Abwägung der Chancen und Risiken bei Distressed M&A Prozessen unter Ausführung eines Share Deals für strategische Investoren in Zeiten von Covid-19


Hausarbeit, 2022

32 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Relevanz der Fragestellung

2. Grundlagen der Untersuchung
2.1. Charakteristika Distressed M&A-Transaktionen
2.1.1. M&A-Transaktionen
2.1.2. Abgrenzung Distressed M&A-Transaktionen
2.1.2.1. Wirtschaftliche Ausgangssituation des zu erwerbenden Unternehmens
2.1.2.2. Zeitfenster zum Abschluss der Transaktion
2.1.2.3. Handlungsdruck
2.2. Bedeutung des Share Deals
2.3. Strategische Investoren
2.4. Einflussnahme der Pandemie auf die Wirtschaft

3. Diskussion der Chancen und Risiken

4. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

COVInsAG COVID-19-Insolvenzaussetzungsgesetz

EZB Europäische Zentralbank

M&A Mergers & Acquisitions

Pandemie hier Covid-19 Pandemie

1. Relevanz der Fragestellung

Die aktuelle Pandemielage gefährdet die Gesundheit und gleichzeitig die wirtschaftliche Stabilität weltweit. Das Unternehmenskrisen aufgrund der Pandemie entstehen, ist nicht abstreitbar. Entsprechend groß sind die Hoffnungen der Wirtschaft, dass die negativen Einflüsse auf diese zeitnah entfallen und Umsatzregeneration eintritt. Jedoch sorgt die anhaltende Zeit des Umsatzeinbruches, welche für viele Branchen nicht enden will, dafür, dass Unternehmensinsolvenzen und Unternehmensverkäufe an Bedeutung gewinnen.

Seit je her wird über die Eröffnung großer Chancen oder Risiken bei Distressed M&A-Transaktionen diskutiert. Da die aktuelle Pandemie eine wirtschaftliche Ausnahmesituation darstellt, bringt diese neue Chancen und Risiken für die Transaktionen mit sich. Durch die Aktualität, welche an die prognostiziert bald steigenden Distressed M&A-Transaktionen knüpft, kommt einer aktuellen Aufstellung derzeitiger Chancen und Risiken Relevanz zu. Gleichzeitig hat die Pandemiezeit dazu geführt, dass sich mehr Investoren gezwungenermaßen mit Distressed M&A beschäftigen müssen. Dies liegt darin begründet, dass viele Unternehmen durch die Pandemie in wirtschaftliche Schwierigkeiten gelangen und folglich mehr Unternehmen als „Distressed“ einzustufen sind. Es gibt zwar wirtschaftliche Gewinner in der Pandemie, jedoch überwiegt die wirtschaftliche Rezession, so dass viele Unternehmen durch die Pandemie in eine Krise gelangen.

Das Ziel dieser Arbeit ist eine Abwägung der aktuellen Chancen und Risiken, die durch die Pandemie aus strategischer Investorensicht für einen Share Deal bei Distressed M&A Investments entstehen.

Dafür werden im nachstehenden Kapitel zunächst die Grundlagen der Untersuchung erläutert. Hierfür werden die Charakteristika einer Distressed M&A-Transaktion geschildert. Es folgt eine Erläuterung der für diese Art von Transaktion spezifischen Merkmale. Eingegangen wird auf die wirtschaftliche Lage des zu erwerbenden Unternehmens, das zur Verfügung stehende Zeitfenster gefolgt von dem Handlungsdruck.

Nach der Ermittlung der Grundlagen des Distressed M&A folgt eine Erläuterung der weiteren Attribute der Fragestellung der Arbeit. Hierfür werden zunächst die Merkmale und Folgen der Begehung eines Share Deals aufgezeigt, um anschließend der gleich mit den strategischen Investoren zu verfahren. Schlussendlich erfolgt eine Darstellung der aktuellen Wirtschaftslage und der Veränderungen innerhalb dieser bedingt durch die Pandemie.

In Folge der Ergebnisse aus dem zweiten Kapitel werden im anschließenden Kapitel die Chancen und Risiken, welche die Pandemie in Bezug auf die Fragestellung aufwirft, erörtert.

Abschließend wird die Arbeit durch ein Fazit beendet.

Zur Erstellung dieser Arbeit wurde der Leitfaden „Wissenschaftliches Arbeiten Erfolgreich bei Bachelor und Masterarbeit“ verfasst von Manuel Theisen in der 17. Auflage verwendet.

2. Grundlagen der Untersuchung

2.1. Charakteristika Distressed M&A-Transaktionen

2.1.1. M&A-Transaktionen

Der Begriff der Mergers and Acquisitions ergibt sich aus dem angelsächsischen und beschreibt die „Fusion mit einem stärkeren Partner („Merger“) oder die Übernahme durch einen Dritten („Acquisition“).“1 Der Beginn einer M&A-Transaktion ist durch eine Unternehmung definiert, welches diese (zum Teil) veräußern möchte, oder durch einen Investor, welcher Interesse an einem Kauf hegt.2

2.1.2. Abgrenzung Distressed M&A-Transaktionen

2.1.2.1. Wirtschaftliche Ausgangssituation des zu erwerbenden Unternehmens

Der Unterschied zwischen regulären M&A und Distressed M&A liegt in einem zusätzlichen Wort begründet: Distressed. Distressed drückt eine finanz- oder leistungswirtschaftliche Krise aus, welche sich in Handlungsunfähigkeit entwickeln kann.3 Die potenziell zu erwerbenden Unternehmen leiden unter Unternehmenskennzahlen mit negativer Entwicklung. Folglich kann zukünftig die Stellung eines Insolvenzantrags notwendig werden. Der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens kann ebenso bereits gestellt worden sein oder das Unternehmen befindet sich im eröffneten Insolvenzverfahren.4 Die wirtschaftliche Situation des Unternehmens ist charakteristisch für Distressed M&A und begründet das Unterscheidungskriterium zu regulären M&A-Transaktionen. Das Unternehmen ist von einer strategischen, erfolgsabhängigen oder liquiditätsbedingten Krise betroffen.5 In der Literatur wird zwischen den individuellen Krisenstatus potenziell, latent oder akut eingeordnet.6 In einer Studie in Belgien wurde festgestellt, dass Distressed M&A überwiegend M&A-Transaktionen aus dem Insolvenzverfahren heraus sei. Da Belgiens Volkswirtschaft strukturell vergleichbar zu Deutschlands aufgebaut ist und dort 80-85% der Verkäufe aus der Insolvenz passieren, dürfte auch in Deutschland der Anteil von Distressed M&A-Transaktionen aus dem Insolvenzverfahren heraus um diesen Wert liegen.7

2.1.2.2. Zeitfenster zum Abschluss der Transaktion

Durch die Wirtschaftslage des zu erwerbenden Unternehmens steht bei Distressed M&A-Transaktionen wenig Zeit zum Abschluss dieser zur Verfügung. Die Fortführung des Unternehmens kann in Krisensituationen nur gewährleistet werden, sofern diesem zeitnah Kapital von außen zugeführt wird.8 Zudem wird die Symptomatik der Krise regelmäßig zu spät gedeutet.9 Eine Krise und derer Symptomatik entwickeln sich langsam. Dadurch infiltriert sich die Krise langsam, welches zu verzögerter Wahrnehmung als solcher auf Gesellschafterebene führt. Gleichzeitig bedeutet das Eingestehen einer Krise durch die Gesellschafter, dass sie selbst zumindest teils unerfolgreich waren, das Unternehmen auf eine Art und Weise zu führen, als das es profitabel ist. Differenziert sind hierbei Krisen zu betrachten, die rein durch äußere Einflüsse ausgelöst wurden. Nach Realisation der Krise entsteht eine Motivation in der Art, als das die Krisenbewältigung aus eigener Kraft schaffbar ist. Der Gesellschafter verliert durch Distressed M&A immer (zumindest einen Teil) seiner Rechte und Pflichten an dem Unternehmen.10 Deshalb wird Distressed M&A häufig erst im späteren Krisenverlauf als Handlungsalternative wahrgenommen, welches den Zeitdruck erhöht.

All diese Aspekte, angefangen bei der wirtschaftlichen Situation des Unternehmens, führen dazu, dass bei Distressed M&A-Transaktionen verglichen mit den regulären M&A-Transaktionen bedeutend weniger Zeit zur Verfügung steht. Eine Distressed M&A-Transaktion hat in der Regel ein Zeitfenster von 6-12 Wochen zur Verfügung. Bei regulären M&A-Transaktionen stehen mehrere Monate bis zu einem Jahr zur Verfügung.11 Im Idealfall erfolgt eine frühzeitige Berücksichtigung von der Handlungsalternative Distressed M&A mit einhergehenden Vorbereitungen, so dass der Zeitdruck minimiert wird. In Krisenzeiten sollte Distressed M&A parallel zu klassischen operativen Sanierungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden.12 Abschließend ist festzuhalten, dass der Zeitdruck bei Distressed M&A einschränkender, als bei einer regulären M&A-Transaktion, ist.

2.1.2.3. Handlungsdruck

Bei Distressed M&A ist im Vergleich zu regulären M&A-Transaktionen ein deutlich höherer Handlungsdruck auf der Verkäuferebene zu verzeichnen.13 Der Handlungsdruck resultiert aus der wirtschaftlichen Lage des zu erwerbenden Unternehmens und dem damit verbundenen Zeitdruck. Individuelle Aspekte, wie beispielsweise die eintretende Pflicht zur Stellung eines Insolvenzantrags, verschärfen den Zeitdruck und gleichzeitig den Handlungsdruck. Zwischen den Faktoren Zeitdruck und Handlungsdruck besteht eine Kausalität. Ansteigender Zeitdruck resultiert in mehr Handlungsdruck. Der Handlungsdruck und der Handlungsspielraum hängen ebenfalls voneinander ab. Währenddessen anfangs der Handlungsdruck gering und der Handlungsspielraum groß ist, kehrt sich dieses Verhältnis im Lauf der Krise um, sodass der Handlungsdruck maximal wird, währenddessen sich der Handlungsspielraum minimiert.14 Durch diesen Effekt kann Handlungsunfähigkeit entstehen.

2.2. Bedeutung des Share Deals

Der Share Deal zeichnet sich durch komplette Übernahme der Vermögensgegenstände und Verbindlichkeiten aus.15 Die ausreichende Berücksichtigung steuerlicher, rechtlicher und finanzieller Folgen hat bei Distressed M&A Share Deals eine größere Bedeutung als bei dem vergleichbaren Asset Deal, weil diese durch die komplette Übernahme erheblicher sind.16 Share Deals sind seitens der Investoren als nicht abschreibbare Beteiligung zu aktivieren. Es sind viele steuerliche Gesichtspunkte, wie beispielhaft der ggf. auftretende Untergang angesammelter Verlustvorträge bei zu erwerbenden Kapitalgesellschaften oder die allgemeine Berücksichtigung des Veräußerungsgewinns bei dem zu verkaufenden Unternehmen zu beachten und zu bewerten.17 Das rechtliche Haftungsrisiko geht mit dem wirtschaftlichen Übergang des Unternehmens auf den Investoren über.18 Für den Investor hat eine Prüfung hinsichtlich der finanziellen Altlasten und jenen finanziellen Aspekten, die sich aus künftiger geschäftlicher Entwicklung ergeben werden, eine große Risikoeindämmungsbedeutung.19 Durch einen Share Deal treten die Gesellschafter ihre Rechte und Pflichten an die Investoren ab.20 Daher ist bei Distressed M&A in der Praxis häufiger der Asset Deal aufzufinden.21 Dieser hat weniger und absehbarere Auswirkungen auf das Unternehmen in der Krise und den Investor.

2.3. Strategische Investoren

Strategische Investoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie selbst eine unternehmerische Aktivität in der Branche des zu erwerbenden Unternehmens pflegen.22 Das Kaufmotiv der Investoren ist eine Verbesserung und Ausweitung ihrer Wertschöpfungskette.23 Durch den Zukauf und die Integration eines Unternehmens aus der Branche wird das Ziel angestrebt, das bestehende Geschäft durch Synergien zu stärken, den Marktanteil zu erhöhen und folglich die Wettbewerbsbedingungen zu verbessern.24 Strategische Investoren sind an der Fortführung des Unternehmens interessiert, welches sie erwerben. Sie sind zudem an den besten Vertragsbedingungen in ihrem Sinne interessiert und damit auch an einem angemessenen Kaufpreis. Die derzeitige Pandemielage bietet unter Umständen aufgrund der wirtschaftlichen Einflüsse dieser eine besondere Kaufopportunität für diese. Im nachstehenden Kapitel folgt eine Analyse der Einflüsse der Pandemie auf die Wirtschaft, um danach die Erörterung der aktuellen Chancen und Risiken für strategische Investoren zu beginnen.

2.4. Einflussnahme der Pandemie auf die Wirtschaft

Das Bruttoinlandsprodukt sank 2020 seit der Wirtschaftskrise 2008/2009 erstmals weltweit infolge der Pandemie (Anhang 1+2). Die Pandemie hat weltweit nachfragedämmende und angebotsdämmende Auswirkungen.25 Konträr zu dem sinkenden Bruttoinlandsprodukt erreichten die beantragten Regelinsolvenzen in Deutschland 2020 ein Tief (Anhang 3). Einen Einfluss darauf hatte die pandemiebedingte Einführung des COVInsAG. Das Gesetz beschließt eine Aussetzung der Insolvenzantragspflicht, sowie eine Beschränkung der Organhaftung für Unternehmen bis zum 30.09.2020. Vereinzelte Bestimmungen galten darüber hinaus bis zum 30.04.2021. Der geringe Wert der beantragten Regelinsolvenzverfahren im Jahr 2020 ist durch die Einführung des COVInsAG begründbar. Im zweiten und dritten Quartal 2021 war die Anzahl der beantragten Regelinsolvenzverfahren, trotz kompletter Wiedereinsetzung der Insolvenzantragspflicht zum Mai 2021 stetig tief (Anhang 3). Die wirtschaftspolitische Reaktion auf die Pandemie mit Fiskalpaketen trägt hierzu bei.26 Neben Bestimmungen wie dem COVInsAG können betroffene Unternehmen für Teile ihrer Fixausgaben staatliche Überbrückungshilfen (maximal 54,5 Mio. EUR je Betrieb inkl. verbundener Unternehmen) anfordern.27 Außerdem kann Kurzarbeitergeld über eine maximale Auszahlungsdauer von 24 Monaten beantragt werden.28 Durch das anhaltende Pandemiegeschehen wird der Anspruch auf Kurzarbeitergeld demnächst für einige Unternehmen durch Zeitablauf entfallen. Spätestens dann müssen Unternehmen Fremdkapital aufnehmen, um bei anhaltenden Umsatzeinbußen zahlungsfähig zu bleiben. Die Unternehmensverschuldung durch Kreditaufnahme steigt seit der Pandemie.29 Daneben ist allerdings zu betrachten, dass der Umfang aufgenommener Kredite bereits seit 2014 wächst (Anhang 4). Dies ist mit der Entwicklung des Zinssatzes der EZB in Zusammenhang zu stellen. Genannter fällt seit 2011 stetig, ab dem vierten Quartal 2013 erstmals auf unter 0,5% (Anhang 5). Diese Werte stellen Rekordtiefzahlen über andauernden Zeitraum dar. Bisher folgte auf einen Zinstiefststand ein Zinshöchststand. Der Zinssatzanstieg blieb seit der letzten Wirtschaftskrise aus, welches den Anstieg aufgenommener Kredite mitbegründet. Ist das Leihen von Geld weniger verzinst wird automatisch mehr Geld geliehen und ausgegeben. Die Regulierung des Zinssatzes durch die EZB hat eine konjunkturantreibende- oder dämmende Funktion. Ist der Zinssatz niedrig bedingt das Konjunkturantrieb. Die ansteigende Unternehmensverschuldung in Verbindung mit anhaltenden Umsatzeinbußen und den langsam auslaufenden steuerlichen Fiskalpaketen bringt viele Unternehmen in eine wirtschaftlich schwer tragbare Lage. Trotzdem blieb die Anzahl der Distressed M&A-Transaktionen bisher gering und sank verhältnismäßig.30 Die gering beantragten Regelinsolvenzverfahrenszahlen begründen einen Rückgang von Distressed M&A, weil diese Transaktionen in aller Regel aus der Insolvenz heraus passieren (siehe Abs. 2.1.2.1.). Ende 2021 wurden erste Nachholeffekte festgestellt. Die Prognose für 2022 ist ein Anstieg der Distressed M&A-Transaktionen. Covid-19 warf anfangs Unsicherheiten für den Markt auf. Trotzdem wird die Realisation der Kaufopportunität präsenter und der Distressed M&A Markt wird wieder mehr Volumen einnehmen.31

3. Diskussion der Chancen und Risiken

Ein offensichtliches Risiko, welches Distressed M&A-Transaktionen in der Pandemiezeit aufwerfen, sind erschwerten Vertragsverhandlungsprozesse durch gesetzliche Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Lockdowns, Einreiseverbote in Bundesländer oder Ausgangsbeschränkungen erschweren die nötigen intensiven Verhandlungen zwischen Verkäufer oder beispielsweise ebenfalls Fremdkapitalgebern und Käufer. Investorenunternehmen können Interesse daran pflegen, sich einen Überblick über Strukturen vor Ort zu verschaffen. Vor allem bei strategischen Investments ergibt es Sinn, einen Überblick über die Organisationsstruktur und die Arbeitsweisen des zu veräußernden Unternehmens zu bekommen. Mit diesen Informationen ist es möglich Synergien zum eigenen Geschäftsmodell bzw. -konzept zu schaffen. Dieses Anstreben liegt auch darin begründet, dass der Erwerber durch die komplette Übernahme über den Share Deal zukünftig eng mit dem erworbenen Unternehmen zusammenarbeiten wird. Er trägt Rechte und Pflichten über das Unternehmen und hat das Ziel die Unternehmensgruppe zu fördern. Das operative, das Finanzierungs- und das Investitionsgeschäft des zu erwerbenden Unternehmens sind entsprechend essenziell. Es ist von Investorenseite gewünscht, dass durch den Zukauf eine Expansion der Markstärke hervorgerufen wird und Synergien geschaffen werden. Daher ist eine Transparenz über die Unternehmensstruktur vor Vertragsabschluss bedeutsam. Ein Überblick über die Geschäftsabläufe, die verwendeten Systeme und Prozesse kann am effektivsten und verständlichsten vor Ort gewährt werden. Ein persönlicher Austausch und ein Kennenlernen sind bei zukünftiger Zusammenarbeit wichtig. Es muss durch das Charakteristikum des strategischen Investments ein Vertrauensverhältnis entstehen können. Durch die genannten Einschränkungen in Kontakt, Ausgang und Reise. die regelmäßig von Politik in Höchstansteckungszeiten zur Eindämmung der Pandemie eingesetzt werden, können grundlegende Schritte eines Distressed M&A-Transaktion im Ablauf gestört werden. Beispielhaft sei zudem auf die notarielle Beurkundung des Kaufvertrages eingegangen. Das Ausfallen nur eines Notartermins kann unter dem Gesichtspunkt des enormen Zeitdrucks bei Distressed M&A betrachtet entscheidend für die ganze Transaktion sein. Entsprechend birgt die Pandemie ein zuvor nicht da gewesenes Risiko in den genannten Bereichen.

Die Pandemie kann sinnvoll für Investoren sein, um den charakteristischen Zeitdruck von Distressed M&A-Transaktionen entgegenzuwirken. Der Beginn einer Distressed M&A-Transaktion ist durch den Investor oder Unternehmer geprägt, abhängig davon, wer die erste Kontaktaufnahme initiiert. In der heutigen Pandemielage hat der Investor einen Vorteil hinsichtlich des Zeitdrucks, sofern er selbst die Suche nach dem potenziellen Unternehmen für das Investment beginnt, um Kontakt herzustellen. Daraufhin, dass wir uns in einer anhaltenden Pandemiesituation befinden, ist es förderlich und vertretbarer, als in einer Gegenwart ohne Pandemie, als Investor Kontakt aufzubauen und auszulösen. Durch das Entgegenkommen des Investors ist viel Zeit gewinnbar. Schließlich ist aufgrund von Rechteverlust eine späte Realisation und Akzeptanz der Handlungsalternative Distressed M&A auf Seite der Gesellschafter vorzufinden. Gleichzeitig ist die Pandemie wie mit Existenzangst für Unternehmen verknüpft (Anhang 6). Daher erhöht sich die Chance der Investoren auf eine erfolgreiche Kontaktaufnahme. Die Kontaktaufnahme kann einen Denkanstoß geben und einen Lösungsweg aus der Krise für das Unternehmen aufzeigen. Die Devise ist hier: Distressed M&A als Handlungsalternative wird nahe liegender, sofern ein konkret mitgeteiltes Interesse besteht. Neben dem vorig genannten Aspekt zur Minimierung des Zeitdrucks können Unternehmen derzeit Unterstützungen wie Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld anfordern. Diese sorgen dafür, dass der Zeitpunkt der Pflicht zur Stellung eines Insolvenzantrags wegen Zahlungsunfähigkeit weiter in die Zukunft verlagert wird. Hier findet ebenfalls ein Zeitgewinn statt. Gleichzeitig wird durch Unterstützungsmaßnahmen allerdings auch der Handlungsdruck auf Gesellschafterebene geringer. Trotzdem führt zudem die anhaltende Pandemie dazu, dass die Gesellschafter einer Unternehmung mehr auf die unternehmensinternen Kennzahlen achten. Dies kann zu früherer Krisenerkennung führen, welches ebenfalls in Zeitgewinn für die Transaktion resultiert.

Ein einhergehendes Risiko aus den zuvor angesprochenen Maßnahmen zur staatlichen Regulierung der Schäden der Pandemie ist, dass das operative Krisenstadium des Unternehmens weiter vorangeschritten ist als bei Distressed M&A-Transaktionen ohne diesen Einfluss. Gleichzeitig sind die Fiskalpakete nur eingeführt wurden, weil viele Unternehmen Umsatzeinbußen durch die Corona Pandemie verzeichnet haben. Daraufhin wäre es denkbar, zu dem Schluss zu gelangen, dass diese Unterstützungen nur die durch die Pandemie entstandenen Krisen und die damit verbundenen Umsatzeinbußen auffangen. Jedoch sorgen die Maßnahmen mitunter für ein künstliches Erhalten von Unternehmen, die der Markt eigentlich nicht mehr tragen kann.32 Das bedeutet, dass selbst nicht mehr marktfähige Unternehmen, die normalerweise Insolvenz angemeldet hätten, durch Unterstützungsmaßnahmen im Markt erhalten bleiben. Beispielsweise zeigen die Insolvenzzahlen, die mit Aussetzung der Insolvenzantragspflicht sogar tiefer fielen als vor der Pandemie, deutlich, dass auch nicht marktfähige Unternehmen von der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht Gebrauch gemacht haben. Diese Bestimmung gilt jetzt nicht mehr. Neben dem COVInsAG können Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld angefordert werden. Auch diese sorgen mitunter für eine Unterstützung nicht marktfähiger Unternehmen. Hier ist ein besonderes Augenmerk auf Risiken zu legen, die durch eventuell anfallende Rückzahlungsverpflichtungen aus diesen Hilfen entstehen. Gleichzeitig verstärkt der seit Jahren stets niedrige EZB Leitzins die künstliche Erhaltung von Unternehmen, welche ihren Lebenszyklus schon durchlaufen haben. Daher kommt der Analyse der Wettbewerbsfähigkeit, der finanziellen Altlasten und der zu erwartenden Lasten aus der künftigen Geschäftstätigkeit in heutiger Zeit eine noch größere Bedeutung zu, als sie es zuvor schon hatte. Trotzdem deckt eine solche Analyse nicht die kompletten Risiken, da eine Prognose für die Zukunft immer nur eine Erwartung und nicht eine Realität ist. Ein Eintritt einer Umsatzregeneration kann nicht genau prognostiziert werden. Dadurch trägt der Erwerber durch den Share Deal ein Restrisiko, dass die wirtschaftliche Situation des erworbenen Unternehmens sich nicht erholt. Durch die angesprochenen Fiskalpakete ist die operative Krise Unternehmen weiter vorangeschritten, da Unterstützungsmaßnahmen seit Monaten das Überleben von Unternehmen sichern. Auch nicht mehr wettbewerbsfähige Unternehmen profitieren hier, wodurch eine weitgehendere Prüfung seitens der Investoren in Bezug auf sämtliche Risiken nötig ist.

[...]


1 Bauer, Christoph, von Düsterlho, Jens-Eric, Distressed M&A, 2016, S. 4.

2 Vgl. Lucks, K., Meckl, R., Internationale M&A, 2015, S. 45.

3 (Vgl. Allert, A., Seagon, C., Strategien Werterhalt, 2007, S. 3.); (Vgl. Bauer, C., von Düsterlho, J., Distressed M&A, 2016, S.6.)

4 Vgl. Allert, A., Seagon, C., Strategien Werterhalt, 2007, S. 3.

5 (Vgl. Allert, A., Seagon, C., Strategien Werterhalt, 2007, S. 3.); (Vgl. Grünert, T., M&A Unternehmungskrisen, 2007, S. 11.)

6 Vgl. Grünert, T., M&A Unternehmungskrisen, 2007, S. 14.

7 Vgl. Bauer, C., von Düsterlho, J., Distressed M&A, 2016, S. 15.

8 Vgl. Bauer, C., von Düsterlho, J., Distressed M&A, 2016, S. 7.

9 Vgl. Gürtner, J., Früherkennung Unternehmenskrisen, 2021, S. B3.

10 Vgl. Lucks, K., Meckl, R., Internationale M&A, 2015, S. 6.

11 Vgl. Bächstädt, C., Fröhlich, A., §22 M&A Krisenunternehmen, 2014, Rn. 7.

12 Vgl. Bauer, C., von Düsterlho, J., Distressed M&A, 2016, S. 11.

13 Vgl. Grünert, T., M&A Unternehmungskrisen, 2007, S. 86.

14 Vgl. Oppenländer, F., Trölitzsch, T., Praxishandbuch, 2020, Rn. 37.

15 Vgl. Bauer, C., von Düsterlho, J., Distressed M&A, 2016, S. 19.

16 Vgl. Bächstädt, C., Fröhlich, A., §22 M&A Krisenunternehmen, 2014, Rn. 11.

17 Vgl. Bächstädt, C., Fröhlich, A., §22 M&A Krisenunternehmen, 2014, Rn. 110-111.

18 Vgl. Kästle, F., Oberbracht, D., Share-Purchase Agreement, 2018, S. 4.

19 Vgl. Kästle, F., Oberbracht, D., Share-Purchase Agreement, 2018, S. 9.

20 Vgl. Allert, A., Seagon, C., Strategien Werterhalt, 2007, S. 37.

21 Vgl. Bauer, C., von Düsterlho, J., Distressed M&A, 2016, S. 42.

22 Vgl. Allert, A., Seagon, C., Strategien Werterhalt, 2007, S. 7.

23 Vgl. Bauer, C., von Düsterlho, J., Distressed M&A, 2016, S. 176.

24 Vgl. Allert, A., Seagon, C., Strategien Werterhalt, 2007, S. 10.

25 Vgl. Bluth, C., Petersen, T., Megatrend Corona, 2020, S. 13.

26 Vgl. Gropp, R., Holtemöller, O., Koetter, M., Müller, S., Konjunktur aktuell, 2020, S. 30.

27 https://www.ueberbrueckungshilfe-unternehmen.de/UBH/Navigation/DE/Dokumente/FAQ/Ueberbrueckungshilfe-IV/ueberbrueckungshilfe-iv.html?cms_artId=2588462 Abschnitt 2.1 11.01.2022.

28 Vgl. Schäfer, T., Kurzarbeitergeld, 2020, Abschnitt 5.

29 Vgl. Bluth, C., Petersen, T., Megatrend Corona, 2020, S. 13.

30 Vgl. Gerstenberger, J., Corona M&A Deals, 2021, S. 6.

31 Vgl. Gerstenberger, J., Corona M&A Deals, 2021, S. 6.

32 Vgl. Commandeur, A., Römer, A., Entwicklungen Insolvenzrecht, 2021, S. 731.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Abwägung der Chancen und Risiken bei Distressed M&A Prozessen unter Ausführung eines Share Deals für strategische Investoren in Zeiten von Covid-19
Hochschule
FOM Essen, Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Hochschulleitung Essen früher Fachhochschule
Veranstaltung
Insolvenzrecht
Note
2,0
Jahr
2022
Seiten
32
Katalognummer
V1246690
Sprache
Deutsch
Schlagworte
abwägung, chancen, risiken, distressed, prozessen, ausführung, share, deals, investoren, zeiten, covid-19
Arbeit zitieren
Anonym, 2022, Abwägung der Chancen und Risiken bei Distressed M&A Prozessen unter Ausführung eines Share Deals für strategische Investoren in Zeiten von Covid-19, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1246690

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