeiden: die enorme (potenzielle) Re­levanz und der (faktisch) wenig ausgebaute Status einer professionellen Sozialen Arbeit in der Psychiatrie (und im gesamten Gesundheitswesen)." (Sommerfeld et al. 2016, 5).

Es werden daher fundierte handlungswissenschaftliche Grundlagen benotigt, um die anderen Professionen uber die Kompetenzen und Fahigkeiten der Sozialen Arbeit in Kenntnis zu setzen (vgl. ebd., 13). Fur die Sozialarbeiter*innen, die in einer Klinik fur Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeiten, bedeutet dies, dass Fachkenntnisse uber die spezifischen Krankheitsbilder der Lebensphase Kindheit, Jugend sowie auch der er- wachsenen Lebensphase vorhanden sein sollten. Daruber hinaus sind Fachkennt­nisse uber die Sozialgesetzbucher, insbesondere uber das Achte Buch Sozialgesetz- buch notwendig. Zudem sollten Kenntnisse uberTheorien und Methoden der Sozialen Arbeit vorhanden sein wie beispielsweise die „Theorie der Lebensbewaltigung", Bera- tung und ihre (systemischen) Ansatze. Dadurch wird eine umfassende Blickperspek- tive auf sozial auffalliges Verhalten generiert und sich mit der Lebenswelt der Pati- ent*innen auseinandergesetzt (vgl. Tretjak 2017, 6 f.). Als personliche Kompetenzen sind insbesondere die eigene psychische Stabilitat, Selbstreflexion und Organisations- vermogen relevant (vgl. ebd., 7).

Die Klinische Sozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen fordert zudem eine andere Denkweise als es bei der Arbeit mit Erwachsenen der Fall ist (vgl. Schmid 2010, 217). Kindern und Jugendlichen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung einen statio­naren Aufenthalt absolvieren, wird die Bewaltigung der Entwicklungsaufgaben deutlich erschwert. Durch einen stationaren Aufenthalt kann es zu Beziehungsabbruchen kom- men (vgl. Kirchweger 2012, 277). Die Auswirkungen auf die familiare, schulische und auch berufliche Laufbahn durfen zudem nicht unterschatzt werden (vgl. ebd., 271). Die Klinische Sozialarbeit setzt an diesem Punkt an und legt ein besonderes Augenmerk auf die sozialen Beziehungen der Kinder und Jugendlichen. Zusatzlich zu den in der Klinik durchgefuhrten therapeutischen Familiengesprachen kann die Klinische Sozial­arbeit die sozialen Faktoren der Familie im Blick behalten und durch entsprechende Gesprache mit den Bezugspersonen die Ressourcen, die in der Familie vorhanden sind, nutzen, um den Behandlungsprozess zu unterstutzen und neue Perspektiven zu schaffen (vgl. ebd., 277).

Um die besonderen Bedurfnisse der Klientel darzustellen, wird im nachsten Kapitel auf die Klientel der Klinischen Sozialarbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eingegan- gen.

3.3 Die Klientel: Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen

In Deutschland ist jede*r fiinfte unter 18-Jahrige von einer psychischen Stdrung betroffen. GemaB den Aussagen der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) aus dem Jahre 2020 entstehen mehr als die Halfte aller psychischen Erkrankungen schon vor dem 19. Lebensjahr (vgl. BPtK 2020). Psychische Stdrungen konnen als Beein- trachtigung der normalen Funktionsfahigkeit des Erlebens und Verhaltens betrachtet werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Klinische Sozialarbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
Hochschule
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
55
Katalognummer
V1244953
ISBN (Buch)
9783346671585
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Klinische Sozialarbeit, Kinder- und Jugendpsychiatrie, KJP, Psychische Erkrankung, Kinder- und Jugendhilfe, Sozialpädagogik, Sozialarbeit, Schnittstelle, KiGGs Studie, Multiprofessionelles Team, Psychologie, Psychiatrie, Case Management, Biopsychosoziales Modell
Arbeit zitieren
Marlen Siewers (Autor:in), 2021, Klinische Sozialarbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1244953

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