Stundenentwurf zum Thema: Das „dominium terrae“ (Gen 1,28) am Beispiel des Ozon – zu viel unten und zu wenig oben!


Zwischenprüfungsarbeit, 2003
36 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Thema und Ziele der Stunde

2. Unterrichtsvoraussetzungen
2.1. Schulorganisatorische Voraussetzungen
2.2. Beschreibung der Lerngruppe
2.3. Entwicklungspsychologische Voraussetzungen

3. Einbettung der Stunde in den Zusammenhang der Unterrichtseinheit

4. Sachanalyse
4.1. Exegetische Betrachtung des „dominium terrae“ aus Gen 1,28
4.2. Systematische Überlegungen
4.2.1. Kirchengeschichtliches zum Schöpfungsbegriff
4.2.2 Systematisch-theologische Brennpunkte zum Thema „Schöpfung“
4.2.3. Systematische Betrachtung des „dominium terrae“ aus Gen 1,28
4.3. Fachwissenschaftliche Zusammenfassung der Ozonproblematik
4.3.1. Was ist „Ozon“?
4.3.2. Was ist die „Ozonschicht“?
4.3.3. Die Ursachen und Wirkzusammenhänge der Ozonproblematik
4.3.3.1. Das „Ozonloch“ - Zerstörung des Ozons in der Stratosphäre
4.3.3.2. Der „Sommersmog“ - die Bildung von Ozon in unserer Troposphäre
4.3.3.3. Aussichten, bzw. was wird getan – was können wir tun?

5. Didaktisch-methodische Überlegungen
5.1. Didaktische Überlegungen
5.1.1. Vorgaben des Rahmenplans
5.1.2 Religionspädagogische Grundüberlegungen zur Unterrichtseinheit
5.1.3 Warum gerade dieser Unterrichtsinhalt für diese Schüler/innen?
5.2 Methodische Überlegungen

6. Verlaufsplanung

7. Anlagen
7.1 Literaturverzeichnis
7.2. Arbeitsbogen
7.3 Anschlag für die Magnettafel
7.4. Auflistung der gehaltenen Stunden in der Unterrichtseinheit

1. Thema und Ziele der Stunde

Die Schüler und Schülerinnen der Klasse 5 x durften nach der historisch-kritischen Erarbeitung der beiden biblischen Schöpfungsberichte aus dem Buch Genesis ein ökologisches Thema auswählen, das sie wirklich betrifft. In dieser Stunde sollen sich die Achsen Lebenswirklichkeit, Naturwissenschaft und Theologie schneiden, damit die Schüler/innen erkennen, dass die christliche Hermeneutik ökologische Themen nicht ausschließt und heute auf die Naturwissenschaften Bezug nimmt. Das von den Schüler/innen am 13.06.03 gewählte Thema ist „Ozon“. Obwohl ein Großteil der Stunde von der Darstellung der chemischen Besonderheit des Ozons und der anschaulichen Illustration der Ozonproblematik eingenommen wird, ist dies doch kein Sachkundeunterricht: Am Beispiel des brisanten ökologischen Themas „Ozon“ sollen die Schüler/innen den Auftrag „dominium terrae“ aus Gen 1,28 bewerten: Herrschaft bedeutet auch Verantwortung.

Daher heißt das Thema der Stunde: „Das ‚dominium terrae’ (Gen 1,28) am Beispiel des

Ozon – zu viel unten und zu wenig oben!“

Grobziel:

Die Schüler/innen sollen aus ihren gewonnenen Erkenntnissen über die Ursachen der Ozonproblematik heraus den „Herrschaftsauftrag“ der Bibel zeitgemäß interpretieren.

Feinziele:

- Die Schüler/innen sollen durch die Tafelanschrift (Gen 1,28) den Bezug des Themas zur Unterrichtseinheit herstellen. (kognitiv)
- Die Schüler/innen sollen durch die anschauliche Demonstration zur „Ozonschicht“ erkennen, dass die Ozonschicht für das Überleben der Erde unerlässlich ist. (affektiv)
- Die Schüler/innen sollen die hauptsächlichen Ursachen für die Zerstörung der Ozonschicht und die Bildung des Sommersmogs kennen. (kognitiv)
- Die Schüler/innen sollen aus ihren Kenntnissen über die Ozonproblematik und ihren Kenntnissen über die historische Umwelt der Priesterschrift den Herrschaftsauftrag der Bibel neu interpretieren. (kognitiv/affektiv)

2. Unterrichtsvoraussetzungen

2.1. Schulorganisatorische Voraussetzungen

Die XXX Grundschule bietet sowohl konfessionellen Religionsunterricht, als auch Lebenskunde als ethische Anmeldefächer an. Durch den hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund und die Tatsache, dass der Lebenskunde-Unterricht meist durch die Klassenlehrer/innen gegeben wird, ist der Anteil der am Religionsunterricht teilnehmenden Schüler/innen teilweise so gering, dass einige Klassengruppen für den evangelischen Religionsunterricht in eine Lerngruppe zusammengefasst wurden. In meinem Unterricht konnte ich beobachten, dass die Schüler und Schülerinnen der zusammengefassten Gruppen mehrheitlich unter den Mitschülern der eigenen Klasse agierten. Dies und die unterschiedlichen Ankunftszeiten im eigenen Religionsraum im 4. Geschoss erschweren die Durchführung des Religionsunterrichts.

Da das Gebäude 19xx/xx errichtetet wurde, bieten die vielen steilen Treppen kaum Möglichkeit für die Integration behinderter Schüler, daher gibt es auch keine Integrationsklassen. Im Erdgeschoss befinden sich sogenannte Eingangsklassen, die über zwei betreuende Lehrer verfügen. Dort wird auch eine Halbtagsbetreuung bis 14.00 Uhr angeboten.

Da die Schule vierzügige Klassenstufen aufnimmt, und auch zwei Unterrichtsstunden für den ev. Religionsunterricht eingeplant sind, haben hier zwei Religionslehrerinnen (1 ½ Stellen) Beschäftigung gefunden. Der Religionsunterricht ist gut in die Stundentafel integriert und seitens des Fachkollegiums (bis auf einige Ausnahmen) anerkannt. Der meist gute und rege Kontakt der beiden ev. Religionslehrerinnen mit den Kollegen ermöglichte u. A. auch den reibungslosen Tausch der Unterrichtsstunden für die Sicht- und Prüfungsstunden.

Das Einzugsgebiet der Schule umfasst . mit ihren großen Stadthäusern und auch die angrenzenden Wohnhäuser aus dem sozialen Wohnungsbau. Als typische Innenstadt-Schule Berlins verfügt sie also über Schüler und Schülerinnen aus unterschiedlichsten sozialen, ethnischen und finanziellen Verhältnissen.

Dabei ist positiv anzumerken, dass es kaum zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, und die Schule, von den sanitären Einrichtungen für die Kinder abgesehen, in bemerkenswert gepflegtem Zustand ist.

Die Schule verfügt über gute methodische Rahmenbedingungen, da es mehrere Medienräume, Computerräume und eine Küche gibt, die von den Religionslehrerinnen nach Absprache oder Anmeldung genutzt werden können. Bedauerlicherweise ist nicht in allen Räumen ein Tageslichtprojektor, bzw. keine Möglichkeit zur Verdunkelung vorhanden, so dass man leider für die Arbeit mit diesem Medium ein wenig Organisationstalent braucht.

2.2. Beschreibung der Lerngruppe

Die Lerngruppe besteht aus neun Schüler/innen der Klasse 5 x. Die vier Jungen nehmen am Unterrichtsgeschehen oft lebhafter teil, als die fünf Mädchen. Auffällig war, dass die Schüler/innen die alterstypische gegengeschlechtliche Abneigung so weit überwunden haben, dass sie problemlos in gemischten Gruppen konstruktiv zusammen arbeiten.

Die ganze Lerngruppe zeichnet sich darüber hinaus durch ihr überdurchschnittliches Interesse an den Unterrichtsinhalten aus, was sich gerade bei theologischen und philosophischen Unterrichtsgesprächen ausnehmend positiv bemerkbar machte. Eine Unterrichtstunde ist mir diesbezüglich in besonders angenehmer Erinnerung geblieben: Die abstrakten Inhalte „naturwissenschaftliche und mythisch-biblische Weltsicht“, Vormoderne, Moderne und Postmoderne wurden – mit einer Ausnahme - auch von den leistungsschwächeren Schüler/innen so verinnerlicht, dass die jeweiligen Sichtweisen und Gesellschaftsperspektiven von allen Schüler/innen adäquat im Unterrichtsgespräch angewandt wurden.

Gelegentlich neigten einige Jungen durch ihr überschäumendes Temperament zu „unpassenden“ Bemerkungen, was sicherlich (auch) durch die meist entspannte Arbeitsatmosphäre provoziert wurde.

2.3. Entwicklungspsychologische Voraussetzungen

Anhand der eben geschilderten Fähigkeit zur reflektierenden Diskussion über abstrakte oder emotionale Themen kann man davon ausgehen, dass die Schüler/innen mit etwas Unterstützung bereits formal operieren.[1] Obwohl ich die meisten Ergebnisse und Alterseinteilungen Carl Piagets durch meine Erfahrungen im Unterricht kritisch hinterfrage, treffen doch die Kategorien der „Stufe der formalen Operation“ auf die meisten Schüler/innen der Lerngruppe zu. Sie waren in meinem Unterricht zu abstraktem hypothetischen Denken fähig, erkannten abstrakte Ordnungen (Vormodern, Moderne, Postmoderne) und sind so weit dezentriert, dass sie ihre gegenseitigen Bedürfnisse nicht nur wahrnehmen, sondern auch auf diese eingehen. Dies wiederum ist eine wichtige Bedingung für die Entwicklung des moralischen Urteils. Entsprechend einiger Äußerungen und dem allgemeinen Verhalten der Lerngruppe konnte ich feststellen, dass die Schüler/innen (mit Ausnahme weniger spontaner Regressionen) bereits konventionell im Sinne der Gruppenperspektive urteilen.[2] Die bisher genannten Entwicklungsfortschritte der teils vorpubertären Schüler/innen sind eine wichtige Vorraussetzung für das Gelingen der zu haltenden Stunde, da zur sinnvollen Beurteilung der Ozonproblematik (im Hinblick auf den Herrschaftsauftrag in Gen 1,28) die Relativität des eigenen Standpunktes erkannt werden muss. Ein weiterer wichtiger Aspekt für die Auswahl des Unterrichtsinhalts ist die religiöse Entwicklung der Schüler/innen. Jedoch ist mir nahezu unmöglich, die Schüler/innen einer festen Stufe nach Fowler zuzuordnen. Nach den „Fowlerstufen“ befinden sich die Schüler/innen gerade schwankend zwischen drei verschiedenen Stufen: Auf besonders eingängige und emotional ansprechende biblische Texte reagieren die Schüler/innen noch spontan mit mythisch-wörtlichem Glauben, während sie bei logischen Ungereimtheiten generell nach dem Wahrheitsgehalt fragen und damit im Sinne des individuierend-reflektierenden Glaubens rein naturwissenschaftlich denken. Innerhalb der Unterrichtseinheit haben die Schüler/innen sich häufig im Sinne des synthetisch-konventionellen Glaubens geäußert, obwohl sie nicht religiös sozialisiert sind.[3] Nach den Maßgaben von Oser/Gmünder sind zwei Einstellungen zu Schöp­fergott und Schöpfung möglich: Die des Deismus (3. Stufe nach Oser/ Gmünder) , wonach Gott die Welt einst geschaffen, sich aber von ihr zurückgezogen habe und nicht mehr schaffend oder erhaltend in/an ihr tätig sei, weswegen der Mensch und sein Schaffen wichtig wür­den; und die der Apriorität (4. Stufe nach Oser/Gmünder ), wonach Gott Conditio sine qua non, d. h. transzendentale Voraussetzung aller menschlich-schaffenden Tätigkeit sei.[4] Ich denke, dass dieser Lerngruppe gerade durch die liberale Form des Religionsunterricht der Pubertätsatheismus erspart bleibt.[5] Die Schüler/innen haben sich dahin gehend sehr deutlich geäußert: „Die Bibel ist uns heilig. Sie enthält wichtige Wahrheiten über uns Menschen.“ Mit dieser Einstellung wird den Schüler/innen die Neuinterpretation des ‚dominium terrae’ auf dem Hintergrund unserer ökologischen Probleme sicherlich nicht schwer fallen.

3. Einbettung der Stunde in den Zusammenhang der Unterrichtseinheit

In den ersten Stunden der Unterrichtseinheit haben die Schüler/innen verschiedene Kosmogonien oder Schöpfungsmythen anderer Kulturen kennen gelernt, damit sie die Eigenarten mythologischer Sprache kognitiv und affektiv erfassen.

Als Vergleichspunkt zu den Mythen bekamen die Schüler/innen anschließend einen Überblick über die biologische Evolution der Erde, wobei der Schwerpunkt darauf lag, die zeitlichen Dimensionen der Entwicklungsschritte besonders anschaulich darzustellen. Durch diese beiden Stunden wurde den Schüler/innen deutlich, dass der heutige Mensch im Vergleich zur Gesamtentwicklungszeit erst kurze Zeit auf der Erde präsent ist. An diese Erkenntnis wurde die Frage geknüpft, welche Veränderungen der „junge“ Mensch bereits bewirkt hat. Die Bewusstmachung der eigenen Fragen an die Zukunft war unbedingt erforderlich, um den Unterschied zwischen wissenschaftlicher und mythologischer Denkweise herauszuarbeiten, ohne damit einen unüberbrückbaren Gegensatz zu schaffen. Dieser Unterrichtsschritt war wichtig, um den Schüler/innen zu verdeutlichen, dass wir heute mit überwiegend naturwissenschaftlicher Denkweise auf biblische Texte blicken, die in mythologischen Denkweise verfasst wurden. In diesem Zusammenhang erhielten die Schüler/innen einen groben Überblick über den Paradigmenwechsel der letzten Jahrhunderte. Zu meiner großen Freude haben die Schüler/innen auch diesen sehr abstrakten Unterrichtsinhalt gut erfasst und durch kritische Fragen bewiesen, dass sie die Zusammenhänge bereits überblicken. Durch diese Vorbereitung fiel es den Schüler/innen dieser Lerngruppe nicht mehr so schwer, die beiden biblischen Schöpfungsberichte historisch-kritisch zu erarbeiten und mit dem babylonischen Schöpfungsepos „Enuma Elisch“ zu vergleichen. Durch diesen Vergleich wurde den Schüler/innen bewusst, dass die biblischen Schöpfungsberichte keine naturwissenschaftlichen Erklärungen über die Weltentstehung geben wollen, sondern die Fragen des gefährdeten und bedrohten Menschen nach dem Sinn seines Daseins beantworten. Unter diesem Aspekt sollen die Schüler/innen in dieser Stunde das ökologische Problem des Ozons betrachten. Der bis zu den 70er Jahren des 20. Jh. – gerade von der Christenheit – sehr einseitig gedeutete Herrschaftsauftrag aus Gen 1,28 muss in der Gegenwart anders interpretiert werden, denn Herrschaft geht (und ging schon immer) mit Verantwortung einher. Mit diesem Ausblick auf die gegenwartsbezogene Deutung biblischer Texte soll die Unterrichtseinheit schließen.

Die Einzelauflistung der gehaltenen Stunden ist im Anhang unter 7.4. angefügt.

4. Sachanalyse

4.1. Exegetische Betrachtung des „dominium terrae“ aus Gen 1,28

Innerhalb des priesterschriftlichen Schöpfungsberichts steht der sogenannte „Herrschaftsauftrag“ im Zusammenhang des Schöpfungsgeschehens des sechsten Tages. Hierin teilen sich Landtiere und Menschen einen Lebensraum und sind somit eng miteinander verbunden. Mögliche Konflikte werden dadurch ausgeschlossen, dass von diesen beiden Arten nur der Mensch (wie vorher Vögel und Fische) den Wachstumssegen erhält, die Nahrungszuweisung strikt Natur- und Kulturpflanzen trennt und dem Menschen zusätzlich der sogenannte „Herrschaftsauftrag“ zuteil wird.[6] Die Sonderstellung des Menschen wird auch dadurch hervor gehoben, dass die geschaffenen Landtiere auf Grund des göttlichen Befehls aus der Erde hervorgehen und er sie „machte“ (Gen 1,24-25), während die Menschen „nicht aus den Tiefen der Erde hervor kommen, sondern auf Grund eines in der ganzen Schöpfungserzählung der Priesterschrift einmaligen Selbstentschlusses Gottes (V. 26) ohne vorgegebenen Stoff und ohne Mitwirkung der Erde völlig frei erschaffen werden, wofür das dreimalige < br’> in V. 27 charakteristisch ist.“[7] Zugleich ist hier von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen die Rede. Doch was besagt das? Das Motiv der Gottesebenbildlichkeit des Menschen findet sich außer in der Priesterschrift nur indirekt in Psalm 8;5ff. Wenn Verfassungen die Unantastbarkeit der Menschenwürde für alle schützen, können sie sich auf die Gottebenbildlichkeit des Men­schen (Gen 1,27) berufen. Diese schließt Ausbeutung und Herr­schaft von Menschen über Menschen aus.“[8]

Doch geht es hier weniger um das Selbstverständnis des Menschen, als um Gottes Verhältnis zu den Menschen. Claus Westermann betont dazu, dass es sich nicht um eine Wesensbestimmung handeln kann, weil dies nicht dem hebräischen Denken entspräche. Es ginge viel mehr um eine Entsprechung von Gott und Menschheit im Sinne des korrelierenden Gegenübers.[9] Diese gegenseitige Beziehung geht mit der Segenszusage einher, die den Wunsch nach Glück, Erfolg, Fruchtbarkeit und Vermehrung der Güter verheißt. Weiterhin erfolgt durch Gott eine den Menschen auszeichnende Amtsübertragung. Dem Menschen wird also eine Sonderrolle zugesprochen.[10]

Anthropologisch begründet sich der Wunsch nach Herrschaft darauf, dass der alt-orientalische Mensch sich allerlei Bedrohungen ausgesetzt sah, derer er Herr werden wollte – eine Art Emanzipation von der Natur oder eine Entmythisierung des täglichen Lebens. Daher bezeichnet Friedrich Johannsen den priesterschriftlichen Schöpfungsbericht auch als eine „Proklamation der Freiheit“[11]. Insbesondere im babylonischen Exil wurde es zur Glaubens- und Selbstbewusstseinserhaltung nötig, Gottes Herrschaft universal auf den Menschen zu übertragen, um deutlich zu machen, dass die Menschen nicht Diener einer Vielzahl von Göttern sind, und dass JHWH diese Welt geschaffen hat.[12]

Die Auslegung des Verses 28 ist angesichts der auf Profit bedachten Ausbeutung der Erde heute umstritten. Doch noch 1964 formulierte C. F. von Weizsäcker, „daß die moderne Welt ihren unheimlichen Erfolg zum großen Teil ihrem christlichen Hintergrund verdankt“[13] und machte mit einem gewissen Stolz deutlich, dass in den alttestamentlichen Wurzeln jene sachliche Distanz zur Welt begründet ist, die „Bedingung für ihre umwälzende Gestaltung war“.[14] Carl Amèry nahm zwar diese Argumentation auf, bewertete sie jedoch im Gegensatz zu ihm negativ, in dem er behauptete, dass sich die ökologische Krise ideologisch durch die jüdisch-christliche Lehre vom „dominium terrae“ begrün­den lasse.[15]

Seiner Argumentation kann ich dahingehend folgen, dass sich die Lebensbedingungen, die hinter den Texten der hebräischen Bibel stehen, bis heute grundlegend verändert haben: „An die Stelle der Bedrohung des Menschen durch die Natur ist die Bedrohung der Natur durch den Menschen getreten.“[16]

Die Gegenthese lautet, es handele sich beim Herrschaftsauftrag der Men­schen um die Vision einer fürsorglichen Herrschaft im idealtypischen Sinne des orientalischen Hirten-Königs. Der Mensch sei »Mandatar Gottes« (v. Rad). Die Grenze seiner Herrschaft sei durch die Nah­rungszuweisung gezogen: Mensch und Tier sollen ohne Blutvergie­ßen vegetarisch leben. Es fällt auf, dass das „dominium terrae“ allen übertragen ist, nicht nur dem König.[17]

Mit einer dritten Deutung will Christine Reents eine Synthese zwischen den o.g. Positionen vorschlagen: „Konkret bedeutet das hebräische Verb „rdh“: niedertreten, die Kelter treten, trampeln, unterwerfen. Das ist kein fürsorglicher Akt! Angesichts der Notwen­digkeit, in einem Schwemmland das Kulturland gegen die Gewalt des Wassers zu sichern, ist die Aufgabenzuweisung an den Menschen: ‚Trampelt die Erde nieder!’ verständlich.“ Natürlich handelt es sich unter diesen historischen Voraussetzungen nicht um Ausbeutung oder gar Zerstörung der Natur. Doch durch die technischen Fortschritte nach der in­dustriellen Revolution ist der Herrschaftsauftrag brisant und proble­matisch geworden. Wer den durch die Industrialisierung veränderten Kontext berücksichtigt, wird Améry recht geben.[18]

U. Krolzik gibt jedoch zu bedenken, dass die radikale Verdinglichung der Natur keine direkte Folge des Christentums, sondern eine Folge der Säkularisierung ist: „Als Ergebnis ist festzuhalten, daß sich in der Christenheit des Abendlandes ein Geschichtsverständnis, ein Arbeitsethos und eine dominium-terrae-Interpretation ausbildeten, die technologische Neuerungen und die technische Verwandlung der Welt förderten oder sogar forderten.

(. . .) Es zeigt sich dann, daß die Technikentwicklung des 12./ 13. Jahrhunderts zwar christlich motiviert und legitimiert, aber keineswegs durch ein ausbeuterisches Naturverhältnis bestimmt war. Erst durch die Auflösung der Gottbezogenheit von Mensch und Natur in der Renaissance entsteht ein Menschen- und Naturverständnis, das der Natur seinen Eigenwert nimmt und sie zum reinen Mittel herab­ würdigt. Diese Auffassung wird jedoch bis zum Ende des 18. Jahr­hunderts durch die vom abendländischen Mönchtum ausgehende Vorstellung begrenzt, daß der Mensch als Mitarbeiter Gottes die Werte und Schönheit der Natur durch seine Kultivierung gelungen zur Darstellung bringt."[19]

Mir hingegen erscheint es wenig förderlich - angesichts unserer ökologischen Probleme - das „dominium terrae“ zur Verantwortung zu ziehen. Meiner Meinung nach müssen biblische Texte immer aus ihrem historisch-theologischen Kontext in die jeweilige Gegenwart hinein gedeutet werden. C. F. von Weizsäcker schrieb in einer Zeit, als das Ausmaß unserer Umweltprobleme noch nicht erkannt war, und der Fortschrittsgedanke unter dem Eindruck des „Wirtschaftswunders“ noch höchste Priorität genoss. Zum Anfang der 70er Jahre wurden erstmals unsere ökologischen Probleme offenbar und oft überzeichnet. Daher kann ich zwar die verschiedenen Positionen der oben genannten Theologen nachvollziehen, möchte mich jedoch der anderen Herangehensweise des Gerhard Liedke anschließen, der mit seinem Versuch einer „Ökologischen Theologie" eine Fülle ökologischer Grundgedanken in der biblischen Urgeschichte fand, die als kritische Impulse gegen das heute noch herrschende Selbst-, Welt- und Naturverständnis eingebracht werden sollten:

„Bisher war ,Ausbeutung’ der Leitbegriff für das Verhältnis des (abendländischen[20] ) Menschen zur Natur. Es ist deutlich, daß - obwohl die Realität der Ausbeutung nicht bald aufhören wird - wir einen neuen Leitbegriff brauchen, der sowohl der Situation Rechnung trägt als auch theolo­gisch angemessen ist. (. . .) Der erste Schritt eines Umdenkens, Um­wertens und eines neuen Verhaltens zur Natur ist: die außermenschli­che Schöpfung (wieder) als Konfliktpartner anzuerkennen. Die Wiedereinsetzung der Natur als Partei des Konfliktes ist die Voraussetzung für alles weitere. Solange die außermenschliche Schöpfung von uns nur als totes Material betrachtet wird, das uns beliebig zur Verfügung steht, wird alle Bemühung um Umweltschutz zu kurz grei­fen.“[21]

[...]


[1] Vgl. August Flammer, Entwicklungstheorien, Bern 1999, S. 129-130

[2] Vgl. Flammer, S. 143

[3] Vgl. James Fowler; Glaubensentwicklung. Perspektiven für Seelsorge und kirchliche Bildungsarbeit,

München 1989, S. 87-96

[4] Vgl. F. Oser/P. Gmünder, Der Mensch - Stufen seiner religiösen Entwicklung, Gütersloh 1988, S. 87f.

[5] Vgl. P. Oser/ K. H. Reich in G. Büttner/V.-J. Dieterich, Die Religiöse Entwicklung des Menschen, Calwer

Verlag, Stuttgart 2000, S. 216-217

[6] Vgl. Friedrich Johannsen, Alttestamentliches Arbeitsbuch für Religionspädagogen, W. Kohlhammer

GmbH, Stuttgart 1998, S. 76-77

[7] W. H. Schmidt, Schöpfungsgeschichte, WMANT, 17, 1967, S.164 f., zitiert nach Wolff, S. 145

[8] Christine Reents, in Elementare Bibeltexte, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, S. 36

[9] Vgl. Claus Westermann, Theologie des Alten Testaments in Grundzügen, Vandenhoeck & Ruprecht,

Göttingen 1985, S. 84

[10] Vgl. Hans W. Wolff, Anthropologie des Alten Testaments, C. Kaiser Verlag, München 1977, S. 234-235

[11] Vgl. Johannsen, S. 76

[12] Vgl. a.a.O., S. 77

[13] C. F. von Weizsäcker, Die Tragweite der Wissenschaft, Bd. 1, Stuttgart 1964, S. 196, zitiert nach

Johannsen, S. 83

[14] Vgl. Johannsen, S. 83

[15] Vgl. C. Améry: Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums, Reinbek bei

Hamburg 1972, S. 36, zitiert nach Reents, S. 36

[16] Johannsen, S. 83

[17] Vgl. Reents, S. 37

[18] Ebd.

[19] U. Krolzig, Umweltkrise – Folge des Christentums?, Stuttg. u. Berlin 1979, S. 179 f., zitiert nach

Johannsen, S. 84

[20] Anm. d. Verfasserin

[21] Gerhard Liedke,: Im Bauch des Fisches. Ökologische Theologie, Stuttgart 1979, S. 175 f., zitiert nach

Johannsen, S. 84

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Stundenentwurf zum Thema: Das „dominium terrae“ (Gen 1,28) am Beispiel des Ozon – zu viel unten und zu wenig oben!
Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
36
Katalognummer
V124574
ISBN (eBook)
9783640893867
ISBN (Buch)
9783640894055
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stundenentwurf, thema, beispiel, ozon
Arbeit zitieren
Regine Seidel (Autor), 2003, Stundenentwurf zum Thema: Das „dominium terrae“ (Gen 1,28) am Beispiel des Ozon – zu viel unten und zu wenig oben!, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124574

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