Der Tod ist ein unerklärbares Urphänomen, das nicht wirklich verstanden werden kann. Er bestimmt alles Leben entscheidend als begrenzender Faktor mit.
In Perioden tief greifender geschichtlicher Umbrüche, so auch dem frühen 20. Jahrhundert, zeigt die Literatur heftige Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Sterben. Die Figuren eines literarischen Textes entwickeln eine besondere Beziehung zum Tod, denn das Wissen, sterben zu müssen, beeinflusst die Konzeption der menschlichen Entwicklung, die vergangenes und zukünftiges Leben in ein anderes Licht rückt. Leben bedeutet eine bewusste Auseinandersetzung mit der Frage des Sterbens oder den Versuch, die Todessehnsucht zu überwinden. Auffallend für die Literatur um 1900 ist der Wandel ästhetischer Ausdrucksformen, die darüber hinaus eine Vielzahl neuer Stiltendenzen mit sich brachte. Die Veränderungen lassen sich auf die durch Industrialisierung und Urbanisierung des Lebensraums hervorgerufenen Wandlungen im Erfahrungs- und Wahrnehmungsbereich zurückführen. Die Jahrhundertwende war geprägt durch Wirtschaftswachstum, Bevölkerungsexplosion, Landflucht und politische Resignation. Das Bildungsbürgertum war auf der einen Seite einer wachsenden Unsicherheit durch Technik und Lebensbedingungen einer Industriegesellschaft ausgesetzt, auf der anderen Seite entwickelte sich ein neues menschliches Selbstbewusstsein, der Mensch wurde durch die neue Technik Herr über das Sein und Nichtsein in der Welt. Die Religion bot keine ausreichenden Antworten auf neu entstehende Fragen in diesem Zusammenhang. Es gab keinen gegebenen Daseinszweck, eine Krise des Lebens und gleichsam des Todes entstand, sowie die Frage, was nach dem Tod folgt. In diesem Zusammenhang stehen Trennungsangst und Angst vor dem Verlust der Autonomie und der Individualität durch den Tod, ein Kontrollverlust des selbstkontrollierten technischen Menschen, der hier in seine Grenzen verwiesen wird. Die einzige Möglichkeit der eigenen Todesentscheidung ist der Selbstmord. Deshalb ist das Todesthema oft mit Motivbereichen kombiniert, die in der Geschichte menschlicher Ängste eine herausragende Rolle spielen wie Wasser, Feuer, Nacht und Erotik.
Durch diese Umbrüche und Wandlungen im Leben der Menschen wurde ein Prozess evoziert, welcher als Subjektivierung bezeichnet wird, weil sich der Mensch aus seiner passiven Rolle, nämlich Objekt der Geschichte zu sein, löst und sich zum Subjekt der Weltgeschichte macht. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
I.1 Todesthematik in der Literatur
I.2 Untersuchungsgegenstand und Thema der Seminararbeit
II Der Tod
II. 1 Der Tod des Cornet in der Forschung
II. 2 Der Tod im „Cornet“
II. 3 Menschliche und göttliche Gewalt
II. 3. 1 Männlichkeit
II. 3. 2 Weiblichkeit
II. 3. 2.1 Die Frauengestalten im „Cornet“
II. 3. 2. 2 Mutterrolle
II. 3. 2. 3 Rilkes Mutterbezug
III. Tod und Liebe
III. 1 Menschliche und göttliche Liebe
III. 2 Die Liebe im „Cornet“
III. 3 Das Motiv des Traums als Verknüpfung von Liebe und Tod
IV Subjekt und Identität
V Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die Darstellung von Tod und Liebe in Rainer Maria Rilkes früher Dichtung "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke". Dabei steht die Analyse der Verschränkung von existenziellen Themen mit der Frage nach Identität und Subjektivierung im Zentrum, unter Berücksichtigung autobiografischer Parallelen zum Leben des Dichters.
- Die Ambivalenz und Verknüpfung von Tod und Liebe bei Rilke
- Männliche und weibliche Rollenbilder und deren Aufhebung im Werk
- Das Traummotiv als Medium der Subjektauflösung
- Autobiografische Einflüsse und die Identitätssuche des Autors
Auszug aus dem Buch
III. 3 Das Motiv des Traums als Verknüpfung von Liebe und Tod
Ein weiterer interessanter Aspekt im „Cornet“ ist die Methode der Verknüpfung von Liebe und Tod durch den Traum.
Vor seiner Einführung in die Liebe zwischen Mann und Frau durch die Gräfin hat der Cornet nur eine Ahnung, was Frauen betrifft. Die vagen Erlebnisse, die er mit Frauengestalten hat, werden sehr verwirrend dargestellt, die Realität wird durch das Motiv des Traums vernebelt. „Wie im Traum poltern“ die Trommeln des Krieges, als die schwarzen Knechte die Dirnen „heiß“ packen, „dass ihnen die Kleider zerreissen“. Die gewaltsame Seite der Liebe verängstigt den Cornet, genauso in der Szene mit der gefesselten Frau, die der Cornet befreit. Auch diese Szene wird durch ein Traummotiv eingeleitet. „Der von Langenau reitet hin, allein. Ebene. Abend. […] Er träumt. Aber da schreit es ihn an.“
Das braune Mädchen aus der ersten Fassung (1899), das nur ruft und geduldig auf seinen Befreier wartet, vergleichbar mit Magdalena, bei der sich der Cornet in Gedanken entschuldigt, ist verharmlosend dargestellt und wurde durch Dämonisierung und Erotisierung in der dritten Fassung (1906) zum „Weib“. Der Gestalt der jungen Frau ist deutlich sichtbar Gewalt angetan worden, ihre glühenden Blicke und beißenden Zähne sind die andere Seite der vorausgegangenen Gewalt. Ihre Errettung wartet sie nicht passiv ab, sie fällt den Cornet an, schreit: „Mann!“ hier wird schon das Ineinandergreifen von Liebe und Tod durch die Darstellung von Sex und Tod vorgegriffen, das im Schloss auf höherer Ebene noch einmal stattfindet.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel verortet die Todesthematik in der literarischen Epoche um 1900 und definiert den Untersuchungsgegenstand sowie die Zielsetzung der Arbeit.
II Der Tod: Hier wird die Forschungslage zum "Cornet" diskutiert und die Darstellung von Gewalt, Männlichkeit, Weiblichkeit sowie der Mutterrolle im Werk analysiert.
III. Tod und Liebe: Das Kapitel untersucht die philosophische Verschränkung von menschlicher und göttlicher Liebe sowie das Traummotiv als zentrale Verbindung zwischen Leben und Sterben.
IV Subjekt und Identität: Die Ausführungen beleuchten die Krise des Subjekts um die Jahrhundertwende und die Identitätsfindung des Protagonisten im Spiegel von Rilkes eigener Biografie.
V Zusammenfassung: Diese abschließende Sektion resümiert die Ergebnisse der Arbeit und bestätigt die Komplexität des Werks entgegen einseitiger Interpretationen.
Schlüsselwörter
Rainer Maria Rilke, Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, Tod, Liebe, Jahrhundertwende, Männlichkeit, Weiblichkeit, Identität, Subjektivierung, Traummotiv, Existenzangst, autobiografische Parallelen, Metaphysik, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Tod und Liebe in Rainer Maria Rilkes Werk "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" im Kontext der literarischen Umbrüche der Jahrhundertwende.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Verknüpfung von Tod und Liebe, der Rolle von Geschlechterstereotypen, der Funktion des Traums sowie der Identitätsentwicklung des Subjekts.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Rilke durch eine komplexe Symbolik und die Verbindung von Liebe und Tod eine Transformation des Subjekts darstellt, die über ein bloßes "Jugendwerk" hinausgeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl den Primärtext als auch einschlägige Forschungsliteratur und biografische Hintergründe Rilkes einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Todeskonzeption, der Geschlechterrollen und Mutterbilder, der metaphysischen Liebe und der Bedeutung des Traums für das Identitätsverständnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Tod, Liebe, Subjektivität, Identität, Rilke, Jahrhundertwende und die symbolische Traumdeutung innerhalb des Textes.
Wie verändert sich das Mutterbild im Werk?
Die Arbeit zeigt, dass das Mutterbild zwischen einer irdischen, geborgenen Mutter und einer idealisierten, göttlichen Maria-Gestalt oszilliert, was sich auch auf die Wahrnehmung der Gräfin auswirkt.
Welche Bedeutung hat das Traummotiv für den Cornet?
Der Traum dient dem Cornet als Fluchtraum vor existenziellen Ängsten und als Instrument der Entsubjektivierung, durch das er die Realität in eine neue Daseinsintensität überführt.
Wie bewertet die Forschung das Werk?
Die Autorin hebt hervor, dass das Werk heute als komplexe Dichtung mit tiefgreifenden existenziellen Themen begriffen wird, während es früher teilweise nur als verklärtes oder nationalistisches Jugendwerk missverstanden wurde.
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- Natalie Schilling (Author), 2007, Der Tod in der Dichtung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ (1899/1906) von Rainer Maria Rilke, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124505