Kasuskonstruktion und Verbsemantik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erläuterung der Begriffe
2.1 Syntaktische Funktionen
2.2 Semantische Rollen

3. Kasusrahmen und Verbbedeutung
3.1 Prädikative Bedeutung
3.2 Perspektivenwechsel
3.2.1 Sprecher-Hörer-Interesse
3.2.2 Handlungs-Perspektive und Vorgangs-/Zustands-Perspektive
3.3 Synonyme und homonyme Verben
3.3.1 Synonyme Verbpaare
3.3.2 Homonyme Verbpaare

4. Semantische Rollen
4.1 Dynamik und Kausalität
4.2 Unterscheidung der Perspektiven
4.3 Perspektivische semantische Rollen

5. Schlussfolgerung

6. Bibliografie

1. Einleitung

Im vierten Kapitel ihres Aufsatzes „Die verbalen Kasus des Deutschen: Untersuchungen zur Syntax, Semantik und Perspektive“ stellt Christa Dürscheid ganz ausführlich den Einfluss der Verbsemantik auf die Semantik der Kasus in einem deutschen Satz dar. Sie zeigt auch, dass man die Rollensemantik der Kasus-NPs über ihre Kombinatorik teilweise vorhersagen kann (1999: 210-222). Nun lässt sich auch Folgendes vermuten: Nicht nur die Rollensemantik der Kasus kann durch die Semantik des Verbs bestimmt werden, sondern sind auch umgekehrt die Rückschlüsse aufgrund der Kasuskonstruktionen auf die Semantik des Verbs erlaubt. Besonders deutlich kann man es bei den Verben sehen, die zwei verschiedenen semantischen Klassen zugeordnet werden können, und zwar nur aufgrund ihrer syntaktischen Umgebung (Dürscheid 1999: 223). Vgl.:

1. a) Peter bricht sein Bein.

b) Der Ast bricht in zwei Teile. und

a) Ich hänge meine Wäsche auf.

b) Die Wäsche hängt an der Leine.

Bei solchen Verben wie brechen und hängen kann man allein über die Konstruktion erschließen, dass es in a)-Beispielen um einen Vorgang und in b)-Beispielen um eine Handlung geht.

Ein weiterer Grund zum Überlegen, ob der Kasusrahmen selbst bedeutungstragend ist, ergibt sich, wenn man ein potentielles Verb betrachtet, dem im Deutschen keine Bedeutung zugeordnet werden kann, z. B. das Verb blehen in folgenden Beispielsätzen:

2. a) x bleht y,

b) x bleht y + Dativ-NP.

In 2a) wird das Verb blehen als ‚etw./jdn. effizieren oder affizieren’ interpretiert, wobei in 2b), mit dem Hinzufügen einer Dativ-NP, bekommt dieses Verb im weitesten Sinne die Bedeutung von ‚jdm. etwas übermitteln’ bzw. ‚jdm. etwas tun’. Das heißt, die Bedeutung des potentiellen Verbs hängt von der Kasuskonstruktion, in der es vorkommt ab.

Auch Zaima weist darauf hin, dass bei demselben Verb seine Bedeutung je nach der syntaktischen Umgebung variieren kann. Es wird am Beispiel des Verbs schütteln gezeigt:

3. a) Er schüttelt den Baum → NP (Nom) – NP (Akk)

b) Er schüttelt die Äpfel vom Baum → NP (Nom) – NP (Akk) PP

Im Satz 3a) wird durch die syntaktische Struktur NP (Nom) – NP (Akk) eine ‚einfache’ Handlung ausgedrückt mit der Bedeutung ‚etwas heftig hin und her bewegen’, wobei diese Handlung keine Lageveränderung eines Gegenstandes als Resultat darstellt. Der Satz 3b), der die syntaktische Struktur NP (Nom) –NP (Akk) PP aufweist, drückt dagegen eine ‚komplexe’ Handlung mit der Bedeutung ‚etwas durch heftiges Hin-und-her-Bewegen zum Herunterfallen bringen’ aus. Diese Bedeutung stellt die Lageveränderung eines Gegenstandes dar (1987: 35).

Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, zu untersuchen, inwieweit die Kasuskonstruktionen die Semantik des regierenden Verbs beeinflussen und sogar unabhängig vom Verb eine eigenständige Bedeutung übermitteln. Als erster Schritt dazu werden im nächsten Kapitel für dieses Thema grundlegende Begriffe erläutert. Danach sollen solche für das Thema der Arbeit wichtige Aspekte beleuchtet werden wie prädikative Bedeutung des regierenden Verbs, Perspektivenwechsel und Verbbedeutung als Ganzes. Schließlich wird es genauer auf einige semantischen Rollen des deutschen Satzes und derer Zuordnung zu den syntaktischen Funktionen eingegangen.

2. Erläuterung der Begriffe

Bevor man an die tatsächliche Besprechung des Einflusses der Kasuskonstruktionen auf die Semantik des Verbs herangeht, müssen einige Begriffe in diesem Bereich erläutert werden, damit das Verständnis des Folgenden vereinfacht wird.

2.1 Syntaktische Funktionen

Jedes Satzglied, d.h. jede Einheit des Satzes, hat eine bestimmte syntaktische Funktion im Satz. Man unterscheidet folgende syntaktische Funktionen: Subjekt, Objekt, Adverbial, Prädikativ. Diese Funktionen werden von den Satzgliedern bezüglich des Voll- oder Kopulaverbs eines Satzes eingenommen. Das bedeutet, dass jede NP nicht für sich alleine Subjekt oder Objekt ist, sondern sich immer auf ein bestimmtes Verb bezieht (Pittner/Berman 2004: 35). Die syntaktische Umgebung, in der ein Verb vorkommt, wird als seine Konstruktion oder sein Kasusrahmen bezeichnet.

2.2 Semantische Rollen

Neben der syntaktischen Ebene kann der Satz auch auf seiner semantischen Ebene betrachtet werden. Jeder Satzeinheit wird dabei eine semantische Rolle zugeschrieben. In der linguistischen Literatur kann man auch den Begriffen wie ‚Aktantenfunktion’, ‚Tiefenkasus’, ‚Theta-Rolle’ oder ‚thematische Rolle’ begegnen. In dieser Arbeit wird aber nur über semantische Rollen gesprochen.

Semantische Rollen werden vom Verb auf der Bedeutungsseite vergeben (Eisenberg 2004: 75). Es besteht allerdings wenig Einigkeit über Zahl und Art der semantischen Rollen. Zu den gebräuchlichen gehören aber Agens, Patiens/Thema, Rezipient, Experiencer, Stimulus, Instrument, Benefaktiv (Pittner/Berman 2004: 50-51).

Die Kenntnisse der oben erwähnten Begriffe vorausgesetzt kann man nun die Zusammenhänge zwischen der Kasuskonstruktion und der Verbbedeutung näher betrachten.

3. Kasusrahmen und Verbbedeutung

In diesem Kapitel wird untersucht, inwieweit der Kasusrahmen eines Verbs seine Bedeutung beeinflussen und verändern kann. Dabei werden zwei wichtige Begriffe, ‚prädikative Bedeutung’ und ‚Perspektivenwechsel’, eingeführt. Anschließend wird die Rolle der Kasuskonstruktion bei synonymen und homonymen Verben dargestellt.

3.1 Prädikative Bedeutung

Wenn man das Beispiel 3a+b) betrachtet (s. Einleitung), wird es deutlich, dass zwischen den beiden Verbbedeutungen ein enger semantischer Zusammenhang besteht. Die Bedeutung in 3a), ‚etwas heftig hin und her bewegen’, stellt im Satz 3b) ein ‚Instrumental’ zur lokalen Veränderung eines Gegenstandes dar. Daraus folgt, dass die Verbbedeutung im b-Satz als Resultat betrachtet werden kann, das aus einer Wechselbeziehung zwischen der inhärenten Verbbedeutung des Verbs schütteln, wie im a-Satz, und der syntaktischen Struktur entsteht.

Den oben beschriebenen semantischen Zusammenhang kann man auch bei vielen anderen Verben beobachten, z. B.:

4. a) Er klopft ihm auf die Schulter – Er klopft ihm den Staub von den Schultern.

b) Er schlägt ihm auf den Kopf – Er schlägt ihm den Hut vom Kopf.

(Zaima 1987: 36).

Für die Verbbedeutung im Satz 3b) führt Zaima (1987) den Begriff der prädikativen Bedeutung ein. Prädikative Bedeutung ist also eine Bedeutungseinheit, die nicht allein durch die lexikalische Einheit getragen wird. Diese Bedeutung wird, wie oben schon erwähnt, durch die semantische Wechselbeziehung der inhärenten Bedeutung des Verbs und seiner syntaktischen Umgebung gebildet. Diese Bedeutung bleibt übrig, wenn man von der Satzbedeutung die Bedeutung der Ergänzungen und der freien Angaben abgezogen hat (Im Satz 3a) fällt die prädikative Bedeutung mit der inhärenten Bedeutung zusammen) (Zaima 1987: 37).

3.2 Perspektivenwechsel

Dieser Kapitel widmet sich der Rolle der Kasuskonstruktion eines Verbs bei dem Perspektivenwechsel in einem deutschen Satz. Es gibt nun unterschiedliche Arten vom Perspektivenwechsel, die im Folgenden dargestellt werden.

3.2.1 Sprecher-Hörer-Interesse

Als Beispiel werden folgende Sätze betrachtet:

5. a) Hans wirft (die) Steine gegen die Mauer.

b) Hans bewirft die Mauer mit Steinen.

c) Hans wirft mit Steinen gegen die Mauer.

Alle drei Sätze in 5 bezeichnen den gleichen Sachverhalt. Der Unterschied besteht aber darin, dass in a) die Steine und in b) die Mauer den Interessenschwerpunkt der Sprechers/Hörers darstellen (abgesehen vom Subjektreferenten). Im c-Satz liegen nur der Subjektreferent selbst und seine Tätigkeit, die mit Hilfe der anderen Aktanten charakterisiert wird, im Mittelpunkt des Interesses. Dies kann man aber nur im größeren Zusammenhang von Kontext und Situation nachweisen.

Wenn man den Satz 5a) betrachtet, wird Folgendes deutlich: Sein Interessenschwerpunkt liegt darin, dass Hans, der den Agens darstellt, eine Ortsveränderung der Steine bewirkt, da im Lokalaktanten dieses Satzes alle räumlichen Präpositionen stehen können, vgl.:

[...]

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Details

Titel
Kasuskonstruktion und Verbsemantik
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie)
Veranstaltung
Perspektivität und Sprachstruktur
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V124496
ISBN (eBook)
9783640297313
ISBN (Buch)
9783640302727
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kasuskonstruktion, Verbsemantik, Perspektivität, Sprachstruktur
Arbeit zitieren
Kateryna Buzun (Autor), 2008, Kasuskonstruktion und Verbsemantik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124496

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