Die Kubakrise aus Sicht der realistischen Theorie


Seminararbeit, 2004

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Theoretische Grundannahmen
2.1 Grundlagen des klassischen Realismus
2.2 Das Menschenbild des klassischen Realismus
2.3 Der Akteur als „rational actor“

3. Historischer Abriss der Kubakrise
3.1 Rahmenbedingungen und Geopolitische Gegebenheiten

4. Beweggründe der Sowjetunion aus realistischer Sicht

5. Reaktionen der USA aus realistischer Sicht

6. Konsequenzen

7. Fazit - Haben sich die Akteure rational verhalten

8. Quellenkritik

1. Einleitung

Die Kuba-Krise im Oktober 1962 stellte den bisherigen Höhepunkt des Kalten Krieges und damit der Konfrontation zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt dar. Niemals zuvor standen sich die USA und die Sowjetunion an der Schwelle zum nuklearen Schlagabtausch gegenüber, niemals war das Risiko, eines Krieges, der Millionen Menschen in Mitleidenschaft gezogen hätte, höher.

Trotz der unbestreitbar hohen politischen und historischen Relevanz der Kuba-Krise sind die zentralen Fragen nach wie vor umstritten. Was hat die Sowjetunion dazu bewogen, atomare Raketen direkt vor der Haustür der Vereinigten Staaten zu stationieren, trotz dem Wissen, dass die USA eine solche Handlung auf keinen Fall tolerieren würden? Wieso errichteten die USA als Antwort eine Seeblockade, obwohl dies eine öffentliche Konfrontation darstellte, in der Atomwaffen eine unbekannte und schwer kalkulierbare Größe verkörperten? Und abschließend, wieso hat sich die Sowjetunion zur Demontage ihrer Raketen entschieden? Was hätte geschehen können, wenn sie sich nicht zurückgezogen hätten?

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den oben genannten Fragen und versucht, sich ihnen aus der Perspektive der realistischen Theorie und dem ihm zugrunde liegenden Modell des „Rational Actor“ zu nähern. Dazu werden im ersten Teil sowohl der Realismus nach Hans Morgenthau als auch das „Rational Actor“- Modell noch einmal kurz erläutert. Hierbei wird auch der Begriff „Rationalität“ erläutert[1]. Der zweite Teil befasst sich schließlich mit den Handlungen der Akteure im Verlauf der Kuba-Krise unter Berücksichtigung ihrer Rahmenbe- dingungen, möglichen Handlungen und deren Konsequenzen. Dabei wird die Frage gestellt, inwiefern die Akteure sich unter Berücksichtung ihres natürlichen Strebens nach Machtge- winn beziehungsweise Sicherheit rational verhalten haben. Genauer gesagt, die realistische Betrachtungsweise soll untersuchen, inwiefern die Akteure, also souveräne Staaten es ge- schafft haben, die Gratwanderung zwischen Erwerb und Vermehrung von Macht und dem Versuch des möglichen Risikos gering zu halten, zu bewältigen.

Im letzten Teil werden die Ergebnisse der Analyse der Kuba-Krise unter Anwendung des klassischen Realismus noch einmal zusammengefasst und festgestellt, ob und inwiefern sich die Akteure rational verhalten haben.

2. Theoretische Grundannahmen

2.1. Grundlagen des klassischen Realismus

Der klassische Realismus sieht die Welt als eine Staatenwelt mit einem anarchistischen Na- turzustand[2], das heißt, es existiert keine den Nationalstaaten übergeordnete Instanz. Die Hauptakteure im klassischen Realismus sind souveräne Nationalstaaten[3], die nach Erwerb, Erhalt und Vermehrung von Macht streben. Um dieses Ziel zu erreichen bedienen sie sich Mitteln der Bündnis-, Sicherheits- und Gleichgewichtspolitik. Militärische Selbsthilfe ist als ultima ratio, wenn ein Staat elementare Interessen bedroht sieht, ebenfalls in Erwägung zu ziehen. Die internationale Umwelt wird als potentiell feindlich begriffen, was sich fördernd auf das Machtstreben auswirkt, um das eigene Überleben gewährleisten zu können. Durch die gleiche Perzeption der Situation von Seiten der anderen Staaten entsteht ein so genanntes Si- cherheitsdilemma, das jegliche Form von Überlegenheit zwangsweise als eine Bedrohung erscheinen lässt.

Die internationalen Beziehungen sind, nach der realistischen Schule, ein Nullsummenspiel, das heißt, die verfügbare Gesamtmenge an Macht, Einfluss und Ressourcen bleibt konstant. Daraus folgt, dass ein Gewinn eines Akteurs immer mit dem analogen Verlust eines anderen Akteurs verbunden sein muss. Einzig der Einsatz, oder die Drohung des Einsatzes von Macht, kann einem Akteur zu internationalem Einfluss verhelfen. Aufgrund der aus diesen Aspekten resultierenden Rüstungsspirale streben die Akteure nach einer Stabilisierung des internationa- len Systems. Die Frage der nationalen Sicherheit, die in Kategorien militärischer und territo- rialer Macht begriffen wird, bestimmt im Realismus die „High Politics“, während andere Zie- le wie Wohlfahrt einen nachrangigen Stellenwert besitzen („Low politics“). Dies bedeutet auch, dass Staaten in Zeiten einer Bedrohung ihrer nationalen Sicherheit andere Politikfelder vernachlässigen können, da die akute Gefahr regierende und oppositionelle Kräfte verbündet.

2.2 Das Menschenbild des klassischen Realismus

Der klassische Realismus geht von einem Menschenbild aus, in dem der Mensch grundsätz- lich nach Macht und der Beherrschung anderer strebt. Eine von Staaten, welche als einzige relevanten Akteure im Internationalen System begriffen werden, betriebene Politik ist daher immer ein Kampf um Macht[4]. Der klassische Realismus geht davon aus, dass der Mensch in die Widersprüche von Norm und Realität eingebunden ist, das heißt ein Akteur kann sich beim Treffen seiner Entscheidungen nicht streng an ideologischen und politischen Normen orientieren, sondern muss die Realität berücksichtigen. Die bei anderen Akteuren ebenfalls vorhandene Freiheit führt zu einer Unsicherheit, genauer gesagt, zu einer Ungewissheit, wie sich der andere verhalten wird. Deswegen wird versucht, durch Machterwerb die eigene Si- tuation zu verbessern. Daher geht der Realismus davon aus, dass Staaten, welche wie gesagt die wichtigsten Akteure im internationalen System sind, eine rationale Politik betreiben. Die- se Rationalität stellt das normative Element des klassischen Realismus dar. Er postuliert einen unvermeidlichen Gegensatz zwischen sittlichem Gebot und der Erfordernis erfolgreichem politischen Handelns, ohne jedoch eine offensichtlich der Moral widersprechende Politik zu propagieren. Eine rationale Außenpolitik ist also auch eine gute Außenpolitik, denn nur eine vernunftgemäße Außenpolitik vermindert Gefahren, bringt den maximalen Vorteil und ent- spricht damit dem moralischen Gebot der Vorsicht und dem politischen Erfordernis des Er- folges.[5] Trotzdem kann die Rationalität allein das eingangs beschriebene Sicherheitsdilemma nicht vollständig entschärfen, da es keine Gewissheit gibt, dass sich andere Akteure ebenfalls rational verhalten bzw. Defektion unter bestimmten Bedingungen ebenfalls rational sein kann.[6]

2.3 Das Modell des „Rational Actor“

Wie bereits erwähnt, geht der klassische Realismus davon aus, dass sich die Akteure im Inter- esse ihrer eigenen Sicherheit rational verhalten. Graham Allison hat ein Paradigma des Ratio- nal Actor erstellt, auf das hier kurz eingegangen werden soll. Er geht zunächst davon aus, dass die Basis der Analyse rationalen Verhaltens von staatlichen Handlungen als Produkt eines Auswahlprozesses darstellt. Regierungen werden, den Erwartungen dieses Paradigmas nach, die Aktionen auswählen, die strategische Ziele maximieren und dabei sowenig Konsequenzen wie möglich zu befürchten lassen. Der Akteur hat dabei eine bestimmte Menge an Zielen, eine bestimmte Menge an Handlungsalternativen, aber nur eine einseitige Interpretation von möglichen Konsequenzen. Handlung ist definiert als die Antwort auf strategische beziehung- sweise Macht orientierte Probleme, denen sich der Staat gegenüber sieht. Geht man davon aus, dass die Wahl der Handlungsalternative einer „rational choice“ folgt, ergeben sich fol- gende Komponenten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unter Berücksichtigung dieser Komponenten trifft der Akteur letztendlich seine Wahl. Diese soll primär gewinnmaximierend sein. Die Wahrscheinlichkeit einer Handlung stützt sich auf eine Kombination der relevanten Werte und Ziele eines Staates, den als wünschenswert wahr- genommen Aktionsmöglichkeiten, der Einschätzung der jeweiligen Konsequenzen und der Gegeneinanderaufrechung von Kosten und Nutzen der jeweiligen Handlungsalternative. Dar- aus lassen sich zwei logische Schlussfolgerungen ziehen: Ein Anstieg der Kosten einer Al- ternative verringert die Wahrscheinlichkeit, dass diese Option gewählt wird, während im Um- kehrschluss die Verringerung der Kosten einer Alternative besagte Wahrscheinlichkeit erhöht [7].

3. Historischer Abriss der Kuba-Krise

„It shall be the policy of this nation to regard any nuclear missile launched from Cuba against any nation to the Western Hemisphere as an attack by the Soviet Union on the United States, requiring a full retailatory response upon the Soviet Union."[8]

[...]


[1] Zugrunde liegt das „Rational Actor Paradigma“ nach Graham Allison

[2] Wichard Woyke(Hrsg): Handwörterbuch Internationale Politik, 8,aktualisierte Auflage, Bundeszentrale für politische Bildung

[3] Obwohl während der Kuba-Krise insbesondere auf amerikanischer Seite nicht primär der Staat, sonder seine Entscheidungsträger die Hauptakteure waren, können wir davon ausgehen, dass alle Beteiligten die bedrohte nationale Sicherheit über etwaige Meinungsverschiedenheiten stellten. ( „... fifteen individuals of our own, representing the President and not different departments”, “protocol mattered little when the nation’s life was at stake” ( May and Zeliko, The Kennedy Tapes, p. 421))

[4] Graham Allison,Philip Zelikow: Essence of Decision.Explaining the Cuban Missile Crisis. Longman, 1999, p.26

[5] Morgenthau, Hans 1963: Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik.Dt. Ausgabe, Gütersloh: C. Bertelsmann

[6] Ein Beispiel hierfür ist das “Gefangenendilemma”.

[7] Graham Allison, 1999: Essence of Decision. Explaining the Cuban Missile Crisis. 2nd edition. Longman. p. 24

[8] US - Präsident John F. Kennedy in der Fernsehansprache am 22.10.1962

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Kubakrise aus Sicht der realistischen Theorie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Internationale Beziehungen
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V124577
ISBN (eBook)
9783668014749
ISBN (Buch)
9783668014756
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kubakrise, sicht, theorie
Arbeit zitieren
Michael Rohschürmann (Autor), 2004, Die Kubakrise aus Sicht der realistischen Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124577

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