In dieser Arbeit wird der Fragestellung nachgegangen, wie die Räumlichkeit in der Erzählung strukturiert ist und welche Erkenntnisse sich daraus gewinnen lassen. Um dies zu erreichen, wird der Text mit Hilfe eines Modells zur Raumsemantik von Jurij Lotman analysiert, um anschließend die Erkenntnisse mit dem Stand der Forschung zu verbinden.
Die Beziehung zu Heimat und zu Orten allgemein spielt in der Erzählung Paul Bereyter eine große Rolle. Der Text unterscheidet sich aber von den üblicherweise in Hinblick auf Räumlichkeit untersuchten Texten wie Austerlitz oder Die Ringe des Staurn insofern, als dass dort keine Räume aufgesucht werden, die Erinnerungen wecken um die Erzählung zu motivieren. Dass die Struktur der Räumlichkeit dennoch eine starke Bedeutung für den Text hat und zusätzlich ebenfalls eine Verbindung von Raum, Zeit und Erinnern bzw. Empfinden besteht, soll in dieser Arbeit gezeigt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Jurij Lotmans Raumsemantik
2 Anwendung des Modells an der Erzählung Paul Bereyter
2.1 Die Strukturierung der Räumlichkeit in zwei Teilmengen
2.2 Die Grenze
2.3 Anwendbarkeit des Modells an der Erzählung Paul Bereyter
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Strukturierung der Räumlichkeit in W.G. Sebalds Erzählung "Paul Bereyter" unter Heranziehung des raumsemantischen Modells von Jurij Lotman, um das Spannungsverhältnis zwischen Raum, Zeit und individueller Erinnerung zu analysieren.
- Raumtheoretische Analyse nach dem Modell von Jurij Lotman
- Strukturierung der Diegese in die Opposition von "Innen" und "Außen"
- Psychologische und identitäre Implikationen der Grenzüberschreitung
- Darstellung von Antisemitismus und Vergangenheitsbewältigung in der Erzählung
- Die Rolle der Topographie als Spiegel seelischer Zustände
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Strukturierung der Räumlichkeit in zwei Teilmengen
Die Organisation der Räumlichkeit in Texten verläuft laut Lotman meist entlang einer vertikalen Achse – also ‚oben - unten‘ – und wird beispielsweise durch ‚Himmel - Hölle‘ oder ‚Paläste - Hütten‘ verkörpert. Auch eine horizontale Achse mit ‚links - rechts‘-Ordnung ist möglich, bei dieser wird häufig zwischen rechtem und linkem Verhalten unterschieden. In der vorliegenden Erzählung sind keine Hinweise auf eine horizontale Achse zu finden, die vertikale Achse wird an wenigen Stellen angedeutet, allerdings eher, wie diese Arbeit zeigen wird, um die eigentliche räumliche Organisation der Diegese zu unterstreichen. Diese ist nämlich nicht entlang einer Achse organisiert, sondern lässt sich in ein ebenso typisches Schema einordnen:
Neben dem Begriffspaar ‚oben - unten‘ ist ein weiteres wesentliches Merkmal der Organisation einer räumlichen Struktur des Textes die Opposition ‚offen - geschlossen‘. Der geschlossene Raum, im Text unter verschiedenen vertrauten Bildern wie Haus, Stadt, Heimat vertreten und mit bestimmten Merkmalen ausgestattet wie: ‚heimisch‘, ‚warm‘, ‚sicher‘ – steht dem offenen ‚äußeren‘ Raum gegenüber und dessen Merkmalen: ‚fremd‘, ‚feindlich‘, ‚kalt‘. Auch entgegengesetzte Interpretationen sind möglich.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Jurij Lotmans Raumsemantik: Einführung in die theoretischen Grundlagen der Raumsemantik und Definition der Voraussetzungen für ein erzählerisches "Sujet" nach Lotman.
2 Anwendung des Modells an der Erzählung Paul Bereyter: Praktische Analyse der Erzählung mittels des Lotmanschen Modells unter besonderer Berücksichtigung der Raumbesetzung.
2.1 Die Strukturierung der Räumlichkeit in zwei Teilmengen: Dekonstruktion der Opposition von "Innen" und "Außen" im Bezug auf die Wohn- und Lebenssituation des Protagonisten.
2.2 Die Grenze: Untersuchung der psychologischen und identitären Grenzen des Protagonisten, die sich trotz räumlicher Mobilität als unüberwindbar erweisen.
2.3 Anwendbarkeit des Modells an der Erzählung Paul Bereyter: Kritische Reflexion und Validierung des Lotmanschen Modells für die Analyse des konkreten literarischen Werkes.
Schlüsselwörter
W.G. Sebald, Paul Bereyter, Raumsemantik, Jurij Lotman, Innen und Außen, Topographie, Identitätskrise, Antisemitismus, Exil, Narrative Struktur, Erinnerung, Grenze, Platzangst, Zeit, Sujet.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert W.G. Sebalds Erzählung "Paul Bereyter" unter raumsemiotischen Gesichtspunkten, um die Verknüpfung von Landschaft, Ort und psychischem Zustand des erzählten Charakters aufzuzeigen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Felder sind die Bedeutung von Heimat und Exil, der Einfluss der nationalsozialistischen Vergangenheit auf die Identität sowie die bewusste Gestaltung von Raumstrukturen in der Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch Anwendung von Jurij Lotmans Modell der Raumsemantik zu belegen, dass die architektonische und topographische Anordnung in der Erzählung als Spiegel einer tiefgreifenden Identitätskrise gelesen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Verwendet wird ein literaturwissenschaftlicher Analyserahmen, basierend auf dem Modell der Raumsemantik nach Jurij Lotman, das durch Konzepte der erzähltheoretischen Forschung ergänzt wird.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des "Innen" und "Außen", die Definition unüberwindbarer seelischer Grenzen und die Validitätsprüfung des Modells an der Erzählung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Neben dem Autor und der Erzählung sind Begriffe wie Raumsemantik, Identitätskrise,Topographie und Vergangenheitsbewältigung entscheidend.
Warum wird Lotmans Modell als "fruchtbar" für die Analyse bezeichnet?
Weil es ermöglicht, auch das Scheitern von Bewegungsversuchen des Protagonisten theoretisch zu greifen und die Psychologie hinter der ständigen Ortsveränderung des Lehrers zu verdeutlichen.
Welche Rolle spielen die Fenster in der Erzählung?
Fenster dienen als ambivalente Grenze zwischen der geschlossenen bürgerlichen Welt und dem offenen Außen, die der Protagonist zu durchlässigen Schnittstellen umzugestalten versucht.
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- Anonym (Author), 2021, Raum und Zeit in W.G. Sebalds Erzählung "Paul Bereyter" aus "Die Ausgewanderten", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1247095