Geschwister von drogenabhängigen Personen und ihre Sicht auf die Sucht


Diplomarbeit, 2007

76 Seiten, Note: 2


Leseprobe

INHALT

Abstract

DANKSAGUNG

1. EINLEITUNG

I THEORETISCHE HINFÜHRUNG ZUM THEMA

2. BEGRIFFE UND DEFINITIONEN
2.1 Geschwister
2.2 Die Geschwisterbindung

3. DIE WICHTIGKEIT VON GESCHWISTERBEZIEHUNGEN
3.1 Identifikationsmuster von Geschwistern
3.1.1 Enge Identifikation
3.1.2 Teilidentifikation
3.1.3 Geringe Identifikation

4. DIE „GESUNDEN“ GESCHWISTER IM ABSEITS
4.1 Rollen der „gesunden“ Geschwister nach Cleveland
4.1.1 Das Elternkind
4.1.2 Das brave Kind
4.1.3 Das symptomatische Kind
4.2 Rollen der „gesunden“ Kinder nach Wegscheider
4.3 Versuch einer Gruppentherapie mit den „gesunden“ Geschwistern
4.3.1 Empfehlung einer Familientherapie
4.4 Loyalität unter Geschwistern

5. CO-ABHÄNGIGKEIT
5.1 Was ist Co-Abhängigkeit?
5.2 Grundmuster von Co-Abhängigkeit
5.3 Merkmale von Co-Abhängigkeit
5.4 Die fünf Kernsymptome der Co-Abhängigkeit
5.4.1 Kernsymptom 1 - Schwierigkeiten mit angemessener Selbstachtung
5.4.2 Kernsymptom 2 – Schwierigkeiten, intakte Grenzen zu setzen
5.4.3 Kernsymptom 3 – Schwierigkeiten, über die eigene Realität zu verfügen
5.4.4 Kernsymptom 4 – Schwierigkeiten, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen und zu erfüllen
5.4.5 Kernsymptom 5 – Schwierigkeiten, die Realität angemessen zu erfahren und auszudrücken

6. BEDÜRFNISSE
6.1 Definition von Bedürfnis
6.2 Definition Bedürfnisbefriedigung
6.3 Die Verschiedenheiten der Bedürfnisse
6.4 Kategorien der Bedürfnisse nach Mellody
6.5 Bedürfnisse und Wünsche erkennen und erfüllen

7. ANGEBOTE DER ANGEHÖRIGENHILFE INNERHALB DER SUCHTHILFE
7.1 Angehörigengruppen – Selbsthilfegruppen
7.1.1 Entstehung von Selbsthilfegruppen
7.1.2 Kennzeichen von Selbsthilfegruppen
7.1.3 Grenzen einer Selbsthilfegruppe
7.1.4 Wirkung von Selbsthilfegruppen
7.2 Psychotherapie

II EMPIRISCHER TEIL

8. DER FORSCHUNGSPROZESS
8.1 Ausgangslage der Untersuchung
8.2 Die Forschungsfrage
8.3 Die Erhebungsmethode – Das Qualitative Interview
8.3.1 Das Leitfadeninterview
8.4 Kontaktaufnahme mit meinen Interviewpartnern
8.5 Durchführung und Ort der Interviews
8.6 Auswertung der Interviews nach der „Grounded Theory“

9. DARSTELLUNG DER FORSCHUNGSERGEBNISSE
9.1 Der Wunsch nach einer heilen Familie
9.1.1 Alles soll wieder so sein wie früher 4 7
9.1.2 Das andere, gesunde Kind aus allem raushalten wollen
9.1.3 Außerhalb der Kernfamilie
9.1.4 Verdrängung
9.2 Das „gesunde“ Kind in der Zerreißprobe
9.2.1 Mitgefühl und Mitleid mit der Mutter
9.2.2 Mutter entlasten und schützen
9.2.3 Die drogenkranken Geschwister werden zum Lebensthema
9.2.4 Das Geschwisterverhältnis verändert sich
9.2.5 Das Familienverhältnis ändert sich
9.2.6 Alles dreht sich um das Drogenproblem
9.2.7 Enttäuschung
9.2.8 Die Sucht mit(er)leben
9.3 Spannungsfeld Familie
9.3.1 Die Rolle des Vaters
9.3.2 Erwartungen müssen erfüllt werden
9.3.3 Gefühle von Neid und Eifersucht treten auf
9.3.4 Die Rolle des Propheten und Vermittlers
9.4 Das „Minenfeld“ der Angst
9.4.1 Reaktionen im Minenfeld
9.4.2 Angst sich jemanden anzuvertrauen – Gefühl der Hilflosigkeit
9.4.3 Angst vor Verlust und Tod
9.5 Copingstrategien
9.5.1 Darüber sprechen hilft
9.5.2 Wissen und Information hilft
9.5.3 Therapie als Strategie
9.5.4 Distanz zur/zum Süchtigen gewinnen
9.6 Implikationen für Sozialarbeit

10. RESÜMEE

11. LITERATUR

12. ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abstract

Sandra Eigenbauer

Geschwister von drogenabhängigen Personen und ihre Sicht auf die Sucht

Diplomarbeit, eingereicht an der Fachhochschule St. Pölten im Mai 2007

Die vorliegende Diplomarbeit gliedert sich in zwei Teile. Der erste beinhaltet die theoretische Hinführung zum Begriff „Geschwister“. Es werden die Rollen „gesunder“ Geschwister beschrieben. Ebenso wird auf Co-Abhängigkeit, Bedürfnisse und Angebote in der Angehörigenarbeit eingegangen. Der zweite Teil umfasst die empirische Forschung, im Zuge derer Leitfadeninterviews mit Geschwistern von Drogenabhängigen durchgeführt und in Anlehnung an das Kodierparadigma der „Grounded Theory“ ausgewertet wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass Geschwister von Drogenkranken zahlreichen Belastungen und Ängsten ausgesetzt sind, diese aber mit diversen Copingstrategien ausgleichen können. Prinzipiell kann festgestellt werden, dass der Wunsch nach einer „heilen Welt“ besteht, dies aber oftmals mit der realen Welt kollidiert und die „gesunden“ Geschwister einer Art „Zerreißprobe“ ausgesetzt sind. Für sie dreht sich (im Gegensatz zu den Eltern) nicht alles nur um die suchtkranke Person. Es besteht ein starkes Bedürfnis, die Mutter zu entlasten und zu schützen. Innerhalb der Familie entsteht dadurch ein Spannungsfeld. So sollen Erwartungen erfüllt werden, andererseits stellen sich Gefühle von Eifersucht und Neid ebenso ein und die Rolle des Propheten und Vermittlers wird eingenommen. Ein zentraler Aspekt ist Angst, in der Arbeit als „Minenfeld“ formuliert. Die Geschwister Suchtkranker haben Angst ein Familienmitglied – möglicherweise durch Tod – zu verlieren. Sie haben ebenso Angst, sich jemandem anzuvertrauen, weil oftmals ein Gefühl von Scham besteht und sie sich alleingelassen fühlen. Allerdings sind auch Copingstrategien zu erkennen, zum einen, dass sie selbst eine Therapie machen, zum anderen möchten sie Distanz zur/zum Süchtigen gewinnen. All diese Phänomene machen es für den/die in der Drogenarbeit tätigen SozialarbeiterIn unabdingbar, sich auch theoretische Grundkenntnisse über Angehörigenarbeit anzueignen. SozialarbeiterInnen müssen den Eltern bewusst machen, dass sie auch auf ihre „gesunden“ Kinder nicht „vergessen“ dürfen. Die Geschwister sollten in die resultierenden Begebenheiten und Auswirkungen eingebunden und informiert werden.

Brothers and sisters of drug-dependent persons, and their view of addiction

Diploma thesis, submitted at the University of Applied Science, St. Pölten in May 2007.

This Diploma work is structured into two parts. The first part contains the theoretical exposition on the subject of “brothers and sisters”. It describes the roles of the “healthy” brothers and sisters. Beyond this, it explores the areas of co- dependency, needs and offers in working with relatives. The second part covers research under which guided interviews with the brothers and sisters of drug- dependent persons were conducted and then evaluated, drawing on the coding paradigms of “Grounded Theory“. The results show that the brothers and sisters of those with drug problems are confronted with numerous stresses and fears, but that they are able to compensate for these with various coping strategies. The results of the research show that there is a desire for a “mended world”. They show that the “healthy” children are exposed to a kind of “test of breaking strength”. This turns not only on the drug-dependent family member, but also on the strong desire which exists to relieve the burden on and to protect the mother. The family itself becomes a field of conflict. Expectations have to be fulfilled, feelings of jealousy and envy arise, and the role of the prophet and go-between is taken on. One key aspect in this is the minefield of fear. The brothers and sisters are afraid of confiding in someone else, and a sense of helplessness and fear for the death and loss of a family member arise. Coping strategies (such as undergoing some kind of therapy, distancing oneself from the drug-dependent person, or speaking about the situation) can be identified. Lastly, there are some implications arising from this for social work: it turns out that in the field of drugs social work agents should have basic knowledge in working with relatives. Among other things social work agents should advise the parents that they must not forget their other children, if they exist. Parents have to involve them in all facets around the drug problem.

DANKSAGUNG

An dieser Stelle möchte ich all jenen danken, die durch ihre fachliche und persönliche Unterstützung zum Gelingen dieser Diplomarbeit beigetragen haben.

Besonderer Dank gilt meiner Diplomarbeitsbetreuerin, Frau DSA Karin Goger, die mich kontinuierlich fachlich und emotional un]terstützt und begleitet hat!

Ich bedanke mich weiters bei Frau DSA Barbara Fellöcker, die es mir ermöglicht hat in der Angehörigengruppe für Drogen- und Medikamentenabhängige in St. Pölten teilzunehmen wodurch ich einiges im Bereich der Angehörigenarbeit lernen und erfahren konnte.

Einen weiteren großen Dank möchte ich einer sehr guten Freundin, Mag.a(FH) Barbara Dirnberger, aussprechen, die viel Zeit und Wissen investiert hat, um mich bei der Interviewauswertung zu unterstützen!

Darüber hinaus danke ich meiner besten Freundin Andrea, die mich durchgehend emotional unterstützt hat!

Einen weiteren Dank möchte ich noch meinem Freund René aussprechen, der mir bei diversen „technischen Schwierigkeiten“ weitergeholfen hat.

Last but not least bedanke ich mich bei allen meinen InterviewpartnerInnen, die mir Einblick in ihre Gefühle und Wahrnehmungen gewährt haben und mir dadurch die vorliegende Untersuchung ermöglicht haben.

1. EINLEITUNG

Die Geschwisterthematik ist selbst noch heute ein vernachlässigtes Thema in der Forschung. In den meisten, auch neueren und auflagestarken entwicklungspsychologischen Standardwerken und Lehrbüchern fehlt das „Geschwisterthema“ als solches de facto. So wird auf die Geschwister Suchtkranker als Thema entweder gar nicht, oder wenn doch, dann bestenfalls in ein paar Zeilen repliziert. Theorien, welche die Persönlichkeitsentwicklung berücksichtigen, sind in fast allen Fällen elternzentriert: Zwar zumeist unter Berücksichtigung der „der weiteren Umwelt“, aber ohne explizite Berücksichtigung der Geschwister. Prinzipiell sind entwicklungspsychologische Forschungsarbeiten zur Mutter-Kind- Beziehung häufiger zu finden als zur Kind-Kind-Beziehungen. Die empirische Erforschung der Geschwisterbeziehung steckt hingegen bis heute in den Kinderschuhen. Frick etwa machte, basierend auf seinen psychologischen Beratungen, Kursen und Vorlesungen, über Jahre hinweg die Erfahrung, dass die Geschwisterthematik völlig unterrepräsentiert ist. So wies er nach, dass im Zeitraum von 1977 bis 1998 zwar 17.399 Publikationen zum Thema Kinder und Jugendliche gegeben hat, dass sich aber im selben Zeitraum nur 189 explizit mit dem Thema „Geschwister“ befassten (vgl. Frick 2004:23f).

In der heutigen Drogenarbeit gilt es als Standard, nicht nur mit der suchtkranken Person selbst zu arbeiten, sondern auch die Angehörigen miteinzubeziehen. Wie ich im Zuge meiner mehrmonatigen Teilnahme an einer Angehörigengruppe von Drogen- und Medikamentenabhängigen feststellte, wurde das Angebot von Geschwistern kaum wahr– bzw. angenommen.

Diese Erfahrung und das Interesse an den Geschwistern führten mich zu meiner Forschungsfrage wie Geschwister die Sucht erleben. Darüber hinaus stellte sich die Frage, ob und – wenn ja – inwieweit auch Geschwister vom Phänomen der Co-Abhängigkeit betroffen sind. Welche Bedürfnisse entwickeln sie unter diesem Aspekt, welche Bewältigungsstrategien wenden sie an?

Diesen Fragen nähere ich mich im ersten Teil auf theoretischer Ebene, während der zweite Teil der empirischen Forschung vorbehalten ist.

Am Beginn der Arbeit werden zunächst die Begriffe „Geschwister“ und „Geschwisterbindung“ näher erläutert und definiert. In weiterer Folge wird auf die Bedeutung von Geschwisterbeziehungen ebenso eingegangen wie auf die Rolle der „gesunden“ Geschwister. Schließlich wird das Phänomen der Co-Abhängigkeit behandelt sowie Zweck, Nutzen, Bedürfnisse und Angebote der Angehörigenarbeit untersucht.

Im empirischen Teil wird die Forschungsmethode erläutert, also die Ausgangslage der Untersuchung, Ausführungen über das qualitative Leitfadeninterview, die Kontaktaufnahme mit den InterviewpartnernInnen, die Durchführung der Interviews an sich und die Auswertungsmethode nach dem Kodierparadigma der „Grunded Theory“ erläutert. Abschließend werden die Forschungsergebnisse der Untersuchung ausgewertet, welche sich in folgende sechs Kategorien aufteilen:

- Der Wunsch nach einer heilen Familie
- Das „gesunde“ Kind in der Zerreißprobe
- Spannungsfeld Familie
- Das Minenfeld der Angst
- Copingstrategien
- Implikationen für die Sozialarbeit

Ein Resümee fasst auf kompakte Weise die Forschungsergebnisse noch einmal zusammen.

I THEORETISCHE HINFÜHRUNG ZUM THEMA

Geschwisterbeziehungen können aufgrund ihrer Manigfaltigkeit, den familiären Gegebenheiten und nicht zuletzt der Persönlichkeitsstruktur der Geschwister an sich, verallgemeinert werden. Zum besseren Verständnis lassen sie sich in drei Identifikationsmuster einteilen.

Es zeigt sich, dass „gesunde“ Kinder im Familienkontext verschiedene Rollen übernehmen, auf die im Theorieteil näher eingegangen wird.

Zuletzt werden die Themen Co-Abhängigkeit, Bedürfnisse und Angebote in der Angehörigenarbeit angeführt.

2. BEGRIFFE UND DEFINITIONEN

2.1 Geschwister

Bruder, Schwester, Geschwister – die sprachgeschichtliche Entwicklung dieser Begriffe ist für ihr heutiges Verständnis in der jeweiligen Sprachfamilie nach Sohni, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, sehr aufschlussreich. Im indoeuropäischen Sprachraum bezeichnen „Bruder“ und „Schwester“ zunächst „brüderliche“ oder „schwesterliche“ Zusammengehörigkeit in sozialen Gemeinschaften. Die Griechen bildeten als erste einen eigenen, neuen Begriff „Geschwisterlichkeit“ im Sinne leiblicher Verwandtschaft von Bruder und Schwester.

In vielen europäischen Sprachen wurde kein dem Deutschen entsprechendes Wort für „Geschwister“ gebildet. So sagt man im Französischen „frères et sours“ für „Geschwister“, im Englischen spricht man von „brothers and sisters“. Es gibt also, wie Sohni herausgearbeitet hat, in unserer Kultur keinen einheitlichen Begriff für Geschwister. (vgl. Sohni 2004:12)

2.2 Die Geschwisterbindung

Bank und Kahn, haben in ihrer Untersuchung über die lebenslange Beziehung zwischen Geschwistern nachgewiesen, dass es verschiedenste Arten von Bindungen zwischen Geschwistern gibt. Eine klar definierbare, schlichte, althergebrachte, gesellschaftlich anerkannte, allumfassende Geschwisterbeziehung könne man nicht definieren, stattdessen bestünden eine Vielzahl von Bindungen, die sich zu einer bestimmten Anzahl vorhersagbarer Muster formen lassen.

„Bindung“ kann man demnach bedeuten:

- ein Band, das vereinigt,
- eine Verpflichtung oder Übereinkunft,
- eine Beziehung oder ein Beziehungssystem.

„Gebundenheit“ ist dabei einen Zustand von Versklavung oder Gefangenschaft in einer Bindung. All diese Charakteristika können die emotionalen Transaktionen von Geschwistern beschreiben.

Bank und Kahn sehen die Geschwisterbindung als – intime wie öffentliche – Beziehung zwischen dem Selbst von zwei Geschwistern: die „Zusammensetzung“ der Identitäten zweier Menschen. Die Bindung kann sowohl warm und positiv als auch negativ sein. Auch bei rivalisierenden Geschwistern, die sich vielleicht sogar gegenseitig hassen, kann man dennoch von einer „Bindung“ sprechen, weil sie sich auf der Identitätsebene beeinflussen.

Die Geschwisterbeziehung vermittelt dabei prinzipiell ein Gefühl für die eigenständige Persönlichkeit sowie ein Gefühl von Konstanz durch das Wissen um Bruder oder Schwester als berechenbare Person. Selbst wenn die Emotion unangenehm ist, entsteht das Gefühl einer vertrauten Präsenz, so problematisch und schwierig sie auch sein mag.

Die schwankende Beziehung zwischen Geschwistern findet ihren Höhepunkt in Zeiten von Stress und Mutation. Die Beziehung schwankt demnach, je nach dem jeweiligen Entwicklungsstand der Geschwister, zwischen Perioden der Ruhe einerseits und intensivsten Aktivitäten andererseits. Am deutlichsten sind Geschwisterbeziehungen in der Kindheit und in der Jugend, danach „ruhen“ sie, wenn etwa neue, eigene Familien gegründet werden und eigene Kinder dazukommen. Sind jedoch die eigenen Kinder erwachsen, wird der Geschwisterprozess wieder aktiviert, vor allem, wenn die alt gewordenen Eltern versorgt werden müssen. (vgl. Bank/Kahn 1991:21f)

3. DIE WICHTIGKEIT VON GESCHWISTERBEZIEHUNGEN

Geschwister zählen zu den wichtigsten Bezugspersonen von Kindern. Die Beziehung zwischen Geschwistern ist einzigartig. In Anlehnung an den ironischen Ausspruch aus dem Volksmund: „Freunde kann man sich aussuchen, die Familie nicht!“ können Geschwister eben nicht frei gewählt werden – man „hat“ sie einfach.

Geschwisterbindungen entwickeln sich dabei durch Kontinuität und Zeit. Sie bestehen in der Regel länger als eine Eltern-Kind-Beziehung. Man ist somit in diesem Sinne länger Schwester oder Bruder als Tochter oder Sohn.

Wilk und Zartler (2004:97) kamen mittels einer Befragung von Geschwistern zu der Erkenntnis, dass für die meisten Kinder ihre Geschwister sehr wichtig sind und sie diese gern haben. Die Besonderheit der Geschwisterbeziehung besteht darin, dass sie von Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten geprägt ist. Sie umfasst Zuneigung wie Abneigung gleichermaßen, Solidarität wie Rivalität, Verbundenheit wie Distanz, Liebe wie Hass.

Von einer ambivalenten Beziehung zwischen Geschwistern spricht auch Jacobsen (vgl. zit. in Kast 1996:133ff). Sie geht in ihrer Theorie davon aus, dass Ambivalenz ebenfalls in diesem Zusammenhang Liebe und Hass bedeuten kann.

3.1 Identifikationsmuster von Geschwistern

Zwischen den Polen Ähnlichkeit und Differenz gibt es bei fast allen Geschwisterbeziehungen einige wesentliche, vorübergehende oder lebenslange Identifikationsprozesse, die Bank und Kahn (1991:85) folgendermaßen zusammengefasst haben:

- Enge Identifikation: mit viel Ähnlichkeits- und wenig Differenzgefühlen.
- Teilidentifikation: Ähnlichkeit in manchen Bereichen, Differenz in anderen.
- Distanzierte Identifikation: Die Geschwister empfinden große Differenz und wenig Ähnlichkeit.

Im Folgenden sollen diese Identifikationsprozesse näher umrissen werden.

3.1.1 Enge Identifikation

Diesbezüglich unterscheiden Bank und Kahn (1991:85f) drei Muster enger Identifikationen, die wiederum zu drei Beziehungstypen führen:

- Zwillingsbildung (symbiotische Beziehung)
- Verschmelzung (verschwommene Beziehung)
- Idealisierung (Heldenverehrung)

In sämtlichen Fällen fühlt sich zumindest eines der Geschwister dem anderen sehr ähnlich oder wünscht sich eine Ähnlichkeit.

3.1.2 Teilidentifikation

Die für die enge Identifikation zwischen Geschwistern charakteristische, fast totale Betonung der Ähnlichkeit ist relativ selten. Nach Bank und Kahn liegt der Schwerpunkt der Identifikation auf der Ebene der Subidentität. Die Geschwister spüren, dass sie in manchen Aspekten ihrer Persönlichkeit einem Bruder oder einer Schwester ähnlich sind. Das können offensichtliche Ähnlichkeiten, zum Beispiel im Aussehen, in Verhaltensweisen oder in Interessengebieten sein.

Teilidentifikationen lässt sich aber auch in nach außen hin nicht ohne weiteres erkennbaren Bereichen. Geschwister verbünden sich etwa miteinander aufgrund der genauen Kenntnis der jeweiligen Eigenschaften des anderen (zum Beispiel: „sie ist schlau“, „er ist stark“) und kompensieren damit manch eigene Unsicherheit. Das Wissen „ich bin in mancher Beziehung wie du“ hat zudem Ergänzungsfunktionen und füllt eigene Lücken. Es erlaubt aber auch die Wahrnehmung der Unterschiede.

Im Muster der „Teilidentifikation“ existiert das Gefühl von Ähnlichkeit neben der Einsicht, dass Unterschiede wünschenswert sind. Die Beziehung ist lebendig, weil sie relativ offen für Veränderung ist. Die auf beiden Seiten vorhandenen Emotionen von Nähe und Ähnlichkeit geben Trost und Rat, während das Gefühl von Distanz und Differenz den Geschwistern die Freiheit lässt, ihr Schicksal selbst zu bestimmen.

Diese Prozesse partieller Identifikation sind auch Grundstein für die Bündnisse und Affinitäten unter Geschwistern, für ihre Loyalität. Als Retter, FreundIn, BeschützerIn oder KollaborateurIn des Bruders oder der Schwester befriedigt man sein Bedürfnis nach Selbstbewusstsein. Die Haltung „du darfst meinem Bruder/meiner Schwester nichts tun“ entsteht oft aus der Erkenntnis heraus, dass das Unrecht, das dem Bruder oder der Schwester angetan wird, einen letztlich auch selbst treffen kann. Gegenseitige Hilfe und gemeinsamer Widerstand gegen die Eltern knüpft das Band der Identifikation und Affinitäten zwischen den Geschwistern. Die Erwartungen auf Basis dieser Identifizierung, dass man sich auf den Bruder oder die Schwester verlassen kann, ist Teil der allgemeinen Erwartungen an die Person des anderen. (vgl. Bank und Kahn 1991:93)

3.1.3 Geringe Identifikation

Das Muster der „geringen Identifikation“ beschreiben Bank und Kahn (1991:102) derart, dass einander entfremdete Geschwister mit wenig Ähnlichkeiten glauben, sie hätten nichts gemeinsam und können sich nicht leiden. Sie bilden also das andere Extrem der Geschwisterbeziehung. Dabei lassen sich folgende Identifizierungsprozesse und Beziehungsmuster konstatieren:

- Polarisierte Ablehnung (starr differenzierte Beziehung):
„Du bist ganz anders als ich. Ich will nicht von dir abhängig sein und nie so werden wie du“.
Keiner möchte dem anderen ähnlich sein und lehnt die Eigenschaften des anderen total ab.
- De-Identifikation (verleugnete Beziehung):
„Wir sind absolut verschieden. Ich brauche dich nicht, ich mag dich nicht, und es ist mir egal, ob ich dich je wiedersehe oder nicht“.

De-identifizierte Geschwister wollen so wenig wie möglich miteinander zu tun haben. Sie streiten in der Regel ab, dass es auch nur die geringste Gemeinsamkeit zwischen ihnen gibt. De-Identifizierung kann sowohl einseitig wie auch gegenseitig sein. In Familien, in denen ein Kind stark bevorzugt wird, ist die Verleugnung in der Regel einseitig auf das bevorzugte Kind beschränkt, während das benachteiligte Kind neidisch und voll Groll bleibt.

In beiden Fällen ist die Entfremdung zwischen den Geschwistern so groß, dass sie ihre Probleme nicht selbst lösen können.

4. DIE „GESUNDEN“ GESCHWISTER IM ABSEITS

Rennert (1989:81f) befasst sich mit Geschwistern von Drogenabhängigen und gelangt zu der Ansicht, dass Geschwister von Drogenabhängigen sehr im Abseits professioneller Aufmerksamkeit stehen.

Die Autorin erwähnt, dass das Suchtverhalten des abhängigen Kindes im Vordergrund steht und die Bedürfnisse der Geschwister häufig unberücksichtigt bleiben. Wenn das Suchtverhalten aufgrund einer Behandlung „entfernt“ wird, so wird eine Familie oft einer Erschütterung ausgesetzt. Ohne eine Arbeit mit allen betroffenen Familienmitgliedern kann sich das Suchtverhalten sehr rasch wieder einstellen. Die Familie kann sich auflösen, oder ein anderes Familienmitglied kann eine Störung entwickeln.

4.1 Rollen der „gesunden“ Geschwister nach Cleveland

Cleveland hat im Zuge ihrer Studien drei Rollen herausgearbeitet, die sich stark auf die Familienstruktur auswirken (Cleveland, zit. in Rennert 1989:83): Die Rolle des Elternkindes, des braven Kindes und des symptomatischen Kindes.

4.1.1 Das Elternkind

Das Elternkind übernimmt laut Cleveland in seiner Familie Funktionen, die eigentlich im Aufgabenbereich der Eltern liegen. Elternkinder kommen vor allem in großen Familien, Familien mit nur einem Elternteil und Familien mit einem schwerkranken Kind vor. Sie tragen Verantwortung für die jüngeren Geschwister und entlasten die Eltern. Diese Kinder werden von Cleveland derart beschrieben, dass sie sehr hohe Ansprüche an sich selbst haben und vorzeitig erwachsen werden müssen.

4.1.2 Das brave Kind

„Das brave Kind richtet sich nach familiären und gesellschaftlichen Regeln. Sie sind fleißige und strebsame Schüler. Sie versuchen ihr Bestes zu leisten, um damit den von den Eltern in sie gesetzten hohen Erwartungen gerecht zu werden. Sie glauben stets, dass es ihre Aufgabe ist, die Familie in den Augen anderer Leute als erfolgreich erscheinen zu lassen.“ (Cleveland, zit. in Rennert 1989:83).

Obwohl Cleveland die Rolle des Eltern- und die des braven Kindes voneinander trennt, beschreibt sie gleichzeitig, dass oft ein- und dasselbe Kind beide Rollen auf sich vereinigt.

4.1.3 Das symptomatische Kind

Das symptomatische Kind ist in den von Cleveland (zit. in Rennert 1989:84) untersuchten Familien das drogenabhängige Kind, das im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Oft kommt es vor, dass zwar auch die „gesunden“ Kinder auffällig sind (zum Beispiel durch Schule schwänzen, aggressives Verhalten,...), ihnen aber aufgrund der Drogenabhängigkeit des Bruders oder der Schwester keine oder nur sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es kann sogar der Fall eintreten, dass dieses „vernachlässigte“ Kind dann, wenn sich etwa die Drogensucht des Geschwisterteiles einstellt oder dieses während einer langfristigen Therapie außer Haus ist, in dessen Rolle schlüpft, um „endlich“ selbst im Mittelpunkt stehen zu können.

4.2 Rollen der „gesunden“ Kinder nach Wegscheider

Wegscheider unterscheidet die Rollen von Kinder aus Familien mit suchtkranken Mitgliedern folgendermaßen (Wegscheider zit. in Längle 1996:177):

- Der Held ersetzt Funktionen und ist eine große Hilfe. Oft ist der Held das erstgeborene Kind und unterstützt die Eltern.
- Der Sündenbock lenkt die Aufmerksamkeit auf sich und ist ein Problemkind. Für Wegscheider meist das zweitgeborene Kind.
- Das verlorene Kind kommt niemandem in die Quere. Es handelt sich um problemlose und fast unsichtbare Kinder, die keine Bedürfnisse anmelden.
- Das Maskottchen sorgt für Erleichterung und Spannungsabfuhr. Immer heiter lenkt es in einer Art Clown-Rolle von Problemen ab.

4.3 Versuch einer Gruppentherapie mit den „gesunden“ Geschwistern

Die Literatur zu Geschwistern drogenabhängiger Personen ist spärlich gesät. Man gewinnt den Eindruck, als spielen sie weder in der Forschung noch für ExpertInnen der Suchtarbeit eine besondere Rolle.

Sandra B. Coleman (1986) beschreibt ein Projekt von zweijähriger Dauer, das speziell für jüngere Geschwister von Drogensüchtigen eingerichtet wurde, um die traditionelle Arbeit in der Familientherapie zu verbessern. Auch sie „beklagt“, dass es nur äußerst wenige Veröffentlichungen und Forschungsdaten über die Geschwistersituation in diesem Bereich gibt, obwohl der Einfluss von Süchtigen hinsichtlich eines möglichen Drogenkonsums ihrer Geschwister groß sein kann.

Coleman fordert so denn, dass in der Familientherapie gerade auch diesem Personenkreis entsprechende Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass Colemans Ausführungen vor mittlerweile 20 (!) Jahren geschrieben wurden, und es bis dato noch keine relevanten Forschungsdetails über diese Geschwister gibt!

Coleman stellt fest (1986:142f, vgl. zit. in Kaufmann und Kaufmann), dass von dem Zeitpunkt an, an dem die Eltern die Sucht eines ihrer Kinder bemerken, ganz mit diesem Problem und seiner Lösung beschäftigt sind. Ihre Hauptsorge gilt dem/der Süchtigen. Die Geschwister müssen in Folge häufig Verantwortung übernehmen, worauf sie wenig vorbereitet sind. An sie werden viele Anforderungen gestellt, ohne dass die Eltern sie weiter beachten würden. Da sie keine offensichtlichen eigenen Probleme haben, werden sie zu passiven Beteiligten einer Entwicklung. Ihr persönliches Trauma wird dabei übersehen. Coleman hat zudem herausgefunden, dass selbst in familientherapeutischen Sitzungen, im Zuge derer Therapeuten um eine strukturelle Veränderung von Positionen und Interaktionen in der gesamten Familie bemüht sind, Geschwister die am schwersten zugänglichen Personen darstellen. Sie entwickeln zwar teilweise Bindungen an den/die TherapeutIn, weigern sich aber häufig von sich etwas preiszugeben. Die Vermutung liegt nahe, dass solche rigiden Abwehrmechanismen, die Unterdrückung und die Verdrängung ihrer Abhängigkeitsbedürfnisse sowie die Modellwirkung eines drogenabhängigen Bruders oder einer Schwester, das Risiko einer künftigen eigenen Sucht groß werden lassen.

Die Gruppe mit den Geschwistern, die Coleman beschreibt, sollte zu einer offeneren und konstruktiveren Kommunikation zwischen den Therapeuten und den Geschwistern führen. Im Vordergrund standen präventive Ziele, und die Aufgabe der TherapeutInnen lag darin, die Heranwachsenden bei der Implementierung neu erlernter Verhaltensweisen in ihre jeweiligen Familien zu unterstützen. Es gab drei allgemeine Schwerpunkte für diese Gruppe:

Erstens sollte der Ausdruck von Gefühlen in der Gruppe gefördert werden. Zweitens sollte der Gruppenprozess als eine Möglichkeit genutzt werden, interpersonelle Reaktionen, Verhalten und dergleichen zu reflektieren.

Drittens sollte eine vertrauensvolle Atmosphäre geschaffen werden, in der Probleme mit der Familie, der Schule und Gleichaltrigen besprochen werden und einer Lösung zugeführt werden können.

Coleman beschreibt weiters, dass sich die Geschwister in den ersten Monaten extrem ängstlich zeigten und ihre inneren Spannungen mit Prügelein abreagierten.

Die ersten Versuche der TherapeutInnen, diese Hyperaktivität in konstruktive und akzeptable Bahnen zu lenken, schlugen fehl. So wurden Freizeitaktivitäten initiiert, damit die Gruppe ihre Hyperaktivität ablegen sollte. Obwohl sich die Gruppe nach einigen Sitzungen „beruhigte“, währte dies nicht lange. Immer wieder gab es Personen, die im Mittelpunkt stehen wollten. Dies verleitete dann die anderen Gruppenmitglieder ebenfalls auffallen zu wollen. Erst nach einiger Zeit gelang es den TherapeutInnen konstruktive Sitzungen zu schaffen. Die Gründe dafür ließen sich nicht eruieren, die Mitglieder artikulierten aber endlich spontan von sich aus ihre Probleme.

Ein häufiges und oft wiederkehrendes Thema war im übrigen der „Tod“, entweder symbolisch oder real. Auch sexuelle Funktionen und sexuelles Verhalten waren wichtige Themen. Weitere Probleme ergaben sich aus Konflikten mit der eigenen Geschlechterrolle.

Die TherapeutInnen kamen jedenfalls zu dem Schluss der therapeutischen Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit solcher Geschwistergruppen und betonten deren präventive Wirkung haben. (Coleman vgl. zit. in Kaufmann und Kaufmann 1986:142f) Auch Huberty und Huberty unterstreichen die wesentliche Funktion „gesunder“ Geschwister für die Aufrechterhaltung der symptomatischen Familienstruktur.

Insgesamt stimmen die hier genannten Autorinnen und Autoren überein, dass die Geschwister sowohl bei der Unterstützung als auch bei der Genesung von Sucht eine wichtige Rolle spielen und daher in die Behandlung miteinbezogen werden müssten. Nicht nur für die Genesung des abhängigen Kindes, sondern für die Genesung aller Beteiligten.

4.3.1 Empfehlung einer Familientherapie

Huberty und Huberty (zit. in Rennert 1989:87) empfehlen für Familien mit jungen Drogenabhängigen eine Familientherapie, in welcher die suchtspezifische Ausprägung der jeweiligen Rolle der Geschwister berücksichtig wird. Sie verweisen insbesondere darauf, wie das Festhalten an diesen Rollen die Genesung des abhängigen Kindes gefährdet. Die Bedeutung eines suchtkranken Kindes für die Entwicklung von Selbstwert und Identität seiner Geschwister darf auf keinem Fall unterschätzt werden.

Auch Czisch (vgl. in Längle 1996:178), der sich mit familiären Problemen Abhängiger auseinandersetzt, empfiehlt familientherapeutische Interventionen. Wichtig erscheint ihm ein verbesserter Umgang mit rückfallgefährdenden Situationen innerhalb der Familie, um diese auf etwaige Rückfälle des/der Süchtigen vorzubereiten. Weiters solle die Kommunikation innerhalb der Familie über tabuisierte Themen in Gang gebracht werden und eine Veränderung dysfunktionaler Kommunikationsmuster angestrebt werden.

4.4 Loyalität unter Geschwistern

Geschwister oder ein Teil der Geschwister halten gegen die Außenwelt zusammen, auch wenn sie in der Familie streiten und sich bekämpfen (solange Geschwister miteinander noch streiten, sind sie auch miteinander verbunden). Beschimpfungen und Drohungen in der Öffentlichkeit gegen die Schwester oder den Bruder werden nicht toleriert. Zu Hause, innerhalb der Familie, kann es jedoch sehr wohl vorkommen, dass die Schwester oder der Bruder ihre/seine Geschwister beschimpft. (vgl. Frick 2004:145)

Frick beschreibt die Loyalität unter Geschwistern so, dass sie sich bei Bedarf zwar gegenseitig unterstützen, aber sich emotional nicht nahe sind. (vgl. Frick 2004:232)

5. CO-ABHÄNGIGKEIT

5.1 Was ist Co-Abhängigkeit?

„Als coabhängig bezeichnet man Menschen, die in enger Beziehung zu Suchtkranken stehen, allerdings durch ihr sehr am Helfen orientiertes Verhalten keine Lösung aus den Suchtmechanismen bewirken, sondern eine Verfestigung, suchterzeugenden Verhaltens erlauben und fördern.“ (BMI für Gesundheit und Frauen 2004:59)

Die Bezeichnung „Co-Abhängigkeit“ ist sehr heikel, weil Eltern, Geschwister oder Partner ihr Bestreben immer als gut für die suchtkranken Angehörigen erleben und „ja nur das Beste“ wollen. Eltern tun vordergründig alles, damit ihr Kind wieder auf den „rechten“ Weg kommt. Kein/Keine Partner/Partnerin wird behaupten wollen, gerade durch die Abhängigkeit des/der Lebenspartners/Lebenspartnerin psychisch zu profitieren. Der Hinweis auf eine Co-Abhängigkeit wird – ohne Erklärung – als böswillige Unterstellung erlebt.

Co-Abhängigkeit bedeutet laut Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (2004:59) ein Mitagieren durch Verhaltensweisen, die es dem Betroffenen extrem erschweren, aus seiner Sucht auszusteigen und selbständig zu werden. Zum Beispiel, indem sie die Schuld für die Sucht immer „außerhalb“ suchen oder sich durch ihr Mitleid leiten lassen. Das Erkennen und Eingestehen des Mitagierens soll aber keineswegs den Angehörigen die Schuld am Suchtverhalten ihres suchtkranken Familienmitgliedes zuweisen, sondern vielmehr die Chance auf eine echte Veränderung erhöhen. Die meisten Familienmitglieder empfinden es als große Kränkung, wenn sie sich trotz unerschöpflicher Geduld und Aufopferung für den Süchtigen eine Mitbeteiligung an seinem Suchtverhalten eingestehen sollen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Geschwister von drogenabhängigen Personen und ihre Sicht auf die Sucht
Hochschule
Fachhochschule St. Pölten
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
76
Katalognummer
V124581
ISBN (eBook)
9783640297771
ISBN (Buch)
9783640325672
Dateigröße
880 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschwister, Personen, Sicht, Sucht
Arbeit zitieren
Mag. (FH) Sandra Eigenbauer (Autor), 2007, Geschwister von drogenabhängigen Personen und ihre Sicht auf die Sucht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124581

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Geschwister von drogenabhängigen Personen und ihre Sicht auf die Sucht



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden