Gesellschaftliche Andockstellen für Flüchtlinge. Erzählungen von Equity and Equality in Schule und Arbeit


Hausarbeit, 2022

19 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Der Systemtheoretische Inklusionsbegriff
2.2 Equality vs. Equity in Schule und Arbeit

3. Methodisches Vorgehen

4. Erzahlungen von Equality und Equity im Vergleich
4.1 ... in der Schule
4.2 ... in der Arbeit

5. Fazit

6. Abbildungsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Unsere Integrationspolitik verfolgt das Ziel, dass alle Menschen, die legal in Deutschland leben, von ihren zahlreichen Freiheiten Gebrauch machen und ihre Fahigkeiten nutzen konnen. Dabei helfen Ihnen zum Beispiel staatlich finanzierte Bildungs-, Sprachforder- und Beratungsangebote. Nutzen Sie die angebotenen MaBnahmen!“ schreibt der ehemalige Innenminister Horst Seehofer im Vorwort einer Informationsbroschure fur Einwandernde nach Deutschland (BAMF 2021, S. 8). Die erwahnten FordermaBnahmen sind Teil der sog. Willkommenskultur, welche Deutschland seit der Fluchtlingskrise ab 2015 zu pflegen scheint. Sie sollen Gefluchteten dabei helfen, sich in der Gesellschaft zu integrieren. Inklusion findet hierbei in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen statt, welche die unterschiedlichsten Herausforderungen aufwerfen. Wie sich die Inklusionsprozesse von Gefluchteten in diesen Orten - beispielsweise in der Schule, der Arbeit, der Arztpraxis, im Theater und auf dem Amt - genau gestalteten und unterscheiden, ist der Untersuchungsgegenstand eines Forschungsprojektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), durchgefuhrt an der Ludwig-Maximilians-Universitat in Munchen. Im Rahmen derselben Unternehmung findet eine Lehrveranstaltung statt, in der Studierende mit eigenen Forschungsarbeiten zum Vorhaben beitragen sollen. Diese Arbeit entsteht im Auftrag des Seminars „Gesellschaftliche Andockstellen fur Fluchtlinge“. Sie soll auf zwei Andockstellen scharfstellen, welchen immer wieder ein hohes MaB an Bedeutung zugeschrieben werden, namlich auf die Schule und die Arbeit. Der Besuch von Bildungs- und Arbeitsstatten scheint ein integraler Bestandteil des Erfolgsrezepts einer „gelungenen Integration[4] zu sein. Im Mittelpunkt der Analyse sollen verschiedene Gleichheits- und Ungleichheitserzahlungen von Expert*innen der beiden Andockstellen stehen. Angeleitet wird die Untersuchung durch die zwei sozialwissenschaftlichen Gleichberechtigungskonzepte „Equality“ und Equity. Sie sollen dabei helfen, mogliche Grenzziehungen zwischen Migrant*innen und Deutschen in der Inklusionspraxis von Schulen und Unternehmen zu identifizieren. Zuerst wird dafur das zugrundeliegende systemtheoretische Inklusionsverstandnis erlautert. Im Anschluss folgt die Vorstellung der Denkfiguren Equality und Equity, sowie die Prasentation des methodischen Vorgehens, welches die hermeneutische Analyse von sechs leitfadengestutzten Expert*inneninterviews vorsieht. AbschlieBend werden die Gleichheits- und Ungleicheitsnarrative bzgl. gefluchteter Schuler*innen und Arbeitnehmer*innen verglichen und zusammengefasst.

2. Theoretischer Rahmen

Nachdem das systemtheoretische Verstandnis von Inklusion erlautert wurde, sollen die Konzepte Equity und Equality naher beleuchtet werden. So soll ein theoretischer Rahmen geschaffen werden, der es erlaubt, die Erzahlungen von Gleichberechtigung Gefluchteter in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zu kontextualisieren und zu verstehen.

2.1 Der Systemtheoretische Inklusionsbegriff

Der fur die Arbeit verwendete Inklusionsbegriff stutzt sich auf Niklas Luhmanns Systemtheorie, spezifischer auf sein Verstandnis von funktionaler Differenzierung. Er geht davon aus, es gebe in der Gesellschaft eine Vielzahl sogenannter autopoietischer sozialer Systeme. Es handelt sich bei diesen Systemen um Kommunikation, die laufend an Kommunikation anschlieBt (Baraldi et al. 2021, S. 221-222). Nach Luhmann habe die moderne Gesellschaft unterschiedliche Subsysteme herausgebildet, welche jeweils eine spezifische Funktion erfullen. In jedem Funktionssystem bietet sich eine andere Perspektive auf die Gesellschaft. Ereignisse werden mit eigenen binaren Codes verarbeitet, ein spezifisches Medium dient der Erfullung der eigenen Funktion. Wichtig ist ebenfalls, dass zwischen den Funktionssystemen Interdependenzen herrschen, dass namlich alle Systemprozesse fur andere Systeme relevant werden konnen (Baraldi et al. 2021, S. 65-70). Die Aufgabe des Wirtschaftssystems ist die Knappheitsminderung, charakteristisch ist die Unterscheidung zwischen Zahlung und Nichtzahlung, durch das Geldmedium vollstreckt. Im Bildungssystem konnen aber auch Fragen der Wirtschaftlichkeit Bedeutung bekommen, wenn zum Beispiel ein staatliches Budget die Qualitat von Bildungseinrichtungen mitbestimmt. Jedoch bleibt das Kernproblem immer noch die Sozialisation von Individuen und nicht die Frage von Zahlungsfahigkeit. Unter der Gesellschaft ist sich also kein Setzkasten vorzustellen, der organismusahnlich auf seinen Erhalt hinarbeitet. Gleiche Vorkommnisse erscheinen lediglich in unterschiedlichen Funktionssystemen in einem anderen Licht und werden mit Hinblick auf das eigene Ziel analysiert. Eine funktional differenzierte Gesellschaft ist eher das Ergebnis eines historisch kontingenten Prozesses anstelle von notwendiger Arbeitsteilung. Es herrscht eine Gleichzeitigkeit von verschiedenen Perspektiven, die sich im Laufe der Zeit funktional herausgebildet haben. Alles kann in jedem Funktionssystem verarbeitet werden, nur eben operativ geschlossen, also getreu der eigenen Funktionslogik (Nassehi 2003, S. 15^169). Diese Arbeit beschaftigt sich mit der Einbindung von Gefluchteten in verschiedenen gesellschaftlichen Funktionssystemen. Es soll untersucht werden, wie als Migrant*in in den funktionalen Teilbereichen Erziehung/Bildung und Wirtschaft angedockt werden kann. Der verwendete Inklusionsbegriff bezieht sich dabei auf Niklas Luhmanns autopoietisches Verstandnis von gesellschaftlicher Differenzierung in der Moderne.

Ein anderes Inklusionsverstandnis bedient sich bis heute den Konzepten und Theorien der sogenannten Assimilationforschung. Unter Assimilation lasst sich - sehr grob formuliert - ein Prozess verstehen, in dem Einwandernde ihre Eigenschaften den Standards der Ankunftsgesellschaft anpassen (Esser 2003, S. 7). Ulbricht (2020) gibt einen Uberblick uber klassische bis aktuellere Assimilationsmodelle. Je nach empirischer Fragestellung eignen sich gewisse Verstandnisse von Assimilation besser oder schlechter. Jedoch teilen sie alle die Annahme, dass Gesellschaften nationalstaatlich begrenzt sind. Anpassung passiert demnach immer an die gesellschaftlichen Voraussetzungen eines fremden Nationalstaates. Die Vorstellung, im Migrationsvorgang musse die Zugehorigkeit zu einer bestimmten nationalen Gesellschaft aufgegeben werden, verurteilt die transnationale Theorieschule. Sie kritisiert das Containerdenken der Assimilationsforschung, nach dem Menschen nur in einer Nationalgesellschaft inkludiert sein konnen. Stattdessen geht der Transnationalismus von einer Welt aus, in der Globalisierung (beispielsweise Fortschritte in Mobilitats- und Kommunikationstechnik) grenzubergreifende Sozialraume geschaffen hat. Das absolute Raumkonzept, in dem Staatsgebiete mit Lebenswelten ubereinstimmen, weicht dem relativen Raumverstandnis, Landergrenzen und soziale Lebenswirklichkeiten sind nicht mehr deckungsgleich. Als Transnationalismus lasst sich sprich physisch-geographischer und psychisch-sozialer dauerhafter - nicht nur einmaliger - Ortswechsel verstehen (Pries 2003). Vertreter*innen des Transnationalismus wunschen sich zusammenfassend die Erweiterung von Integrationskonzepten um eine grenzubergreifende Ebene, auf der die multiple Eingliederung in verschiedene Nationalraume nicht kategorisch ausgeschlossen wird. Trotz unterschiedlicher Kritik, insbesondere durch transnationalistische Ansatze, halten Forschende am Assimilationsbegriff fest. So unter anderen Hartmut Esser (2003). Die strukturelle Assimilation von Migrant*innen in vorgefundene gesellschaftliche Verhaltnisse sei weiterhin eine notwendige Voraussetzung fur eine soziale Integration ohne ethnischer Schichtung, Segmentation, ungleicher Teilhabemoglichkeiten oder sozialer Desintegration. Seine Uberzeugung begrundet er theoretisch: Menschen streben nach physischem Wohlbefinden und sozialer Anerkennung, was durch primare Zwischenguter (etwa okonomischer Wohlstand) und sekundare Zwischenguter (z.B. Bildung) erreicht werden kann. Allochthone Individuen besitzen von diesen in der Regel weniger, eine Anpassung an den gesellschaftlichen Standard kann aber Zugang verschaffen. Beispielsweise ist es moglich, bessere Sprachkenntnisse zu erwerben, mit denen die Stellung im Arbeitsmarkt und somit der materielle Wohlstand 4 angehoben werden konnen. Esser leugnet mit seinem Assimilationsverstandnis nicht die funktional differenzierte Gesellschaft, er lehnt jedoch die radikale Annahme, Merkmale wie die Ethnie seien bei der Inklusion in Funktionssysteme irrelevant, ab. Die Ethnie bestimmt namlich in den meisten Fallen den Zugang zu wichtigen Zwischengutern und erschwert demnach eine einheitliche Integration. Armin Nassehi (1999) schatzt die Bedeutung der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung noch hoher ein und fordert einen deutlich niedrigschwelligeren Inklusionsbegriff. Dabei stutzt er sich auf seine Interpretation von Niklas Luhmanns autopoietischen Systemtheorie. Wahrend nach Nassehi im stratifikatorischem Integrationsverstandnis das Individuum einer Gesellschaftsgruppe oder Schicht zugewiesen werden kann (oder eben nicht), sei die abwechselnde Inklusion des Individuums in verschiedene Funktionssysteme die Realitat der Moderne. Jeder Mensch kann namlich unabhangig von Schichtzugehorigkeit mit den Codes des beispielsweise Rechts-, Wirtschafts- oder Gesundheitssystems kommunizieren. Inklusion kann folglich als zeitlich begrenztes Relevantwerden in den Kommunikationszusammenhangen gesellschaftlich ausdifferenzierter Subsysteme gedeutet werden. Es kann keinesfalls von einer dauerhaften Gesamtinklusion gesprochen werden, im Gegensatz zur Assimilationstheorie ist Ausgeschlossenheit die Norm. Denn Interaktionen verfolgen nicht zwingend die Logik eines Funktionssystems, sind sie doch haufig nur leer und funktionslos. Es kann jedoch jederzeit passieren, dass in Konversationen die Codes der Teilsysteme aufgenommen werden und in diese hineingeglitten wird. Dann folgt das, worunter Nassehi (angelehnt an Luhmann) Inklusion versteht. Namlich eine temporare, durch Kommunikation erfolgende Ankoppelung an ein Funktionssystem. In diesem sehr niedrigschwelligen Inklusionsverstandnis hebt Bommes (2003, S. 4^—51) einen vom Transnationalismus eingefarbten Aspekt hervor. Soziale Systeme sind transnational, die Gesellschaft hat namlich keine Grenzen. Doch wie wirkt sich dann der Gefluchtetenstatus auf die Inklusionschancen in die gesellschaftlichen Teilsysteme aus? Nassehi (1999, S. 12^—131) fuhrt aus, dass in der klassischen Systemtheorie individuelle Lebenslagen irrelevant fur das Funktionieren moderner Gesellschaften sind. Gefluchtete sind schlieBlich beispielsweise auch in das Wirtschaftssystem eingebunden, wenn sie nicht zahlungsfahig sind. Denn sie kommunizieren mithilfe des wirtschaftlichen Binar-Codes. Die Systemtheorie habe deshalb einen blinden Fleck fur die Ausstattung von Migrant*innen in Bezug auf Integration. Deshalb fordert Nassehi, die Ungleichheitssoziologie in gewisser Weise mit der Systemtheorie zu koppeln. Bommes (2003) kommt der Forderung nach und macht einen entsprechenden Vorschlag zur Lesart der Luhmannschen Systemtheorie:

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftliche Andockstellen für Flüchtlinge. Erzählungen von Equity and Equality in Schule und Arbeit
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Gesellschaftliche Andockstellen für Flüchtlinge
Note
1,3
Jahr
2022
Seiten
19
Katalognummer
V1244961
ISBN (Buch)
9783346671783
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeit, Schule, Flüchtlinge, Geflüchtete, Interview, Integration, Inklusion, Assimilation, Andockstellen, Flucht, Eingliederung, Schüler, Arbeiter, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Anonym, 2022, Gesellschaftliche Andockstellen für Flüchtlinge. Erzählungen von Equity and Equality in Schule und Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1244961

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gesellschaftliche Andockstellen für Flüchtlinge. Erzählungen von Equity and Equality in Schule und Arbeit



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden