Durch die vorliegende Arbeit mit dem Titel „Das "Reale" und das "Irreale" in “Der Herr der Ringe” – Formen, Funktionen und implizierte Weltansichten“ wird J. R. R. Tolkiens Trilogie „Herr der Ringe“ analysiert. Der Fokus der Analyse liegt dabei auf der Unterscheidung zwischen realitätsherstellenden und realitätsbrechenden Mechanismen, wie diese erreicht werden, und welche Wirkung sie auf die Rezipienten haben. Außerdem wird versucht, die enthaltenen Weltansichten der Erzählung darzustellen.
Aus diesem Grund wird zuerst eine literarische Einordnung des Werkes angestrebt, bevor die beiden Definitionen „Phantastische Literatur“ und „Realismus“ geklärt werden. Anschließend sollen werden realistische Funktionen in der phantastischen Literatur näher beschrieben, wobei sich die Strategien zur Realitätsherstellung unter anderem auf Christine Brooke-Roses (1981) Theorie aus „A rhetoric of the unreal“ beziehen, die wiederum auf die Auslegungen von Hamons „Fifteen procedures of realism“ und Tzvetan Todorov zurückgreift.
In Bezug darauf wird schließlich anhand einer narrativen Textanalyse versucht, realistische Prozeduren in der „Herr der Ringe“-Trilogie schrittweise zu untersuchen. Anhand diverser Textpassagen und Beispielen aus den drei Bänden soll dies anschaulicher und besser verdeutlicht werden. Daher wird die Arbeit in zwei große Hauptteile gegliedert. Einerseits wird eine Analyse des „Level of histoire“ vorgenommen, wobei räumliches und zeitliches Setting, die Handlung, die Figuren sowie die Figurenkonstellation des Textes genauestens untersucht werden. Andererseits findet eine Analyse des „Level of discours“ statt. Hierbei werden zuerst die Erzählsituation, -form und –perspektive beleuchtet. In einem nächsten Schritt sollen dann realistische Prozeduren im Hinblick auf Erzählzeit und erzählter Zeit aufgedeckt werden. Anschließend sollen auch die Ebene des Klanges, der Morphologie, der Syntax und der Semantik analysiert werden, denn auch dort sind bestimmt einige Techniken und Funktionen vorzufinden, die das Werk Tolkiens authentischer wirken lassen. Schlussendlich werden in einer Konklusion die wichtigsten Erkenntnisse festgehalten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Literarische Einordnung von „Herr der Ringe“
2.1. Definition „Phantastische Literatur“
2.2. Definition „Realismus“
3. Realismus in Phantastischer Literatur
4. Analyse des „Level of histoire“
4.1. Räumliches Setting
4.2. Zeitliches Setting
4.3. Handlung
4.4. Figuren
4.5. Figurenkonstellation
5. Analyse des „Level of discours“
5.1. Erzählsituation und Erzählform
5.2. Erzählperspektive
5.3. Erzählzeit und Erzählte Zeit
5.4. Ebene des Klanges
5.5. Ebene der Morphologie
5.6. Ebene der Syntax
5.7. Ebene der Semantik
6. Conclusio
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht J. R. R. Tolkiens Trilogie „Der Herr der Ringe“ hinsichtlich der Frage, wie durch das Zusammenspiel von phantastischen Elementen und realistischen erzählerischen Mechanismen ein Gefühl von Authentizität und Glaubwürdigkeit bei den Rezipienten erzeugt wird.
- Analyse narrativer Verfahren zur Realitätssimulation in der Phantastik
- Untersuchung des „Level of histoire“ (räumliches/zeitliches Setting, Figuren)
- Untersuchung des „Level of discours“ (Erzählsituation, Sprache, Stilebenen)
- Vergleichende Einordnung der Trilogie zwischen Hoch- und Unterhaltungsliteratur
- Bedeutung von Weltansichten und moralischen Werten für die narrative Stringenz
Auszug aus dem Buch
4.1. Räumliches Setting
„Herr der Ringe“ handelt von den Abenteuern in Mittelerde. Dabei werden verschiedene Schauplätze in dieser imaginären Welt dargestellt, die nun näher erläutert werden sollen. J. R. R. Tolkien kreierte für diese Geschichte eine „untergeordnete Welt“, in welche die Rezipienten eintauchen können. Was in dieser Welt geschieht, besitzt einen wahren Kern, denn es entspricht teilweise den Gesetzen unserer Welt. Deshalb wird während des Lesens das Gefühl erweckt, als befinde man sich inmitten dieser sekundären Welt, in Mittelerde. (vgl. Bowman 2006: 284)
Die Landschaften werden an einigen Textstellen im Buch detailgetreu beschrieben, was die Geschichte noch lebendiger und realistischer wirken lässt. Dies kann man an folgendem Beispiel sehr gut erkennen, in welchem über die Heimat der Hobbits berichtet wird:
Forty leagues it stretched from the Far Downs to the Brandywine Bridge, and fifty from the northern moors to the marshes in the south. The Hobbits named it the Shire, as the region of the authority of their Thain, and a district of well-ordered business […]. (Tolkien 2020: 5)
Diese Beschreibung des Auenlands wirkt wie eine Landkarte, die Distanzen, welche zurückgelegt werden, sowie bestimmte Gebiete wie Hochmoore oder Flussniederungen, werden darin ebenfalls erwähnt. Zusätzlich haben die Charaktere in der Trilogie oft die Angewohnheit, wie Karten selbst zu reden. (vgl. Shippey 2018: 127) Dieses spezielle Wissen des Autors, welches stellvertretend durch verschiedene Charaktere der Geschichte wiedergegeben wird, meist durch Gandalf den Zauberer, ist laut Brooke-Rose (1981: 240) eine realistische Prozedur.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert das Ziel der Analyse, die Unterscheidung zwischen realitätsherstellenden und realitätsbrechenden Mechanismen in Tolkiens „Herr der Ringe“ darzulegen.
2. Literarische Einordnung von „Herr der Ringe“: Das Kapitel verortet das Werk im Spannungsfeld zwischen Unterhaltungs- und Hochliteratur und definiert die für die Arbeit zentralen Begriffe der Phantastik und des Realismus.
3. Realismus in Phantastischer Literatur: Es werden spezifische realistische Erzählverfahren nach Christine Brooke-Rose und Philippe Hamon vorgestellt, die in phantastischen Werken zur Steigerung der Glaubwürdigkeit eingesetzt werden.
4. Analyse des „Level of histoire“: Hier erfolgt eine detaillierte Untersuchung der inhaltlichen Ebene, insbesondere des Settings, der handlungsführenden Figuren und ihrer Konstellationen.
5. Analyse des „Level of discours“: Dieses Kapitel widmet sich der Art des Erzählens, analysiert die Erzählsituation, Sprache, zeitliche Struktur sowie formale Ebenen wie Syntax und Morphologie.
6. Conclusio: Die Konklusion fasst zusammen, wie es Tolkien durch die geschickte Vermischung von fiktionaler Phantastik und realistischen narrativem Diskurs gelingt, eine konsistente, authentisch wirkende Welt zu erschaffen.
Schlüsselwörter
Der Herr der Ringe, J. R. R. Tolkien, Phantastik, Realismus, Level of histoire, Level of discours, Erzähltheorie, Weltansichten, Mittelerde, Christines Brooke-Rose, narrative Analyse, Authentizität, Literaturwissenschaft, Mimesis, Erzählsituation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert, wie J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“, obwohl er der fantastischen Literatur zugeordnet wird, durch gezielte realistische Erzählstrategien eine hohe Glaubwürdigkeit und Authentizität erzeugt.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Analyse beleuchtet?
Die Analyse konzentriert sich auf die Wechselwirkung zwischen phantastischen Elementen und realistischen Verfahren (wie Detaillierung, historische Einbettung und psychologische Motivierung), um die Illusion einer realen Welt zu stärken.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Mechanismen aufzudecken, mit denen Tolkien die Grenze zwischen faktischer Realität und literarischer Fiktion bewusst vermischt, um den Leser stärker in die Welt von Mittelerde zu binden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine narrative Textanalyse angewandt, die primär auf den Theorien von Christine Brooke-Rose und Philippe Hamons „fifteen procedures of realism“ basiert.
Welche Schwerpunkte hat der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des „Level of histoire“ (Inhalt, Handlung, Setting) und des „Level of discours“ (Erzählart, Erzählzeit, sprachliche und morphologische Strukturen).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind Phantastik, Realismus, Level of histoire, Level of discours, Authentizität, Mittelerde und Erzählstrategien.
Warum wird Mittelerde im Text als „sekundäre Welt“ bezeichnet?
Der Begriff beschreibt eine in sich geschlossene, von Tolkien konstruierte Welt, die jedoch durch eigene Gesetze, Geschichte und detaillierte Geografie so stimmig gestaltet ist, dass sie für den Leser als wahrhaftig erscheint.
Welchen Einfluss haben die verschiedenen Sprachen in Mittelerde auf den Realismus?
Das Konzept der eigens kreierten Sprachen, die jeweils eigene historische Entwicklungen und Merkmale besitzen, dient als maßgebliche realistische Prozedur, die Mittelerde historisch und kulturell plausibel macht.
Welche Bedeutung hat die psychologische Motivation der Figuren?
Sie dient als realistisches Element, um Handlungen nicht nur fantastisch zu begründen, sondern durch Charakterzüge und innere Konflikte nachvollziehbar zu machen, was den Distanzabbau zum Leser ermöglicht.
- Arbeit zitieren
- Christina Binter (Autor:in), 2021, Das Reale und das Irreale in “Der Herr der Ringe”. Formen, Funktionen und implizierte Weltansichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1247273