Beziehungen zu Daily-Soap-Figuren und ihre Bedeutung für Rezipierende im Alltag

Eine qualitative Rezeptionsanalyse am Beispiel der Daily Soap "Verbotene Liebe"


Magisterarbeit, 2008
212 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

I. THEORETISCHER RAHMEN UND FORSCHUNGSSTAND
1. Einleitung
2. Ausgewählte Ansätze der Rezeptionsforschung
2.1 Handlungstheoretische Ansätze
2.2 Das Encoding/Decoding-Modell der Cultural Studies
3. Fernsehen im Alltag der Rezipierenden
3.1 Fernsehen als Alltagshandeln
3.2 Parasoziale Interaktion und parasoziale Beziehungen mit Serienfiguren
3.3 Forschungsstand zu parasozialer Interaktion und parasozialen Beziehungen
3.3.1 Internationale Studien zur parasozialen Interaktion/parasozialen Beziehungen
3.3.2 Untersuchungen zu parasozialer Interaktion/parasozialen Beziehungen in Deutschland
3.3.3 Zusammenfassende Bewertung
4. Das Format Soap Opera/Daily Soap
4.1 Das Genre der Soap Opera
4.2 Die Entwicklung der Daily Soaps in Deutschland
4.3 Serienrezeption
4.4 Forschungsstand zur Serienrezeption
4.4.1 Angloamerikanische Studien zur Soap-Opera-Forschung
4.4.2 Untersuchungen zur Serienrezeption in Deutschland
4.4.3 Zusammenfassende Bewertung
5. Zwischenresümee

II. REZEPTIONSSTUDIE
6. Die Daily Soap Verbotene Liebe
6.1 Informationen zur Serie
6.2 Das Publikum von Verbotene Liebe
7. Methodisches Vorgehen
7.1 Erkenntnisinteresse und Forschungsfragen
7.2 Operationalisierung
7.2.1 Das problemzentrierte Interview
7.2.2 Die Auswahl der InterviewpartnerInnen
7.2.3 Der Leitfaden
7.2.4 Durchführung und Transkription der Interviews
7.3 Auswertung mit der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring
8. Auswertung und Interpretation der Interviews
8.1. Die Dimensionen
8.2. Die Ergebnisse
8.2.1 Allgemeine Beurteilung der Serie Verbotene Liebe
8.2.2 Die Lieblingsfiguren und ihre Bedeutung für die Rezipierenden
8.2.3 Die Hassfiguren und ihre Bedeutung für die Rezipierenden
8.2.4 Beurteilung der TV-Szenen aus Verbotene Liebe
8.2.5 Wahrnehmung des Genres und des Realitätsgehalts
8.2.6 Vergleich von positiven und negativen Beziehungen
8.2.7 Einbindung der Serie und der Figuren in den Alltag
8.2.8 Vergleichende Analyse
8.2.9 Einordnung der Ergebnisse in das theoretische Konzept
9. Resümee
10. Literaturverzeichnis
11. Tabellenverzeichnis

Anhang A. Interview-Leitfaden

Anhang B. Fragebogen für Verbotene Liebe – ZuschauerInnen

Anhang C. Interviewtranskripte

Anhang D. Kurzcharakteristik der Serienfiguren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Sie beeinflussen die Gestaltung und den Zeitablauf des Feierabends, sie bieten hinreichend Identifikationsmuster für das eigene Verhalten, und sie transportieren Bewusstseinsinhalte, Werte und Normen, die so mancher Zuschauer gerne adaptiert, da sie der eigenen Lebenswelt und -erfahrung doch sehr ähnlich sind.“ (Schwanebeck 2001: 17f.)

Die Rede ist hier von den Daily Soaps, die seit Anfang der neunziger Jahre im deutschen Fernsehen von Montag bis Freitag Millionen von ZuschauerInnen begeistern. Die Daily Soap verzeichnet eine enorm hohe Bindungsrate, die nicht nur auf den berühmten Cliffhanger am Ende einer Folge zurückzuführen ist. Der tägliche, gleiche Ausstrahlungsrhythmus der Daily Soaps spielt eine große Rolle bei der Alltagsstrukturierung der ZuschauerInnen. Die Darstellung alltäglicher Ereignisse in den Daily Soaps macht es den Rezipierenden möglich, sich mit den Themen und Figuren vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebenserfahrungen auseinanderzusetzen (vgl. Mikos 1994: 330). Die Rezipierenden werden in der heutigen Forschung als aktive Rezipierende begriffen, die dem Format Daily Soap nicht passiv gegenüberstehen, sondern die Medientexte in einen für sie sinnvollen Zusammenhang bringen. Die Bedeutungskonstruktionen des/der Einzelnen stehen dabei im Mittelpunkt. Die Serienfiguren haben eine besondere Bedeutung, da sie den Hauptbestandteil von Daily Soaps ausmachen, die die Themen und Inhalte dialogisch vermitteln. Viele Studien haben bereits den Umgang mit medialen Personen erforscht. In diesen Untersuchungen steht die Beziehung zwischen den Rezipierenden und den medialen Personen im Zentrum. Hierbei wurden hauptsächlich positive Beziehungen untersucht, d.h. die Beziehungen zu den Lieblingsfiguren. Die Erforschung der Beziehungen zwischen Rezipierenden und Charakteren, denen sie negativ gegenüberstehen, wurde bisher stark vernachlässigt. M.E. sind unter den meist stereotypen Figuren aber auch Charaktere, die von den ZuschauerInnen abgelehnt werden. Daher stellt sich die Frage, wie die Rezipierenden auf diese Figuren reagieren und ob sie auch zu negativ empfundenen Figuren eine Beziehung aufbauen. Auch Berghaus u.a. kommen in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass die Bindungskraft des Negativen äußerst groß ist (vgl. Berghaus u.a. 1994: 33).

Im Fokus der vorliegenden Studie steht die Untersuchung des Umgangs mit der Daily Soap Verbotene Liebe von acht jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren anhand leitfadengestützter Interviews. Die Studie richtet ihr Augenmerk auf die Wahrnehmung und Aneignung medialer Personen – den Daily-Soap-Figuren. Ziel der Studie ist es, zu ergründen, ob die Rezipierenden Beziehungen zu den Figuren aufbauen und wenn ja, welche Bedeutung sie für die ZuschauerInnen im Alltag haben. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Untersuchung, wie die Rezipierenden mit positiv und negativ empfundenen Figuren umgehen und welche Bedeutung sie ihnen zuschreiben.

Die Arbeit ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil werden der theoretische Rahmen und der Forschungsstand dargestellt. In Kapitel 2 werden verschiedene Ansätze der Rezeptionsforschung im Hinblick auf meine eigene Rezeptionsstudie dargestellt. Zum einen ist hier die strukturanalytische Rezeptionsforschung von Charlton und Neumann sowie das von Hall entwickelte Encoding/Decoding-Modell der Cultural Studies von Bedeutung.

Die Rezeption von Fernsehtexten im alltäglichen Kontext wird im dritten Kapitel thematisiert. Dazu werden auch das Konzept und der Forschungsstand der parasozialen Interaktion bzw. parasozialer Beziehungen erläutert.

Kapitel 4 stellt das Format Soap Opera1 und die Entwicklung der Daily Soaps in Deutschland vor. Das Kapitel bietet außerdem einen Überblick zur Serienrezeption und dem Stand der Soap-Opera-Forschung.

Ein Zwischenresümee beendet den theoretischen Rahmen der vorliegenden Arbeit (Kapitel 5). Die Rezeptionsstudie bildet den zweiten Teil dieser Arbeit. Acht junge Erwachsene wurden mit Hilfe eines Leitfadens dazu befragt, wie sie die Figuren aus der Daily Soap Verbotene Liebe wahrnehmen und beurteilen. Daher wird zunächst die Daily Soap Verbotene Liebe vorgestellt (Kapitel 6). Im siebten Kapitel wird das methodische Vorgehen dieser Untersuchung erläutert. Die Forschungsfragen werden zu Beginn des Kapitels genau formuliert und vorgestellt. Daran schließt die Operationalisierung der Studie an. Die gewählte Methode sowie die Untersuchung im Einzelnen werden detailliert beschrieben. Dazu zählen sowohl die Auswahl der InterviewpartnerInnen, der Leitfaden sowie die Durchführung, Transkription und die Darstellung der Auswertungsmethode der Interviews.

Kapitel 8 präsentiert die Ergebnisse dieser explorativen Studie. Die Darstellung der Ergebnisse orientiert sich an sieben verschiedenen Dimensionen bzw. Forschungsbereichen. Abschließend werden die Ergebnisse vergleichend analysiert und in die theoretische Konzeption der Arbeit eingeordnet.

In Kapitel 9 werden die wichtigsten Ergebnisse noch einmal zusammengefasst, und es wird ein Resümee gezogen.

I. THEORETISCHER RAHMEN UND FORSCHUNGSSTAND

2. Ausgewählte Ansätze der Rezeptionsforschung

Für die vorliegende Arbeit sind zwei Modelle der Rezeptionsforschung von Bedeutung. Zum einen ist innerhalb der handlungstheoretischen Rezeptionsforschung das Struktur- und Prozessmodell von Charlton und Neumann (Kap. 2.1) relevant. Zum anderen ist für das empirische Vorhaben das Encoding/Decoding-Modell der Cultural Studies von Bedeutung (Kap. 2.2).

2.1 Handlungstheoretische Ansätze

Seit Ende der fünfziger Jahre verlagerte sich das Interesse der Medienforschung von den mächtigen Medien auf die aktiven Rezipierenden.2 Die Perspektive dieser Forschungsanalyse kann nicht mehr mit der Frage „Was machen die Medien mit den Menschen?“, sondern muss umgekehrt mit der Frage „Was machen die Menschen mit den Medien?“ umschrieben werden (vgl. Joußen 1990: 90). Das Urmodell der Rezeptionsforschung wird als Uses-and- Gratifications-Approach bezeichnet, das den Rezipierenden eine aktive Rolle bei der Medienauswahl zuspricht (vgl. Merten u.a. 1992: 78ff.). Danach wird die Zuwendung zu bzw. die Nutzung von Medien als eine Form des sozialen Handelns verstanden. Hier wird das Kommunikationsverhalten, also ob und wie Rezipierende ein Medium nutzen, in Abhängigkeit von Bedürfnissen und Bedürfnisbefriedigung gesehen (vgl. Bonfadelli 1999: 160). Der aktive Rezipient ist einer der Gründe, weshalb der Uses-and-Gratifications- Approach auch zur handlungstheoretischen Rezeptionsforschung zählt, nicht allein zur Wirkungsforschung.

Dem Ansatz fehlt jedoch ein einheitlicher Theorie-Entwurf, und er hat eine stark theoretisch orientierte Kritik erfahren. Dadurch werden alle denkbaren Erklärungsgrößen, die sich vor allem auf den Kontext des Mediennutzungsverhaltens beziehen, nicht mit eingebunden (vgl. Merten u.a. 1992: 84). Ebenso werden mit dem Uses-and-Gratifications-Approach lediglich Erklärungen für die Zuwendung der Rezipierenden zu einem Medienangebot entwickelt. Die Verarbeitung dieser Medientexte wird jedoch ausgeblendet (vgl. Cornelißen 1994: 16). Auch für das Vorhaben dieser Studie greift der Ansatz zu wenig. Der Kontext der Rezipierenden darf bei der Analyse der Bedeutungskonstruktion von Medientexten nicht ausgeblendet werden.

Bereits in den siebziger Jahren stellt Teichert Überlegungen zu der aktiven Rolle des Publikums im Prozess der Massenkommunikation an, die er auf theoretische Annahmen der symbolischen Interaktion zurückführt (vgl. Teichert 1973: 356). Seine Ausführungen zum Nutzenansatz betont die Relevanz der subjektiven Wirklichkeit des Zuschauers. Darunter versteht Teichert das soziale Handeln als Ergebnis der Rezeption von Medienangeboten (vgl. ebd.: 357). Ferner versteht er fernsehen als soziales Handeln, das zugleich auch immer ein „Handeln-in-Rolle“ bedeutet (vgl. Teichert 1973: 369; vgl. auch Teichert 1972: 421). In einer face-to-face-Interaktion muss sich der Handelnde in die Rolle seines Gegenübers hinversetzen können, um ihn zu verstehen. Nach Teichert ist es ebenfalls nur möglich, einen Fernsehtext zu verstehen, wenn sich der Rezipient in die Rolle der Medienakteure versetzt (vgl. Teichert 1973: 377). Ist der Zuschauer in der Lage, die Rolle des anderen zu übernehmen und sich damit in die dargestellte Situation einzufügen (role-taking), so kann er sein eigenes Verhalten diskutieren, modifizieren bzw. konstruieren (role-making) (vgl. ebd.: 382). Die Ausführungen Teicherts spielen ferner eine Rolle für das Konzept der parasozialen Interaktion bzw. parasozialen Beziehungen, die er in seinen Überlegungen zur aktiven Rolle der Rezipierenden im Prozess der Massenkommunikation aufgreift (vgl. dazu Kap. 3.2).

Die Annahmen handlungstheoretischer Rezeptionsmodelle fasst Charlton in drei Richtungsweisen zusammen: Die Rezeption entsteht aus der Alltagspraxis, wird von ihr begleitet und wirkt wiederum auf sie zurück (vgl. Charlton 1997: 22). Schon an dieser Stelle wird deutlich, dass der Kontext bzw. die Alltagspraxis demzufolge entscheidend bei der Rezeption und Aneignung eines Fernsehtextes ist (vgl. Morley 1996: 42f.). Handlungstheoretische Rezeptionsmodelle unterliegen diesen Annahmen, jedoch unterscheiden sie sich hinsichtlich ihrer theoretischen Fundierung deutlich voneinander. Für diese Studie sind zwei Modelle relevant. Im Folgenden sollen der Ansatz der strukturanalytischen Rezeptionsforschung von Charlton und Neumann sowie das Encoding/Decoding-Modell von Hall ausführlich dargestellt werden.

Strukturanalytische Rezeptionsforschung

Das von Michael Charlton und Klaus Neumann formulierte Struktur- und Prozessmodell des Medienrezeptionshandelns ist in die handlungstheoretische Rezeptionsforschung einzuordnen (vgl. Charlton 1997: 23). Die theoretische Basis dieses Modells wird als strukturanalytische Rezeptionsforschung bezeichnet (vgl. Großmann 1999: 49). Das frühe empirische Material der strukturanalytischen Rezeptionsforschung von Charlton und Neumann bezieht sich überwiegend auf (Klein-)Kinder und Jugendliche. Spätere Studien zeigen jedoch, dass diese Fokussierung Untersuchungen mit Erwachsenen keineswegs ausschließt (vgl. Neumann- Braun 2005: 64).

Der Ansatz setzt sich aus strukturellen und prozessualen Aspekten zusammen. Der soziale Kontext sowie die Rahmenbedingungen, die durch Ich-Prozesse und Bedürfnisstrukturen der Rezipierenden bestimmt werden, zählen zu den strukturellen Aspekten (vgl. Neumann/Charlton 1988: 21). Der zentrale Aspekt ist hier das Konzept des handlungsleitenden Themas, das die Rezipierenden in der Auswahl massenmedialer Angebote beeinflusst. Innerhalb dieser Bedingungen findet der eigentliche Rezeptionsprozess statt (vgl. ebd.: 23f.). Soziales Handeln beziehen Neumann und Charlton auf Kontextbedingungen, die sich nach Interaktionssystemen (Familie, peer-group etc.) differenzieren lassen. Innerhalb dieser sozialen Interaktionsfelder entstehen für die Rezipierenden wichtige Themen. Die Bedürfnisstrukturen des Rezipienten und Ich-Prozesse spielen neben dem sozialen Kontext eine entscheidende Rolle. Diese beiden strukturellen Aspekte bestimmen den Rezeptionsprozess. Die Bedürfnisse der Rezipierenden haben Einfluss auf das Interesse an bestimmten Inhalten und Themen, die sich durch die jeweilige individuelle Situation des Rezipienten entwickeln. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen schließt (affektive) Ich- Prozesse mit ein. Diese bestehen aus Wahrnehmung, Interpretation und Verarbeitung von innerer Bedürfnislage und äußeren Realitäten, die eine ausgeglichene Affektorganisation anstreben (vgl. ebd.: 25ff.).

Wie bereits zu erkennen ist, wird in der rezipientenorientierten Forschung die Medienaneignung als eine aktive Konstruktionsleistung des Einzelnen aufgefasst (vgl. Röser 2000: 29). Diese Ansicht ist auch für den strukturanalytischen Ansatz von Bedeutung. Darin wird das Rezeptionsgeschehen als vierstufiger Prozess3 gesehen, in dem sich die Rezipierenden ausgehend von ihrer sozialen und biographischen Situation in Beziehung zu Medientexten und damit zu einem Sinnangebot setzen (vgl. Charlton 1997: 23). Von diesem

Verständnis aus konzipieren Charlton und Neumann die Medienrezeption als „ thematisch voreingenommenes Sinnverstehen und Spiegelung“ (Neumann/Charlton 1988: 21; Hervorhebung im Original, d. Verf.). Thematisch voreingenommenes Sinnverstehen und Spiegelung äußern sich nach den Autoren bei Kindern in ihrer Identitätsentwicklung, sowohl in der Auseinandersetzung mit sich selbst als auch mit der ihnen bekannten realen Welt (vgl. Kutschera 2001: 83). Das persönliche Thema, das der Rezipient an einen Medientext heranträgt, ergibt sich aus seinen eigenen Lebenserfahrungen, seiner sozialen Situation sowie seinen aktuellen Bedürfnissen (vgl. Charlton 1997: 23). Charlton und Neumann kommen in ihrer Analyse ihres empirischen Beobachtungsmaterials4 zu dem Ergebnis, dass sich die soziale Situation mit der Aufnahme der Mediennutzung ändert. In dieser ersten Phase des Rezeptionshandelns ist es wichtig, die soziale Situation so zu gestalten, dass eine Auseinandersetzung mit Medieninhalten überhaupt möglich wird (vgl. ebd.: 24).

Die strukturanalytische Rezeptionsforschung versucht zu erkunden, wie Rezipierende die für sie wichtigen Themen an die Medien herantragen und in der Mediennutzung verarbeiten (vgl. Röser 2000: 29). In einem zweiten Schritt, der Phase der thematischen Selektion, verorten die Rezipierenden Medientexte in ihren persönlichen Erfahrungen, wodurch folglich unterschiedliche Lesarten entwickelt werden können (vgl. dazu auch Kap. 2.2). In der eigentlichen Rezeptionsphase können die Rezipierenden mit ihrer emotionalen Nähe bzw. Distanz zu dem Medienangebot und besonders zu den Medienfiguren spielen. Dabei taucht der Begriff des Involvements häufiger auf.5 In dieser dritten Phase des Rezeptionshandelns entscheiden die Rezipierenden selber, inwieweit sie in das Mediengeschehen involviert sein und wann sie es lieber abbrechen wollen. Im Anschluss an die Rezeptionsphase tritt die Phase der Medienaneignung ein. Sie kann auch als postkommunikative oder Wirkungsphase beschrieben werden (vgl. Scherer 1997: 102). Die vierte Phase des Rezeptionsprozesses dient dazu, die rezipierten Medientexte für die eigenen Lebenszusammenhänge verwertbar zu machen. Der Prozess der Medienaneignung vollzieht sich sehr häufig in der Anschlusskommunikation der ZuschauerInnen (vgl. Charlton 1997: 24).6 Die Aneignungsphase ist zeitlich schwer zu begrenzen. Bereits in der Rezeptionsphase selbst kann sie beginnen, falls Gespräche mit anderen Rezipierenden stattfinden. Die Medienaneignung kann aber auch über diese Situation hinaus erfolgen. Neumann und Charlton charakterisieren den Begriff Aneignung folglich als eine Phase, die während der Rezeption beginnen kann, jedoch zeitlich eher nach der Rezeption gedacht ist (vgl. Hepp 1998: 30).

Es zeigt sich, dass in diesem Struktur- und Prozessmodell des Medienrezeptionshandelns verschiedene Aspekte von Bedeutung sind. Das Konzept des handlungsleitenden Themas nimmt jedoch eine zentrale Rolle ein. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Rezeption in der handlungstheoretischen Rezeptionsforschung als aktive Konstruktionsleistung des Subjekts gesehen wird. Die Wahrnehmung und Interpretation von Medientexten (insbesondere von Fernsehtexten) ist geprägt durch den Lebenszusammenhang und die individuellen Themen innerhalb gesellschaftlicher und kultureller Kontexte.

2.2 Das Encoding/Decoding-Modell der Cultural Studies

Die Cultural Studies setzen sich im Wesentlichen mit dem Verhältnis von Kultur, Medien und Macht auseinander. Im Gegensatz zu früheren Annahmen der Wirkungsforschung, wie z.B. dem Stimulus-Response-Modell, verstehen die Cultural Studies Medientexte nicht als eindimensional und sehen das Publikum nicht einer passiven Konsumhaltung ausgeliefert. Vielmehr begreifen sie Medienangebote (besonders Fernsehtexte) als offen und betrachten das Publikum in einer aktiven, den Medienprodukten Bedeutung zuweisenden Haltung. Mit dem Prozess der Bedeutungskonstruktion als Dialog zwischen Text und Leser haben sich vor allem Stuart Hall und John Fiske auseinandergesetzt. Ausgehend von der Annahme, dass es sich bei der Aneignung von Fernsehtexten um einen Vermittlungsakt zwischen Text und Rezipient handelt, entwickelte Hall ein Konzept zur Bedeutungskonstruktion in Medientexten. Dabei lässt sich das Konzept mit dem für die Cultural Studies prägnanten Satz „ Texts are made by their readers “ auf den Punkt bringen (Krotz 1997: 75; Hervorhebungen im Original, d. Verf.). Das sogenannte Encoding/Decoding-Modell entwickelte Hall in den siebziger Jahren am Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) in Birmingham, das auf viele spätere Rezeptionstheorien Einfluss nahm (vgl. Röser 2000: 45).

Halls Modell entstand vor dem Hintergrund etablierter medienanalytischer Ansätze, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Er lehnt das Stimulus-Response-Modell sowie die Annahmen des Uses-and-Gratifications-Approach generell ab und bettet Medienaneignung in einen soziokulturellen Rahmen der Rezipierenden ein (vgl. Hepp 2004: 110ff.). Hall betrachtet Massenkommunikation nicht als transparenten Vorgang, in dem stabile Bedeutungen vom Sender zum Empfänger gelangen. Er geht vielmehr davon aus, dass eine Asymmetrie zwischen den Codes der Produktion (Encoding) und denen der Rezeption (Decoding) vorherrscht (vgl. Winter 1999: 51). Da es also nicht notwendigerweise eine Korrespondenz zwischen Encoding und Decoding gibt, kann die kodierte Botschaft zwar eine bevorzugte Lesart generieren, die Dekodierung dieser Botschaft kann jedoch nicht beeinflusst werden, da sie eigenen Bedingungen unterliegt (vgl. Hall 1999: 106). Hall geht von einer Korrelation zwischen der sozialen Lage der Rezipierenden und dem Sinn, den sie dem Fernsehtext zuschreiben, aus (vgl. Winter 1995: 87). Aus diesem Grund wird der Rezeptionsprozess zu einer Aushandlung mit dem Ergebnis einer Sinnzuschreibung (vgl. Krotz 1997: 75). Dass Medientexte unterschiedlich gelesen werden können, resultiert aus ihrer polysemen Eigenschaft. Das bedeutet, dass die Texte offen und damit mehrdeutig sind. Hall schreibt ihnen jedoch keine völlige Bedeutungsfreiheit zu, da sie eine Vorzugsbedeutung haben. In diesem Sinne spricht er von einem dominanten Code, auf den die Produzenten mit dominant-ideologischen Inhalten abzielen. Diese Codes der medialen Texte werden von den Rezipierenden unterschiedlich entschlüsselt. Die dekodierte Botschaft muss mit dem Alltagswissen der Rezipierenden integrierbar sein, um für sie relevant zu sein (vgl. Hall 1999: 103f.). Dementsprechend unterscheidet Hall drei idealtypische Lesarten, um die verschiedenen Positionen zu charakterisieren, von denen aus die Dekodierungen eines medialen Textes erfolgen (vgl. Winter 1999: 52): die favorisierte Lesart (dominant- hegemoniale Position), die ausgehandelte Lesart (ausgehandelte Position) und die oppositionelle Lesart (oppositionelle Position) (vgl. Hepp 2004: 114ff.).

Die favorisierte Lesart zeichnet sich durch die Übereinstimmung der kodierten und dekodierten Codes aus. Das bedeutet, dass der Rezipient die konnotative Bedeutung eines medialen Textes voll und ganz übernimmt. Er dekodiert die Bedeutung des Textes in demselben Rahmen wie er zuvor kodiert wurde. Der Rezipient agiert also „innerhalb des dominanten Kodes“ (Hall 1999: 107). Hall sieht diese Position als „idealtypischen Fall einer völlig transparenten Kommunikation“ (ebd.). Jedoch vermutet Winter, dass diese Lesart in der Praxis sehr selten vorkommt (vgl. Winter 1995: 88).

Bei der ausgehandelten Lesart akzeptiert der Rezipient grundsätzlich den herrschenden Code, übernimmt ihn jedoch nicht völlig. Aufgrund eigener sozialer Erfahrungen liest der Rezipient den Text auf seine Weise und passt ihn seinen individuellen Bedeutungen an. Die ausgehandelte Lesart bewegt sich also grundsätzlich im Rahmen der dominanten Ideologie des Medientextes, wobei auch oppositionelle Elemente enthalten sind, da der Rezipient den Text gemäß seinen persönlichen Erfahrungen nach zu einer „eigenen“ Lesart dekodiert (vgl. Winter 1999: 52).

Die oppositionelle Lesart liegt vor, wenn die herrschende Ideologie bei der Rezeption dekonstruiert wird. Der Rezipient versteht die Vorzugslesart eines medialen Textes, lehnt sie aber gänzlich ab, da er die Botschaft in einem anderen Bezugsrahmen wahrnimmt und interpretiert. Diese dritte Lesart wird vor allem von denjenigen Rezipierenden eingenommen, die in direkter Opposition zum dominant-hegemonialen Code stehen (vgl. Winter 1995: 89). Das bedeutet, dass der Rezipient den medialen Text in seinen favorisierten Code zerlegt, um ihn dann aber innerhalb seines alternativen Bezugsrahmens wieder zusammenzusetzen (vgl. Hepp 2004: 116).

Nach Hall bewegen sich die meisten Rezipierenden medialer Texte innerhalb der ausgehandelten Position (vgl. Winter 1999: 53f.). Insgesamt geht das Encoding/Decoding- Modell davon aus, dass soziale Lage und Lesart in enger Beziehung zueinander stehen. Damit setzt Hall die drei hypothetischen Lesarten in Verbindung zur Klasse. Personen, die dem Mittelstand oder der Elite zuzurechnen sind, bewegen sich innerhalb der favorisierten oder ausgehandelten Lesart. Hingegen glaubt Hall, dass Personen der Arbeiterklasse den dominanten Code ablehnen und eine oppositionelle Position einnehmen (vgl. Hepp 2004: 116).

Das Encoding/Decoding-Modell ist mehrfach diskutiert worden. Winter kritisiert, dass das Modell keine Möglichkeit offen lässt zu hinterfragen, inwiefern Codes von der Produktionsseite aus bewusst oder unbewusst erzeugt werden. Ferner weist Winter darauf hin, dass Hall die Funktion der Klassenzugehörigkeit überschätzt und die Vielzahl möglicher Lesarten unterschätzt (vgl. Winter 1995: 91ff.).

Zusammenfassend zeigt sich, dass die in dem Modell dargestellte Medienkommunikation als Prozess zwei Ebenen der Bedeutungsproduktion herausstellt: Zum einen sind das die Bedeutungen, die auf der Seite der Medienproduktion signifikant werden. Zum anderen ist die Ebene der Bedeutungen, die die ZuschauerInnen dem Medientext zuweisen, charakteristisch. Für die empirische Untersuchung ist das Encoding/Decoding-Modell von Bedeutung, da im Hinblick auf die Daily Soap Verbotene Liebe herausgefunden werden soll, wie die Figuren von den Rezipierenden dekodiert und welche Figuren positiv oder negativ wahrgenommen werden.

Die Leser-Text-Interaktion

Wie sich bereits im Ansatz der strukturanalytischen Rezeptionsforschung sowie im Encoding/Decoding-Modell abzeichnet, muss die Leser-Text-Interaktion als wechselseitig orientiertes soziales Handeln verstanden werden (vgl. Charlton 1997: 25). Dabei existieren sowohl Leser als auch Text lediglich in einem latenten Stadium. Erst in der Interaktion miteinander entsteht der rezipierte Text, der nicht mit dem Originaltext identisch sein muss (vgl. Mikos 2001: 326).

Nach Fiske sind

„Populäre Texte […] in sich unvollständig – sie sind niemals unabhängige Bedeutungsstrukturen […], sondern sie provozieren Bedeutung und Lust; sie werden nur dann komplett, wenn sie von den Menschen aufgenommen und in ihre Alltagskultur eingesetzt werden.“ (Fiske 2000: 19).

Für diese Offenheit des Textes hat sich in den Cultural Studies der von Fiske geprägte Begriff der Polysemie etabliert. Danach liefern Fernsehtexte semiotische, d.h. von den Kontexten und ihren Bedeutungen abhängige Erfahrungen. Die Medientexte gelten als prinzipiell offen und interpretationsfähig (vgl. Krotz 1992: 424). Der Fernsehtext birgt also ein großes Potenzial von Bedeutungen, die von unterschiedlichen Rezipierenden in ihren jeweils unterschiedlichen sozialen Situationen aktiviert werden (vgl. Fiske 2001: 62).7 Die Bedeutungsgenerierung ist dabei von den gesellschaftlichen Diskursen abhängig (vgl. Jurga 1999: 133). Ferner macht Fiske mit seinem Konzept textueller Offenheit deutlich, dass die Rezeption eines medialen Textes unweigerlich mit den Erfahrungen aus dem Alltag der Rezipierenden in einen Zusammenhang gebracht werden müssen, um für sie relevant zu sein. Die Aneignung medialer Texte kann daher auch als Vermittlungsprozess zwischen Alltags- und Mediendiskursen bezeichnet werden (vgl. Hepp 1999: 193). Daraus wird ersichtlich, dass die Leser-Text-Interaktion nicht kontextunabhängig gesehen werden kann (vgl. Mikos 1997: 53). Die Bestimmung des Kontextes bleibt folglich unerlässlich für die Medienrezeption. Denn die Bedeutung, die ein Rezipient einem Text zuschreibt, lässt sich nicht alleine durch eine Textanalyse bestimmen, sondern nur durch die Einbeziehung der Kontexte der Rezeption (vgl. Winter 1999: 56). Livingston verweist jedoch auf die Schwierigkeit bei der Bestimmung des Kontextes hin. Ihrer Ansicht nach wird nur selten deutlich, was mit Kontext genau gemeint ist: ist es das Alter und das Geschlecht der Rezipierenden und/oder die Situation, in der das Fernsehen genutzt wird (vgl. Livingston 1996: 168). Ang betont, dass jede Leser- Text-Interaktion als Handlungssituation von einer unbegrenzten Vielzahl von Kontexten gekennzeichnet ist, die sich aber nicht gegenseitig ausschließen, sondern miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig modifizieren und bedingen (vgl. Ang 2006: 68). Da jedoch die Erfassung aller möglichen Kontexte nach Ansicht von Ang kaum realisierbar ist, schlägt Mikos vor, die konkreten Kontexte der Leser-Text-Interaktion zu erfassen, die für das spezifische Erkenntnisinteresse von Bedeutung sind (vgl. Mikos 1997: 54f.).8 Somit lässt sich für das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Studie nur einen kleinen Teil des Gesamtkontextes bestimmen. Der hier relevante Kontext ist an die konkrete Rezeptionssituation gebunden. Damit sind vor allem Ort und Zeit der Rezeption sowie die Einbindung der Serie in den gesamten Tagesablauf der Rezipierenden gemeint. Ein wichtiger Aspekt bildet zusätzlich die Situation der alleinigen oder gemeinschaftlichen Rezeption der Daily Soap Verbotene Liebe.

3. Fernsehen im Alltag der Rezipierenden

In diesem Kapitel soll gezeigt werden, dass fernsehen und insbesondere die Rezeption von Daily Soaps in den Alltag ihrer ZuschauerInnen integriert ist. Zunächst soll in Kap. 3.1 der Begriff Alltag innerhalb der Medienkommunikation dargestellt werden. Fernsehen als Alltagshandeln hat dabei eine zentrale Bedeutung. In Kap. 3.2 erfolgt die Darstellung des Konzeptes der parasozialen Interaktion bzw. der partiellen Identifikation mit Serienfiguren. Der Forschungsstand zum Konzept der parasozialen Interaktion wird in Kap. 3.3 erläutert.

3.1 Fernsehen als Alltagshandeln

Fernsehen vollzieht sich im Alltag, ist in den Alltag integriert und beeinflusst wiederum den Alltag der ZuschauerInnen. Gespräche der ZuschauerInnen über Fernsehinhalte sind das zentrale Bindeglied zwischen der Rezeption und Aneignung von Fernsehtexten. In solch einer Anschlusskommunikation werden Medien- und Alltagsdiskurse in Verbindung gebracht (vgl. Hepp 1999: 191). Diese Aussagen sollen im Folgenden konkretisiert werden.

Alltag stellt ein strukturelles Merkmal von Gesellschaft dar. In diesem objektiven Funktionszusammenhang agieren die handelnden Individuen. Die Aneignung von Wirklichkeit vor dem Hintergrund des kulturellen Kontextes und der symbolisch vermittelten Lebenswelt vollzieht sich innerhalb des objektiven Funktionszusammenhangs (vgl. Mikos 1992: 539). Danach kann Alltag „als eine ganz generelle Bedingungsstruktur gelebten Lebens, als universales Gerüst menschlicher Kommunikation“ bezeichnet werden (Bausinger 1983: 24). Nach Mikos erscheint den handelnden Individuen der Alltag immer symbolisch vermittelt. Das Handeln im Alltag macht die Bedeutungskonstruktion für das Handeln selbst möglich. Das heißt, dass die Individuen ihre alltäglichen Handlungen durch Gefühle, Leidenschaft und subjektive Interessen formen und bestimmen (vgl. Mikos 1994a: 28). Daran anknüpfend kann die Beziehung von Menschen zu Medien als Prozess der Bedeutungskonstitution von symbolischem Material des Alltagslebens beschrieben werden (vgl. Bachmair 1996: 68). Als verlässlichsten Begleiter im Alltag nennt Mikos das Fernsehen, das er als „Leitmedium“ bezeichnet (Mikos 1994: 44). Das Fernsehen fügt sich in den Alltag der ZuschauerInnen ein und verändert ihn, indem es den Alltag strukturiert. Damit ist gemeint, dass das Fernsehen mit seinen Programmen bestimmte Orientierungs- und Fixpunkte setzt. Ereignisse wie der Freitagskrimi oder z.B. der „FilmMittwoch im Ersten“9 bestimmen das Alltagsleben der ZuschauerInnen (vgl. Lindner 1976: 11ff.). Demzufolge stellen Fernsehsendungen Markierungspunkte im Tages- und Wochenablauf dar, an denen sich der Zuschauer bei seiner Alltagsstrukturierung orientiert (vgl. Mikos 1994: 45). Im Gebrauch des Mediums Fernsehen als Strukturierungselement alltäglicher Handlungsabläufe zeigen sich Rituale und symbolische Bedeutungen. Mikos bezeichnet danach Fernsehen als Tätigkeit und Handlung, die in die lebensweltlichen Bezüge integriert ist und als Moment der Kommunikation und symbolischen Aushandlung innerhalb sozialer Gruppen gesehen werden kann (vgl. Mikos 1992: 541).

Zwei wesentliche Bestandteile von Medienhandeln im häuslichen Alltag haben sich bereits angedeutet: Routine und Habitualisierung. Der Alltag als objektiver Funktionszusammenhang gibt durch immer wiederkehrende gleiche Abläufe Sicherheit und schafft Vertrauen in der kulturellen Aneignung. Das bedeutet, dass das Alltagshandeln durch Rituale und Routinen weitgehend bestimmt wird. Gleichzeitig gilt das Alltagshandeln aber auch als Versuch, diese Routine zu durchbrechen (vgl. ebd.). Dieses scheinbare Paradoxon weist auf den Doppelcharakter des Mediums Fernsehen hin: Es ist einerseits in die alltäglichen Handlungsabläufe der Individuen integriert, andererseits repräsentieren Fernsehinhalte etwas Besonderes, das aus dem Alltag herausragt (vgl. ebd.: 542). Bausinger spricht in diesem Zusammenhang von einer spezifischen Semantik des Alltäglichen, in dem die Individuen dem alltäglichen Medienhandeln Bedeutungen und Sinn zuweisen (vgl. Bausinger 1983: 25). So skizziert Bausinger Medienrituale an drei Beispielen, von denen ich im Folgenden eines vorstellen möchte, um die vorherigen Aussagen zu verdeutlichen: Eine Frau berichtet über das Fernsehverhalten in ihrer Familie, dass nur sehr wenig ferngesehen werde. Es komme aber vor, dass ihr Mann nach Hause komme, richtigen Ärger gehabt habe und dann, ohne etwas zu sagen, den Fernseher einschalte. Bausinger sieht in diesem Medienhandeln des Mannes zum einen den Ausdruck seiner emotionalen Verfassung. Zum anderen ist das Verhalten aber routiniert und habitualisiert. Das Einschalten des Gerätes heißt nicht, dass der Mann eine bestimmte Sendung sehen möchte. Vielmehr möchte er gar nichts sehen, hören und vor allem nicht sprechen. Darin zeigt sich nach Bausinger die spezifische Semantik des Alltäglichen (vgl. ebd.: 27). Der von Mikos so bezeichnete Doppelcharakter des Mediums Fernsehen wird an diesem Beispiel ebenfalls deutlich. Der Mann versucht, aus seinem Alltag auszubrechen. Er schaltet den Apparat ein, um seine ärgerlichen Gedanken beiseite zu schieben. Damit schafft dieses Medienhandeln die Möglichkeit, die Zwänge des Alltags zu überwinden. Gleichzeitig ist dieses Medienhandeln aber ein strukturelles Element seines Alltags (vgl. Mikos 1994a: 33). Besonders aufschlussreich sind die Ausführungen Bausingers in seiner ethnographischen Beschreibung des Medienhandelns im Alltag. Bausinger beobachtete deutsche Familien in ihrem alltäglichen Medienhandeln. Das Fallbeispiel „Herr Meier“ hatte einige wichtige Überlegungen zur Folge. Bausinger untersuchte, wie Herr Meier im Kontext seines Alltags am Wochenende und im Kontext seiner Familie mit der Sportberichterstattung umgeht (vgl. Bausinger 1983: 31). Bei dieser empirischen Untersuchung gelangt Bausinger zu sechs Schlussfolgerungen, die m.E. auch heute noch von Bedeutung sind und Gültigkeit haben und im Folgenden näher erläutert werden sollen.

Erstens zeichnet sich Medienhandeln durch das Zusammenspiel verschiedener Medien aus. Nicht alleine das Fernsehen wird genutzt. Radio, Zeitung, vor allem heutzutage auch das Internet werden von den Nutzern nach ihren individuellen Bedürfnissen kombiniert und genutzt. Dabei erfolgt jedoch zweitens die Nutzung in der Regel nicht mit voller Konzentration und vor allem unvollständig. Hierbei sei besonders auf die Rezeption von Soap Operas durch Frauen verwiesen, die nebenbei häusliche Tätigkeiten wie bügeln, putzen oder telefonieren ausüben.10 Bausinger kommt drittens zu dem Ergebnis, dass Medien in den

Alltag integriert sind. Das Medienhandeln interagiert aber auch mit nichtmedialem Alltagshandeln, das durch äußere und innere Einflüsse bedingt ist (vgl. Bausinger 1983: 33). Die vierte Feststellung macht deutlich, dass Medienhandeln kein isoliert-individueller

Vorgang, sondern ein kollektiver Prozess innerhalb bestimmter Gemeinschaften ist. Das können die Familie, der Freundeskreis oder die Kollegen sein. Die Interessen der einzelnen Individuen an einem Medienangebot differieren und können von anderen beeinflusst werden. Fünftens zeigt sich, dass mediale und direkte personale Kommunikation miteinander verbunden sind. Denn Medieninhalte regen zu Gesprächen bereits während der gemeinsamen Rezeption an. Aber auch Anschlusskommunikation mit anderen über das Medienangebot hat sinnstiftenden Charakter für den Einzelnen. Als letzte Feststellung nennt Bausinger die Mehrdeutigkeit der Medienangebote. Diese zeichnet sich nicht nur durch eine inhaltliche Mehrdeutigkeit aus, sondern auch durch die Einbeziehung in alltägliche Kontexte. Danach resultiert die Mehrdeutigkeit aus dem Alltag als offenes Feld, in dem Kommunikation stattfindet (vgl. ebd.: 33ff.).

Die sechs Feststellungen Bausingers sowie die Ausführungen von Mikos lassen folgende Schlüsse zu: Fernsehen als häusliche Tätigkeit ist nach den bisherigen Auffassungen in den familiären Kontext integriert und stellt das Merkmal alltäglichen Handelns dar. Deshalb kann Fernsehen als alltägliches Medienhandeln auch als Interaktion innerhalb eines Kontextes verstanden werden (vgl. Mikos 1994a: 47). An dieser Stelle lässt sich eine Verbindung zu Fiskes Polysemie-Konzept herstellen. Seiner Ansicht nach liefern Fernsehtexte semiotische, d.h. von den Kontexten und ihren Bedeutungen abhängige Erfahrungen (vgl. Krotz 1992: 424). Der Fernsehtext birgt ein großes Potenzial von Bedeutungen, die von unterschiedlichen Rezipierenden in ihren jeweils unterschiedlichen sozialen Situationen aktiviert werden (vgl. Fiske 2001: 62). Das bedeutet, dass nicht nur generell das Medienhandeln integraler Bestandteil des alltäglichen Kontextes ist, sondern dass vor allem auch die Sinnzuschreibung und Bedeutungszuweisungen eines medialen Angebots von dem individuellen, lebensweltlichen Kontext des Einzelnen aktiviert und generiert werden. Fernsehen, verstanden als kommunikative, soziale Handlung, schreibt dem Rezipienten eine aktive Rolle zu. Wie der Rezipient auf Medieninhalte, besonders auf Medienpersonen reagiert, soll im folgenden Kapitel näher erläutert werden.

In diesem Kapitel ist deutlich geworden, dass das Fernsehen eine zentrale Stellung im Alltag der ZuschauerInnen einnimmt. Folglich kann man sagen, dass auch Fernsehserien und besonders Daily Soaps eine große Rolle bei der Alltagsstrukturierung der ZuschauerInnen spielen. Aufgrund ihres „Cliffhangers“ am Ende einer jeden Folge11 und ihres immer gleichen und täglichen Ausstrahlungstermins (in der Regel montags bis freitags) kann ihnen eine enorme Zuschauerbindung zugesprochen werden (vgl. Zubayr 1996: 115). Da in Daily Soaps vorwiegend Gespräche der Protagonisten stattfinden, liegt die Vermutung nahe, dass die ZuschauerInnen nicht nur die dargestellten Themen in einen Sinnzusammenhang bringen, sondern auch die Figuren selber beurteilen, bewerten und als für sie relevant oder nicht relevant betrachten. Hier zeigt sich, dass die Rezeption von Daily Soaps an die Überlegungen aus Kap. 2. anzuknüpfen ist. Die Bedeutungen, die die Rezipierenden den Handlungen und Figuren der Daily Soap zuschreiben, konstituieren sich aus ihren subjektiven, lebensweltlichen Erfahrungen. Die Frage, ob und wie die ZuschauerInnen mit den Figuren in eine Art Interaktion oder Beziehung treten, soll im Folgenden theoretisch geklärt werden. Dazu wird das ursprüngliche Konzept der parasozialen Interaktion nach Horton und Wohl vorgestellt. Weiterführende Ansätze sollen die Beziehungen bzw. möglichen Beziehungen zwischen Rezipient und TV-Person zu beschreiben versuchen, um für die empirische Untersuchung eine theoretische Grundlage zu schaffen.

3.2 Parasoziale Interaktion und parasoziale Beziehungen mit Serienfiguren

Die beiden Sozialwissenschaftler Donald Horton und R. Richard Wohl veröffentlichten 1956 in der Zeitschrift „Psychiatry“ ihr Konzept der parasozialen Interaktion unter dem Titel „Mass Communication and Para-Social Interaction: Observation on Intimicy at a Distance“.12 Die These13 von Horton und Wohl beruht auf der Annahme, dass Massenmedien die Illusion einer „face-to-face“ Beziehung zwischen Zuschauer und Darsteller erzeugen und dem Rezipienten damit die Möglichkeit bieten, so zu reagieren, als ob er mit den Medienakteuren in einer direkten personalen Interaktion stünde (vgl. Gleich/Burst 1996: 183). Danach betrachten die Rezipierenden die Personen auf dem Bildschirm nicht nur distanziert beobachtend, sondern sie interagieren mit ihnen. Diese medial vermittelte Kommunikation zwischen der TV-Person und dem Zuschauer bezeichnen Horton und Wohl als parasoziale Interaktion14 (vgl. Horton/Wohl 1986: 185f.; vgl. auch Gleich 1997: 35). Das Charakteristische an dem Konzept ist die Einseitigkeit und fehlende Reziprozität dieser Kommunikationssituation. Es handelt sich also nicht um eine reale15 soziale Interaktion, sondern lediglich um die Illusion eines face-to-face-Kontaktes zwischen Medienperson und Rezipient. Schramm u.a. verstehen darunter eine „asymmetrische Kommunikationsform“ (Schramm u.a. 2002: 439). Das entscheidende Kriterium innerhalb der parasozialen Interaktion ist die Bedeutung der Illusion. Hippel fasst die wichtigsten Aspekte dieser sogenannten Illusion zusammen: Die TV-Person verhält sich so, als ob sie sich tatsächlich in einer face-to-face-Situation befindet, und richtet sich nach den vermeintlichen Reaktionen des Zuschauers. Dieser wiederum erhält durch das direkte Adressieren der TV-Person das Gefühl, als befände er sich in einer realen unmittelbaren Kommunikationssituation und kann so entsprechend auf die TV-Person reagieren (vgl. Hippel 1993: 130). Daraus wird deutlich, dass Horton und Wohl parasoziale Interaktion als soziales Handeln der ZuschauerInnen verstehen. Es ist mit sozialem Handeln in realen Interaktionssituationen zu vergleichen (vgl. Mikos 1996: 100). Nach Meinung der Sozialwissenschaftler erzeugt die TV-Person Intimität bzw. Nähe und Vertrautheit, die der Intimität zweier Personen in einer realen sozialen Kommunikationssituation ähnelt. Horton und Wohl sprechen in diesem Zusammenhang auch von „intimacy at a distance“ (Horton/Wohl 1986: 188ff.; vgl. auch Wulff 1996a: 172f.). Wichtig ist hier vor allem, dass Horton und Wohl parasoziale Interaktion nicht als pathologisches Phänomen, sondern als Teil des Alltagshandelns der Rezipierenden verstehen (vgl. Horton/Wohl 1986: 202f.). Extreme Formen der parasozialen Interaktion können nach Ansicht der beiden Soziologen in einigen Fällen auftreten, wenn die ZuschauerInnen in den Medienpersonen einen Ersatz für reale soziale Kontakte sehen (vgl. Horton/Wohl 1986: 196). Ursprünglich bezogen Horton und Wohl ihr Konzept auf TV-Personen, die die ZuschauerInnen (scheinbar) direkt ansprechen, wie z.B. Moderatoren oder Nachrichtensprecher. Diese Personen bezeichnen die Sozialwissenschaftler als „Personae“ (vgl. Horton/Wohl 1986: 187). Der Begriff darf dabei nicht mit dem Begriff „Star“ verwechselt werden. Denn nach Ansicht von Horton und Wohl sind die Personae „not prominent in any of the social spheres beyond the media“ (Horton/Wohl 1986: 187; vgl. auch Wulff 1996a: 167f.). Der Unterschied zum Star liegt

demnach darin, dass die Persona über das Medium (bzw. die Serie) hinaus nicht prominent ist.16 Jedoch ist die Beschränkung der Persona auf z.B. Moderatoren weitgehend aufgehoben, und es wird allgemein angenommen, dass alle im Fernsehen präsenten Personen als Persona fungieren können. Hartmann u.a. weisen in diesem Zusammenhang besonders auf die Aspekte der Obtrusivität und Persistenz hin, die die Persona erfüllen muss (vgl. Hartmann u.a. 2004: 38). Zunächst muss sich die Persona dem Zuschauer regelrecht aufdrängen, indem sie beispielsweise einen großen Teil des Bildschirms ausfüllt. Diese Obtrusivität zwingt den Zuschauer gewissermaßen, sich mit der Persona auseinanderzusetzen. Mit Persistenz ist gemeint, dass die Persona regelmäßig bzw. sehr häufig im Fernsehen präsent sein muss. Diese zwei Aspekte ermöglichen dem Rezipienten eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Persona (vgl. ebd.: 38). Schramm und Hartmann nehmen an, dass zu einer Persona immerzu parasoziale Interaktionprozesse ablaufen, welcher Art auch immer. In Anlehnung an Watzlawicks Kommunikationsaxiom „Man kann nicht nicht kommunizieren“ sind die Autoren der Meinung, dass „man also mit einer ‚anwesenden Medienperson’ nicht nicht parasozial interagieren kann“ (Schramm/Hartmann 2007: 211; Hervorhebungen im Original, d. Verf.). Auch Hartmann und Klimmt gehen davon aus, dass parasoziale Interaktion stattfindet, sobald eine mediale Person in das Wahrnehmungsfeld der Rezipierenden rückt (vgl. Hartmann/Klimmt 2005: 90).

Die Auseinandersetzung mit einer Persona während der Rezeptionssituation, sprich die parasoziale Interaktion, muss von der parasozialen Beziehung abgegrenzt werden. Horton und Wohl haben in ihrem Konzept keine strikte Trennung der beiden Begriffe vorgenommen.17 Daher wurden die Begriffe in darauf folgenden Studien oft synonym verwendet. Es lassen sich aber Unterschiede in vielen jüngeren Studien feststellen. Nicht alle dieser Studien folgen einer einheitlichen Unterscheidung. Krotz z.B. orientiert sich an Horton und Wohl und beschreibt als parasoziale Beziehung „eine durch Gewohnheit, kognitive Operationen und Emotionen vermittelte situationsübergreifende Bindung“, während parasoziale Interaktion den medienbezogenen Kommunikationsprozess meint (Krotz 1996: 80). Gleich hingegen fasst eine parasoziale Beziehung als soziale (dyadische) Beziehung auf, die realen sozialen Beziehungen ähnlich ist. Charakteristisch für solch ein Verhältnis zwischen Zuschauer und Fernsehperson ist der Prozesscharakter der Beziehung, der dynamischen Veränderungsprozessen unterliegt (vgl. Gleich 1996: 119; vgl. auch Six/Gleich 2000: 364). Parasoziale Beziehungen werden von Gleich einerseits als Ergebnis, aber auch als weiterer Ausgangspunkt parasozialer Interaktion verstanden (vgl. Frey 1996: 146). Es wird deutlich, dass nach dieser Auffassung parasoziale Beziehungen aus wiederholten Interaktionen

entwickelt werden.18 Nach einer sogenannten Initialzündung, der erstmaligen Begegnung, finden weitere parasoziale Interaktionen statt. Sofern sich der emotionale Zustand des Zuschauers innerhalb einer parasozialen Interaktion positiv verändert (Belohnungswert), erhöht sich seine Motivation, diesen Zustand erneut zu erreichen. Resultat eines solchen Interaktionsprozesses ist eine parasoziale Beziehungskonstellation (vgl. Gleich 1997: 73). Die Wechselwirkung zwischen parasozialen Interaktionen und Beziehungen fasst Gleich als Kreisprozess auf, „in dem der aktuelle Zustand einer Beziehung sowohl als Ergebnis vorheriger wie auch als Determinante weiterer parasozialer Interaktionsprozesse begriffen wird“ (Gleich 1996: 119). Wie Horton und Wohl, so sieht auch Gleich die Besonderheit der parasozialen Beziehung darin, dass dem Zuschauer ein hohes Maß an Handlungsfreiheit gegeben ist (vgl. Gleich 1997: 45). Der Zuschauer kann nach seinem subjektiven Empfinden seine Beziehung zu der Persona nach Belieben gestalten und seinen Interessen anpassen. So kann er sich unvermittelt und ohne Erklärungen aus einer parasozialen Interaktionssituation bzw. aus einem parasozialen Beziehungsgefüge zurückziehen, ohne dafür Sanktionen befürchten zu müssen, wie es in einer realen sozialen Interaktion vermutlich der Fall wäre (vgl. Vorderer/Knobloch 1996: 202f.; vgl. auch Keppler 1996: 16f.).

Die verschiedenen Auffassungen von parasozialer Interaktion und parasozialen Beziehungen machen bereits an dieser Stelle deutlich, dass die Erforschung parasozialer Phänomene eine klare Konzeptualisierung voraussetzt. Für die vorliegende Arbeit ist besonders das Verständnis von Vorderer von Bedeutung. Er bezeichnet in Anlehnung an Gleich (1996) und Krotz (1996) „ausschließlich die unmittelbare, während der Rezeption stattfindende

‚Begegnung’ zwischen Rezipient und Medienakteur als parasoziale Interaktion, […] und die über die einzelne ‚Begegnung’ hinausgehende Bindung des Zuschauers an eine Person als parasoziale Beziehung “ (Vorderer 1998: 698; Hervorhebung im Original, d. Verf.). Vorderer weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich die Forschung über das Verhältnis der ZuschauerInnen zu Serienfiguren besonders auf parasoziale Beziehungen konzentriert. Innerhalb dieser Forschungsrichtung ist eine weitere Differenzierung notwendig: ZuschauerInnen können eine parasoziale Beziehung mit einer Figur (mit fiktionalen Charakteren wie z.B. der Figur Tanja von Anstetten aus Verbotene Liebe), mit einem bestimmten „Typus“ (z.B. „Intrigantes Biest“) oder mit dem/der SchauspielerIn selber (z.B. Miriam Lahnstein, die die Rolle der Tanja von Anstetten verkörpert) eingehen (vgl. Vorderer 1998: 698). Keppler bezeichnet wie Vorderer die differenzierten Beziehungsmöglichkeiten als drei mögliche Gegenstände einer parasozialen Interaktion (vgl. Keppler 1996: 19). Auch wenn Vorderer und Keppler diese drei Differenzierungen zu verschiedenen Stadien der Para- Kommunikation zählen – parasoziale Beziehungen und parasoziale Interaktionen –,so meinen sie vermutlich dennoch dasselbe. Kepplers Ausführungen beziehen sich vor allem auf den Aspekt der Identifikation mit Serienfiguren, der im Folgenden näher erläutert werden soll.

Die Rezeption von Fernsehserien beinhaltet die Frage nach der identitätsbildenden Wahrnehmung von Serienfiguren, die nicht von der Frage zu trennen ist, inwieweit sich der Rezipient mit diesen Figuren identifizieren kann (vgl. ebd.: 11). Keppler geht davon aus, dass es einen entscheidenden Unterschied macht, ob man sich in einer Interaktion mit Personen oder mit Figuren befindet. Dabei definiert sie Personen als „Individuen, die faktisch oder potentielle Teilnehmer an einer wechselseitigen sozialen Praxis sind oder sein können“ (ebd.: 15, Hervorhebung im Original, d. Verf.). Figuren dagegen sind „fiktive Gestalten“ (ebd.). Der grundsätzliche Unterschied der Interaktion mit Personen oder Figuren liegt in der Kommunikationsform. Kommunikation mit Personen ist wechselseitig und unmittelbar, während Kommunikation mit Figuren medial vermittelt, nicht reziprok und mittelbar ist (vgl. Keppler 1995: 89). Menschen im alltäglichen Leben werden nach Ansicht Kepplers als Personen wahrgenommen. Serienfiguren hingegen werden wie Personen wahrgenommen (vgl. Keppler 1996: 17). Der Unterschied zwischen dem „als“ und dem „wie“ in der Wahrnehmung von Personen lässt auch die Differenz zwischen sozialer und parasozialer Interaktion erkennen. In diesem Sinne kann von einer identifikatorischen Wahrnehmung gesprochen werden, die sich dadurch auszeichnet, dass Serienfiguren nicht nur als Figuren, sondern auch wie Personen wahrgenommen werden können. Das bedeutet, dass sich die Identifikation des Zuschauers auf die Person, die Figur und zusätzlich auch auf den Typus richten kann. Die drei Formen der Identifikationen können sich wechselseitig bestimmen und gegenseitig durchkreuzen (vgl. ebd.: 17ff.). Die Rezeption einer Serie kann durch Identifikation, aber auch in Form von involvierter Wahrnehmung erfolgen. Jedoch dürfen diese beiden Formen nicht unmittelbar gleichgesetzt werden (vgl. Visscher 1996: 27). Unter involvierter Rezeption ist „diejenige Rezeptionshaltung [zu] verstehen, bei der die Rezipienten kognitiv und emotional derart in das fiktive Geschehen […] involviert werden, dass sie sich der Rezeptionssituation selbst nicht mehr bewusst sind, sondern quasi im Wahrgenommenen mitleben “ (Vorderer 1992: 83; Hervorhebung im Original, d. Verf.). Das bedeutet, dass die fiktive Handlung als „tatsächlich“ wahrgenommen wird, aber dass der Rezipient nicht die Perspektive der Figur im Sinne einer Identifikation einnimmt (vgl. Visscher 1996: 27). Doch was genau ist unter Identifikation zu verstehen? Der aus der Psychoanalyse stammende Begriff der Identifikation bezeichnet die Aufhebung der Differenz zwischen „ego“ und „alter“. Identifikation kann folglich als Vorgang beschrieben werden, sich in eine andere Person einzufühlen und das Gefühlsleben des Anderen als eigenes zu erkennen (vgl. ebd.: 25f.). Bereits Horton und Wohl grenzen parasoziale Beziehungen von Identifikationsprozessen ab (vgl. Gleich 1996: 116). Der Zuschauer behält in dem Prozess der parasozialen Interaktion seine Identität und handelt den Figuren gegenüber als eigenständige Person (vgl. Visscher/Vorderer 1998: 454).

Keppler baut ihre Ausführungen auf einem sehr weit gefassten Verständnis von Identifikation auf. Ihrer Ansicht nach ist die Identifikation mit Serienfiguren keine vollständige Identifikation im psychoanalytischen Sinne. Gemeint ist vielmehr, dass die Rezipierenden das Verhalten der Figuren nachvollziehen können. Das bedeutet, dass diese Art der Identifikation mit Serienfiguren auf Erfahrungen des Umgangs mit Personen im realen Leben basiert. Die Identifikation folgt denselben Mustern wie die in einer realen sozialen Kommunikationssituation. In der gemeinsamen Struktur von parasozialer und sozialer Interaktion sieht Keppler auch die Faszination der möglichen Identifikation mit Serienfiguren (vgl. Keppler 1996: 20). Als Normalfall der Wahrnehmung von Figuren nennt Keppler nicht die vollständige, sondern die partielle Identifikation. Das bedeutet, dass sich der Rezipient mit einer Figur (oder auch mit einer realen Person) gleichzeitig identifizieren und auch von ihr distanzieren kann. Deutlich werden diese Ambivalenzen durch drei Formen der partiellen Identifikation: affirmative, hypothetische oder negative Identifikation. Die affirmative Identifikation zeichnet sich dadurch aus, dass der Rezipient mit den Einstellungen und Handlungsweisen der Figur weitgehend übereinstimmt. Bei einer hypothetischen Identifikation erfolgt die Zustimmung zu den Handlungs- und Sichtweisen der Figur nur unter Vorbehalt. Es reizt demnach den Zuschauer nachzuvollziehen, wie es sein könnte, so zu sein, auch wenn der Zuschauer so nicht sein will. Die letzte der drei Formen bezeichnet Keppler als negative Identifikation. Dabei lehnt der Rezipient die Einstellungen und das Verhalten einer Figur weitgehend ab. Die Identifikation erfolgt also ohne Zustimmung, aber mit einer interessierten oder sogar faszinierten Ablehnung. Diese partielle Form kann trotz der Ablehnung als Identifikation verstanden werden, da der Rezipient die Sicht- und Handlungsweisen in einer bestimmten Art und Weise nachvollziehen kann. Die Grenzen zwischen diesen drei Formen der partiellen Identifikation sind dabei keineswegs statisch, sondern fließend (vgl. Keppler 1996: 22). Innerhalb der negativen Identifikation fallen die Urteile über Serienfiguren häufig extremer aus als im Falle über reale Freunde oder Nachbarn. Solche Verurteilungen sind für den Rezipienten relativ folgenlos und verschaffen ihm einen Handlungsspielraum, in dem er sich willkürlich gegenüber der Serienfigur verhalten kann (vgl. ebd.: 16f.). Besonders die negative Identifikation ist m.E. sehr reizvoll für den Rezipienten. Bereits Berghaus u.a. kommen in ihrer Studie über das Fernsehpublikum zu dem überraschenden Ergebnis, dass die Abneigung eine starke Beziehung zu Fernsehakteuren herstellt. Ihrer Meinung nach ist die Bindungskraft des Negativen äußerst groß (vgl. Berghaus u.a. 1994: 33). Die in den Soap Operas auftretenden Figuren sind in der Regel Stereotypen, die den Rezipierenden ein breites Spektrum an Identifikationsmöglichkeiten bieten. Negative Urteile über eine Serienfigur, also negative Identifikation, können durch ironische Rezeptionsweisen zum Ausdruck gebracht werden. Dabei schaffen „Klatsch“ und der scherzhafte Umgang mit stereotypen Figuren Widerstandsstrukturen (vgl. Götz 2001: 193; vgl. Brown 1994, bes.: 153-171).19 Die Motive für eine negative Identifikation bestehen m.E.

zu einem großen Teil aus der Möglichkeit folgenlosen Handelns des Rezipienten. Daher ist das Fernsehen ideales Medium für „aggressive und auf Vergeltung ausgerichtete Tagträume, in denen sie [die Kinder, d. Verf.] ihre feindseligen Gefühle stellvertretend ausleben können, ohne ihre nächsten Angehörigen zu verletzen“ (Bettelheim 1988 zit.n. Moritz 1996: 77).

Einen anderen Zugang innerhalb der parasozialen Interaktion sieht Mikos in Form der sogenannten Rollenidentifikation. Rezipierende identifizieren sich danach nicht mit den Figuren, sondern mit den sozialen Handlungsrollen (vgl. Mikos 1994a: 79). Rollenidentifikation meint hier einen Anpassungsmechanismus, in dem sich der Rezipient nicht mit einer Person identifiziert, sondern mit den von ihr dargestellten sozialen Rollen (vgl. Schürmeier 1996: 108). Eine Kellnerin z.B. handelt nicht nur als Kellnerin, sondern beispielsweise auch als Freundin, als Käuferin, als Tochter, je nach aktueller Handlungssituation. Im empirischen Teil gilt es daher auch zu untersuchen, ob sich Rezipierende einer Daily Soap mit den dargestellten Handlungsrollen und/oder sich im Sinne Kepplers mit den Figuren/Personen/Typen partiell identifizieren20 und in diesem Sinne eine Beziehung zu ihnen aufbauen.

Die vorliegende Arbeit betrachtet parasoziale Beziehungen bzw. partielle Identifikationen als mögliche affektive Reaktion auf Serienfiguren. Es soll der Frage nachgegangen werden, wie die Rezipierenden eine Beziehung zu den Daily-Soap-Figuren aufbauen und welche Bedeutung diese für die ZuschauerInnen haben. Nach Keppler haben die Rezipierenden drei Möglichkeiten der Identifikation. Ihre Differenzierungen zur partiellen Identifikation können darüber hinaus mit den drei Lesarten des Encoding/Decoding-Modells von Hall in Beziehung gesetzt werden. Folglich lässt sich sagen, dass nicht nur mediale Texte im Ganzen – zum Beispiel die Inhalte einer Daily Soap - unterschiedliche Lesarten erzeugen, sondern dass auch Serienfiguren als mediale Texte verstanden unterschiedlich „gelesen“ werden können. Diese Annahme soll im empirischen Teil der Arbeit untersucht werden.

3.3 Forschungsstand zu parasozialer Interaktion und parasozialen Beziehungen

Der Forschungsstand soll verdeutlichen, unter welchen Aspekten und mit welchen Methoden parasoziale Interaktionen und parasoziale Beziehungen bereits erforscht wurden. Im Folgenden gehe ich zunächst auf internationale Studien ein (3.3.1), bevor ich einen Überblick über empirische Studien aus Deutschland gebe (3.3.2). Zunächst erläutere ich jeweils den Untersuchungsgegenstand, um anschließend die wichtigsten Ergebnisse aufzuzeigen. Der Forschungsstand soll abschließend bewertet werden, wobei der Bezug zu meiner eigenen Studie im Mittelpunkt steht (3.3.3).

3.3.1 Internationale Studien zur parasozialen Interaktion/parasozialen Beziehungen

Die Studie „Loneliness, Parasocial Interaction, and Local Television News Viewing“ von Rubin, Perse und Powell aus dem Jahre 1985 hatte wohl den größten Einfluss auf nachfolgende Forschungen (vgl. Gleich 1997: 97). Die Studie fasst parasoziale Interaktion als interpersonales Involvement der ZuschauerInnen mit einem Medienangebot auf (vgl. Rubin u.a. 1985: 156). Zur Erfassung von parasozialer Interaktion entwickeln Rubin u.a. eine Skala – die sogenannte PSI-Scale (Parasocial Interaction Scale) -, die aus insgesamt 20 Items in der Langfassung und aus zehn Items in der Kurzfassung besteht. Der Fragebogen wird zur Messung der Wahrnehmung von beliebten Fernsehpersonen eingesetzt. Hier handelt es sich um Nachrichtensprecher im lokalen Fernsehen, in anderen Studien wird die PSI-Scale auch zur Messung von parasozialer Interaktion mit Figuren aus Soap Operas eingesetzt, (wie in den Studien von Perse/Rubin 1988, Gleich 1997, Vorderer 1996).

Die Studie untersucht den Zusammenhang von parasozialer Interaktion mit Fernsehmotiven, wahrgenommener Einsamkeit und habitueller Fernsehnutzung. Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung zeigt, dass es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen parasozialer Interaktion und Einsamkeit sowie habitueller Fernsehnutzung gibt (vgl. Rubin u.a. 1985: 168; vgl. auch Gleich 1997: 98). Als signifikante Prädiktoren für parasoziale Interaktion erweisen sich vielmehr das Informationsmotiv der ZuschauerInnen, die subjektive Wichtigkeit des lokalen Nachrichtenkonsums sowie der wahrgenommene Realitätsgehalt der Nachrichten (vgl. Rubin u.a. 1985: 174; vgl. auch Gleich 1997: 99).

Die PSI-Scale ist in nachfolgenden Forschungen auf große Beliebtheit gestoßen. In den vergangenen Jahren wurde sie jedoch auch vielfach kritisiert, vor allem in der Bundesrepublik Deutschland. Gleich und Vorderer kritisieren, dass nicht eindeutig ist, was die PSI-Scale genau misst (vgl. Gleich 1997: 114; vgl. Vorderer 1996: 154). Angedacht von Rubin u.a. sind parasoziale Interaktionen. Gleich stellt jedoch fest, dass die Skala eher Beziehungsaspekte zwischen Rezipient und Fernsehperson erfasst (vgl. Gleich 1996: 125). Hippel bemängelt an der PSI-Scale, dass bei manchen Fragen nicht klar sei, wieso sie als Beleg für Interaktion zwischen Zuschauer und Fernsehperson dienen sollen (vgl. Hippel 1992: 141).

Rubin und McHugh (1987) gehen in ihrer Studie davon aus, dass die Entwicklung einer Beziehung zwischen Fernsehperson und Rezipient mit zunehmender Reduktion von Unsicherheit zusammenhängt. Ihrer Ansicht nach sind Kommunikationshäufigkeit und Sympathie Voraussetzung für die Intensität und Wichtigkeit einer Beziehung. Übertragen auf mediatisierte Kommunikation bedeutet das, dass die Häufigkeit der Erscheinung einer beliebten Person auf dem Bildschirm positiv mit der wahrgenommenen Attraktivität dieser TV-Person korreliert. Diese beiden Faktoren beeinflussen die Intensität parasozialer Interaktion. Parasoziale Interaktion wird in diesem Zusammenhang als Voraussetzung für den Aufbau positiver parasozialer Beziehungen gesehen (vgl. Rubin/McHugh 1987: 281; vgl. auch Gleich 1997: 101). Mit Hilfe der PSI-Scale von Rubin u.a. sowie einer Skala zur Erfassung der Attraktivität von McCroskey und McCain befragen die Autoren 303 Personen. Die aufgestellten Hypothesen lassen sich nur teilweise bestätigen. Physische Attraktivität und Fernsehkonsum sind keine signifikanten Prädiktoren für parasoziale Interaktion. Vielmehr korrelieren soziale Attraktivität der Fernsehperson und parasoziale Interaktion positiv miteinander (vgl. Gleich 1997: 101ff.).

Auter führt 1992 eine Untersuchung durch, die die Konstruktvalidität der PSI-Scale von Rubin u.a. (1985) überprüfen soll. Auter stellt in seiner Studie die Hypothese auf, dass die Intensität parasozialer Interaktion mit dem Programminhalt zusammenhängt. Die Intensität der Interaktion sei dann besonders stark, wenn der Fernsehakteur die Mauer zwischen ihm und dem Zuschauer durchbricht, Letzteren direkt adressiert und ihn am Geschehen teilhaben lässt. Auter bezeichnet diese Situation als „breaking the fourth wall“ (Auter 1992: 176). Er setzt die PSI-Scale am Beispiel von Unterhaltungsshows ein. Die Ergebnisse bestätigen seine Hypothese: es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen der Intensität der Interaktion und der Zuschaueransprache. Besonderns intensiv sind die Interaktionen, wenn die „fourth wall“ von dem TV-Liebling des Zuschauers durchbrochen wird (vgl. ebd.: 179).

Die Übersicht von drei internationalen Studien zur parasozialen Interaktion zeigt, wie unterschiedlich die Begriffe parasoziale Interaktion (PSI) und parasoziale Beziehungen (PSB) definiert bzw. benutzt werden: Rubin u.a. (1985) und Auter (1992) definieren PSI als interpersonales Involvement21, Rubin und McHugh (1987) setzen dagegen parasoziale Interaktion direkt mit Beziehungen gleich.22 Die begriffliche Unschärfe parasozialer Interaktion bzw. parasozialer Beziehungen scheint eines der größten Probleme der Forschung über PSI und PSB zu sein (vgl. Vorderer 1998: 697f.). Daraus wird erneut deutlich, wie wichtig eine klare Konzeptualisierung von parasozialer Interaktion und parasozialen Beziehungen ist.

Es wird zusätzlich deutlich, dass die hier vorgestellten Studien eher PSI als PSB zum Untersuchungsgegenstand haben. Ebenso werden hier mögliche Reaktionen und Ausprägungen der ZuschauerInnen auf bestimmte Medienangebote untersucht. Die individuelle Bedeutung dieser speziellen Rezeptionsform für die Rezipierenden wird dabei weitgehend außer Acht gelassen.

3.3.2 Untersuchungen zu parasozialer Interaktion/parasozialen Beziehungen in Deutschland

Gleich führt 1997 drei verschiedene Studien zur parasozialen Interaktion bzw. zu parasozialen Beziehungen durch, die er in einem Band unter dem Titel „Parasoziale Interaktionen und Beziehungen von Fernsehzuschauern mit Personen auf dem Bildschirm“ veröffentlicht. In seiner ersten Studie geht es um eine empirische Beschreibung von TV-Lieblingspersonen. Es soll geprüft werden, ob ZuschauerInnen überhaupt TV-Lieblingspersonen haben und wie diese zu kategorisieren sind. Darauf aufbauend untersucht Gleich in seiner zweiten Studie die Existenz von parasozialer Interaktion. Diese beiden Studien bilden die Grundlage für die dritte Studie, in der die Qualität parasozialer Beziehungen von ZuschauerInnen zu ihren

Lieblingsfernsehpersonen ermittelt und mit ihren Beziehungen zu realen Personen verglichen werden sollen (vgl. Gleich 1997: 122ff.). Studie I zeigt, dass nahezu 100 Prozent der Befragten eine TV-Lieblingsperson nennen können, und mehr als die Hälfte der Begründungen bestehen aus persönlichen Merkmalen und Charaktereigenschaften der TV-Person (vgl. ebd.: 261).

Die zentralen Ergebnisse der zweiten Studie bestätigen, dass der Rezipient aktiv ist und parasozial mit seiner TV-Lieblingsperson interagiert. Es zeigen sich mit höherem Alter, geringerer Bildung und ausgeprägterem TV-Konsum signifikante Zusammenhänge mit parasozialer Interaktion. Die Motive der Fernsehnutzung sind von noch größerer Bedeutung.

„Soziale Nützlichkeit“, „Interesse an TV-Personen“ und „Ablenkung/Geselligkeit“ erweisen sich als signifikante Prädiktoren von parasozialer Interaktion (vgl. ebd. 261f.).

Die Ergebnisse von der dritten Studie zeigen, dass die Beziehungen zu TV-Personen zum Teil intensiver sind als die zum Nachbarn, aber sie sind zum größten Teil nicht mit Beziehungen zu einem guten Freund gleichzusetzen. Die Intensität der Beziehungen korreliert stark mit persönlichen Eigenschaften des Rezipienten und seinem Fernsehverhalten. Ein wichtiger Einflussfaktor ist der Grad der Bildung der Rezipienten. Bei Personen mit einer geringeren Schulbildung zeigen sich stärkere Ausprägungen parasozialer Beziehungen zu TV-Personen (vgl. ebd.: 252)

Vorderer testet 1996 in einer explorativen Studie die PSI-Scale von Rubin u.a. (1985), die so konfiguriert wurde, dass nicht nur parasoziale Interaktion, sondern auch parasoziale Beziehungen gemessen werden können. Vorderer untersucht, was für ZuschauerInnen mit welchen Figuren (intensive) Beziehungen eingehen. Dabei bezieht sich die Untersuchung ausschließlich auf Figuren aus Fernsehserien. Seine Ergebnisse zeigen, dass die intensivsten Beziehungen zu Serienfiguren von Vielsehern geführt werden, die regelmäßig und vor allem überwiegend alleine Serien rezipieren (vgl. Vorderer 1996:168). Interessant sind die Ergebnisse im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen dem Geschlecht des Zuschauers und dem der Serienfigur. Männliche Zuschauer führen am häufigsten gleichgeschlechtliche parasoziale Beziehungen, während es sich bei Frauen eher um gegengeschlechtliche Beziehungen handelt (vgl. ebd.: 167).

Vorderer und Knobloch untersuchen im Jahr 1996, ob parasoziale Beziehungen zu Serienfiguren als Ergänzung zu realen sozialen Beziehungen oder sogar als Ersatz für diese dienen. Die Studie berücksichtigt die Einflussfaktoren Schüchternheit und Geselligkeit in Bezug auf die Intensität parasozialer Beziehungen. Ebenso wird das Geschlecht sowohl des Rezipienten als auch der Serienfigur als Einflussfaktor gesehen. Überraschend nennen die Autoren das Ergebnis, dass die nicht schüchternen und nicht geselligen Rezipierenden (hier als „selbstbewusste Einzelgänger“ bezeichnet) die intensivsten parasozialen Beziehungen führen (vgl. Vorderer/Knobloch 1996: 213). Bei der Geschlechterfrage zeigen die Ergebnisse, dass die Beziehungen zu weiblichen Serienfiguren, unabhängig vom Geschlecht der Rezipierenden, intensiver sind als zu männlichen Figuren. Interessant ist ebenfalls, dass von den männlichen Befragten überwiegend männliche Figuren als parasoziale Beziehungspartner gewählt werden, wobei diese Beziehung am schwächsten ausfällt (vgl. ebd.: 215).

1998 untersuchen Visscher und Vorderer die Intensität parasozialer Beziehungen von GZSZ- ZuschauerInnen, die auch Leser des GZSZ-Magazins sind. Zur Befragung von Jugendlichen wurde ein Fragebogen entwickelt, der sich zum Teil aus der ursprünglichen PSI-Scale von Rubin u.a. (1985) sowie der modifizierten Skala von Gleich (1996) zusammensetzt. Letztere ist bereits auf Serienfiguren zugeschnitten. Vorderer und Visscher stellen fest, dass drei verschiedene Faktoren die Intensität parasozialer Beziehungen beeinflussen: die Attraktivität der Serienfigur, die Wahrnehmung der Serie als realitätsnah sowie die Selbsteinschätzung der ZuschauerInnen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Intensität der Beziehungen stärker ausgeprägt ist, je realistischer die Serie eingeschätzt wird. Dennoch ist für die Intensität einer solchen Beziehung wichtig, dass die Figuren dem Rezipienten wenig ähnlich sind (vgl. Visscher/Vorderer 1998: 466).

Barth hat 2003 in ihrer Studie untersucht, ob Jugendliche negative parasoziale Beziehungen zu Daily-Soap-Figuren aufbauen. Mit Hilfe leitfadengestützter Interviews befragte Barth Jugendliche zu den von ihnen als unsympathisch empfundenen Figuren. Das zentrale Ergebnis ihrer Studie ist, dass die negativen parasozialen Beziehungen eigentlich nicht als negative Beziehungen gewertet werden können. Es wurden zwar Figuren als negativ von den Jugendlichen empfunden, jedoch wurde die Beziehung zu diesen Figuren als positiv wahrgenommen. Denn die „Lust am Aufregen“ scheint Voraussetzung für die Jugendlichen zu sein, unterhalten zu werden (Barth 2003: 104).

Die Medienwissenschaftler Hartmann, Schramm und Klimmt entwickelten im Jahre 2004 das sogenannte PSI–Zwei-Ebenen-Modell zur Messung parasozialer Interaktionen. Dieses Modell lässt sich anhand von vier Charakteristika beschreiben. Das Modell betont zum einen den Prozesscharakter von PSI, d.h. dass PSI hier als zentrales Merkmal eines Rezeptionsprozesses verstanden wird (vgl. Hartmann/Klimmt 2005: 90.) Zweitens wird der PSI-Begriff in dem Modell sehr weit gefasst. Denn Hartmann u.a. gehen von der Annahme aus, dass zu einer Persona immer PSI-Prozesse ablaufen (vgl. Hartmann u.a. 2004: 30). Das Modell differenziert drittens die PSI-Prozesse und verortet diese in einem dreidimensionalen Merkmalsraum. Die drei Teilprozesse gliedern sich in perzeptive/kognitive, affektive und konative Prozesse. Neben dieser Differenzierung hinsichtlich ihrer Ausgestaltung, unterscheidet das Modell parasoziale Interaktion nach ihrer Intensität (schwach bis stark) und nach ihrer Tönung (positiv bis negativ). Aufgrund der Ausprägung der Intensität werden High- und Low-Level- PSI unterschieden. Daher stammt auch die Bezeichnung „Zwei-Ebenen-Modell“. Das vierte Charakteristikum des Modells stützt sich auf die Annahme, dass PSI in Wechselwirkung mit Rezeptionsmodalitäten steht. Die Autoren gehen davon aus, dass PSI vor dem Hintergrund eines gewissen Medialitätsbewusstseins23 des Rezipienten stattfindet (vgl. Hartmann/Klimmt 2005: 90).

Das Modell berücksichtigt sowohl angebotsseitige Einflussfaktoren (d.h. Darstellung der Medienperson) als auch individuelle Einflussfaktoren (d.h. Merkmale des Rezipienten) auf den Prozess von PSI. Befragt wurden ZuschauerInnen der Serie Der Alte im Jahre 2003. Direkt im Anschluss an die Serienrezeption füllten die ZuschauerInnen den Fragebogen aus, der für diese Studie von den Autoren neu entwickelt wurde. Die Befragung richtet sich ausschließlich auf parasoziale Interaktion zu dem Hauptdarsteller der Serie.

Die Studie hat die Annahmen Hartmanns u.a. bestätigt, dass die Adressierung durch die Persona sowie die Attraktivität der Medienfigur einen starken Einfluss auf die Intensität parasozialer Interaktion ausübt. Das zentrale Ergebnis der Studie ist demnach, dass die parasoziale Interaktion mit einer Medienfigur umso intensiver ist, je eher sich der Zuschauer von der Figur adressiert fühlt und je attraktiver die Medienfigur von dem Rezipienten eingeschätzt wird (vgl. ebd.: 95). Die Forschergruppe kritisiert jedoch, dass mit ihrer Studie bisher nur die Intensitätsvariationen analysiert werden, nicht aber, von welchen Faktoren eher positive oder negative PSI auftaucht. Ebenfalls müsste das Modell mit dem Konstrukt der parasozialen Beziehungen integriert werden, um auch diese empirisch erforschen zu können (vgl. Hartmann u.a. 2004: 44).

3.3.3 Zusammenfassende Bewertung

Hartmann und Schramm (2006) teilen die bisherigen Forschungsarbeiten zu PSI und PSB in zwei Klassen ein. Zum einen gibt es eher anwendungsorientierte Studien, in denen es um die Frage geht, inwiefern parasoziale Interaktionen und parasoziale Beziehungen zu z.B. Daily- Soap-Figuren bestehen. Dazu zählt unter anderem die Studie von Visscher und Vorderer (1998). Zum anderen existieren Studien, die sich der Ausarbeitung des Konzeptes der parasozialen Interaktion bzw. parasozialen Beziehungen selber widmen. In diesen Studien wird unter anderem der Frage nachgegangen, inwiefern die Adressierung durch die Persona Einfluss auf PSI hat (Auter 1992) oder wie sich eine bereits bestehende parasoziale Beziehung auf kognitive und sozio-emotionale Reaktionen im Rezeptionsprozess auswirkt (Six/Gleich 2000). Hartmann und Schramm bedauern jedoch, dass die vielen Forschungsarbeiten erhebliche Defizite in der Methodenwahl aufwiesen (vgl. Hartmann/Schramm 2006: 266). Die in Deutschland häufigste adaptierte und angewandte Methode zur Erforschung parasozialer Interaktion und Beziehungen ist die PSI-Scale von Rubin, Perse und Powell (1985).

Fasst man die Ergebnisse der in diesem Kapitel dargestellten Studien zusammen, so kristallisieren sich besonders zwei Punkte heraus: Erstens werden parasoziale Interaktion und parasoziale Beziehungen fast ausschließlich mit der Methode des Fragebogens erhoben. Die meisten Studien verwenden die von Rubin u.a. (1985) entwickelte PSI-Scale. Zweitens untersuchen die Studien in der Regel, unter welchen Aspekten es überhaupt zu einer positiven parasozialen Interaktion bzw. zu einer positiven parasozialen Beziehung kommt. Es wird vielfach untersucht, welche Merkmale des Rezipienten Einfluss auf die Intensität parasozialer Beziehungen haben (vgl. dazu die Studien von Gleich 1997; Vorderer 1996; Visscher/Vorderer 1998). In den meisten Studien werden die negativen Beziehungen zu Serienfiguren nicht berücksichtigt, mit Ausnahme von Barth (2003). Mein eigenes Forschungsvorhaben setzt daher an diesem Defizit an. Es soll außerdem untersucht werden, welche Bedeutung die Serienfiguren und die Beziehung zu ihnen für die Rezipierenden im Alltag haben. Dabei soll vor allem der Frage nachgegangen werden, ob die Rezipierenden auch Beziehungen zu negativ empfundenen Figuren aufbauen und wenn ja, welche Bedeutung ihnen zugeschrieben wird. Kontextbezüge wurden in den Studien zum Teil bereits berücksichtigt. Es wurden soziodemografische Merkmale sowie Angaben zu Fernsehnutzung, -situation und –motiven erhoben (vgl. Gleich 1977: 144). Visscher und Vorderer stellen die empfundene Realitätszuschreibung der Serie GZSZ als entscheidenden Einflussfaktor für die Beziehungsintensität heraus (vgl. Visscher/Vorderer: 462). Diese Aspekte scheinen wichtig, um die Bedeutung der Beziehungen für Rezipierende erfassen zu können. Wie bereits in Kap.

2.1 dargestellt, entsteht die Rezeption aus der Alltagspraxis, wird von ihr begleitet und wirkt wiederum auf sie zurück (vgl. Charlton 1997: 22). Daher soll die Erforschung der Bedeutung von Beziehungen zu Serienfiguren unter Berücksichtigung der Alltagserfahrungen der Rezipierenden erfolgen. Ebenso stellt sich hier die Frage, ob die Beziehungen zu Serienfiguren tatsächlich parasoziale Beziehungen sind, also aus vorher stattgefundener parasozialer Interaktion entstehen. Die Frage ist, ob ein Zuschauer wirklich mit einer Figur interagieren muss, um eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Das sehr stark psychologische Konzept der parasozialen Interaktion bzw. parasozialer Beziehungen ist m.E. sehr eng gefasst. Im Hinblick auf meine eigene Studie dient das Konzept daher lediglich als eine Möglichkeit auf Serienfiguren zu reagieren. Die Annahmen Kepplers (1995,1996) der partiellen Identifikation sollen nicht gegensätzlich, sondern ergänzend zu dem Konzept von PSI und PSB gesehen werden.

Des Weiteren betritt meine eigene Studie mit leitfadengestützten Interviews fast Neuland zur Erforschung von parasozialen Beziehungen zu Serienfiguren.24

4. Das Format Soap Opera/Daily Soap

Im Folgenden wird das Format Soap Opera bzw. Daily Soap in verschiedener Hinsicht dargestellt. Nach der Entwicklung des Genres (Kap. 4.1) wird die Entwicklung der Daily Soap in Deutschland (Kap. 4.2) dargestellt. In den Kapiteln Serienrezeption (Kap. 4.3) und Forschungstandes (Kap.4.4) sollen die wichtigsten Ergebnisse im Hinblick auf meine eigene Studie präsentiert werden.

4.1 Das Genre der Soap Opera

Die Serienentwicklung sieht Knut Hickethier wie jede Gattungs- und Genreentwicklung als einen dynamischen und sich stets verändernden Prozess. Zu den Kriterien seriellen Erzählens zählt besonders das Prinzip der Mehrteiligkeit. Dabei orientiert sich die Dramaturgie seriellen Erzählens an einer Doppelstruktur. Darin ist nach Hickethier eines der Attraktionsmomente der Serie zu sehen: Zum einen ist die Einzelfolge zeitlich und inhaltlich begrenzt, zum anderen ist der Gesamtzusammenhang für ein vollständiges Verständnis von dem Zuschauer mit einzubeziehen (vgl. Hickethier 1991: 8ff.). Der Beginn der Serienentwicklung ist nicht – wie zu vermuten – im Fernsehen, sondern im Radio zu verorten. Der Begriff „Soap Opera“ hat seinen Ursprung in den USA, wo Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts die Radio Soap Operas entstanden sind, die aufgrund ihrer Popularität als bedeutender Werbeträger genutzt wurden (vgl. Göttlich/Nieland 2001a: 143; vgl. auch Boll 1994: 41). Die Soap Opera hat den ersten Teil ihres Namens besonders den Seifenfabrikanten Procter & Gamble zu verdanken. Diese und andere Waschmittelfirmen sponserten die Radio Soap Operas, die sich aufgrund des Hausfrauenpublikums steigende Umsatzzahlen erhofften (vgl. Wiegard 1999: 9). Die begriffliche Definition der Soap Opera erfolgt in Anlehnung an die englischsprachige Unterscheidung „Series“ und „Serials“, für die es im Deutschen keine entsprechende Übersetzung gibt. Der Unterschied dieser beiden Bezeichnungen liegt in der Erzählstruktur der Serie begründet (vgl. Weiß 2004: 16).

„Series“ zeichnen sich durch eine in sich abgeschlossene Handlung aus. In jeder Episode erleben die Hauptfiguren eine neue, in sich geschlossene Geschichte (vgl. Göttlich/Nieland 1998: 421). Mit dem Begriff „Serials“ hingegen werden diejenigen Serien bezeichnet, die mehrere ineinander verschachtelte Handlungsstränge aufweisen, die sich über mehrere Folgen hinweg erstrecken (vgl. Wiegard 1999: 10). Diese unabgeschlossenen Handlungsstränge sowie offenen Figurenlinien dienen zur potenziellen endlosen Fortsetzung (vgl. Göttlich/Nieland 1998: 422). Der Produzent der Serie Lindenstraße Hans W. Geißendörfer hat in dem Zusammenhang der ineinander verschachtelten und endlos angelegten Erzählform den Begriff „Zopfdramaturgie“ verwendet (vgl. Geißendörfer 1995: 14f.; vgl. auch Göttlich/Nieland 2001a: 152). Diese Charakterisierung passt insofern, als in der Regel drei Handlungsstränge in einer Folge parallel erzählt werden und sich von Szene zu Szene abwechseln (vgl. Cantor/Pingree 1983: 65). Am Ende einer jeden Folge (bzw. des „Zopfs“) steht typischerweise der sogenannte Cliffhanger. Meist besteht der Cliffhanger aus einer dramatischen Situation, die am Höhepunkt der Spannung endet und dafür genutzt wird, dass der Zuschauer an die nächste Folge gebunden ist und wieder einschaltet (vgl. Göttlich/Nieland 2001: 25). Der Cliffhanger ist ein dramaturgisches Element und dient der Fantasieanregung der ZuschauerInnen sowie ihrer Bindung an die Serie (vgl. Jurga 1998: 477).

Innerhalb der „Serials“ wird zwischen den „Daytime Serials“ und den „Primetime Serials“ unterschieden. Diese Differenzierung ergibt sich aus ihrer Platzierung im US-amerikanischen Fernsehprogramm. Die „Daytime Serials“ werden fünfmal pro Woche, d.h. montags bis freitags, am frühen Nachmittag gesendet (vgl. Weiß 2004: 17). Die Soap Opera ist zu den „Daytime Serials“ zu zählen, die ausschließlich auf ein weibliches Hausfrauenpublikum zielte (vgl. Göttlich/Nieland 1998: 422). Im US-amerikanischen Fernsehen begann Ende der siebziger Jahre mit der Ausstrahlung von wöchentlichen Serien im Hauptabendprogramm (z.B. Dallas) die Etablierung der so genannten „Primetime Serials“. Die für diese Arbeit relevante Soap Opera Verbotene Liebe wird als Daily Soap bezeichnet. Die Daily Soap zählt zu dem Genre der „Serials“, die Göttlich und Nieland auch als Prototyp bezeichnen (vgl. Göttlich/Nieland 2001: 26). Die Daily Soap weist charakteristische Merkmale der Soap Opera und der „Serials“ auf, die jedoch etwas erweitert werden müssen. Die amerikanische Soap Opera zielte auf ein weibliches (Hausfrauen-)Publikum. Die deutschen Daily Soaps sind im Vorabendprogramm platziert (insgesamt von 17.30 Uhr bis 20.15 Uhr), sodass auch berufstätige Frauen und Männer die Serien rezipieren können. Somit unterscheidet sich die deutsche Daily Soap von der amerikanischen Soap Opera unter anderem durch die Verschiebung der Ausstrahlung auf den Vorabend. Die m.E. wichtigere Unterscheidung liegt in der Zielgruppe deutscher Daily Soaps. Die wichtigste Zielgruppe sind nach Göttlich die 14- bis 29-Jährigen und speziell die jungen Frauen (vgl. Göttlich 2000: 35). Weiterhin ist auffällig, dass die eigenproduzierten deutschen Daily Soaps im Gegensatz zu den amerikanischen Soaps die Jugendlichkeit der Darsteller, Themen und Konflikte betonen. Die Zielgruppe der Hausfrau US-amerikanischer Soaps gilt demnach nicht mehr ausschließlich für die deutschen Daily Soaps (vgl. Cippitelli 2001:13; vgl. auch Göttlich/Nieland 1998a: 39).

Die Daily Soap zeichnet sich in der Regel durch einen festen Kreis von 20 bis 24 Hauptcharakteren aus, deren Alltagsleben in verschiedenen Handlungssträngen nebeneinander erzählt wird. Das Alltägliche wird hier zur Geschichte und stellt somit einen Bezug zum eigenen Leben der ZuschauerInnen her. Individuelle Lebensstile und Beziehungskonstellationen werden mit den Mitteln der Privatisierung, Personalisierung und Intimisierung narrativ umgesetzt. Stereotype Figuren bilden dabei die ideale Grundlage für die Personalisierung. Durch diese festen Personenraster sollen dem Zuschauer eine leichtere Orientierung und die Ausbildung eines „Figurenwissens“ gelingen. Göttlich und Nieland sprechen in diesem Zusammenhang von der Form der „Alltagsdramatisierung“ (Göttlich/Nieland 2001: 40f.). Zentrale Themen der Daily Soaps (und auch der Soap Opera im klassischen Sinne) sind, grob gesagt, private Probleme der Serienfiguren. Wie sich bereits in der Bezeichnung „Alltagsdramatisierung“ andeutet, zählen unter anderem Freundschaft, Liebe, Intrigen, Streit, Jugend und vor allem die dialogische Darstellung der Konflikte zu den wichtigsten Themen einer Daily Soap (vgl. Machenbach 2000: 45). Es stehen also interpersonale Themen und Konflikte im Vordergrund. Besonders Liebe und Romantik sind inhaltlich stark vertreten (vgl. Cantor/Pingree 1983: 80ff.).

[...]


1 Der Begriff „Soap Opera“, der vor allem international verwendet wird, wird in der Arbeit mit der Bezeichnung „Daily Soap“ teilweise synonym verwendet. Der Begriff „Daily Soap“ wird überwiegend im deutschsprachigen Raum verwendet.

2 Im theoretischen Teil dieser Arbeit wird überwiegend von den Rezipierenden und den ZuschauerInnen gesprochen. Damit sind sowohl Männer als auch Frauen gemeint. In der Singularform wird hier aus Gründen der besseren Lesbarkeit auf die geschlechtliche Unterscheidung verzichtet. „Der Rezipient“ bzw. „der Zuschauer“ bezeichnet in den theoretischen Ausführungen sowohl Rezipientinnen als auch Rezipienten.

3 An anderer Stelle haben Charlton und Neumann-Braun nur drei Phasen des Rezeptionsprozesses unterschieden. Die hier dargestellte zweite und dritte Phase werden in einer, der Hauptphase, zusammengefasst vgl. dazu: Charlton/Neumann-Braun 1992: 12.

4 Charlton/Neumann und MitarbeiterInnen haben in ihrer Längsschnittuntersuchung der Medienrezeption durch Vorschulkinder im Verlauf von eineinhalb bis zwei Jahren sechs Kinder aus fünf Familien der unteren bis oberen Mittelschicht zwischen 18- und 23-mal besucht und ihren Mediengebrauch beobachtet (vgl. Charlton/Neumann 1988: 303). Siehe ausführliche Darstellungen zu ihrer Studie auch: Charlton/Neumann 1990.

5 Im Sinne des Involvements eines Zuschauers mit einem Medientext bzw. einer Medienfigur ist vor allem im Konzept der parasozialen Interaktion die Rede vgl. u.a. Rubin u.a. 1985; Rubin/Mc Hugh 1987; Auter 1992; Keppler 1996; Vorderer 1996. Siehe dazu auch: Kap. 3.2.

6 Siehe dazu auch die Ausführungen von Brown 1994, die in Kap. 4.4.1 dargestellt werden.

7 Siehe ausführliche Erläuterungen zur Polysemie der Fernsehtexte: Fiske 1987: 84-107, bes.: 84-93; Fiske 2001a: 85-110; zusammenfassend Mikos 2001b: 363ff; auch Jurga 1999: 132ff.

8 Mikos geht jedoch nicht weiter darauf ein, welche Kontexte für das jeweilige spezifische Erkenntnisinteresse von Bedeutung sind. Siehe dazu seine Ausführungen: 1997: 53ff, bes.: 54 – 55.

9 Das Erste Deutsche Fernsehen strahlt laut ARD-Datenbank seit dem 05.01.2000 jeden Mittwoch einen Spielfilm von 90 Minuten Länge aus. Die ARD bezeichnet diese Hauptabend-Ausstrahlung als „Der FilmMittwoch im Ersten“.

10 Für ausführliche Darstellungen zur Rezeption von Soap Operas siehe auch: Modleski 1984, 1987; Kap. 4.4.1.

11 Siehe zu dem Genre der Soap Opera auch: Kap. 4.1.

12 In dieser Arbeit wird der Wiederabdruck in Gumpert/Cathcart von 1986 verwendet.

13 Horton und Wohl führen ihr Konzept auf theoretische Überlegungen zurück. Sie haben selbst keine empirische Studie durchgeführt (vgl. Hippel 1992: 140).

14 Wulff weist darauf hin, dass der Zusatz para entweder das Wissen um die Besonderheit der Interaktion mit der TV-Person oder aber die Andersartigkeit der Interaktion selber signalisiert. Para deutet also eine Vermitteltheit und eine semiotische Distanz zwischen Rezipient und Medienakteur an (vgl. Wulff 1996: 29).

15 An dieser Stelle erscheint der Begriff „real“ erklärungsbedürftig, da eine parasoziale Interaktion auch aus der Realität heraus entsteht. Für diese Arbeit steht daher der Begriff „real“ dem Begriff „medienvermittelt“ gegenüber.

16 An dieser Stelle erscheint der Begriff Persona kritikwürdig. Auch eine Serienfigur kann über die Serie hinaus „prominent“ sein. Dies geschieht jedoch tatsächlich nur in den wenigsten Fällen. Ausnahme ist z.B. die in der Literatur, Zeitungen und Zeitschriften immer wieder erwähnte „Mutter Beimer“ aus der Serie Lindenstraße. Die Schauspielerin Marie-Luise Marjan spielt seit der ersten Folge die Rolle der Helga Beimer, die als „Mutter der Nation“ berühmt wurde (vgl. Lange 2005: o.S.).

17 Siehe zur Unschärfe des Interaktions- bzw. Beziehungsbegriffs: Schramm u.a. 2002, bes.: 438-442.

18 Hartmann und Schramm vermuten allerdings, dass bereits während des ersten Kontaktes zwischen Zuschauer und TV-Person, also während der Rezeptionsphase, eine parasoziale Beziehung ausgebildet werden kann und nicht erst im Anschluss an die Rezeption (vgl. Hartmann/Schramm 2006: 265).

19 Siehe zu dem Aspekt des Widerstands auch: Kap. 4.4.1.

20 Im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit und insbesondere im empirischen Teil wird der Begriff „Identifikation“ im Sinne Kepplers (1995, 1996) verwendet.

21 „In this study, parasocial interaction was conceptualized as interpersonal involvement of the media user with what he or she consumes“ (Rubin u.a. 1985: 156); “For this study, parasocial interaction was conceptualized as a one-sided interpersonal involvement of the media user with the program’s characters” (Auter 1992: 174).

22 „Parasocial interaction is a one-sided interpersonal relationship that television viewers establish with media characters“ (Rubin/McHugh 1987: 280).

23 Medialitätsbewusstsein ist in dem Sinne gemeint, inwieweit sich der Rezipient vergegenwärtigt, dass er sich in einer medial vermittelten Situation befindet (vgl. Hartmann/Klimmt 2005: 90).

24 Siehe zur Begründung für die Wahl der Methode: Kap. 7.2.1.

Ende der Leseprobe aus 212 Seiten

Details

Titel
Beziehungen zu Daily-Soap-Figuren und ihre Bedeutung für Rezipierende im Alltag
Untertitel
Eine qualitative Rezeptionsanalyse am Beispiel der Daily Soap "Verbotene Liebe"
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Angewandte Kulturwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
212
Katalognummer
V124652
ISBN (eBook)
9783640298181
ISBN (Buch)
9783640303441
Dateigröße
1805 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beziehungen, Daily-Soap-Figuren, Bedeutung, Rezipierende, Alltag
Arbeit zitieren
M.A. Tanja Liebichen (Autor), 2008, Beziehungen zu Daily-Soap-Figuren und ihre Bedeutung für Rezipierende im Alltag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124652

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