Wie zeigen sich die psychischen Phasen der Abwehrmechanismen bei den beiden Hauptprotagonistinnen? Wie werden Unterschiede zwischen Frauen/ Ethnien/ Kasten/ Schichten im Roman „Ein so langer Brief“ dargestellt und welche Rolle spielt die Polygamie? Welche Ereignisse im Leben der Protagonistinnen können als fragwürdige Verwicklungen zwischen Traditionen, Religion und gelebtem Alltag gesehen werden und welche Widersprüche zeigen sich im Zusammenhang damit?
Der Roman „Ein so langer Brief“ beschreibt das Leben zweier senegalesischer Frauen, die von Kindestagen an eng befreundet sind, auch wenn sie eigentlich durch die gesellschaftliche Realität, das Kastenwesen, getrennt sein sollten. Die differenten Lebenswege werden dargelegt, diese gehen oft auseinander, finden aber immer wieder zusammen. Die beiden Hauptprotagonistinnen teilen Freud und Leid, sowie auch das Hauptthema des Buches: die Erfahrungen mit Polygamie. Jede der beiden geht anders mit den Erfahrungen um, die Lebenswege gehen auseinander, aber die tiefe Freundschaft bleibt.
Diese Seminararbeit versucht einen Beitrag zum besseren Verständnis einer afrikanischen Kultur, der Wolof im Senegal, zu liefern und zeigt fragwürdige Verstrickungen zwischen Tradition, Religion und der Entscheidung für oder gegen Polygamie auf.
Der Autorin Mariama Bâ war es wichtig, auf Herausforderungen in polygamen Ehen und die dadurch entstehenden Leiden und Schwierigkeiten hinzuweisen und öffentlich zu machen, was sonst nur hinter verschlossenen Türen passiert. Es war ihr bewusst, dass dieser Roman weltweit erscheinen würde, und es zu großen Diskussionen sowohl im Senegal, als auch in anderen (vor allem muslimen) Ländern kommen würde.
Die beiden Hauptprotagonistinnen Ramatoulaye und Aïssatou haben ihren jeweils eigenen Umgang mit einer polygamen Relation und verdeutlichen, dass es eben mehrere Ansätze dazu gibt und auch geben darf. Jede Frau muss ihren eigenen Weg finden können und ihre eigenen Entscheidungen treffen. Gesellschaftliche Vorgaben blockieren oder verhindern diese Entscheidungsfreiheit, dies zu verhindern ist möglicherweise noch ein längerer Prozess.
Inhaltsverzeichnis
2. Einleitung
2.1. Forschungsfragen
2.2. Persönlicher Zugang zum Thema und aktueller Forschungsstand
2.3. Methodik
3. Polygamie im Islam und im Senegal
4. Die Autorin Mariama Bâ und ihr Roman
4.1. Biografische Daten zu Mariama Bâ
4.2. Kurzbeschreibung des Romans „Ein so langer Brief“:
5. Fragwürdige Verwicklungen und Strategien der Befreiung im Roman „Ein so langer Brief“
5.1. Phase des Schmerzes und der Handlungsunfähigkeit
5.2. Phase der Verdrängung
5.3. Phase der Befreiung
5.4. Phase der Neuorientierung
6. Zusammenfassung/ Conclusio
8. Anhang: Hintergrundinformationen zum Senegal mit Blick auf den Roman
8.1. Religion im Senegal – der Islam und muslime Bruderschaften
8.2. Kastensystem im Senegal
8.3. Die wichtigsten Romanfiguren
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die psychischen Phasen der Abwehrmechanismen von zwei senegalesischen Frauenfiguren im Roman „Ein so langer Brief“ von Mariama Bâ, wobei der Einfluss von Polygamie, Traditionen und gesellschaftlichen Normen auf ihre Lebenswege im Fokus steht.
- Psychische Verarbeitung von Polygamie und Ehebruch
- Der Einfluss von Traditionen, Religion und Kastensystem im Senegal
- Strategien der Befreiung und weibliche Selbstbestimmung
- Ethnopsychoanalytische Betrachtung und Fremdwahrnehmung
Auszug aus dem Buch
5.1. Phase des Schmerzes und der Handlungsunfähigkeit
Mit der Phase des Schmerzes beginnt das Buch: Nach dem Begräbnis ihres Mannes Modou erinnert sich die Briefschreiberin Ramatoulaye an die Kindheit und Jugend an der Seite ihrer besten Freundin. Bereits ihre Großmütter und Mütter waren eng befreundet gewesen. Dann weist sie auf die Gegenwart hin: „Gestern hast du dich scheiden lassen. Heute bin ich Witwe“40 In Kapitel 13 (Seite 55) erfährt man, dass dies keine reelle Zeitangabe ist: In Wirklichkeit liegen drei Jahre dazwischen. Möglich wäre es, dass sie sich damit eines Ausdrucks einer kulturell bedingten Zeitspanne bedient – im Islam ist die Zeitspanne des irdischen Lebens absehbar, das Jenseits übertrifft es um ein Vielfaches an Großartigkeit.41
Die Autorin geht mit dem Begriff der Zeit durchwegs sehr sprunghaft um: von der Kindheit zur Adoleszenz und direkt weiter in die Gegenwart blickt sie mit immer wieder kehrenden Retrospektiven, teils auf Jahrzehnte, teils auf Minuten zurück.
Der tiefste Schmerz für Ramatoulaye ist der Betrug ihres Mannes Modou: ein Betrug in sexueller Hinsicht, aber noch viel schwerwiegender, der Betrug ihres besten Freundes, ihres Vertrauten und ihres Geliebten.42 Ein Betrug, der sie mehr schmerzt als sein Tod.
Zusammenfassung der Kapitel
2. Einleitung: Hier werden die Forschungsfragen definiert, der persönliche Zugang der Autorin zum Senegal erläutert und die methodische Grundlage der Ethnopsychoanalyse dargelegt.
3. Polygamie im Islam und im Senegal: Dieses Kapitel erörtert die religiösen und soziologischen Hintergründe der Polygamie und zeigt die Diskrepanz zwischen islamischen Vorgaben und der gelebten Realität im Senegal auf.
4. Die Autorin Mariama Bâ und ihr Roman: Es werden biografische Aspekte der Autorin beleuchtet und eine inhaltliche Einführung in den Roman „Ein so langer Brief“ gegeben.
5. Fragwürdige Verwicklungen und Strategien der Befreiung im Roman „Ein so langer Brief“: Im Hauptteil wird die psychische Entwicklung der Protagonistinnen in den vier Phasen (Schmerz, Verdrängung, Befreiung, Neuorientierung) detailliert analysiert.
6. Zusammenfassung/ Conclusio: Dieses Kapitel resümiert die Lebenswege der Freundinnen und unterstreicht die Bedeutung kultureller Kenntnis für das Verständnis der psychologischen Dynamiken im Roman.
8. Anhang: Hintergrundinformationen zum Senegal mit Blick auf den Roman: Dieser Bereich liefert ergänzende Kontexte zu Religion, Kastensystem und den im Roman auftretenden Figuren.
Schlüsselwörter
Mariama Bâ, Ein so langer Brief, Polygamie, Senegal, Ethnopsychoanalyse, Abwehrmechanismen, Frauenrolle, Tradition, Islam, Kastensystem, Emanzipation, weibliche Identität, soziale Konventionen, Kulturkontakt, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Roman „Ein so langer Brief“ der senegalesischen Autorin Mariama Bâ unter Anwendung ethnopsychoanalytischer Ansätze, um die psychischen Phasen der beiden Protagonistinnen zu ergründen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die Auswirkungen der Polygamie, religiöse Traditionen, das senegalesische Kastensystem sowie die individuelle Befreiung muslimischer Frauen aus gesellschaftlichen Zwängen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird der Frage nachgegangen, wie sich die psychischen Phasen der Abwehrmechanismen bei den beiden Hauptprotagonistinnen zeigen und wie die Polygamie als fragwürdige Verwicklung zwischen Tradition und Realität dargestellt wird.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt einen hermeneutischen Ansatz mit einem Schwerpunkt auf Ethnopsychoanalyse, geprägt durch die Theorien von Paul Parin und Johannes Reichmayr, sowie den „Fremden Blick“ von Fritz Morgenthaler.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil wird der Weg der Protagonistin Ramatoulaye von der Phase des Schmerzes über die Verdrängung hin zur persönlichen Befreiung und schließlichen Neuorientierung analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Mariama Bâ, Polygamie, Senegal, Abwehrmechanismen, Ethnopsychoanalyse, Emanzipation und das spezifische soziale Kastensystem der Wolof.
Welche Bedeutung kommt dem Kastensystem für das Verständnis des Romans zu?
Das Kastensystem ist ein entscheidender Faktor, da es die soziale Hierarchie bestimmt und die Ablehnung von Eheschließungen, wie im Fall von Aïssatou durch ihre Schwiegermutter, maßgeblich motiviert.
Warum wird der Roman „Ein so langer Brief“ als autobiographisch bezeichnet?
Mariama Bâ verarbeitet in ihrem Buch eigene Lebenserfahrungen, einschließlich ihrer Rolle als moderne, geschiedene Muslima und ihrer Auseinandersetzung mit der Situation senegalesischer Frauen.
- Arbeit zitieren
- Gabriele Aisha Bichler (Autor:in), 2018, Siggil jijéen oder unterdrückte Frauen? Eine Darstellung der beiden Hauptprotagonistinnen in Mariama Bâs Roman "Une si longue lettre" mit Fokus auf Polygamie im Senegal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1247153