Der deutsche Jugendbuchforscher Klaus Doderer definierte Kinderliteratur im Kinderlexikon der Kinder- und Jugendliteratur als eine Textsorte, die ausdrücklich für Kinder produziert wird: Spezifische Kinderliteratur . Sie stellt einen Sammelbegriff für die gesamte Produktion von Werken für Kinder dar, in den sowohl belletristische Werke als auch Sach- und Fachbücher einbezogen werden. Die Definition von Jugendliteratur steht in großen Teilen in Übereinstimmung mit der von Kinderliteratur. Es wird unterschieden zwischen spezifischer Jugendliteratur und der Jugendlektüre, die Jugendliche über das Angebot für sie hinaus noch lesen. Diese Literaturform umfasst alle Texte für junge Menschen, die nicht mehr Kinderliteratur, aber auch noch nicht als Erwachsenenliteratur deklarierte Bücher lesen wollen.
Wie die Literatur allgemein, kann auch die Kinder- und Jugendliteratur in die Gattungen Epik, Dramatik, Lyrik oder Sachtexte eingeteilt werden, wie zum Beispiel in Kindergeschichte, Roman, Laienspiel, Trauerspiel, Kinderreim und Stimmungsgedicht, erzählender Sachtext und Lehrbuch. Bei seiner Definition dieser Literaturform deutet Klaus Doderer an, dass diese in Stil und Sprache den Tendenzen der Erwachsenenliteratur, jedoch mit einer gewissen Verzögerung, folgt. Weiterhin ist zu erkennen, dass Kindern in ihren Entwicklungsstufen und den damit verbundenen unterschiedlichen Interessen Verschiedenes angeboten wird – daher auch die Einteilung in Kinderliteratur und Jugendliteratur.
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Inhaltsverzeichnis
1 Kinderliteratur im deutsch-deutschen Vergleich: Unterscheidung von Kinder und Jugendbuch, Familie und Familienpolitik in beiden deutschen Staaten in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts
2 Die Familie in der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) der 70er Jahre
2.1 Frauenbewegte Zeiten: Die Darstellung der Institution Familie in der KJL der BRD in den 70er Jahren
2.2 Frauen in die Produktion: Die Darstellung der Institution Familie in der KJL der DDR in den siebziger Jahren
3 Familiale Aspekte der 70er Jahre im deutsch-deutschen Vergleich am Beispiel zweier Kinderromane
3.1 Zwei ausgewählte Beispielbücher: Bekannte Autoren, hohe Auflagen, verfilmte Stoffe
3.1.1 Christine Nöstlinger als Repräsentantin der problemorientierten und phantastischen Kinderliteratur der BRD
3.1.1.1 Leben und literarisches Schaffen: Von der Hausfrau zur Schriftstellerin
3.1.1.2 Thematische Schwerpunkte ihrer Werke: Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung
3.1.2 Wir pfeifen auf den Gurkenkönig – eine reale Familie unter phantastischem Einfluss
3.1.2.1 Die Entstehung eines Kinderbuchklassikers in Zeiten des Aufbruchs und der Emanzipation
3.1.2.2 Die Geschichte einer Rebellion als Auflehnung gegen autoritäre Strukturen
3.1.3 Peter Brock als Repräsentant der problemorientierten und humoristischen Kinderliteratur der DDR
3.1.3.1 Leben und literarisches Schaffen: Postler, Filmemacher und auch Schriftsteller
3.1.3.2 Thematische Schwerpunkte seiner Werke: (Un)gewöhnlicher Alltag zwischen Schule und Zuhause
3.1.4 Ich bin die Nele – Einflussreiche Phantasterei einer Individualistin
3.1.4.1 Die Entstehung eines Kinderbuchklassikers in Zeiten der Umsetzung der Festlegungen des Familiengesetzbuches
3.1.4.2 Nele Sonntag bewährt sich im familialen wie im sozialen Umfeld
3.2 Familiendarstellung im direkten Vergleich
3.2.1 Familienzusammensetzung in beiden Literaturbeispielen
3.2.2 Die Rolle der Mutter: zwischen Haushalt und Selbstverwirklichung
3.2.3 Die Rolle des Vaters: zwischen Versorger, Patriarch und Vorbildfigur
3.2.4 Rolle des/r Kindes/r: zwischen Erziehung und Selbsterfahrung
3.2.5 Familienleben: Schlüsselkinder vs. Nesthäkchen
3.2.6 Schulalltag: kollektivierte Freizeit vs. individualisierte Freiheit
4 Ergebnisse der Analyse von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der KJL unter familialem Aspekt
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht vergleichend die Darstellung familialer Strukturen in der Kinder- und Jugendliteratur der BRD und der DDR in den 1970er Jahren. Dabei wird analysiert, wie gesellschaftspolitische Leitbilder und Familienkonzepte der jeweiligen Systeme in den Werken reflektiert werden und ob sich eine Annäherung in der literarischen Auseinandersetzung mit diesen Themen abzeichnet.
- Vergleich von Familienbildern in der west- und ostdeutschen Kinderliteratur
- Analyse der Rolle von Mutter, Vater und Kind in den 70er Jahren
- Einfluss gesellschaftspolitischer Rahmenbedingungen (Familienpolitik, Ideologien) auf die Literatur
- Untersuchung von zwei Beispielromanen (Christine Nöstlingers "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig" und Peter Brocks "Ich bin die Nele")
- Darstellung von Erziehungskonzepten, Autoritätsstrukturen und Alltagswelten
Auszug aus dem Buch
3.1.2.2 Die Geschichte einer Rebellion als Auflehnung gegen autoritäre Strukturen
Die Geschichte, die der Sohn der Familie, Wolfgang Hogelmann, erzählt, beginnt an einem Ostermontag. Während die Familie am Morgen zusammen sitzt, poltert es in der Küche und plötzlich sitzt ein gurkenähnliches Wesen mit einer Krone auf dem Kopf auf dem Küchentisch, das sich als der „Gurkenkönig“ vorstellt. Dieser erzählt der Familie, dass er ein von seinen Untertanen verstoßener Kumi-Ori aus dem Geschlecht der Treppeliden und durch eine Revolution aus dem Keller vertrieben worden sei. Daher bittet er die Familie um Asyl. Der Vater und der jüngste Sohn Nick sind sofort bereit, den ‚Fremdling’ aufzunehmen, während es dem Rest der Familie, zu der die Mutter, der Sohn und Protagonist Wolfgang, die Tochter Martina und der Opa gehören, nicht recht ist, da sie die Gestalt abscheulich bis lächerlich finden. Sie können jedoch gegen den Beschluss des Vaters, den Gurkinger aufzunehmen, nichts tun. Der Vater solidarisiert sich mit dem Wesen und will dem mehr oder weniger akzeptierten ‚neuen Familienmitglied’ helfen, die Macht über dessen Untertanen wiederzuerlangen. Dabei verhält er sich diesem gegenüber äußerst unterwürfig, redet es sogar mit „Ihro Majestät“ an und teilt mit ihm sein Bett. Da der Gurkinger sehr unsympathisch ist, sich nicht an Abmachungen hält und die Wohnung heimlich durchsucht, in der Hoffnung, Mittel zu finden, mit denen er die Familienmitglieder gegeneinander ausspielen kann, wird er vom Rest der Familie Hogelmann abgelehnt. Dieser Umstand drängt die Kinder und Eltern zu Entscheidungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Kinderliteratur im deutsch-deutschen Vergleich: Unterscheidung von Kinder und Jugendbuch, Familie und Familienpolitik in beiden deutschen Staaten in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts: Einleitende Definitionen und historischer Überblick über die Familienpolitik und die Situation der Kinderliteratur in BRD und DDR.
2 Die Familie in der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) der 70er Jahre: Darstellung der gesellschaftlichen Umbrüche und der damit einhergehenden Veränderungen in der literarischen Reflexion des Familienlebens in beiden deutschen Staaten.
3 Familiale Aspekte der 70er Jahre im deutsch-deutschen Vergleich am Beispiel zweier Kinderromane: Detaillierte Analyse der Darstellung familialer Rollenbilder anhand der Romane von Christine Nöstlinger und Peter Brock.
4 Ergebnisse der Analyse von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der KJL unter familialem Aspekt: Abschließendes Fazit zur Entwicklung der Kinderliteratur in den 70er Jahren und zur Feststellung einer punktuellen Annäherung der literarischen Ansprüche.
Schlüsselwörter
Kinderliteratur, Jugendliteratur, Familienbild, DDR, BRD, 1970er Jahre, Rollenverteilung, Erziehung, Emanzipation, Phantastik, Autorität, Familienpolitik, Kinderroman, Gesellschaftsvergleich, Alltagsdarstellung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die Darstellung der Familie in der Kinder- und Jugendliteratur der BRD und der DDR während der 1970er Jahre.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen Familienpolitik, Geschlechterrollen, Erziehungsstile, das Verhältnis von Kindern zu Erwachsenen und die Einbettung dieser Aspekte in die jeweilige Gesellschaftsordnung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, ob sich in der Kinderliteratur beider Staaten eine Annäherung der inhaltlichen Ansprüche und Darstellungsweisen in Bezug auf das Familienleben in den siebziger Jahren beobachten lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine vergleichende Literaturanalyse, basierend auf Primärquellen (Kinderromane) sowie umfangreicher Sekundärliteratur zu historisch-politischen und literaturwissenschaftlichen Aspekten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine detaillierte Analyse der Rollen von Mutter, Vater und Kind sowie der Darstellung des Familienalltags anhand der Beispielbücher von Christine Nöstlinger und Peter Brock.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Kinderliteratur, Familienbild, deutsch-deutscher Vergleich, Emanzipation und Alltagsrealität in den 70ern.
Inwiefern beeinflusste die staatliche Politik die Literatur in der DDR?
Die Kinderliteratur in der DDR diente maßgeblich als Medium zur Vermittlung sozialistischer Werte, wobei staatliche Kontrollsysteme wie die Zensurbehörde die inhaltliche Ausrichtung stark beeinflussten.
Wie unterscheidet sich die Vaterrolle in den analysierten Büchern?
Während der Vater bei Nöstlinger oft kritisch als überholte, autoritäre Instanz dargestellt wird, spiegelt der Vater bei Brock einen realen Alltag wider, der zwar mit Doppelbelastung und Traditionen ringt, aber dennoch als Teil einer anderen gesellschaftlichen Struktur fungiert.
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- Jenny Cornelius (Author), 2008, Aspekte des Kinder- und Jugendbuches im deutsch-deutschen Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124670