1933 gilt als das Jahr der nationalsozialistischen Revolution und Errichtung der Hitlerdiktatur in Deutschland. Am 30.01.1933 wurde Hitler in einer Regierung aus Nationalsozialisten (NS) und Deutschnationalen (DNVP) zum deutschen Reichskanzler ernannt. Ende Februar 1933 festigte er seine Machtstellung durch die Notverordnung ′Zum Schutz von Volk und Staat′, am 23.03.1933 wurde das ′Ermächtigungsgesetz′ mit 441 Stimmen gegen 91 Stimmen der SPD im Deutschen Reichstag angenommen. Fünf Tage später erließ Hitler einen Aufruf an alle Parteiorganisationen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) zum Boykott gegen die Juden (BENZ 1988a, 15-33). Die politische Gleichschaltung erfasste in den folgenden Wochen alle gesellschaftlichen Bereiche, der Totalitätsanspruch wurde von den Nationalsozialisten rücksichtslos durchgesetzt.1
Diese politische Entwicklung bewirkte auch einschneidende Veränderungen in der bürgerlichen Sportbewegung. Obwohl sich das Turn- und Sportverbandswesen bis 1933 für politisch neutral erklärt hatte, machte die antidemokratische, militante und antisemitische NS–Politik nicht vor den deutschen Turn- und Sportvereinen halt. Ganz im Gegenteil: es entwickelte sich eine außerordentliche Eigendynamik in bezug auf die sportliche und organisatorische Umsetzung der nationalsozialistischen Ideologie. Man kann sogar von einem Wettlauf um die Einführung des Führerprinzips, der Wehrertüchtigung und den Ausschluss politischer Gegner (Kommunisten und Sozialdemokraten) innerhalb der deutschen Sportbewegung sprechen (PEIFFER 2000, 2). Im Zuge der ′Arisierung′2 mussten Tausende von jüdischen Sportlern aus ihren deutschen Vereinen und Verbänden ausscheiden. Sie standen vor der Wahl, ins Ausland zu flüchten oder sich in eigenen Sportvereinen zu organisieren.
Die von den Nationalsozialisten verfolgten Ziele – Zerstörung der Demokratie, Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung, Militarisierung der deutschen Gesellschaft und ′Lösung der Judenfrage′ – mündeten schließlich in eine Neuordnung Europas auf der Grundlage der nationalsozialistischen Ideologie und Herrschaft (KWIET 1997, 50). Im NS-Programm nahm der Antisemitismus eine zentrale Stellung ein und wurde zur Staatsdoktrin erhoben. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1 ZUR ABGRENZUNG DES THEMAS
1.2 ZUM STAND DER FORSCHUNG
1.3 ZUR BEHANDLUNG DES THEMAS
1.4 ZUR ARBEITSWEISE
1.5 ZUR BEGRIFFSWAHL
2. DIE JUDEN IN DEUTSCHLAND VOR DER MACHTÜBERNAHME DURCH DIE NATIONALSOZIALISTEN
2.1 DIE LAGE DER JUDEN IN DEUTSCHLAND VOR 1933
2.2 SPORT IN DEUTSCHEN TURN- UND SPORTVERBÄNDEN
2.3 JÜDISCHE ORGANISATIONEN
2.3.1 Der Deutsche Makkabikreis
2.3.2 Der Schild
2.3.3 VINTUS
3. DER AUSSCHLUSS JÜDISCHER SPORTLER IM JAHR DER MACHTERGREIFUNG
3.1 DER ANTISEMITISMUS IN DEUTSCHLAND
3.2 DIE NATIONALSOZIALISTISCHE MACHTERGREIFUNG
3.3 DAS NATIONALSOZIALISTISCHE SPORTVERSTÄNDNIS
3.4 DIE AUFLÖSUNG UND GLEICHSCHALTUNG DES DEUTSCHEN SPORTVERBANDWESENS
3.4.1 Kommunistische und sozialistische Sportverbände
3.4.2 Konfessionelle Sportverbände
3.4.3 Der Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen (DRA)
3.5 DIE UMSETZUNG DES ´ARIERPARAGRAPHEN` IN DEN DEUTSCHEN TURN- UND SPORTVEREINEN
3.5.1 Der Ausschluss jüdischer Sportler aus den deutschen Turn- und Sportverbänden
3.5.2 Der Ausschluss jüdischer Sportler aus den deutschen Turn- und Sportvereinen
3.5.3 Ausgewählte Schicksale ausgeschlossener jüdischer Sportler
4. FOLGEN DER NS-POLITIK IM JAHR 1933
4.1 ERSTE REAKTIONEN JÜDISCHER SPORTORGANISATIONEN
4.1.1 Der Sportbund Schild des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten
4.1.2 Der Deutsche Makkabi-Kreis
4.2 DIE KONKURRENZ ZWISCHEN DEN JÜDISCHEN SPORTVERBÄNDEN
4.3 DER VERSUCH EINER GEMEINSAMEN NEUORDNUNG
4.3.1 Selbstbestimmung und Optimismus
4.3.2 Der Übungsstättennotstand
4.3.3 Die Richtlinien der Reichssportführung zum jüdischen Sport
4.3.4 Der Reichsausschuss jüdischer Sportverbände
4.4 DIE OLYMPISCHEN SPIELE ALS REICHSANGELEGENHEIT
4.5 DIE HALTUNG DER WELTÖFFENTLICHKEIT
5. FAZIT UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die politische Gleichschaltung der deutschen Turn- und Sportvereine durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 sowie die damit einhergehende Verdrängung jüdischer Sportlerinnen und Sportler. Zentral ist dabei die Forschungsfrage, wie sich die jüdische Sportbewegung innerhalb dieses totalitären und antisemitischen Systems durch Selbstorganisation und neue Strukturen zu behaupten versuchte.
- Politische Gleichschaltung und Umsetzung des 'Arierparagraphen' im Sport.
- Die Rolle der verschiedenen jüdischen Sportorganisationen (Makkabi, Schild, VINTUS).
- Reaktionen jüdischer Sportler auf den Ausschluss und ihre Versuche der Selbstbehauptung.
- Einfluss der Olympischen Spiele 1936 auf die NS-Judenpolitik im Sport.
- Die Haltung der deutschen Vereine und der Weltöffentlichkeit im Jahr 1933.
Auszug aus dem Buch
3.5 DIE UMSETZUNG DES ´ARIERPARAGRAPHEN` IN DEN DEUTSCHEN TURN- UND SPORTORGANISATIONEN
„Nimm die Judenfrage. Ich persönlich habe es immer für ein Unglück gehalten, daß die Juden die deutsche Politik und weite Gebiete der deutschen Kultur zu beherrschen suchten und teilweise tatsächlich beherrschten. Aber niemals hätte ich Gewaltsamkeiten, gar die unmenschlichen der Hitlerzeit, gegen sie gebilligt“ (UEBERHORST 1970, 159).
In diesem Bekenntnis, 1947 in einem Brief an seinen ehemaligen Weggefährten in der Deutschen Turnjugend, Nikolaus Bernett, geschrieben, gab Edmund Neuendorff seine geistige Haltung gegenüber den Juden in der deutschen Gesellschaft zum Ausdruck (PEIFFER 1999, 537). Weitaus schärfer formulierte er bereits 1913 als Bundesleiter des Wandervogels seine Einstellung zur Judenproblematik:
„Die seligen, nach Knoblauch riechenden, jüdischen Wanderstiefel haben denn ja auch wieder von neuem aufgewärmt werden müssen. (...) Wir wollen den Wandervogel im allgemeinen von Juden frei gehalten wissen, das ist meine ehrliche und tiefinnere Ueberzeugung, wie es die Deine ist. Wenn irgend eine Ortsgruppe einen wirklich anständigen Juden irgendwo aufnehmen will, nun gut, dann in Gottes Namen, daran wird der Bund ja nicht sterben. Aber im allgemeinen ist er deutsch und deutsch solle er bleiben. (...) Lasst uns den Kampf für das Deutschtum des Wandervogels möglichst alle Zeit mit blanken Waffen führen. (...) Sagen wir doch immer wieder und laut und ehrlich: die Juden mögen die anständigsten Menschen von der Welt sein, es mag statistisch nachgewiesen werden, dass sie ethisch genauso wertvoll sind, wie wir Deutschen, macht alles nichts: sie bleiben uns doch fremd, und daher wollen wir sie eben nicht im Wandervogel haben“ (PEIFFER 1999, 538)43.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Definiert das Thema, skizziert den Forschungsstand und erläutert die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. DIE JUDEN IN DEUTSCHLAND VOR DER MACHTÜBERNAHME DURCH DIE NATIONALSOZIALISTEN: Analysiert die gesellschaftliche Stellung und die Strukturen der jüdischen Minderheit sowie der Sportbewegung vor 1933.
3. DER AUSSCHLUSS JÜDISCHER SPORTLER IM JAHR DER MACHTERGREIFUNG: Beschreibt die Radikalisierung des Antisemitismus und die systematische Verdrängung jüdischer Sportler aus den deutschen Vereinen durch den 'Arierparagraphen'.
4. FOLGEN DER NS-POLITIK IM JAHR 1933: Untersucht die Reaktionen der jüdischen Sportorganisationen, deren Konkurrenz untereinander sowie die diplomatischen Auswirkungen im Kontext der Olympischen Spiele.
5. FAZIT UND AUSBLICK: Fasst die Entwicklungen des Jahres 1933 zusammen und ordnet sie als Beginn eines Leidensweges in die deutsche Sportgeschichte ein.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Antisemitismus, Sportgeschichte, Arierparagraph, jüdische Sportbewegung, Makkabi, Schild, Gleichschaltung, Olympia 1936, Ausgrenzung, Deportation, NS-Sportpolitik, Vereinswesen, Identität, Diskriminierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit analysiert den Ausschluss jüdischer Sportlerinnen und Sportler aus den deutschen Turn- und Sportvereinen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 sowie die gleichzeitige Selbstorganisation der jüdischen Sportbewegung.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit behandelt die politische Gleichschaltung, die Umsetzung des 'Arierparagraphen' im deutschen Sport, die interne Struktur der jüdischen Sportverbände sowie die Rolle der Olympischen Spiele 1936 in Berlin.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es aufzuzeigen, wie das totalitäre System den Ausschluss jüdischer Sportler erzwang und wie die Betroffenen auf diese Verfolgung mit eigenen Strukturen reagierten.
Welche wissenschaftlichen Methoden wurden angewandt?
Der Autor stützt sich auf eine breite Analyse der wissenschaftlichen Fachliteratur und führt eine umfangreiche Quellenforschung durch, unter anderem basierend auf Zeitungsberichten aus dem Jahr 1933 und Archivbeständen lokaler Sportvereine.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die theoretischen Grundlagen des Antisemitismus, die Zerschlagung des Sportverbandswesens sowie die Fallbeispiele einzelner Sportler und Vereine detailliert beleuchtet.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Nationalsozialismus, Antisemitismus, Arierparagraph, jüdische Sportbewegung, Gleichschaltung und Olympische Spiele 1936.
Welche Rolle spielte die Berliner Turnerschaft (BT) bei der Umsetzung der NS-Politik?
Die BT gilt als eines der frühesten und am besten dokumentierten Beispiele für die 'Arisierung', da sie unter ihrem Vereinsführer Rupert Naumann den 'Arierparagraphen' bereits früh und konsequent umsetzte.
Wie reagierten jüdische Sportler wie Alfred Flatow auf ihren Ausschluss?
Die Reaktionen reichten von bitterem Rückzug und Einsamkeit bis hin zur Emigration. Viele sahen in dem Ausschluss den Bruch mit einem sozialen Umfeld, das sie über Jahrzehnte als Heimat betrachtet hatten.
- Quote paper
- Bastian Dworok (Author), 2001, Der Ausschluss jüdischer Sportlerinnen und Sportler aus den deutschen Turn- und Sportvereinen und die Reorganisation der jüdischen Sportbewegung im Jahr 1933, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12472