Interpretation zu Heinrich Heines Gedicht: „Mein Herz, mein Herz ist traurig“


Seminararbeit, 2007
13 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Deutung des Poems als ein Zwischenspiel der romantischen und der biedermeierischen Volksdichtung
2.1 Anlehnung des Gedichts an das Volkslied der Romantik und an romantischen Motiven
2.2 Charakteristika für das Biedermeier-Volkslied

3. Interpretation aufgrund des Zusammenhangs von Romantik, Biedermeier und Realismus innerhalb des Gedichts
3.1 Romantik vs. Realismus
3.2 Kontrastierung der Wesensmerkmale Biedermeier-Realismus
3.3 Heines Ironie als wesentlicher Bestandteil

4. Auslegung des Gedichts mit Hilfe der Gegenüberstellung zu Heines Gedicht „Lorely“ und im Hinblick auf seine eigene Person
4.1 Verbindungslinien zu Heinrich Heines Gedicht „Lorely“
4.2 Autobiographischer Bezug

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1. Einführung

„Heine läßt die Weltkugel zwar nicht im hellen Sonnenschein auf der Fingerspitze tanzen wie Goethe, sondern er zerschlägt sie, aber er tut es nur, ... um den einzelnen Stücken dann den reinsten Schliff zu geben. Dabei kommt noch immer Lust und Leben heraus.“[1]

Durch dieses Zitat von Friedrich Hebbel wird deutlich, dass Heine - vor allem im 19. Jahrhundert - zu den wichtigsten und bemerkenswertesten deutschen Lyrikern gezählt werden muss. Heine kann zwar noch als Dichter der Romantik eingestuft werden, gilt aber eher als deren Überwinder.[2] Bekannt wurde er als ein lyrischer Vertreter des jungen Deutschland - obwohl er sich selbst dessen nie als zugehörig ansah - , in dem er die gegenwärtige gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Situation und ihre Missstände kritisch betrachtete, um sich dann in seinen Werken damit auseinanderzusetzen. Überdies werden in Heines Arbeiten ebenso Momente des Realismus verinnerlicht, so dass man ihn sogar - in epochaler Hinsicht - als „Modernen des 19. Jahrhunderts“[3] charakterisieren könnte. Weiterhin ist in Bezug auf Heine festzustellen, dass er sich in persönlicher Hinsicht immer in einem Spannungsfeld der Heimatliebe und des Heimathasses befand. Dies kann auch als die „Wunde Heines“[4] bezeichnet werden. Durch seine jüdische Abstammung wurde er nämlich von den Deutschen oft ausgegrenzt und gedemütigt. In seinem Gedichtband „Buch der Lieder“, dass aus mehreren Zyklen besteht, lässt sich im Zyklus „Die Heimkehr“ - die in ihrem Inhalt von der Sehnsucht nach der Heimat, nach Deutschland dominiert wird - als drittes Gedicht „Mein Herz, mein Herz ist traurig“ als Folgegedicht der „Lorely“ finden. In jenem Sammelband von Gedichten, der sich inhaltlich in erster Linie auf das Thema der unglücklichen Liebe beschränkt, lassen sich dennoch vereinzelt Gedichte mit politischer Handlung wiederfinden. Bei dem Gedicht „Mein Herz, mein Herz ist traurig“ handelt es sich aber um ein lyrisches Werk, dass sich mit vielen unterschiedlichen Aspekten in Verbindung bringen lässt; einerseits aus dem Blickwinkel der friedvollen Idylle, andererseits die Furcht vor Heimatlosigkeit und auswegsloser Situation, die sich abschließend mit dem Todeswunsch verbindet.

Im Folgenden werde ich versuchen, die aufgezählten Elemente zu segmentieren, um sie dann darlegen und interpretieren zu können.

2. Deutung des Poems als ein Zwischenspiel der romantischen und der biedermeier’schen Volksdichtung

2.1 Orientierung und Anlehnung des Gedichts am Volkslied der Romantik und an

romantischen Motiven

Ausgangspunkt für den starken Anschluss an das romantische Volkslied ist die Beschäftigung Heines mit dem „ idyllischen Volkslied seiner Zeit“[5]. Der Inhalt beschreibt eine trügerische Idylle und die erfahrene Heimatlosigkeit, gepaart mit einem Todeswunsch. Die Metrik des Gedichts ist stark romantisch angehaucht. Die Strophen bestehen jeweils aus vier Zeilen mit einem dreihebigen Jambus, der von Daktylen unterbrochen wird. Dies spricht für den „populär-romantischen Ton“[6] . Dennoch besteht ein starker Kontrast zwischen der Hein’schen Version des idyllischen Volksliedes und dem traditionellen Romantik-Volkslied. Heine rückt in Divergenz zur Romantik den Gegensatz von Mensch und Natur“[7] in den Vordergrund. In den letzten beiden Zeilen der ersten Strophe wird die Position beschrieben, an der sich das lyrische Ich befindet, was als Nachahmung des romantischen Volksliedes gewertet werden kann. Durch die absichtliche Verwendung des Kasus des Dativs „gelehnt an der Linde“ (Z. 3) wird verdeutlicht, dass es Heine sehr wohl bewusst war, dass er die „Entgegensetzung von Mensch und Natur“[8] betont. Die Abkapselung und Vereinsamung des Menschen wird somit zum zentralen Mittelpunkt. Eine bedeutende Rolle spielt, sowohl in Heinrich Heines Gedicht „Mein Herz, mein Herz ist traurig“, sowie in romantischen Volksliedern die Ferne und die Sehnsucht. Die Distanz zur weiten Welt verbindet sich mit einer unerfüllten Sehnsucht.[9] „Der träumerische Blick in die Ferne ist für den romantisch Reisenden ein nie nachlassendes Faszinosum.“[10] Die Ferne ist somit als ein typisches Merkmal der Epoche der Romantik anzusehen. Das Motiv der Sehnsucht, dass in der Romantik so zentral war, kommt ebenfalls in Heines Gedicht vor, nur in abgewandelter Form. Heinrich Heine fügt in seiner Lyrik die Sehnsucht nach dem Tode ein. In seinem Gedicht wird dies ausgedrückt durch ein weiteres Spezifikum der Romantik, nämlich der romantischen Ironie.

2.2 Charakteristika für das Biedermeier-Volkslied

Der Hauptteil des Gedichtes besteht hauptsächlich aus „Bildassozationen“[11], welche als „ein Charakteristikum biedermeierlicher Volks- und Genredichtung“[12] zu bezeichnen sind. Das Stilmittel der Personifizierung wird vor allem deshalb verwendet, um eine gewisse Diskrepanz schaffen zu können. Damit dies erreicht werden kann, benutzt Heine auch die für die Biedermeier-Dichtung so typischen sprachlichen Bilder. Als Beispiel kann der „lustig-leuchtende Mai“ (Z. 2) angeführt werden. Einerseits wird die Bildhaftigkeit des Frühjahrs aufgezeigt, andererseits der Monat Mai als heiter dargestellt.

Weiterhin ist festzustellen, dass Heine in der fünften Strophe in einer äußerst bezaubernden Weise über den „alten grauen Thurm“ (Z. 17), der die Idylle des Biedermeiers verkörpert, spricht. Im gleichen Atemzug erwähnt er das „Schilderhäuschen“ (Z. 18), das in seiner Verniedlichungsform dem Wesen der Biedermeier-Epoche zuzuordnen ist. Heine setzt also bewusst diese Komponenten ein, um eine typische biedermeierliche Atmosphäre herbeizuführen. Dies kann beispielsweise durch die Verwendung des Stilmittels der Alliteration „lustig“ und „leuchtet“ (Z. 2) sowie „Knabe“ und „Kahne“ (Z. 7) verdeutlicht werden. Heines Ziel ist, genau durch diese „Überbetonung der Lustigkeit“[13] das Gegenteil zu bewirken. Die humoristischen Eigenschaftswörter, sowie die Fülle von Bildhaftigkeit ergibt insgesamt den Eindruck von totaler Inhaltslosigkeit bzw. Ausdruckslosigkeit, die teilweise sogar ins Banale mündet.

3. Interpretation aufgrund des Zusammenhangs von Romantik, Biedermeier und Realismus innerhalb des Gedichtes

3.1 Romantik vs. Realismus

Heines Gedicht „Mein Herz, mein Herz ist traurig“ beinhaltet Elemente verschiedener Genren. Im Folgenden möchte ich kurz einen Einblick geben, inwieweit das Gedicht einer romantischen Betrachtungsweise zugrunde liegt. Die nachfolgende Beschreibung der Landschaft, die das lyrische Ich umgibt, favorisiert die idealisierte Darstellung, die als ein charakteristisches Merkmal für die Romantik gesehen werden kann. Die Idealisierung wird im Gedicht unter Verwendung verschiedener Stilmittel zum Ausdruck gebracht. Als Beispiel ist die Personifizierung des „Mühlrades“ (Z. 15) zu nennen. Ihre eigentliche Bedeutung steht hinter dem Sinnbild des Schmuckes zurück. Das Mühlrad ist noch eine Reliquie aus der Romantik und wird hier als „Schicksalsmühle“[14] metaphorisiert. Das Mühlrad steht hier für ein Sinnbild des Lebens, des Liebens und des Todes.

„Mein Herz, mein Herz ist traurig“ kann nicht als rein realistisches Gedicht angesehen werden, aber durchaus als eines mit realistischen Zügen. Heine steht dem kennzeichnenden Bild der Romantik, der Harmonie und der Idylle skeptisch gegenüber und lässt somit den Übergang zu einer realistischeren Dichtung erkennen. Dies ist bereits in der zweiten Strophe zu erkennen. Heine verwendet den Terminus „Stadtgraben“ (Z. 6) im Sinne eines Wasserlaufs. Hierdurch ist klar ersichtlich, dass es ihm nicht um die Darstellung einer schönen Landschaft geht, sondern um die „ungeschminkte“ Abbildung der Realität. In diesem Fall ist der Stadtgraben eine Metapher für die Industriestadt, die sich als grau und hässlich beschreiben lässt und in starkem Kontrast zu seiner Beschreibung der idyllischen Naturwelt steht. Dieses Phänomen, das Heine verwendet, wird auch mit dem Begriff „Entzauberung“[15] in Verbindung gebracht. Durch den Gebrauch von negativen Adjektiven - wie in der fünften Strophe aufgeführt - ,,der alte graue Turm“ (Z. 17) symbolisiert, dass Heine sich immer stärker von einer idealisierten Darstellung distanziert. Typisch romantische Motive, wie „die Bastei“ (Z. 4), der reine blaue Fluss - hier modifiziert als „Stadtgraben“ (Z. 6) - und „das Mühlrad“ (Z. 15) werden nicht aus dem verträumten und phantasievollen Blickwinkel der Romantik betrachtet. Die einfallslose und nichtssagende Erwähnung der Ochsen und der Arbeit der Mägde spricht dagegen und gibt daher keinen träumerischen Eindruck wieder, sondern schlichtweg die Hinwendung zur blanken Realität.[16] Dies kann auch dadurch bewiesen werden, dass das umrahmende Bild nicht mehr eine idyllischen Naturlandschaft darstellt, sondern durch die Einfügung bestimmter urbaner Elemente, wie dem „Stadgraben“ (Z. 6), zum Realen Sein zurückkehrt. Die Hinwendung zu einer „profanen Stadtrandlandschaft“[17] ist somit auch als Betreten des Terrain des Realismus zu interpretieren. Es kann also konstatiert werden, dass zwar eine romantische Stimmung hervorgerufen werden soll, die aber letztendlich nicht in diesem Sinne den Leser fasziniert, sondern als stumpfes Spiegelbild einfacher alltäglicher Dinge wirkt.

[...]


[1] http://www.heinrich-heine.net/haupt.htm

[2] http://lexikon.freenet.de/Heinrich_Heine

[3] Adorno, W. Theodor: Noten zur Literatur I. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1958. S. 149

[4] Ebd. S. 146

[5] Brunotte, Ulrike: „Ein absichtsvoll falsches Volkslied“. Konstruktion und Kritik der Idylle in Heinrich

Heines „Heimkehr III“. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag 1992. S. 58

[6] Ebd. S. 58

[7] Ebd. S. 58

[8] Ebd. S. 59

[9] Ebd. S. 66

[10] Haas, Christoph: Blicke, Worte Notizen zu Heines „Mein Herz, mein Herz ist traurig“ und Rückerts

Amara-Sonett. Würzburg: ERGON-Verlag 1995. S. 65

[11] Brunotte, Ulrike: „Ein absichtsvoll falsches Volkslied“. S. 61

[12] Ebd. S. 61

[13] Ebd. S. 58

[14] Ebd. S. 65

[15] Ebd. S. 60

[16] Kircher, Hartmut: Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen, und andere Gedichte:

Interpretation. München: Oldenbourg 1997. S. 61

[17] Brunotte, Ulrike: „Ein absichtsvoll falsches Volkslied“. S. 59

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Interpretation zu Heinrich Heines Gedicht: „Mein Herz, mein Herz ist traurig“
Hochschule
Universität Regensburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar I (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
Note
3,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V124638
ISBN (eBook)
9783640298136
ISBN (Buch)
9783640303397
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interpretation, Heinrich, Heines, Gedicht, Herz, Proseminar, Literaturwissenschaft)
Arbeit zitieren
Verena Liebl (Autor), 2007, Interpretation zu Heinrich Heines Gedicht: „Mein Herz, mein Herz ist traurig“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124638

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