In dieser Arbeit möchte ich das Distinktionspotential des europäischen Films, auf den Texten Bourdieus aufbauend, untersuchen. Aufgrund fehlenden Datenmaterials werde ich mich weitgehend auf die eigenen Analysen von Filmen in Abgleich zu Bourdieus theoretischen Überlegungen berufen.
Des Weiteren möchte ich anhand dieses Beispiels zur Beschreibung allgemeiner Strukturen des kulturellen Feldes gelangen. Ein Hauptaugenmerk wird dabei der Stereotyp des ‚Linksintellektuellen’ sein.
Die Schlussbetrachtung stellt dabei die Thesen Bourdieus in Beziehung zu ihm als Autor selbst. Ziel ist hier eine Auseinandersetzung zwischen dem Selbstentwurf Bourdieus als Soziologe in marxistischer Tradition und der simultanen Privilegierung durch das akademische Feld. Dabei soll es vor allem um den Machtbegriff Bourdieus gehen, der in einer weitergehenden Analyse dem Machtbegriff Foucaults gegenüber gestellt werden soll. Zunächst möchte ich jedoch kurz auf das Leben und Werk Pierre Bourdieus näher eingehen: Am 1. August 1930 wird Pierre Bourdieu in Denguin im Departement Pyrénées Atlantiques geboren. Dort verbringt der Sohn eines Bauern und späteren Postbeamten den größten Teil seiner frühen Jugend. Einem Studium an der Sorbonne und der École Normale Supérieure folgt eine kurze Lehrertätigkeit, der sich eine Forschungsprofessur in Algier (1958-1960), sowie eine Professur an der Sorbonne (1960-1961) anschließen. Zu Begin der 1960er Jahre gelangt er an die Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, dort ist er zunächst Assistent am Centre de Sociologie Européenne, zu dessen Direktor er 1964 ernannt wird. 1982 wird er auf den Lehrstuhl für Soziologie am Collège de France berufen, der prestigeträchtigsten Bildungsinstitution Frankreichs. Bourdieu starb am 23. Januar 2002 in Paris (vgl. Bohn / Hahn 2003: 252 f). Bourdieu ist gekennzeichnet durch eine kritische Reflexion der Rolle des Intellektuellen:
Bruch aber auch mit der intellektualistischen Illusion, als bilde die vom Wissenschaftler entworfene theoretische Klasse eine reale Klasse oder tatsächlich mobilisierte Gruppe; […] Intellektualismus, [der] die symbolischen
Auseinandersetzungen und Kämpfe unterschlägt, die innerhalb der verschiedenen Felder ausgetragen werden …
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kapital – Feld – Spiel: Sozialer Raum nach Bourdieu
3. Fluchtpunkt Form: Distinktion über die Kunst
3.1 Ästhetische Distinktion: Bourdieus Thesen am Beispiel des Kunstfilms
3.2 Möglichst wenig Zuschauer: Die Kunst und die Verachtung der Masse
4. Machtstrukturen in der Kulturproduktion nach Bourdieu und Foucault
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Distinktionspotenzial europäischer Filme auf Basis der soziologischen Theorien von Pierre Bourdieu. Ziel ist es, die Rolle des Intellektuellen innerhalb der Kulturproduktion zu analysieren und dabei gesellschaftliche Machtstrukturen sowie den Begriff des legitimen Geschmacks kritisch zu hinterfragen, wobei ergänzend der Machtbegriff von Michel Foucault herangezogen wird.
- Analyse der soziologischen Grundlagen Bourdieus (Kapital, Feld, sozialer Raum)
- Untersuchung von Distinktionsstrategien durch ästhetische Präferenzen im Film
- Kritische Auseinandersetzung mit dem intellektuellen Selbstverständnis und Machtanspruch
- Vergleich von Bourdieus Machtkonzept mit den Thesen Michel Foucaults
- Fallbeispiele zur Veranschaulichung von Legitimierungsprozessen in der Kultur
Auszug aus dem Buch
3.2 Möglichst wenig Zuschauer: Die Kunst und die Verachtung der Masse
Bourdieu beschrieb den gesellschaftlichen Kunstkonsum, und vor allem dessen Distinktionsstrategie wie folgt: Alles in allem wurde dem Konsumenten von Kunst vermutlich noch nie derart viel abverlangt wie heute, da er aufgerufen ist, den künstlerischen Prozeß zu reproduzieren, in dem der Künstler (unter Mithilfe des gesamten intellektuellen Feldes) den neuen Fetisch geschaffen hat. Vermutlich wurde ihm aber auch noch nie derart viel wieder zurückgegeben: Der naive Exhibitionismus des ‚ostentativen Konsums’, der Distinktion in der primitiven Zurschaustellung eines Luxus sucht, über den er nur mangelhaft gebietet, ist ein Nichts gegenüber der einzigartigen Fähigkeit des ‚reinen Blicks’, dieser gleichsam schöpferischen Macht, die kraft radikaler, weil scheinbar den ‚Personen’ selbst immanenter Differenzen vom Gemeinen scheidet.“ (Bourdieu 1982: 60 f.)
Der „reine Blick“ ist der Blick des Kenners, der mittels seiner Bildung fähig ist, ein Werk für sich zu schaffen. Das vorliegende Produkt des Künstlers dient ihm dabei als Anlass, eine spezifische Rezeptionsästhetik zu entwerfen und auf das Kunstwerk zu projizieren. Dieses Vermögen im Umgang mit Kunst trägt dabei die Merkmale einer Begabung, wie Bourdieu durch das Zitieren Ortega y Gassets ausführt: „[Die moderne Kunst ist] wesentlich volksfremd; mehr als das, …volksfeindlich“. (Gasset zit. nach: Bourdieu 1982: 61). Die Kunst scheide das Publikum in zwei unterschiedliche Gruppen: In die der Verstehenden und die der nicht Verstehenden. „Das schließt ein, daß [sic!] es sich um zwei Varietäten der Spezies Mensch handelt. Die neue Kunst ist nicht für jedermann wie die romantische, sie spricht von Anfang an zu einer besonders begabten Minderheit.“ (Gasset zit. nach: Bourdieu 1982: 61).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsabsicht, die Rolle des Intellektuellen und das Distinktionspotenzial des Films mithilfe von Bourdieus Theorien zu untersuchen.
2. Kapital – Feld – Spiel: Sozialer Raum nach Bourdieu: Erläuterung der soziologischen Kernbegriffe Bourdieus wie Klassenstrukturen, Kapitalformen und den sozialen Raum.
3. Fluchtpunkt Form: Distinktion über die Kunst: Anwendung theoretischer Konzepte auf den Film und Analyse, wie Geschmack als Abgrenzungsmerkmal fungiert.
3.1 Ästhetische Distinktion: Bourdieus Thesen am Beispiel des Kunstfilms: Untersuchung des Autorenfilms und des metafilmischen Diskurses als Mittel zur elitären Distinktion.
3.2 Möglichst wenig Zuschauer: Die Kunst und die Verachtung der Masse: Analyse des „reinen Blicks“ und der bewussten Abgrenzung der „Hochkultur“ vom Massengeschmack.
4. Machtstrukturen in der Kulturproduktion nach Bourdieu und Foucault: Vergleichende Betrachtung der Benennungsmacht und der Diskurse über Wahrheit und Macht bei Bourdieu und Foucault.
5. Fazit: Kritische Reflexion der kämpferischen Intellektuellenrolle und der Grenzen des Konzepts der klassendeterminierten Kunstrezeption.
Schlüsselwörter
Pierre Bourdieu, Michel Foucault, Distinktion, Kulturelles Kapital, Soziale Räume, Intellektuelle, Machtstrukturen, Legitimierung, Kunstfilm, Habitus, Geschmack, Symbolische Macht, Mainstream, Autorenfilm, Kulturproduktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Rolle des Intellektuellen in der Kulturproduktion und untersucht, wie Kunst als Mittel zur sozialen Abgrenzung (Distinktion) genutzt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen Bourdieus Begriffe wie das kulturelle Kapital, der „reine Blick“ und das Spannungsfeld zwischen anspruchsvollem Film und massentauglichen Produktionen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die kritische Hinterfragung des Machtanspruchs von Intellektuellen, die den Wert von Kultur definieren und sich durch diesen Konsum von der „Masse“ absetzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine theoretische Analyse auf Basis von Bourdieus Werken sowie eigene Filmanalysen und einen Vergleich mit dem Machtbegriff von Michel Foucault.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung, die Anwendung auf den Film als Distinktionsmedium sowie die Untersuchung von Macht- und Benennungsprozessen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Bourdieu, Distinktion, kulturelles Kapital, Machtstrukturen, Legitimierung von Kunst und der Rolle des intellektuellen Subjekts.
Welche Rolle spielt der Film als Medium in der Argumentation?
Der Film dient als konkretes Fallbeispiel, um zu zeigen, wie Regisseure und Rezipienten durch ästhetische Formwahl versuchen, sich als Teil einer „intellektuellen Elite“ zu inszenieren.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Intellektuellen kritisch?
Der Autor hinterfragt, ob Intellektuelle, die ihr Wissen aus einem kritisierten System beziehen, tatsächlich die Berechtigung haben, über den kulturellen „Wert“ anderer zu urteilen.
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- Magister Artium Philipp Blum (Author), 2005, Kultur und Macht – Eine Analyse der Rolle des Intellektuellen in der Kulturproduktion nach Pierre Bourdieu, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124592