Feministisch, innovativ, clever: FemTech-Apps werden von vielen Menschen als Meilenstein des Feminismus gefeiert. Durch sie sei die Selbstbestimmung der Frau auch in der Technik angekommen. Apps zur Frauengesundheit boomen. Das Beratungsunternehmen Frost & Sullivan schätzt das Marktvolumen von FemTech-Anwendungen 2015 auf 50 Milliarden US-$.
Eine dieser Anwendungen ist die Perioden-Tracker-App Eve. Sie behauptet, für alle Menschen gemacht zu sein, die menstruieren oder einen Hormonzyklus haben. Da eine App allerdings nicht nur eine App, sondern auch ein Geschäftsmodell ist, ist es notwendig, Fragen nach Nutzeradressierung und -führung zu stellen.
Das Ziel dieser Arbeit ist es, herauszufinden, ob die App wirklich so inklusiv ist, wie sie vorgibt zu sein oder ob sie nicht doch nur gezielt einzelne Gruppen einschließt und andere Teile der Gesellschaft ausschließt. Zu diesem Zweck wird zunächst ein theoretisches Fundament gelegt, welches das nötige Handwerkszeug zur App-Untersuchung liefert. Dazu nutzt diese Arbeit die App-Walkthrough-Methode von Light et al.. Den Ausführungen zum technischen Walkthrough (2.1), und zu den Analysekategorien Vision (2.2), Operating Model (2.3) und Governance folgt die praktische Analyse der Eve App.
Dazu wird diese in einem ersten Schritt vorgestellt (3.0) und in einem zweiten Schritt darauf untersucht, welche Art von Nutzer sie ansprechen möchte (3.1), wie sie sich finanziell trägt (3.2) und wie sie ihre Nutzern vor diesem Hintergrund zu bestimmten Nutzungsweisen animiert (3.3). Die Arbeit endet mit einer Erkenntniszusammenfassung und einem Ausblick darauf, wie Perioden-Tracker-Apps konkret und FemTech-Anwendungen allgemein noch weiter untersucht werden können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 App-Walkthrough-Methode
2.1 Technischer Walkthrough
2.2 Vision
2.3 Operating Model
2.4 Governance
3 Perioden-Tracker-App Eve
3.1 Eve´s Vision: Feminin, cis und hetero
3.2 Eve´s Operating Model: Premium Version und Datenhandel
3.3 Eve´s Governance: Push-Nachrichten und Rabatte
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Perioden-Tracker-App "Eve" auf ihre tatsächliche Inklusivität und analysiert, inwieweit sie bestimmte gesellschaftliche Gruppen gezielt ausschließt oder anspricht. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, ob die App als inklusives Werkzeug für alle Menstruierenden fungiert oder primär auf eine heterosexuelle, cis-weibliche Zielgruppe ausgerichtet ist.
- Anwendung der App-Walkthrough-Methode zur Analyse der technologischen Architektur
- Untersuchung der technologischen Inszenierung von Geschlechterrollen und Heteronormativität
- Kritische Analyse des Geschäftsmodells hinsichtlich Datenhandel und Premium-Strategien
- Evaluierung der Nutzerführung durch Push-Nachrichten und gamifizierte Elemente
Auszug aus dem Buch
3.1 Eve´s Vision: Feminin, cis und hetero
Die App Eve versucht bereits durch ihr Logo, eine ganz bestimmte Zielgruppe anzusprechen. Die grellen rot und pinken Farben greifen das Stereotyp auf, dass „richtige“ Frauen Rosatöne mögen und sich darüber direkt mit der App identifizieren würden. Fast erinnert der rote Abschnitt des Logos farblich an die Regelblutung, was voraussetzt, dass die Nutzer kein Problem damit haben, auf ihrem Handybildschirm eine offensiv leuchtende rot-pinke App zu sehen, sozusagen mit ihrer Menstruation und ihrem biologisch weiblichen Geschlecht im Reinen sind und kein Problem damit haben, diese nach außen hin zu repräsentieren.
Die überwiegend pinke Farbauswahl findet sich nicht nur im Logo, sondern auch in verschiedenen Screens innerhalb der App wieder. Auf dem Startbildschirm der App, welchen die Nutzer vor der ersten Registrierung sehen, wird die rot-pinke Farbpalette auch verwendet, um bestimmte Wörter hervorzuheben. Obwohl sich die App selbst in die Reihe der Gesundheits-Tracking-Apps stellt, wirkt sie durch ihr Design und ihre Farbgebung unprofessioneller und verspielter als andere Gesundheits- Apps, die eher medizinisch und neutraler gestaltet sind. Es finden sich keinerlei Möglichkeiten, zwischen verschiedenen Design-Optionen auszuwählen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Boom-Branche der FemTech-Apps ein und benennt das Ziel der Untersuchung: die kritische Hinterfragung der Inklusivität der Perioden-Tracker-App Eve.
2 App-Walkthrough-Methode: Dieses Kapitel erläutert den theoretischen Rahmen und die methodische Vorgehensweise, basierend auf der App-Walkthrough-Methode zur Analyse der technologischen Infrastruktur und Nutzerführung.
2.1 Technischer Walkthrough: Hier wird dargelegt, wie die App durch den Forschenden systematisch durchlaufen wird, um mediator characteristics und die daraus resultierenden Nutzererwartungen zu identifizieren.
2.2 Vision: Das Kapitel definiert den Begriff der "erwarteten Nutzer" und untersucht, wie die App durch Design und Tonalität ein spezifisches Nutzerbild entwirft.
2.3 Operating Model: Dieser Abschnitt thematisiert die Finanzierungswege der App, insbesondere den Handel mit Nutzerdaten und die Premium-Strategie.
2.4 Governance: Hier wird analysiert, wie die App ihre Nutzer zu spezifischen Handlungen und Interaktionen motiviert und durch technologische Architektur lenkt.
3 Perioden-Tracker-App Eve: Dieses Kapitel stellt die App als Teil der Produktfamilie des Herstellers Glow kurz vor und bereitet die praktische Anwendung der zuvor definierten Analysemethoden vor.
3.1 Eve´s Vision: Feminin, cis und hetero: Die Analyse zeigt, dass die App durch Design, Farben und Symbole primär cis-geschlechtliche, heterosexuelle Frauen als Zielgruppe anspricht.
3.2 Eve´s Operating Model: Premium Version und Datenhandel: Es wird untersucht, wie die App durch Intransparenz beim Datenhandel und den gezielten Verkauf einer Premium-Version Einnahmen generiert.
3.3 Eve´s Governance: Push-Nachrichten und Rabatte: Dieses Kapitel beleuchtet, wie Push-Nachrichten und Gamification-Mechanismen genutzt werden, um Nutzer zu binden und in Richtung einer Premium-Mitgliedschaft zu lenken.
4 Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass Eve ein Begrenzungen schaffendes Verständnis von "weiblich" vermittelt und der Anspruch auf Inklusivität durch die technologische Ausrichtung konterkariert wird.
Schlüsselwörter
FemTech, Perioden-Tracker, Eve, App-Walkthrough-Methode, Selbstoptimierung, Heteronormativität, Datenhandel, Gender Bias, Nutzerführung, Inklusivität, Geschlechterrolle, Gesundheits-Apps, Digitale Identität, Cis-Frau, Menstruationszyklus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht kritisch die Perioden-Tracker-App "Eve" und hinterfragt, ob die App ihrem Anspruch, ein inklusives Werkzeug für alle Menstruierenden zu sein, in der Praxis gerecht wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Analyse konzentriert sich auf die technologische Gestaltung, die geschlechtsspezifische Nutzeransprache, die Finanzierungsmodelle (insbesondere Datenverwertung) sowie die Mechanismen der Nutzersteuerung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob Eve gezielt nur bestimmte Nutzergruppen – konkret heterosexuelle cis-Frauen – anspricht und dadurch andere Teile der Gesellschaft ausschließt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt die App-Walkthrough-Methode von Light et al., um die technische Architektur und die operativen Logiken der App systematisch zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil des Buches behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von "Vision", "Operating Model" und "Governance", jeweils angewendet auf die App Eve, um deren implizite Annahmen über Nutzer freizulegen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit besonders?
Zentrale Begriffe sind FemTech, Inklusivität, Datenhandel, Heteronormativität und die App-Walkthrough-Methodik.
Wie geht die App Eve laut Untersuchung mit dem Thema Gleichgeschlechtlichkeit um?
Die Studie zeigt auf, dass Eve gleichgeschlechtliche Sexualität in ihrer technologischen Struktur unterrepräsentiert oder problematisch einstuft, indem sie heterosexuelle Praktiken als Standard setzt.
Welche Kritik übt die Autorin am Geschäftsmodell von Eve?
Kritisiert wird vor allem die Intransparenz bei der Datennutzung und der Verkauf persönlicher Informationen, wobei die App den Schutz der Privatsphäre hinter einer komplexen "may"-Klausel in den Bestimmungen umgeht.
- Quote paper
- Sarah Neu (Author), 2022, Woman in Pink. Die Stereotypisierung von Frauen und der Ausschluss sexueller Minderheiten in der Perioden-Tracker-App Eve, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1245696