Zwangsmigrationen in Weißrussland


Seminararbeit, 2009
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Weißrussland 1918-1939

3 Die sowjetische Okkupation 1939-41

4 Die deutsche Besatzung 1941-44

5 Die Befreiung durch die Rote Armee und die Nachkriegszeit

6 Zusammenfassung

7 Anhang

8 Literaturverzeichnis

9 Internetresourcen:

1 Einleitung

Zentrale Frage dieses Aufsatzes ist es, die Gründe zu erforschen, warum die weißrussische Identität während der Sowjetzeit umgedeutet worden ist. Die Gründe dafür sind vor allem in den Kriegsereignissen von 1939 bis 1944 zu suchen. Die Erfahrung in jener Zeit hat zu einem Identitätszuwachs in der weißrussischen Sowjetrepublik bzw. der heutigen Republik Weißrussland geführt. Die folgenden Ausführungen zur sowjetischen bzw. der deutschen Besatzung, die unvorstellbare Zerstörung der Infrastruktur des Landes, die Zwangsmigrationen sowie die letztendliche Befreiung im Jahre 1944 durch die Rote Armee haben die Gesellschaft insgesamt nachhaltiger als jedes andere Ereignis verändert. Für die Historiographie Weißrusslands stellt die Aufarbeitung des Krieges daher eine Neubestimmung ihres Geschichtsverständnisses dar. Es wurde eine neue Geschichte der WSSR fertiggestellt, die eine anti-polnische und anti-deutsche, gleichzeitig aber pro-russische Beziehungsgeschichte beinhaltete und somit, insbesondere durch den Großen Vaterländischen Krieg, zur Dominanz der Sowjetgeschichte geführt hat. Daher bezeichnen die Weißrussen das Jahr 1944 als „Stunde Null“. Ausgehend vom Einmarsch der Roten Armee in Weißrussland wird ab diesem Zeitpunkt die Geschichte des Landes neu definiert. Die versuchsweise Bildung eines Staates in der Vorkriegszeit sollte vergessen werden. Von nun an sollte sich die Gesellschaft nur noch auf die Gegenwart im Rahmen der SU konzentrieren (LINDNER 1999: 302). Merkwürdig ist jedoch, wie leicht und fließend sich die Gesellschaft von dieser neuen Wirklichkeit hat überzeugen lassen. Bis heute identifizieren sich die Weißrussen mit der sowjetischen Vergangenheit. Beispiele dafür sind unter anderem die mit Hilfe von Referenden durchgesetzte Änderung der Staatsfahne, die Einführung neuer Nationalsymbole bzw. Nationalfeste sowie der besondere Status der russischen Sprache innerhalb Weißrusslands.

Vor allem die Menschenverluste - jede Bevölkerungsgruppe auf weißrussischem Gebiet hatte sehr viele Opfer zu beklagen, gehören zu jenen Kriegsereignissen, die am stärksten die weißrussische Identität und ihr kollektives Gedächtnis geprägt haben. Neben den 2.2 Mio. Toten und den 380.000 Ostarbeitern spricht man in diesem Zusammenhang auch vom Phänomen der Zwangsmigrationen, welche das Schicksal Tausender von Individuen determiniert hat. Diese Bezeichnung ist als Sammelbegriff für die verwandten Phänomene Flucht, Vertreibung und der sogenannten ethnischen Säuberung zu verstehen. Ihre Gemeinsamkeit ist die erzwungene Wanderung von einer bestimmten ethnischen Gruppe (lernportal.the-unwanted.com).

2 Weißrussland 1918-1939

Die Geschichte Weißrusslands wurde vor allem durch die geopolitische Lage des Landes geprägt. Aufgrund dieser Tatsache ist das Gebiet als Übergangsbereich im Sinne verschiedener Aspekte zu interpretieren: dem Zusammenleben von West- und Ostslawen sowie Katholiken und Orthodoxen, dem Aufeinandertreffen des zivilisierten Europas und dem wilden Osten etc..

So kam es häufig zu Herrschaftswechseln und Besatzungen durch fremde Mächte. Das Territorium des heutigen Belarus gehörte im frühen Mittelalter zur Kiewer Rus[1]. Nach und nach wurde das Gebiet jedoch vom Großfürstentum Litauen erobert. Nach der Union von 1386 wurde Weißrussland als Teil Litauens Bestandteil des Königreichs Polen-Litauen, bei dem es bis zum Jahre 1793 verblieb. Danach gelangte das Gebiet vollständig unter russische Herrschaft. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Minsk am 25. März 1918, kam es zur erstmaligen Proklamation der weißrussischen Unabhängigkeit. Diese wurde jedoch weder vom Deutschen Reich noch von den Westmächten anerkannt und existierte daher nur ein halbes Jahr bis zum Herbst 1918. Dennoch gilt diese Proklamation historisch als Gründungsakt der eigenen weißrussischen Staatlichkeit und ist demzufolge sehr stark im Bewusstsein der Weißrussen verankert (BEYRAU 2001: 17f). In den Jahren 1919/1920 war Weißrussland vom wiederentstandenen polnischen Staat und Sowjetrussland schwer umkämpft. Als Folge des finalen Sieges Polens im Polnisch-Russischem Krieg wurde Weißrussland 1920, ähnlich wie Litauen, daher teilweise wieder an Polen angegliedert. Der restliche sowjetische Teil, inklusive Minsk, wurde als Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik zusammengefasst. Diese war 1922 eines der Gründungsmitglieder der Sowjetunion und fiel somit unter die Kontrolle der Bolschewiki[2]. Zu Beginn der weißrussischen Sowjetrepublik wurde daher die Nationalitätenpolitik vor allem durch die sog. политика коренизации[3] bestimmt. Diese hatte zum Ziel, die nichtrussischen Völker in den Produktionsprozess des Sowjetsystems miteinzubeziehen. „ Lenin had argued on several occasions that Bolshevik policy with respect to the national question should be based on the principle of self-determination “(KIRKWOOD 1990: 701). Praktisch gesehen dauerte diese Kampagne bis 1929 an und wurde erst auf Befehl Stalins 1933, nachdem die Repressionen gegenüber der weißrussischen nationalbewussten Intelligenz begonnen hatten (encyklopedia.pwn.pl), endgültig eingestellt. Auf polnischer Seite wiederum setzten die Nationaldemokraten auf das Polonisieren der neugewonnen ethnisch heterogenen Gebiete im Osten. In diesem Zusammenhang wurden zwischen 1929 und 1939 ca. 300.000 Polen in Westweißrußland angesiedelt (GRYCIUK 2008: 230). Dennoch war sowohl der polnische als auch der sowjetische Teil mehrheitlich weißrussisch besiedelt[4]. Juden, Ukrainer und Russen stellten dabei eher nur Bevölkerungsminderheiten auf diesem Gebiet dar. Die Karte im Anhang 3 gibt dabei Aufschluss über die Bevölkerungsverteilung im Jahre 1931.

3 Die sowjetische Okkupation 1939-41

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde der zuvor zu Polen gehörende Landesteil Weißrusslands von sowjetischen Truppen besetzt und in die Weißrussische SSR eingegliedert. Am 17. September 1939 kam es schließlich auch zur vollständigen Besetzung Ostpolens durch die Rote Armee. Mit dem geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes wurden die Gebiete zwischen Slutsch und Bug komplett der sowjetischen Einflusssphäre einverleibt[5], so dass am 2. November 1939 auch Westweißrußland offiziell der WSSR angeschlossen wurde.

Mit der Besetzung Weißrusslands begannen die neuen Machthaber das sowjetische System auch dort zu etablieren. Neben Folter, Verhaftungen, Zwangsumsiedlungen oder Massendeportationen wurden vor allem vorhandene ethnische und soziale Spannungen instrumentalisiert, so dass die Sowjets auf diese Weise ihre Herrschaft festigen konnten. Insbesondere die polnische Volksgruppe war jene, die am stärksten vom sowjetischen Terror betroffen war. Zu Beginn der neuen Sowjetherrschaft waren es vor allem polnische Staatsbedienstete, die ihre Arbeit verloren und als erste verhaftet und deportiert wurden. Polnische Großgrundbesitzer und Unternehmer wiederum waren diejenigen, die enteignet und nach Sibirien verschleppt wurden. Musial schreibt in diesem Zusammenhang, dass „die Polen […] plötzlich von einem privilegiertem und selbstbewusstem Staatsvolk zu einer verfolgten, diskriminierten und gedemütigten Bevölkerungsgruppe herabgesetzt [wurden]“ (MUSIAL 2004: 12). Betrachtet man die Stimmung in der weißrussischen Bevölkerung, muss man feststellen, dass die anfängliche Befürwortung des Eimarsches der Roten Armee sich mit der im Zeitverlauf verschlechternden allgemeinen wirtschaftlichen Lage gewandelt hat. In besonderer Weise wurde durch die sowjetische Agrarpolitik bzw. durch die gestarteten Kollektivierungskampagnen bei den weißrussischen Bauern passiver Widerstand hervorgerufen, der letztendlich zu einer sowjetfeindlichen Einstellung führte. Profitierten sie in den ersten Monaten von der Sowjetisierung auf Kosten der polnischen Siedler und Gutsbesitzer, litten auch sie später unter den enormen Belastungen wie hohen Steuern oder Zwangsabgaben seitens der Sowjets. Weißrussen, die sich nicht konform mit den Sowjets verhielten und eher patriotisch eingestellt waren, wurden ebenfalls ab August 1940 verhaftet und deportiert. Mit der Auflösung der „Kommunistischen Partei des westlichen Weißrusslands“ durch die KOMINTERN wurden vor allem vom Frühjahr bis Juni 1941 die ehemaligen Mitglieder dieser Partei zu Verfolgungsopfern.

Eine ähnliche Tendenz lässt sich ebenfalls bei der jüdischen Bevölkerung erkennen. Mit dem Zusammenbruch des polnischen Staates gab es für die jüngeren Juden plötzlich eine Vielzahl an Arbeitsplätzen in sowjetischen Institutionen und Unternehmen. Außerdem wurden sie mit der restlichen Bevölkerung gleichgestellt, da sie erstmals freien Zugang zu Schulen und Universitäten hatten. Demzufolge waren es vor allem die pro-sowjetisch eingestellten jüngeren Juden, die die Besatzung als positiv betrachteten. Dennoch machte sich aber sehr bald Ernüchterung breit, da die alten sozialen und wirtschaftlichen Eliten wie wohlhabende Kaufleute ebenfalls verfolgt wurden, so dass die traditionelle Führungselite verloren ging. Ähnlich erging es den jüdischen Flüchtlingen aus Westpolen. Da sie die sowjetische Staatsbürgerschaft nicht annehmen wollten, wurden sie seitens der sowjetischen Behörden als unzuverlässig eingestuft. Aus diesem Grund wurden im Juni 1940 ca. 70.000 unter ihnen nach Sibirien deportiert.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass innerhalb der 21 Monate sowjetischer Herrschaft auf weißrussischem Gebiet zwischen 330.000 und 400.000 Menschen deportiert worden sind[6]. Dabei lassen sich 4 verschiedene Deportationswellen unterscheiden: Februar 1940 (140.000 Menschen), April 1940 (62.000), Mai bis Juni 1940 (186.000) und das 4. Quartal 1941 (62.500). Außerdem wurden über 100.000 Personen inhaftiert bzw. mehrere Tausend Menschen gefoltert und ermordet. In Folge der Repressionen gegenüber der polnischen Bevölkerung kam es 1940 zu den sogenannten Katyń-Morden, bei denen mehr als 20.000 Mitglieder der polnischen Führungseliten von den NKDV-Tätern erschossen wurden (ibid.: 13). Zur Zeit der sowjetischen Repressionen zählten neben den Polen aber auch Ukrainer, Juden und Weißrussen zu den Opfern. Vor allem Maßnahmen, die in dieser Zeit getroffen wurden, führten dazu, dass sich bestehende Spannungen zwischen den jeweiligen Bevölkerungsgruppen zusätzlich verschärften. In besondere Weise waren davon die Juden betroffen, da vor allem jener Teil, der mit dem sowjetischem System sympathisierte, die Möglichkeit hatte, mit Hilfe der sowjetischen Herrschaft sozial aufzusteigen. Dies führte wiederum zu Neid und Rachegelüsten der anderen Bevölkerungsgruppen, so dass mit der sowjetischen Herrschaft die antijüdische Einstellung stark zugenommen hat. Juden wurden von nun an als Helfershelfer der sowjetischen Besatzer bzw. als vermeintliche Nutznießer des sowjetischen Herrschaftssystems angesehen.

[...]


[1] siehe: Anhang 1

[2] siehe: Anhang 2

[3] etwa: Einwurzelungspolitik

[4] siehe: Anhang 3

[5] siehe: Anhang 4

[6] siehe: Anhang 5

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zwangsmigrationen in Weißrussland
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Zäsurjahr 1945 in Mittel- und Osteuropa
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V124672
ISBN (eBook)
9783640298303
ISBN (Buch)
9783640303526
Dateigröße
5503 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Anhang befinden sich interessante Graphiken und Karten, die die Migrationsprozesse in Jahren 1939-1959 zeigen.
Schlagworte
Zwangsmigrationen, Weißrussland, Zäsurjahr, Osteuropa, Belarus, Migration, Minderheiten, Białoruś
Arbeit zitieren
Elzbieta Szumanska (Autor), 2009, Zwangsmigrationen in Weißrussland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124672

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